Berauschendes aus Kultur, dem Leben, der Küche und der Natur – erdacht, erlebt oder gefunden von Antje Herden
Freitag, 3. Oktober 2014
Ohne Freiheit verkümmert die Seele – Zum Tag der Deutschen Einheit
Am 17. Dezember 1983 durfte meine Familie das ehemalige Gebiet der DDR Richtung Westen verlassen. Ich war 12 Jahre alt und wusste nicht so genau, ob ich große Angst vor den Drogendealern haben oder mich darauf freuen sollte, endlich einmal einen Marsriegel kosten zu dürfen.
Wenige Wochen zuvor hatten meine Mutter und ich verzweifelt nach Winterschuhen für mich gesucht und keine gefunden. Darüber waren wir beide sehr traurig. „Die alten gehen noch, wenn ich die Zehen etwas einziehe“, versuchte ich uns zu trösten. Da sagte meine Mutter: „Du wirst in diesem Jahr neue Winterschuhe bekommen, das verspreche ich dir.“ Ich blickte über das traurige Angebot und wunderte mich über dieses Versprechen, in dem ein nahezu drängender Unterton geschwungen hatte.
Die nächsten Wochen machte ich mich nach der Schule dann schon mal auf die Suche nach Weihnachtsschokolade für die Familie. Meine Hausarbeit waren die kleineren täglichen Lebensmitteleinkäufe und im Jahr zuvor war ich an der Weihnachtsschokolade gescheitert: Es hatte zum Entsetzen von uns Kindern schlicht keine gegeben.
Dann war mein Vater mit uns wandern gegangen. Keine große Strecke, nur am alten Kanalbecken entlang hinterm Dorf, in dem meine Großeltern lebten.
„Wir werden bald umziehen“, sagte er.
Ich war gerade sehr unglücklich in Löschi verliebt, der aber mit der schönen Michaela zusammen war, und darum wog ich ab, ob das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht war.
„Mami und ich haben einen Ausreiseantrag gestellt, der ist jetzt bewilligt worden. Wir ziehen in den Westen.“
Es war eine schier unfassbare Nachricht.
Dann erzählte mein Vater von den letzten zwei Jahren, wie er sie erlebt hatte, in denen wir nicht mehr reisen durften, er seine Arbeit als Laborleiter der Medizinischen Akademie verloren hatte, in denen wir beobachtet wurden und der Antrag willkürlich zwei oder drei Mal abgelehnt worden war. Ohne Freiheit verkümmert die Seele, sie ist das wichtigste Gut des Menschen und dafür muss man kämpfen, lehrte mich mein Vater. Und niemals, niemals habe ich das vergessen.
Im Gegensatz zu vielen anderen, die eines völlig unabsehbaren Abends erst nach der Arbeit erfuhren, dass sie bis 24 Uhr das Gebiet der DDR zu verlassen hatten, die darum jahrelang aus Koffern in einem Zustand des verzweifelten Wartens und zum Teil unter schlimmer Schikane verbrachten, bekamen wir sechs Wochen Zeit, unser altes Leben zusammen zu packen. Es waren verrückte Tage. Nun durfte ich ja alles allen erzählen und meine Schulfreunde wollten noch mehr hören. Das Ganze war einfach nicht zu fassen. Wir saßen in meinem Zimmer und träumten von Freiheit und Milkaschokolade, ich hoffnungsfroh, die anderen wehmütig. „Du musst uns schreiben, wie diese komischen Brötchen mit Bullette in dem etwas anderen Restaurant schmecken“, sagten sie. Wenn sie nach Hause gingen durften sie jedesmal etwas aus meinem Zimmer mitnehmen. Denn ich durfte das ja nicht. Ein Koffer, hieß es. Dass ich den heimlich noch einmal öffnete, um einen dicken Pulli rauszunehmen und mein geliebtes Knuddelkissen hineinzuschmuggeln, schenkte mir den Trost, den ich später doch hin und wieder brauchte.
Unser Zug verließ den Magdeburger Bahnhof kurz vor Mitternacht und ich wusste, ich würde die Menschen, die mich bis dahin begleitet hatten, meine Schule, die Straße in der ich wohnte, meine Heimatstadt, den Dom, in dessen Chor ich sang, das Schwimmbad, in dem ich beinahe jeden Tag trainierte, den Garten und das Häuschen meiner Großeltern niemals wieder sehen. In Helmstedt stiegen wir um. So weit mich meine Erinnerung nicht trügt, mussten wir dort sehr lange warten, denn viel später, draußen war bereits heller Tag, stieg kurz vor Giessen (dort befand sich das Aufnahmelager, in dem wir die erste Woche im Westen verbrachten) eine Mutter mit ihrem Kind zu uns ins Abteil. Der kleine Junge lutschte genüsslich ein Capri Eis, wie ich heute weiß. Damals starrte ich darauf, bewunderte die seltsam zähe Konzistenz und fragte mich, was das wohl sei.
Mittwoch, 1. Oktober 2014
Die Mode – Frau Herden schert sich nicht darum
Zu Beginn dieser Kolumne, muss ich ein Geständnis machen: Mir ist Mode völlig wurscht und ich besitze auch nur acht Paar Schuhe, manche davon seit zehn Jahren.
In blutjungen Zeiten wollte ich zwar einmal Modedesignerin werden, doch dieser Traum starb kläglich im Kampf mit der Nähmaschine. Mir gelang es leider, ihr eine Hose für meinen ersten Freund abzuringen, und verliebt trug der sie trotzdem einmal. Doch dafür möchte ich mich eigentlich heute noch entschuldigen.
Später arbeitete ich lange als Fotomodell. Mode, Frisur und Make-up das bedeutete Arbeit, falsches Lächeln und Posen einnehmen. Jogginghose und atmende Poren das war Freiheit, ähm, Freizeit. Und draußen fand gerade der Grunge statt. Das passte wunderbar, war unheimlich bequem und hatte sogar einen eigenen Soundtrack.
Irgendwie bin ich da wohl hängen geblieben. Klar, so als Kinderbuchautorin, die den ganzen Tag im Bett rumlümmelt, ist das ja auch möglich. Zumindest scheinen das meine Kinder zu denken, die mich zwar nicht im Bett liegend vorfinden, weil das eben ein Mythos ist, die aber nach der Schule nach Hause kommend kopfschüttelnd sagen: „Na, haste immer noch deinen Schlafanzug an?“
Auch das stimmt nicht, aber solche Feinheiten sind eben nicht für jedermann erkennbar.
Genausowenig, wie es mir möglich ist, mein eigenes Empfinden der Mode unterzuordnen. Vor einiger Zeit hatte meine Tochter plötzlich eine Tasche, für die ich mich sogar vor meiner seeligen Oma geschähmt hätte, so klischeebeladen omahaft sah die aus.
„Die ist total modern“, erklärte meine Tochter.
Nun ja.
Ich kaufte also stets, was mir gefiel und vor allem, was mir passte ohne Baucheinziehzwang oder irgendwelche Schubbelstellen. Neue Kleidungsstücke fügten sich nahtlos und unauffindbar in meinen Kleiderschrank ein. Als ich dem so richtig gewahr wurde, hörte ich auf, Klamotten für mich zu kaufen. Mannchmal, ganz manchmal, schien Not und ich plante eine Stiländerung durch völlig überraschende Kleiderkäufe. Manchmal ging ich dann auch los Richtung Stadt. Doch viel weiter reifte das Vorgehen nicht. Entweder hatte ich sowieso kein Geld übrig oder TK Maxx nichts in meiner Größe. Jedes Mal erkannte ich dann im Nachhinein, die Not war gar nicht aus meinem Kleiderschrank gekommen.
Doch letztens hatte ich einen wichtigen Termin, einen mit Erwachsenen. Ich machte mir tatsächlich Gedanken und hatte auch das Bügeleisen über lange nicht getragenen Stoff geschwungen.
Während des Ganzen hatte ich mich insgesamt etwas unwohl gefühlt, aber zum Glück hatte es nicht lange gedauert. Ob überhaupt bemerkt worden war, was ich am Leibe trug, wage ich zu bezweifeln. Es hatte sich nämlich um ein langes und intensives Gespräch im Sitzen gehandelt. Ich erinnere zumindest nicht im geringsten, was mein Gegenüber dabei an hatte.
Später, nachdem ich meinen lieben Eltern von diesem Termin erzählt hatte, fragte meine Frau Mama entsetzt: „Du wirst doch nicht eine dieser Kapuzenjacken angehabt haben?“
„Nein! Was denkt ihr denn von mir?“, konnte ich entrüstet antworten. (Ich hatte den Hoodie zwar in der Tasche dabei gehabt, aber es war so warm gewesen, dass ich ihn nicht auspacken musste.)
Und dann passierte die Sache mit der Hose. Letzte Woche begleitete ich meinen mich besuchenden Herrn Papa wieder hinunter.
"Willst du dir nicht eine andere Hose anziehen? Du gehst doch nicht zum Sport", brummte er.
"Ach, Papi."
Im Briefkasten lag die Tageszeitung aus Fulda mit einem Artikel zu meinen Lesungen. Stolz (es hört nie, nie auf) las ich vor. Sachen wie "ungemein sympathische Literatin", "renommierte Kinderbuchautorin" und “Die Autorin schreibt gut, liest gut und toppt alles mit ihrer unverkrampften, fantasievollen Art.”
"Über wen schreibt dieser Mann da eigentlich?", sagte mein Vater und grinste mich frech an.
Ich ließ mich jedoch nicht weiter herausfordern.
Dann tippte er auf das Bild. "Sag mal, du hast doch da nicht etwa auch diese Hose an?", fragte er kopfschüttelnd. Doch, hatte ich.
Auch meine Tochter schimpfte des abends mit Blick auf das Zeitungsfoto mit mir: “Mensch, Mami, ich hab doch gesagt, zieh´ die Hose nicht an.”
Also ging ich geschlagen in die Stadt. Doch triumphierend kam ich nur wenig später wieder nach Hause. Nicht weil ich eine schicke neue Hose erstanden hatte, sondern eine Erkenntnis.
“Mein Schatz”, sagte ich wie nebenbei zum Töchterchen, “du hast es vielleicht noch gar nicht mitbekommen, aber Jogginghosen sind in diesem Herbst der allerneueste Schrei.”
Bei manchen Dingen muss man eben einfach nur konsequent dabei bleiben.
Und wegen der eleganten Jacke, die ich zu kaufen meinen Eltern versprach, nun: Vielleicht finde ich ja eine mit Kapuze.
In blutjungen Zeiten wollte ich zwar einmal Modedesignerin werden, doch dieser Traum starb kläglich im Kampf mit der Nähmaschine. Mir gelang es leider, ihr eine Hose für meinen ersten Freund abzuringen, und verliebt trug der sie trotzdem einmal. Doch dafür möchte ich mich eigentlich heute noch entschuldigen.
Später arbeitete ich lange als Fotomodell. Mode, Frisur und Make-up das bedeutete Arbeit, falsches Lächeln und Posen einnehmen. Jogginghose und atmende Poren das war Freiheit, ähm, Freizeit. Und draußen fand gerade der Grunge statt. Das passte wunderbar, war unheimlich bequem und hatte sogar einen eigenen Soundtrack.
Irgendwie bin ich da wohl hängen geblieben. Klar, so als Kinderbuchautorin, die den ganzen Tag im Bett rumlümmelt, ist das ja auch möglich. Zumindest scheinen das meine Kinder zu denken, die mich zwar nicht im Bett liegend vorfinden, weil das eben ein Mythos ist, die aber nach der Schule nach Hause kommend kopfschüttelnd sagen: „Na, haste immer noch deinen Schlafanzug an?“
Auch das stimmt nicht, aber solche Feinheiten sind eben nicht für jedermann erkennbar.
Genausowenig, wie es mir möglich ist, mein eigenes Empfinden der Mode unterzuordnen. Vor einiger Zeit hatte meine Tochter plötzlich eine Tasche, für die ich mich sogar vor meiner seeligen Oma geschähmt hätte, so klischeebeladen omahaft sah die aus.
„Die ist total modern“, erklärte meine Tochter.
Nun ja.
Ich kaufte also stets, was mir gefiel und vor allem, was mir passte ohne Baucheinziehzwang oder irgendwelche Schubbelstellen. Neue Kleidungsstücke fügten sich nahtlos und unauffindbar in meinen Kleiderschrank ein. Als ich dem so richtig gewahr wurde, hörte ich auf, Klamotten für mich zu kaufen. Mannchmal, ganz manchmal, schien Not und ich plante eine Stiländerung durch völlig überraschende Kleiderkäufe. Manchmal ging ich dann auch los Richtung Stadt. Doch viel weiter reifte das Vorgehen nicht. Entweder hatte ich sowieso kein Geld übrig oder TK Maxx nichts in meiner Größe. Jedes Mal erkannte ich dann im Nachhinein, die Not war gar nicht aus meinem Kleiderschrank gekommen.
Doch letztens hatte ich einen wichtigen Termin, einen mit Erwachsenen. Ich machte mir tatsächlich Gedanken und hatte auch das Bügeleisen über lange nicht getragenen Stoff geschwungen.
Während des Ganzen hatte ich mich insgesamt etwas unwohl gefühlt, aber zum Glück hatte es nicht lange gedauert. Ob überhaupt bemerkt worden war, was ich am Leibe trug, wage ich zu bezweifeln. Es hatte sich nämlich um ein langes und intensives Gespräch im Sitzen gehandelt. Ich erinnere zumindest nicht im geringsten, was mein Gegenüber dabei an hatte.
Später, nachdem ich meinen lieben Eltern von diesem Termin erzählt hatte, fragte meine Frau Mama entsetzt: „Du wirst doch nicht eine dieser Kapuzenjacken angehabt haben?“
„Nein! Was denkt ihr denn von mir?“, konnte ich entrüstet antworten. (Ich hatte den Hoodie zwar in der Tasche dabei gehabt, aber es war so warm gewesen, dass ich ihn nicht auspacken musste.)
Und dann passierte die Sache mit der Hose. Letzte Woche begleitete ich meinen mich besuchenden Herrn Papa wieder hinunter.
"Willst du dir nicht eine andere Hose anziehen? Du gehst doch nicht zum Sport", brummte er.
"Ach, Papi."
Im Briefkasten lag die Tageszeitung aus Fulda mit einem Artikel zu meinen Lesungen. Stolz (es hört nie, nie auf) las ich vor. Sachen wie "ungemein sympathische Literatin", "renommierte Kinderbuchautorin" und “Die Autorin schreibt gut, liest gut und toppt alles mit ihrer unverkrampften, fantasievollen Art.”
"Über wen schreibt dieser Mann da eigentlich?", sagte mein Vater und grinste mich frech an.
Ich ließ mich jedoch nicht weiter herausfordern.
Dann tippte er auf das Bild. "Sag mal, du hast doch da nicht etwa auch diese Hose an?", fragte er kopfschüttelnd. Doch, hatte ich.
Auch meine Tochter schimpfte des abends mit Blick auf das Zeitungsfoto mit mir: “Mensch, Mami, ich hab doch gesagt, zieh´ die Hose nicht an.”
Also ging ich geschlagen in die Stadt. Doch triumphierend kam ich nur wenig später wieder nach Hause. Nicht weil ich eine schicke neue Hose erstanden hatte, sondern eine Erkenntnis.
“Mein Schatz”, sagte ich wie nebenbei zum Töchterchen, “du hast es vielleicht noch gar nicht mitbekommen, aber Jogginghosen sind in diesem Herbst der allerneueste Schrei.”
Bei manchen Dingen muss man eben einfach nur konsequent dabei bleiben.
Und wegen der eleganten Jacke, die ich zu kaufen meinen Eltern versprach, nun: Vielleicht finde ich ja eine mit Kapuze.
Mittwoch, 24. September 2014
Die Zeit – Frau Herden gerät in Not
Als ich heute Morgen direkt aus einem Albraum ins Wohnzimmer
getorkelt kam, rannte mein Sohn wie ein gehetzter Hahn darin herum und warf mit
Schulbüchern um sich.
„Was ist denn los?“, fragte ich leichtsinnigerweise.
„Guck doch mal auf die Uhr!“, fuhr er mich an.
In dem Moment läutete die Kirchenglocke dreimal.
„Na, super!“, stöhnte er und warf mir einen vernichtenden
Blick zu. „JETZT müsste ich in der Schule sein.“
Dann knallte die Tür.
„Ich wünsche dir einen schönen Tag und ich hab´ dich lieb“,
sprach ich leise dagegen.
Ich musste mich zusammenreißen, weil ich mich beinahe
schuldig fühlen wollte. Dabei hatte ich gar keine Schuld. Meine Kinder stehen
des Morgens alleine auf und machen sich auch alleine fertig. Das erwarte ich. Immerhin
darf meine Tochter schon Bier trinken und mein Sohn blickt mich mitleidig an,
wenn ich abends an eine meines Erachtens gesunde Zubettgehzeit gemahne.
Schuld war die Zeit.
Schuld war die Zeit.
Über die hatte ich gerade, so ganz kurz vor dem Aufwachen, nachgedacht. Gestern waren wir nämlich in den Pilzen. Das letzte Mal ist auch
noch nicht so lange her. Da liegen nur Weihnachten, Ostern und der Sommerurlaub
dazwischen. Diese Erkenntnis jagte mir einen Angstschauer über den bettwarmen
Rücken.
Man wird ja sein ganzes Leben ungefragt mit Sätzen über die
Zeit bombardiert. Vor allem wie schnell sie vergehen würde. Je älter man werde,
desto schneller rase die Zeit dahin, heißt es. Früher drehte ich ob solcher
Weisheiten des Öfteren heimlich genervt die Augen nach oben. Heute würde ich
das nicht mehr tun können. Denn: Sie hatten recht! Himmel und ich wollte doch
noch so viel machen! Skateboardfahren lernen zum Beispiel, zehn Kilogramm
überflüssiges Körpergewicht loswerden, noch einmal mit dem VW-Bus von Biarritz
bis Lissabon fahren und jede Welle surfen, meine Haare tomatenrot färben und
die tolle Torte auf dem letzten „Sweet Paul“-Magazin nachbacken. Wann sollte
das denn noch alles passieren, bei den wenigen Momenten, die mir noch blieben?
Selbst das damals sechsjährige Söhnchen hatte einst traurig festgestellt:
„Seitdem ich die Uhr lesen kann, vergeht die Zeit viel schneller.“
Als endlich die Wand, in der sich unsere Wohnungstür
befindet, aufhörte zu vibrieren, lief ich mit hängenden Schultern in die Küche
und kochte mir einen löslichen Kaffee. Das ging schneller. Damit setzte ich
mich dann auf die Couch. Eigentlich hatte ich eine Menge zu tun und wollte auch
gleich loslegen, aber das hier war jetzt wichtiger. Ich schnappte mir die Kiste
mit den Fotografien meines Lebens: die alten Aufnahmen aus der ehemaligen DDR,
die Sommerabenteuer mit den Faltbooten durch den wilden Osten, die Jahre und
Reisen als Fotomodell, die Monate in Kapstadt, Barcelona, Miami und Sydney, die
Studienjahre, die drei S in Kalifornien (Surfen, Segeln, Sex), die eine
Hochzeit in Vegas, die andere im Frosch- und Lurchverein, die Zeit, als die
Kinder noch klein waren, die vielen Wochen unterwegs und on the road, die vielen wunderbaren Menschen, die ich bisher kennengelernt habe ... Ich
hatte mich noch gar nicht so weit durch den Fotostapel gearbeitet und war noch
lange nicht beim Heute angekommen, da hatte ich schon wieder gute Laune und fühlte
mich entpannt: Das war ja Material aus drei Leben, mindestens.
Trotzdem werde ich mir die Tage ein Paar halbhohe Turnschuhe
kaufen und mir mal heimlich das Longboard meiner Tochter schnappen.
Mittwoch, 10. September 2014
Mit Gleichaltrigen unterwegs – Frau Herdens Familien-Surf-Campingurlaub am Atlantik kann nicht mithalten
„Ferienlaaager, Ferienlaaager – wie wunderbaaaaaar ...“,
sangen meine Schwester und ich lautstark und mit Inbrunst. Weil wir uns darauf
freuten. Denn das DDR-typische Ferienlager war klasse. Wir fuhren jedes Jahr
für 17 einmalige Tage der langen Ost-Sommerferien nach Westerhausen in den
Harz. Lagen diese 17 Tage am Anfang des Sommers, war auch gegen unseren
sehnsüchtig-fröhlichen Gesang nichts einzuwenden. Lagen sie jedoch am Ende der
Ferien, bedeutete das, mein Schwesterherz und ich ließen unsere Hymne vom
Rücksitz des Trabis erschallen, der uns durch das bulgarische Rila-Gebirge oder
die hohe Tatra kutschierte, aus unserem kleinen roten Zelt, das in einer einsamen
polnischen Flussaue stand, oder aus den Paddelbooten, die uns die Moldau
hinuntertrugen – in einer Zeit also, die meine Eltern ihren Sommerurlaub
nannten und den sie lange und liebevoll für die Familie geplant hatten. Aua!
Daran dachte ich, als ich irgendwann in den letzten Wochen
eine Tasche für meinen Sohn packte, der in ein Jugendzeltlager an die Ostsee
fahren wollte. Ich dachte auch daran, was für ein Vergnügen es für mich gewesen
war, meinen Koffer für das Ferienlager selbst zu packen. Oh, welch köstliche
Vorfreude! Meine liebe Frau Mama hatte eine Packliste in den Kofferdeckel
geklebt, der ich Punkt für Punkt folgte. Der Koffer selbst war aus Echt Vulkanfieber. Das stand auf einem kleinen Schild. Ich wusste nicht, was Vulkanfieber
ist, stellte mir aber etwas Unglaubliches vor, das unter größter Gefahr und in
mörderischer Hitze auf einer einsamen Ozeaninsel ans Tageslicht gebracht wurde.
Die praktische Reisetasche meines Sohnes packte ich, weil er
selbst einfach zuviel Programm hatte. Nach dem Verwandtenbesuch in Dänemark war
er sogleich am nächsten Morgen nach Köln zum Videoday, der überraschenderweise
zwei Tage und eine halbe Nacht dauerte, aufgebrochen. Davon zurückgekommen
bliebe keine Zeit zum Sachenpacken, denn schon am nächsten Morgen in aller
Herrgottsfrühe ging es an die Ostsee.
Vielleicht waren das fehlende Taschepacken, die fehlende
Muße zur Vorfreude oder auch die Übermüdung daran Schuld, dass mich am ersten
Abend des Camps dann verzweifelte Einsatz-Hilferufe per SMS erreichten. Insgesamt
waren es zehn. Einer davon lautete: Ich will nach Hause! Ein anderer: Mama?????
Mein liebendes Mutterherz machte einen nervösen Satz, Unruhe erfasste mich, die
sich in der folgenden Nacht ins Unermessliche steigerte. Himmel, das Kind litt
in der kalten Fremde! Am nächsten Tag setzte ich eine mittelgroße Maschinerie
in Gang, die viele Leute involviert und sehr viel gekostet haben würde, um
meinen Sohn zu retten. Nur seinen abendlichen Telefonanruf wollte ich noch
abwarten. Als der nicht kam, rief ich ihn an.
„Wie geht es dir, mein Schatz?“, schrie ich panisch ins
Telefon.
„Gut“, antwortete der Sproß knapp. „Aber du kannst mich hier
nicht anrufen. Wir haben Nachtruhe.“ Klick.
Ich hörte dann erst wieder etwas von ihm, als er sechs Tage
später mit dem Zug aus Hamburg auf dem Heimweg war. Es ging darum, wer ihn vom
Bahnhof abholen könnte. Und schließlich – erst tröpfelnd, dann immer
ausführlicher –erzählte er vom Jugendlager im nachfolgenden atlantischen Familien-Surf-Campingurlaub.
Irgendwann fragte ich mich sogar etwas ärgerlich, wie all diese ultracoolen und
superlustigen Erlebnisse in sieben Tage gepasst haben sollen. Dann musste ich
grinsen. Ferienlager, eben.
Mittwoch, 20. August 2014
Sommerpäuschen
Vor drei Jahren waren wir das letzte Mal an der französischen Atlantikküste. Zeit zu erkunden, ob noch alles da ist. Ich wünsche Euch einen schönen Spätsommer!
Freitag, 15. August 2014
Smucke Steed – die wunderbare Pension in Glücksburg
Urlaub sollte ja schon am ersten Tag beginnen. Das ist manchmal gar nicht so einfach, zum Beispiel wenn man zwei Tage hinfahren muss in diesen Urlaub im allernördlichsten Zipfel Dänemarks.
Als mir meine liebe Kollegin Alice Panthermüller, die ja bekanntlich aus Flensburg kommt, die nigelnagelneue Pension "Smucke Steed" in Glücksburg (also auf 2/3. Weg) empfahl, freute ich mich sehr. Ich reservierte flott ein Freundschaftszimmer mit Zustellbett für die Kids und mich.
Ein wenig über Straßenniveau in einem Park liegt die feine alte Villa. Beigefarbene Hortensien weisen den Weg zum Eingang oder direkt auf die romantische Terrasse hinterm Haus. Ein wahrhaft "schöner Ort". Auf einer Wiese unter Bäumen stehen gemütliche Liegen, auf die ich mich sofort niederlassen und schmökern wollte.
Die hohe Eingangshalle begrüsst mit freundlichem, naturnahem, skandinavischem Design: Leinenlampen, Birkenäste, Kissen, Kerzenleuchter, Körbe, Betonschreibtisch passend dazu die Farbkompositionen von Johanna Putensen.
Hinterm Schreibtisch sitzt Sönke Roß ganz leger in Jeans und Shirt und begrüßt uns mit einem verschmitzten Grinsen. Wir fühlen uns sofort sehr wohl.
Unser Zimmer ist genauso schön wie die Halle: großzügig, mit liebevollen Details versehen und mit zwei herrlichen Betten bestückt. Und einem, zwar bequemen, aber eben doch nur Zustellbett. Das gibt einen kurzen Disput, bis uns einfällt, dass wir ja auch auf der Rücktour wieder hier pausieren werden und dann eben das andere Kind im "Königsbett" schlafen darf. Die Königin darf natürlich beide Male.
Die Tochter duscht noch schnell im modernen Bad und ich freue mich über die Seife, auf der genau das steht, was ich jeden Morgen predige.
"Haste gesehen?", frage ich.
Sie grinst nur.
Als es sich die Kids später (nach einem langen abendlichen Spaziergang am direkt um die Ecke liegenden Strand) auf dem Sofa vor dem Fernseher mit Hollunder- und Rhabarber-Limonade gemütlich gemacht haben, sitze ich noch ein Weilchen auf der Terrasse in einem der schönen Bambussessel, schaue über die wilde Wiese unterhalb des Hauses zur Bucht hinüber, sehe den letzten orangefarbenen Strahlen der Sonne zu und trinke ein Glas Rotwein, das ich mir ebenso wie die Biolimo aus dem Kühlschrank neben der Küche genommen habe.
Am nächsten Morgen erwartet uns nicht nur die hübsche charmante Frau Roß, sondern auch ein richtig tolles Frühstück. So eines, das man seinen Freunden servieren würde. Typisch nordisch gibt es vielerlei Arten von Räucherfisch mit Sahnemerettich und Currysoßen, eine wunderbare Käse- und Wurstauswahl, zur Freude der Tochter einen richtig leckeren Avocado-Dipp, Marmeladen, Müsli, Obstsalat aus frischen Früchten, Quark, Brot und Brötchen und natürlich auch Schokoladencreme. Auch Eier aller Arten können wir bei Sönke Roß bestellen, dazu Cappuccino, heiße Schokolade und Milchkaffee.
Wem der Stil des Hauses gefällt, der findet überall im Haus ausgelegte Design- und Architekturbücher und schöne Sitzgelegenheiten, um darinnen zu schmökern.
Ich selbst habe auch mal unter die Zahnputzbecher nach dem Namen geschaut.
Alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Vielleicht sollte ich schon mal das Zimmer für den nächsten Sommer buchen. Nicht, dass es sich noch rumspricht, wie wunderbar diese kleine feine Pension ist. Danke, liebe Familie Roß!
Mittwoch, 13. August 2014
Stöcke, Äste, Bäume – Frau Herden schleppt den Kids das Lieblingsspielzeug nach Hause
Gestern haben wir Stockbrot über dem Feuer geröstet. Ich mag
Stockbrot eigentlich nicht so gerne. Dreizehn Jahre lang musste ich das für
meine Kids quasi ständig über der Glut drehen, darauf achten, dass das Äußere
nicht verbrannte und das Innere nicht roh und zäh verblieb. Auch die
Varianten mit eingewickelten Marshmallows und Schokostückchen oder die mit dem
äußeren Bacon waren nie wirklich so toll, wie ich es erhofft hatte. Oder eben
die Kinderschnute. Hier soll es auch gar nicht um Stockbrot gehen, sondern um
Stöcke an sich. Ahhh! Ein Thema, das Eltern über viele Jahre begleitet.
Stöcke sind großartig. Sie sind Pistole, Laserschwert,
Speer, Zauberstab, Feenwesen, Wegweiser, stummer Kumpel, geheimer Gesell,
Rösthilfe – während teure Legosets und Anziehpuppen in den Kinderzimmerecken
verstauben, sind Stöcke einfach elementarer Teil der ersten 9 Lebensjahre. Und:
Stock ist nicht gleich Stock. Ein jeder sieht ganz anders aus als der andere.
Darum muss man sie ALLE aufheben. Und mit nach Hause nehmen. Weil Kinderhände
nicht all das fassen können, was Kinderaugen begehren, tragen die Eltern. In
unserem Fall trug ich. Manchmal versuchte ich eine Auswahl zu erzwingen, die
Notwendigkeit jeden Exemplars zu diskutieren. Ein völlig sinnloses Unterfangen.
Letztendlich schleppte ich sie tatsächlich alle in die Bude.
Als meine, dem Stockalter inzwischen entwachsenen, Kids
gestern stockbeladen mit der klitzekleinen dänischen Verwandtschaft aus dem
Wald traten, obwohl wir nur noch einen gebraucht hatten, musste ich vor mich
hingrinsen und ich erinnerte mich eines sonnigen Samstagnachmittags:
Eigentlich wollte ich nur schnell in die Stadt, um einige
überlebenswichtige Dinge zu kaufen. Mehr war sowieso nie drin.
Das damals fünfjährige Töchterchen erklärte sich ausgehfertig.
„Wir können losgehen“, rief es. „Ich habe mein Lieblingskleid angezogen. Das
mit den kleinen Blümchen.“
Ich kleidete gerade das noch hilflose Brüderchen an und
wunderte mich über die kleinen Blümchen. So etwas hatte ich nie erstanden. Das
Ganze klärte sich jedoch schnell auf.
„Aber Schatz, das ist doch dein Nachthemd.“
„Na, und? Es ist mein schönstes Kleid. Es hat kleine
Blümchen, sonst kaufst du mir nichts mit kleinen Blümchen“, sagte das
Töchterchen und schaute frech zwischen seinen Zöpfen hervor. Der eine davon war
sehr kurz. Aus irgendeinem mir nicht verständlichen Grunde, hatte die Süße den linken über dem Ohr abgeschnitten. Der andere baumelte wie sonst beinahe bis
zum Bauchnabel. Nun gut.
„Und die neuen Schuhe“, erklärte das Kind gerade. Die neuen
Schuhe waren Gummistiefel. Warum nicht.
Wir liefen los. Auf dem Weg in die Innenstadt mussten wir
einen Park passieren. In der Nacht hatte ein Sturm gewütet. Alles war schon
wieder aufgeräumt. Nur einen abgekrachten unglaublich großen belaubten Ast hatten die Menschen
von der Stadtreinigung wohl für einen kleinen Baum gehalten und übersehen. Nicht jedoch das Töchterchen.
„Den brauche ich“, erklärte es kurzerhand und schleppte das
große Baumteil mit sich.
Ich wusste, Widerstand war zwecklos. Ich hoffte auf
erlahmende töchterliche Armmuskeln. Heute weiß ich, dass das schon damals eine
völlig sinnlose Hoffnung war.
Das Brüderchen im Sportwagen krähte los. So einen Stock, so
einen Ast, ja so einen Baum, wollte es auch haben. Und während das Töchterchen
mit kurzem und langem Zopf in Nachthemd und Gummistiefeln einen ausgewachsenen
Minibaum mit sich herumschleppte, geriet ich langsam in Panik.
Ich erklärte quasi alles, was ich hatte einkaufen wollen zur
Unwichtigkeit. Bis auf die Windeln. Ich wollte nur ganz schnell in die Drogerie
und dann nichts wie nach Hause.
Doch dann sah das Söhnchen den ausgegrabenen Bambus.
„Da! Da! Tock! Tock!“, rief es.
Ich beschleunigte, doch das nutzte nichts. Es wurde so lange
lauthals protestiert, bis ich zurücklief und den Herrn vom Gartenamt bat, mir
das etwa drei Meter hohe Bambusgewächs zu überlassen.
In die Drogerie wollte man uns nicht einlassen.
„Nicht mit dem Ast und dem Riesenbusch“, erklärte die
Kassiererin. Ich konnte sie sehr gut verstehen.
„Darf ich dann wenigstens meine Tochter und die Gewächse
kurz hier in der Ecke abstellen und nur schnell Windeln kaufen?“, fragte ich.
Zögernd gab die Frau im Kittel nach. Ich fetzte durch die
Gänge, griff die Windeln und sehr spontan noch eine Flasche Ökowein für später.
Dann schleppten wir uns nach Hause. Schließlich erlahmten
die Arme der Süßen dennoch. Doch inzwischen war mir alles egal. Ich hängte die
Windelpakete links und rechts an den riesigen belaubten Ast, schulterte ihn wie
Herkules irgendetwas sehr Schweres, klemmte mir das Bambusgewächs unter den Arm
und stupste das Söhnchen im Sportwagen mit der Hüfte voran.
Das Töchterchen bahnte uns den Weg durch die samstäglich
gefüllten Straßen. Strahlend und stolz rief es so laut es konnte: „Achtung,
Platz machen! Hier kommt meine Mama. Die stärkste Mama der Welt.“
Und ich grinste etwas dümmlich unter meiner Last. Aber ich war sehr glücklich. Denn
plötzlich wusste ich wieder, warum ich mir all das antat.
Mittwoch, 6. August 2014
Was sollen die Lügen? – Frau Herden wird alt und mag das nicht
Ich bin ein Sommerkind. Allerdings bin ich kein Kind mehr
sondern eine Frau. Eine Frau in mittleren Jahren. Mit anderen Worten: Ich werde
alt.
Dass ich den Sommer liebe, kann man sehr gut an meiner Haut
ablesen. Auch dass sich in den 70er und 80er Jahren niemand für Sonnencreme
interessierte und dass ich die 90er auf meinem Surfbrett liegend im Ozean
verbracht habe. Letztens sagte meine Freundin, die Hautärztin ist: „Antje, für
diese Sonnenschäden bist du eigentlich zu jung. Die können wir weglasern.“
Ich finde ja, ich bin nicht nur für diese Sonnenschäden zu
jung. Ich scheine sowieso viel zu jung für diesen Körper und dieses Gesicht zu
sein. Darum erschrecke ich auch immer, wenn ich mich mal zufällig in einer
Schaufensterscheibe gespiegelt sehe. Aber das kann ich ja nicht alles weglasern
lassen. Und dann verstehe ich die irritierten Blicke der Menschen auf der
Straße ob meines Auftretens. Das entspricht nämlich in seiner Art und Weise eher
meinem innerlich gefühlten Alter, sagen wir mal: 27. Allerhöchstens.
Im Gegensatz dazu stehen meine Falten, die drei grauen
Haare, die ich letztens ausriß, und auch diese relativ ausladende Figur, die
ich niemals haben wollte. Weiblich, nennt das ein lieber Freund. Weiblich kannte
ich früher nicht. Nicht bei meinen mageren Armen oder den herausstehenden
Hüftknochen und auch in den Doppel A-Körbchen war die nicht zu entdecken
gewesen. Nun ist sie da und lässt sich herumschleppen. Das geht auf die
Gelenke. Die schmerzen, als bekämen sie dafür einen Orden. „Genetisch bedingte
Arthrose. Frau Herden, es tut mir leid“, sagte der Arzt vor etwa sieben Jahren
zu mir. Ich weiß schon, warum ich dort sonst nicht hingehe. Allerdings konnte
er ja gar nichts dafür. Genauso wenig wie meine liebe Frau Mama, die sich wegen
der ungünstigen Gen-Weitergabe bei mir entschuldigte. Also echt.
Ich sage mal: Ich mag das Altern nicht! Das lasse ich mir
auch nicht schön reden. Von niemandem. Weder von klugen Menschen noch von
Frauenmagazinen, die die Jugend hofieren und dann schreiben, das Alter sei das
eigentlich Feine. Ha! Alles Lüge. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe
jahrelang für die als Model gearbeitet.
Ich fühle mich weder irgendwie entspannter als früher noch
weiser werdend. Im Gegenteil. Ich mache noch immer dieselben blöden Fehler, nur
dass es jetzt viel mehr Vorbereitung bedarf, bis mir die Möglichkeiten dafür
begegnen. Und ich traue mich nicht mehr so viel. Aber nicht, weil ich heute klüger bin, sondern weil ich Schiss habe. Heilt ja nicht mehr so gut, so ein Oberschenkelhalsbruch.
Altern tut weh und sieht doof aus (zumindest bei mir). Klar, erzählen Falten
Geschichten. Und ich mag Geschichten. Aber auch ich fasse lieber glatte Haut
und straffe Muskeln an und will mich dafür nicht entschuldigen müssen. Morgens
würde ich lieber aus dem Bett in den Tag hinaushüpfen, statt erst mal meine
steifen Glieder zu mobilisieren, um dann auf allen Vieren ins Bad zu kriechen.
Und nachts möchte ich tanzen! Tanzen, trinken und die Sonne aufgehen sehen. Oh
ja! Manchmal mache ich das tatsächlich. Aber nur, wenn ich weiß, dass ich die
darauf folgende Woche weder irgendetwas zu tun habe, noch überhaupt mein Bett verlassen
muss.
Ich bin so gierig nach dem Leben und muss so oft durch eine
Schutzscheibe zuschauen, eine Schutzscheibe, die mir das Alter aufzwingt. Dabei
weiß ich, dass es noch schlimmer werden wird. Eine 92jährige Frau sagte einmal
über das Alter, sie säße in ihrem Sessel und könne sich kaum mehr bewegen. Aber
in ihrem Kopf, da sei sie noch immer das 23jährige Mädchen, da höre sie die Musik und möchte dazu tanzen, tanzen,
tanzen. Na, bitte! Ich musste heulen.
Ich weiß, dass es ein Tabu ist, sich so äußern. Ich weiß,
dass sich nun viele aufregen und über mich schimpfen werden. Nun, vielleicht
kriegen die das irgendwie besser hin? Vielleicht hatten sie bereits genug vom
Leben oder sind bescheidener als ich? Vielleicht können sie sich auch einfach
nur leichter selbst belügen? Ich bewundere das ja und wünsche ihnen, dass es
bis zum Ende funktionieren möge. Für mich kann ich sagen: Es tut verdammt gut, da
einfach auch mal ehrlich zu sein und nicht immer so tun zu müssen, als wäre es
anders.
Aber, hey: Draußen ist Sommer. Die Sonne scheint und der Gesang der Vögel hat mich aus dem Schlaf geholt. Ich schlüpfe in ein Kleid und schwinge mich auf mein Rad. Wegen des holprigen Pflasters in unserer Straße fahre ich verbotenerweise auf dem Bürgersteig. Als der ältere Herr hinterm Hibiskusbusch mir vors Rad springt, bin ich mir sicher, dass er mich zuvor aus seinem Fenster gesehen, schnell Hut und Stock gegriffen hatte, die Treppe hinuntergestürmt war und im Vorgarten hinterm Busch hockend den richtigen Moment abgepasst hatte. Elegant weiche ich aus. Nun gut, vielleicht nicht wirklich elegant. Ich fahre ein schweres Herrenrad mit einem Korb hinten und einem dieser holländischen eisernen Gestelle mit Kiste vorne. Aber ich habe ihn definitiv nicht berührt.
Trotzdem brüllt er mir nach: "Das ist ein Fussweg! DUMME GÖRE!"
Und ich?
Hätte ich mich getraut, ich hätte jubelnd die Arme hochgerissen. So aber rufe ich nur: "Ihnen auch einen schönen Tag! Und vielen, vielen Dank! You made my day!"
Trotzdem brüllt er mir nach: "Das ist ein Fussweg! DUMME GÖRE!"
Und ich?
Hätte ich mich getraut, ich hätte jubelnd die Arme hochgerissen. So aber rufe ich nur: "Ihnen auch einen schönen Tag! Und vielen, vielen Dank! You made my day!"
Montag, 4. August 2014
Searching For Sugar Man
"Wer ist das?", fragte ich meine Freundin im letzten Herbst.
Sie war für einige Zeit zu Besuch, lebt ansonsten in Sydney. Aus den Lautsprechern im Haus ihrer Eltern kam Musik, die ich nicht kannte, die mich aber sofort ganz tief berührte.
"Rodriguez", antwortete meine Freundin.
Von dem hatte ich noch nie gehört.
"Da bist du nicht die einzige. Niemand in Europa oder Amerika kennt ihn, aber bei uns und in Südafrika ist er ein Superstar."
Als wir zu Weihnachten nach Sydney kamen, hatte sie die CD für mich gekauft. Ich freute mich sehr. Seitdem begleitet uns die Stimme und die Worte Rodriguez´ durch die Tage und selbst das 16jährige Töchterchen singt begeistert mit.
Sixto Rodriguez ist Amerikaner. Mit seiner Gitarre zog er durch die eher abgehalfterten Viertel Detroits und trat in schmierigen Clubs auf. Dort sang er mit dem Rücken zum Publikum. Anfang der 70er brachte er zwei wunderbare Alben heraus: poetisch, ehrlich, verblüffend und sehr sehr klug. Aber niemand wollte die hören. Also arbeitete er weiter auf dem Bau.
Hinter den Mauern, die die Apartheit um Südafrika aufgebaut hatte, wurde er währenddessen unbemerkt zum Superstar. Eine eingeschmuggelte Kassette brachte die Texte in das gebeutelte Land. I Wonder wurde zur Hymne, das Album Cold Fact vielleicht millionenfach verkauft. Doch bis auf das Bild auf dem Cover, gab es keine weiteren Lebenszeichen des Sängers. Irgendwann kursierten die Gerüchte, Rodriguez sei lange tot, hätte sich während seines letzten Konzerts auf der Bühne erschossen oder wahlweise auch angezündet. Was Legenden eben so machen.
Dieser Legende auf die Spur kommen, wollte der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul Ende der 90er Jahre. Also schickte er die südafrikanischen Musiker und Journalisten, Stephen "Sugar" Segermann und Craig Bartholomew Strydom, auf die Suche. Anhaltspunkte gab es eigentlich keine. Nur einen Satz im Song Inner City Blues ließ sie stutzen: "Met a girl from Dearborn, early six o'clock this morn. A cold fact." Dearborn ist eine Stadt in unmittelbarer Nähe von Detroit, der Stadt des Motown-Labels. Detroit, wo Rodriguez unendlich bescheiden lebte und noch immer auf dem Bau arbeitete. Sie holten ihn "nach Hause" auf die Bühne, wo er vor komplett ausverkauften Hallen seine Musik einem frenetischem Publikum schenkte. "Danke, dass ihr mich am Leben gehalten habt", sagte er zum Schluss, während alle, alle weinten. Das Geld seiner Auftritte schenkte er seinen Töchtern und wohltätigen Einrichtungen.
Sie war für einige Zeit zu Besuch, lebt ansonsten in Sydney. Aus den Lautsprechern im Haus ihrer Eltern kam Musik, die ich nicht kannte, die mich aber sofort ganz tief berührte.
"Rodriguez", antwortete meine Freundin.
Von dem hatte ich noch nie gehört.
"Da bist du nicht die einzige. Niemand in Europa oder Amerika kennt ihn, aber bei uns und in Südafrika ist er ein Superstar."
Als wir zu Weihnachten nach Sydney kamen, hatte sie die CD für mich gekauft. Ich freute mich sehr. Seitdem begleitet uns die Stimme und die Worte Rodriguez´ durch die Tage und selbst das 16jährige Töchterchen singt begeistert mit.
Sixto Rodriguez ist Amerikaner. Mit seiner Gitarre zog er durch die eher abgehalfterten Viertel Detroits und trat in schmierigen Clubs auf. Dort sang er mit dem Rücken zum Publikum. Anfang der 70er brachte er zwei wunderbare Alben heraus: poetisch, ehrlich, verblüffend und sehr sehr klug. Aber niemand wollte die hören. Also arbeitete er weiter auf dem Bau.
Hinter den Mauern, die die Apartheit um Südafrika aufgebaut hatte, wurde er währenddessen unbemerkt zum Superstar. Eine eingeschmuggelte Kassette brachte die Texte in das gebeutelte Land. I Wonder wurde zur Hymne, das Album Cold Fact vielleicht millionenfach verkauft. Doch bis auf das Bild auf dem Cover, gab es keine weiteren Lebenszeichen des Sängers. Irgendwann kursierten die Gerüchte, Rodriguez sei lange tot, hätte sich während seines letzten Konzerts auf der Bühne erschossen oder wahlweise auch angezündet. Was Legenden eben so machen.
Dieser Legende auf die Spur kommen, wollte der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul Ende der 90er Jahre. Also schickte er die südafrikanischen Musiker und Journalisten, Stephen "Sugar" Segermann und Craig Bartholomew Strydom, auf die Suche. Anhaltspunkte gab es eigentlich keine. Nur einen Satz im Song Inner City Blues ließ sie stutzen: "Met a girl from Dearborn, early six o'clock this morn. A cold fact." Dearborn ist eine Stadt in unmittelbarer Nähe von Detroit, der Stadt des Motown-Labels. Detroit, wo Rodriguez unendlich bescheiden lebte und noch immer auf dem Bau arbeitete. Sie holten ihn "nach Hause" auf die Bühne, wo er vor komplett ausverkauften Hallen seine Musik einem frenetischem Publikum schenkte. "Danke, dass ihr mich am Leben gehalten habt", sagte er zum Schluss, während alle, alle weinten. Das Geld seiner Auftritte schenkte er seinen Töchtern und wohltätigen Einrichtungen.
Mit Searching for Sugar Man entstand ein absolut berührender Film, der die unfassbare Geschichte Rodriguez´ erzählt. Dafür bekam Malik Bendjelloul im letzten Jahr einen Oscar. Gestern hatte ich das große Glück diesen Film schauen zu dürfen. Er hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich heute darüber schreiben muss. Wie ein leises wehes Glück zieht dieser Eindruck durch meinen Bauch und ich hoffe, er bleibt noch etwas. Denn diese Geschichte ist etwas, das meiner Meinung nach das Leben ausmacht. Dazu gehört aber auch, dass sich der Regisseur, der uns dieses berührende Märchen, diese fantastische Geschichte schenkte, vor gut 2 Monaten mit 36 Jahren das Leben nahm. R.I.P.
If there was a word
But magic's absurd
I'd make one dream come true
It didn't work out
But don't ever doubt
How I felt about you
But thanks for your time
Then you can thank me for mine
And after that's said
Forget it
Sonntag, 3. August 2014
Zucchinis in rauen Mengen – ein feines Zucchini-Relish
Erzählte mir jemand, dass eines Tages die Zucchinis die Weltherrschaft übernähmen, ich würde es glauben. Himmel, wie ist das möglich, dass innerhalb weniger Tage aus den zauberhaften Blütenfeen solche Baseballkeulen werden?
Das einzig Problematische am Acker ist der Überreichtum einer einzigen Sorte Gemüse, wenn sie denn reif ist. Jeden Tag Zucchini möchte man ja auch nicht speisen. Nachdem ich gestern schon etliche Kilo mit Ölivenöl, Salz und einer Menge Knoblauch grillte und einlegte, kochte ich heute einige Gläser Relish (etwa 2,5 Liter).
Aus verschiedensten Rezepten und Vorgehensweisen erstellte ich meine eigene. Lecker, muss ich sagen. Wer´s auch probieren möchte, bitte schön.
Man braucht (ich gebe die Mengenverhältnisse mit an, weil Ihr vielleicht sehr viel mehr oder auch weniger Zucchinis habt. Ist ein bisschen Mathe, aber geht schon):
* grüne oder gelbe Zucchini und Zwiebeln im etwaigen Mengenvehältnis 2:1. Also, eine Tasse Zwiebeln auf zwei Tassen Zucchini. Ich nahm etwa 10 Tassen Zucchinis und 5 Tassen Zwiebeln.
* braunen Zucker und Weißweinessig im Verhältnis 2:1 und zu den Zucchinis 1:2, also bei meinen 10 Tassen Zucchinis sind das 5 Tassen Zucker und 2,5 Tassen Essig
* 1 grüne Chilischote / 3 Knoblauchzehen
* 5 EL Salz / 1 TL Muskat / 1/2 TL gemahlenen Koriander / 1 EL scharfer Senf
So geht´s:
Einige Rezepte empfehlen das Kleinschneiden von Zucchini und Zwiebeln, salzen und über Nacht abtropfen lassen. Ich fand eine schnellere Lösung: Die Zucchini und die Zwiebeln habe ich in der Moulinette kleingehäckselt, in ein Haarsieb gegeben und abtropfen lassen. In die letzte Runde gab ich die Chilischote, den Knoblauch und noch etwas Essig, damit das Ganze schön fein wird.
In einem großen Topf mischte ich das Gemüse den Essig und den Zucker. Dann gab ich die Gewürze hinzu und mischte alles noch einmal gut durch. 15 Minuten wurde das Ganze dann gekocht, heiß in Schraubgläser gefüllt, kurz auf den Kopf gestellt und fertig. Nun muss das Relish noch einige Zeit (etwa 6 Wochen) am besten im Kühlschrank durchziehen, bis es perfekt schmeckt.
Es ist ganz wunderbar auf Sandwiches, zu gegrilltem Fleisch, Fisch oder auch Käse.
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Mittwoch, 30. Juli 2014
Pferdefuss und Küsse – Frau Herden machte mal Reiterhofferien
Letztens radelten wir an einem Reiterhof vorbei.
„Als junges Mädchen bin ich ja auch mal geritten“, erzählte ich meinem Sohn.
„Echt? Du?“, fragte der.
Etwas irritierte mich an der Betonung des Dus, aber das ignorierte ich.
„Na, klar. Ich wollte ja auch mal Indianer werden“, sagte ich.
„Du und Indianer“, lachte der Sohn.
„Lach nicht, sondern sei froh. Sonst hätte ich mir nicht so viel Mühe mit deinem Indianergeburtstag vor sechs Jahren gegeben.“ Das stimmte. Denn eigentlich – und mal ganz ehrlich – lebte ich da wohl auch etwas aus.
Ja, dachte ich, Indianer. Mit Pfeil und Bogen, Federn im langen schwarzen Haar, Lederhemd mit Perlen und Bändern und einem warmen Pferderücken unterm Hintern, der mich über die goldenen Weiten der Prärie getragen hätte.
Leise und inbrünstig hatte ich meine Kindheit hindurch das DDR-Kinderlied Der Indianerjunge vor mich hingesungen. Natürlich etwas modifiziert. „Als ich ein kleines Mädchen war / spielt´ ich oft in der Prärie / hörte Indianergeschichten so gern / diese Zeit vergess´ ich nie / Ich schoss mit Pfeil und Bogen wie sie / trug Mokassins am Bein / und abends schlief ich dann ganz allein / am Lagerfeuer ein.” Das singe ich übrigens heute noch ganz gerne leise vor mich hin.
Mein lieber Herr Papa unterstützte das Ganze in so fern, als dass er von mir und meiner Schwester im Falle von Unwohlsein, Krankheit oder einer Verletzung verlangte, die Indianermethode anzuwenden: Hand drauf und gut. Dass Indianer sehr wohl auch Schmerzen empfinden, wusste ich damals noch nicht.
Irgendjemand sagte mir dann, dass ich kein Indianer werden könne, weil das gar kein Beruf wäre. Schade, dachte ich und legte traurig meinen selbstgebastelten Federschmuck in die unterste Schublade.
Viel später auf einem Rave in einem Reservat in Arizona hätte ich dann doch einer werden können. Zumindest Indianerin. Aber ich hatte traurig das verschwitzte Shirt mit den schreiend bunten Pilzen darauf, das verstrubbelte Haar und die um einen Fixpunkt ringenden braunen Augen meines Gegenübers betrachtet und beschlossen, noch etwas zu tanzen, irgendwie den Rausch zu überstehen und dann wieder nach Hause zu fahren.
Trotzdem hatte ich mich viele Jahre zuvor sehr gefreut, als mir meine Eltern Reitstunden anboten. Sogar eine Woche Reiterferien fanden in den Monaten meines dreizehnjährigen Lebens statt, die ich nach Pferd und Stall roch. Genau diese Reiterferien waren dann auch das schmerzhafte Ende dieser Zeit. Das Pferd, das ich reiten durfte und als Ausgleich zu pflegen hatte, quetschte mich in seiner Box ein und zertrat mir auf sehr unangenehme Weise den Fuß.
Dennoch erinnere ich diese Reiterferien mit einem Lächeln. In der Pension wohnte nämlich ein Junge im Nachbarzimmer. Der lud mich eines Abends zum Knutschen ein. Ich fand das nett, obwohl mich etwas verwunderte, dass ein 14Jähriger Reiterferien machte. Der Einladung am zweiten Abend folgte ich dann auch nicht mehr. Er hatte etwas sehr Blödes gesagt: “Du bist wirklich aus der DDR (die gab es damals noch)? Ich dachte immer, dort gäbe es nur hässliche Dinge.” Nun ja, …
Erst später kam mir der Gedanke, dass es eigentlich eine unglaublich clevere Idee war, als 14jähriger Junge Reiterferien zu machen. Wo sonst fand man eine derartige Dichte romantischer und kusswilliger 13jähriger Mädchen vor?
Mein Sohn warf noch einen scheelen Blick auf den Reiterhof. “Für mich wäre das ja nix”, sagte er und stieg wieder auf sein Rad.
“Na, wenn du nicht willst”, sagte ich, trat in die Pedale und sang fröhlich ein Liedchen vor mich hin.
„Als junges Mädchen bin ich ja auch mal geritten“, erzählte ich meinem Sohn.
„Echt? Du?“, fragte der.
Etwas irritierte mich an der Betonung des Dus, aber das ignorierte ich.
„Na, klar. Ich wollte ja auch mal Indianer werden“, sagte ich.
„Du und Indianer“, lachte der Sohn.
„Lach nicht, sondern sei froh. Sonst hätte ich mir nicht so viel Mühe mit deinem Indianergeburtstag vor sechs Jahren gegeben.“ Das stimmte. Denn eigentlich – und mal ganz ehrlich – lebte ich da wohl auch etwas aus.
Ja, dachte ich, Indianer. Mit Pfeil und Bogen, Federn im langen schwarzen Haar, Lederhemd mit Perlen und Bändern und einem warmen Pferderücken unterm Hintern, der mich über die goldenen Weiten der Prärie getragen hätte.
Leise und inbrünstig hatte ich meine Kindheit hindurch das DDR-Kinderlied Der Indianerjunge vor mich hingesungen. Natürlich etwas modifiziert. „Als ich ein kleines Mädchen war / spielt´ ich oft in der Prärie / hörte Indianergeschichten so gern / diese Zeit vergess´ ich nie / Ich schoss mit Pfeil und Bogen wie sie / trug Mokassins am Bein / und abends schlief ich dann ganz allein / am Lagerfeuer ein.” Das singe ich übrigens heute noch ganz gerne leise vor mich hin.
Mein lieber Herr Papa unterstützte das Ganze in so fern, als dass er von mir und meiner Schwester im Falle von Unwohlsein, Krankheit oder einer Verletzung verlangte, die Indianermethode anzuwenden: Hand drauf und gut. Dass Indianer sehr wohl auch Schmerzen empfinden, wusste ich damals noch nicht.
Irgendjemand sagte mir dann, dass ich kein Indianer werden könne, weil das gar kein Beruf wäre. Schade, dachte ich und legte traurig meinen selbstgebastelten Federschmuck in die unterste Schublade.
Viel später auf einem Rave in einem Reservat in Arizona hätte ich dann doch einer werden können. Zumindest Indianerin. Aber ich hatte traurig das verschwitzte Shirt mit den schreiend bunten Pilzen darauf, das verstrubbelte Haar und die um einen Fixpunkt ringenden braunen Augen meines Gegenübers betrachtet und beschlossen, noch etwas zu tanzen, irgendwie den Rausch zu überstehen und dann wieder nach Hause zu fahren.
Trotzdem hatte ich mich viele Jahre zuvor sehr gefreut, als mir meine Eltern Reitstunden anboten. Sogar eine Woche Reiterferien fanden in den Monaten meines dreizehnjährigen Lebens statt, die ich nach Pferd und Stall roch. Genau diese Reiterferien waren dann auch das schmerzhafte Ende dieser Zeit. Das Pferd, das ich reiten durfte und als Ausgleich zu pflegen hatte, quetschte mich in seiner Box ein und zertrat mir auf sehr unangenehme Weise den Fuß.
Dennoch erinnere ich diese Reiterferien mit einem Lächeln. In der Pension wohnte nämlich ein Junge im Nachbarzimmer. Der lud mich eines Abends zum Knutschen ein. Ich fand das nett, obwohl mich etwas verwunderte, dass ein 14Jähriger Reiterferien machte. Der Einladung am zweiten Abend folgte ich dann auch nicht mehr. Er hatte etwas sehr Blödes gesagt: “Du bist wirklich aus der DDR (die gab es damals noch)? Ich dachte immer, dort gäbe es nur hässliche Dinge.” Nun ja, …
Erst später kam mir der Gedanke, dass es eigentlich eine unglaublich clevere Idee war, als 14jähriger Junge Reiterferien zu machen. Wo sonst fand man eine derartige Dichte romantischer und kusswilliger 13jähriger Mädchen vor?
Mein Sohn warf noch einen scheelen Blick auf den Reiterhof. “Für mich wäre das ja nix”, sagte er und stieg wieder auf sein Rad.
“Na, wenn du nicht willst”, sagte ich, trat in die Pedale und sang fröhlich ein Liedchen vor mich hin.
Montag, 28. Juli 2014
Ich weine – Politik, Krieg und Kinder
Ich habe folgenden Text schon vor zwei Tagen im Facebook veröffentlicht. Möchte das aber auch noch einmal hier gerne tun. Denn ich finde ihn wichtig. Er soll und darf nicht einfach so auf einer Pinwand nach unten rutschen.
„Willst du dich nicht auch mal zur politischen Situation äußern? Bist du denn gar nicht politisch?“, fragte man mich.
Natürlich bin ich das. Jeder Mensch, der in einer Gesellschaft, einer Stadt (polis), lebt, agiert und denkt letztendlich politsch. Bin ich als Kinderbuchautorin verpflichtet, mich öffentlich zu äußern? Vielleicht.
Ich weine. Und das kann jeder ganz wörtlich nehmen. Umtobt von Kriegen weine ich nur noch. Hilflos starre ich auf die Bilder und verstehe sie nicht.
Jemand, der mich kennt, könnte nun rufen: „Aber Frau Herden, du weinst doch immer!“ Nun ja, das stimmt. Und genau das ist das Problem. Jemand, der sich dermaßen berühren und erschüttern lässt, muss sehr genau überlegen, wie er sich engagieren kann. Hass und Mitleid helfen nicht, sondern Verstand und Mitgefühl. Doch ich leide. Wer Bomben schmeißt, ist ein Mörder. Egal, ob er angefangen hat oder nicht. Und dann beginne ich zu hassen.
Ich rette mich in eine fatalistische Misanthropie. Sage mir: Ich bin von Idioten umgeben. Idioten, die sich gegenseitig umbringen, und wenn sie damit fertig sind, zerstören sie den Rest des Planeten, ihre eigene Heimat. Mir fällt dazu nichts weiter ein. Einziger Trost ist: Die Menschen werden nicht gewinnen! Egal welche Spur der Verwüstung sie anrichten, irgendwann sind sie weg und die Natur, die Erde, wird sich wieder aufrichten, bedauernd ihr mächtiges Haupt schütteln und auf der To Do-Liste hinter den Stichpunkt Menschen BLÖDER FEHLER schreiben.
Und ich? Ich habe die Kinder gewählt. Denn sie, allein sie, vermitteln mir Hoffnung. Eine Hoffnung, die die Misanthropin nicht braucht, aber die die Frau und Mutter in mir erfleht. Darum schreibe ich. Darum lese ich. Für Kinder.
Dass die Großen sich über sie hinwegsetzen, ihnen Regeln aufdrängen, angeblich diplomatische Regeln, die letztendlich zu Kriegen führen können, lässt mich manchmal wütend in mein Kissen beißen. Dazu hier einmal ein Beispiel:
Es ist an der Schule meines Sohnes verboten, sich zu prügeln, sich zu schlagen, sich zu stoßen, sich anzuschreien, jemandem die Mütze vom Kopf zu ziehen, eine Kastanie oder einen Schneeball nach jemandem zu werfen. Stattdessen soll man denjenigen, über den man sich geärgert hat, sofort an die Direktion VERPETZEN. Auch jeden anderen, den man nur beobachtet hat, bei etwas, das eventuell verboten ist.
Ich finde das ganz ganz schlimm. Ich möchte die Menschen nicht kennenlernen, die daraus entstehen.
Letztens gab es in der Klasse meines Sohnes einen Disput zwischen zwei Jungen, der einfach nicht geklärt werden konnte. Gemeinsam wurde beschlossen, diesen nach der Schule in einem Kämpfchen auszutragen. Also lief die halbe Klasse nach dem Unterricht zu einer versteckten Unterführung. Es wurden genaue Regeln für das Kämpfchen beschlossen. Dann traten sich die beiden gegenüber und versuchten sich eins auf die Nase zu geben. Als beide erschöpft waren und jeder einen ordentlichen Schwinger abbekommen hatte, wurde der Disput für beendet erklärt. Die Jungs gaben sich die Hand und teilten sich eine Flasche Limo. Gemeinsam liefen alle nach Hause und besprachen noch etwas den Kampf. Alles war gut.
Leider erzählte eines der Mädchen zuhause davon. Empört riefen deren Eltern in der Schule an. Es gab einen Rieseneklat, der leztendlich die Klasse spaltete in Verräter, Feige, Mitläufer, Neutrale, Gleichgültige, Freidenker und Schläger.
Und ich? Am liebsten hätte ich den verantwortlichen Erwachsenen alle Bände des Kleinen Nicks um die Ohren gehauen.
„Willst du dich nicht auch mal zur politischen Situation äußern? Bist du denn gar nicht politisch?“, fragte man mich.
Natürlich bin ich das. Jeder Mensch, der in einer Gesellschaft, einer Stadt (polis), lebt, agiert und denkt letztendlich politsch. Bin ich als Kinderbuchautorin verpflichtet, mich öffentlich zu äußern? Vielleicht.
Ich weine. Und das kann jeder ganz wörtlich nehmen. Umtobt von Kriegen weine ich nur noch. Hilflos starre ich auf die Bilder und verstehe sie nicht.
Jemand, der mich kennt, könnte nun rufen: „Aber Frau Herden, du weinst doch immer!“ Nun ja, das stimmt. Und genau das ist das Problem. Jemand, der sich dermaßen berühren und erschüttern lässt, muss sehr genau überlegen, wie er sich engagieren kann. Hass und Mitleid helfen nicht, sondern Verstand und Mitgefühl. Doch ich leide. Wer Bomben schmeißt, ist ein Mörder. Egal, ob er angefangen hat oder nicht. Und dann beginne ich zu hassen.
Ich rette mich in eine fatalistische Misanthropie. Sage mir: Ich bin von Idioten umgeben. Idioten, die sich gegenseitig umbringen, und wenn sie damit fertig sind, zerstören sie den Rest des Planeten, ihre eigene Heimat. Mir fällt dazu nichts weiter ein. Einziger Trost ist: Die Menschen werden nicht gewinnen! Egal welche Spur der Verwüstung sie anrichten, irgendwann sind sie weg und die Natur, die Erde, wird sich wieder aufrichten, bedauernd ihr mächtiges Haupt schütteln und auf der To Do-Liste hinter den Stichpunkt Menschen BLÖDER FEHLER schreiben.
Und ich? Ich habe die Kinder gewählt. Denn sie, allein sie, vermitteln mir Hoffnung. Eine Hoffnung, die die Misanthropin nicht braucht, aber die die Frau und Mutter in mir erfleht. Darum schreibe ich. Darum lese ich. Für Kinder.
Dass die Großen sich über sie hinwegsetzen, ihnen Regeln aufdrängen, angeblich diplomatische Regeln, die letztendlich zu Kriegen führen können, lässt mich manchmal wütend in mein Kissen beißen. Dazu hier einmal ein Beispiel:
Es ist an der Schule meines Sohnes verboten, sich zu prügeln, sich zu schlagen, sich zu stoßen, sich anzuschreien, jemandem die Mütze vom Kopf zu ziehen, eine Kastanie oder einen Schneeball nach jemandem zu werfen. Stattdessen soll man denjenigen, über den man sich geärgert hat, sofort an die Direktion VERPETZEN. Auch jeden anderen, den man nur beobachtet hat, bei etwas, das eventuell verboten ist.
Ich finde das ganz ganz schlimm. Ich möchte die Menschen nicht kennenlernen, die daraus entstehen.
Letztens gab es in der Klasse meines Sohnes einen Disput zwischen zwei Jungen, der einfach nicht geklärt werden konnte. Gemeinsam wurde beschlossen, diesen nach der Schule in einem Kämpfchen auszutragen. Also lief die halbe Klasse nach dem Unterricht zu einer versteckten Unterführung. Es wurden genaue Regeln für das Kämpfchen beschlossen. Dann traten sich die beiden gegenüber und versuchten sich eins auf die Nase zu geben. Als beide erschöpft waren und jeder einen ordentlichen Schwinger abbekommen hatte, wurde der Disput für beendet erklärt. Die Jungs gaben sich die Hand und teilten sich eine Flasche Limo. Gemeinsam liefen alle nach Hause und besprachen noch etwas den Kampf. Alles war gut.
Leider erzählte eines der Mädchen zuhause davon. Empört riefen deren Eltern in der Schule an. Es gab einen Rieseneklat, der leztendlich die Klasse spaltete in Verräter, Feige, Mitläufer, Neutrale, Gleichgültige, Freidenker und Schläger.
Und ich? Am liebsten hätte ich den verantwortlichen Erwachsenen alle Bände des Kleinen Nicks um die Ohren gehauen.
Mittwoch, 23. Juli 2014
Scheisse sagt man nicht – Frau Herden sucht die korrekten Bezeichnungen für den Intimbereich
Als Kind eines Mediziners machte ich nie Pipi oder Kaka. Ich
urinierte und defäzierte. Von Anbeginn. Hinterfragt habe ich das lange nicht.
Übrigens auch das zweimalige tägliche Duschen nicht – morgens
und abends erst warm, dann kalt. Letzteres habe ich höchstens heimlich
vermieden. Gesundheit und Hygiene wurden bei uns sehr groß geschrieben. Selbst
wenn wir unterwegs waren und wir uns durch unwirtliches
Gebiet, menschenleere Einöden oder anderes gefährliches Gelände schlugen. (Unser Leben der arbeitsfreien Tage meiner Eltern glich tatsächlich dem eines fahrenden Volkes und ich weiß, woher mein unruhiges Blut und mein permanentes Fernweh stammen.) Mit
dem Heulen der Wölfe erscholl auch allabendlich der Ruf meines lieben Herrn
Papa: „Kinder! Hände, Po und Vulva waschen.“ Dann suchten meine Schwester und
ich unsere kleinen Waschbeutel und ein lehmiges Wasserloch in der Dunkelheit,
um eben jenes zu tun. Punkt.
Jahre später sprach mich die Kindergärtnerin meiner Tochter
an. Ich solle mein Kind doch etwas altersgerechter erziehen. Bass erstaunt
fragte ich, was denn los sei. Nun, die Kleine hätte sich an der Schaukel
gestoßen und über Schmerzen an der Vulva geklagt. Meine von Unverständnis aufgerissenen
Augen ließen sie dann etwas herumdrucksen. Doch schließlich erfuhr ich,
dass niemand im Kindergarten gewusst hatte, um welches Körperteil es sich da gehandelt
hätte, so dass man genötigt war, den Kinderarzt anzurufen.
Ich kann nicht
sagen, ob es mir tatsächlich gelang, mein Grinsen überzeugend zu verkneifen.
Doch nicht nur Tadel, sondern auch Lob brachte das Verwenden
solcher fachlich sachlichen Bezeichnungen. Und so erinnere ich mit Freuden
folgende Episode:
ACDC waren noch gar nicht tot, sondern gaben ein Konzert in
der Frankfurter Festhalle. Eine wunderbare Gelegenheit für eine ausschweifende Herren-Tour.
Damals waren wir mal kurzzeitig zu viert und das Söhnchen noch nigelnagelneu.
Der Mann hatte extra einen VW Bus gemietet und so langsam versammelten sich
etwa zehn unserer männlichen Freunde in der Küche. Sie freuten sich so und das
freute mich. Ganz gerührt betrachtete ich die einstigen Jungs mit den
beginnenden Geheimratsecken und den T-Shirts längst vergangener Konzerte durchkreuzt von ausgeblichenen Legekanten.
Da stapfte das knapp dreijährige Töchterchen hinzu, sah sich
aufmerksam um und suchte dann ein wenig Sicherheit an meinem Bein. Als
plötzlich aus einem seltsamen Zufall heraus das tiefe Gemurmel und Gelache für
einen Augenblick zur Gänze verstummte, sprach es in die Stille hinein: „Mama,
das sind alles Männer und die haben alle einen Penis.“
Mittwoch, 16. Juli 2014
Bitte, bitte liebt mich! – Frau Herden trauert der Nummer 600 nach
Aus aktuellem Anlass schrieb ich soeben dies.
Ach ja: Wer nicht über sich selbst lachen kann, der sollte das hier nicht lesen.
Ach ja: Wer nicht über sich selbst lachen kann, der sollte das hier nicht lesen.
Über Nacht habe ich im Facebook wieder einen Fan verloren.
Jetzt sind es nur noch 598. Dabei hatte ich mich vor zehn Tagen noch ganz innig
bei meinen 600 Fans bedanken dürfen. Zum Tag des Kusses natürlich mit
Kussbildern, die zwar etwas peinlich, aber doch von Herzen waren. Nicht nur,
dass es seitdem keinen neuen Freund meiner Autorenseite gibt, zwei Tage später
verließ mich gar einer. Und nun ist das also wieder passiert.
Ich starre auf die Zahl 598, weine leise vor mich hin und
rufe in die Leere des Raumes hinein: „Warum, liebe 599? Warum? Und was war
dein Grund, Nummer 600? Wann und wie habe ich euch so bitter enttäuscht, dass
ihr mich verlassen musstet? Ihr hättet mich doch auch einfach unauffällig ignorieren
können.“
Die ahnen vielleicht nicht einmal, wie sehr ich an sie denke.
Dabei gebe ich mir doch so viel Mühe. Jeden Tag überlege ich
mir etwas, womit ich meine Fans beglücken könnte. Ich mache mir Gedanken über
Wichtiges oder auch mal Unwichtiges, kleide sie in die mir eigenen Worte,
fotografiere oder finde dazu ein Bild, arbeite das Ganze noch mal auf und
präsentiere es dann in möglichst mungerechten Stückchen. Wenn es jemandem
gefällt, dann freut mich das. Wenn gar einer etwas dazu äußert, muss ich ein
aufgeregtes Klopfen meines kleinen, wilden Herzens unterdrücken.
Obwohl es hin und wieder schon
schmerzt, dass Posts, die ich nur geteilt habe, weitaus mehr „Likes“ bekommen,
als solche, die ich mir in der eben beschriebenen Form quasi aus der Seele gerungen habe. Die Frage, was mir das sagen soll, ignoriere ich jedoch tapfer und mit fest zusammengebissenen Zähnen.
Manchmal kann ich mich auf gar nichts anderes konzentrieren,
bis nicht irgendeine Reaktion auf meinen Tagespost gekommen ist. Um die
Wartezeit bis dahin zu verkürzen, telefoniere ich währenddessen gerne mit
meiner Freundin Katinka.
„Warum mache ich das?“, jammere ich dann zum Beispiel.
Eigentlich hatte ich die Seite nämlich einst eröffnet, um
über meine Bücher und auch etwas über mein Leben als Kinderbuchautorin zu berichten.
Für Leute, die das interessiert. Veranstalter zum Beispiel, die nach Autoren
für das nächste Festival Ausschau halten, Lehrer und Bibliothekare, die sich
ein Bild von mir machen wollten, und Buchhändler. Das sollte flott, rein beruflich orientiert, aber sympathisch funktionieren und vor allem nicht viel Zeit kosten.
Als eine Studie der TU meines Heimatstädtchens herausfand,
dass Facebook in den Usern Neid schürt mit all seinen Bildchen, die „Schaut
her! Hier bin ich in meinem wahnsinnig sexy Outfit, an diesem wunderschönen
Ort, gleich beiße ich in diesen unglaublich leckeren Burger, neben mir sitzen diese
ultracoolen Leute und nachher fängt es erst richtig an!“ schreien und ein
höhnisches „Und du so?“ nachschieben, da überprüfte ich alles (Blog, Profil,
Autorenseite) genau darauf hin. Denn das wollte ich nicht. Neidisch sollte
niemand auf mich sein. Beruhigenderweise stellte ich schnell fest, dass ich gar
kein wahnsinnig sexy Outfit besitze und mich so auch nie aus Versehen darin
hätte fotografiert haben können. Ehrlich gesagt, besitze ich auch gar kein
Selfiephone, mit dem man das gemeinhin und eben mal schnell so macht. Und vielleicht auch nicht mal die Figur ... doch das ist ein ganz anderes Thema.
„Letztendlich wollen wir eben alle geliebt werden“, sagt
Katinka. „Darum.“
„Aber bin ich denn so verdammt liebebedürftig, dass ich mich
auf ein „Gefällt mir“ stürze wie ein verhungernder Straßenköter auf einen
angeschimmelten Knochensplitter?“
„Darüber müsstest du vielleicht mal nachdenken“, sagt
Katinka.
„Ja, da hast du recht. Vielleicht läuft ja irgendetwas
schief in meinem Leben.“
Ich lege auf, nicke mit dem Kopf und nehme einen Schluck aus
der Tasse mit kaltem Kaffee. Dann presse ich den Hörer wieder an mein Ohr und drücke
die Wiederwahltaste.
„Katiiiinkaaaa? Aber warum hat mich Nummer 600 nicht mehr
lieb?“
Mittwoch, 9. Juli 2014
Der Keller ist ein kalter Ort – Notunterkünfte für kleine Revoluzzer
Menschen saßen schon immer zusammen, am Feuer zum Beispiel
oder beim Quilten. Die Alten erzählten und die Jungen hörten zu. So erfuhren
sie die Geschichten und Legenden des Stammes oder der Familien.
Und lernten.
„Mama, erzähle uns von früher, als du klein und noch jung
warst!“, wurde ich vom eigenen Offspring aufgefordert. Ich erzähle gerne und so
waren wir oft zusammen – im Auto auf großer Fahrt zum Beispiel, beim Durch-die-Landschaft-Laufen
oder Vor-dem-Zelt-Sitzen – und ich erzählte. Je älter die Kids wurden, desto
älter wurde auch die Protagonistin (ich) meiner Geschichten.
Und so begannen die Fehler. In meinen Erinnerungen
schwelgend, erzählte ich nämlich vor lauter Begeisterung hin und wieder zu
viel. Und die Kinder lernten. Saßen da mit offenen Ohren, offenen Mündern und
ich tauchte mit ihnen in jene verrückte Nacht ein, als ich, 14-jährig,
gemeinsam mit einer Freundin heimlich eine wilde Party mit erstem Bier
(schmeckte nicht) und richtigem DJ erlebte. Wir hatten Schlafsäcke dabei und
die Option bei „dem süßen blonden Typen“ zu übernachten. Leider hatte dessen
Mutter etwas dagegen. Darum standen wir plötzlich mutterseelenallein gegen zwei
Uhr morgens zehn Kilometer vom Heimathafen entfernt im kalten Novembernieselregen.
Wir hängten uns die Schlafsäcke über und liefen durch den finsteren Wald nach
Hause. Da sie ja bei mir und ich bei ihr übernachtete, schlichen meine Freundin
und ich uns in den Keller ihres Elternhauses. Nach unserem nächtlichen Marsch
waren wir sehr sehr hungrig. Das Grillen zweier Wienerwürstchen in Aspik aus der
Voratskammer auf einem alten Bügeleisen wollte nicht schmackhaft gelingen.
Notgedrungen hebelten wir mit einem Stemmeisen eine Thunfischdose auf, verschlangen
den öligen Inhalt und entsorgten die Dose hinter einem Haufen Bretter. Dann
versuchten wir eng aneinander gegabelt in den Schlaf zu finden. Vier
fischbegeisterte Katzen, die sich von einem meterhohen Bretterhaufen nicht
entmutigen lassen wollten, und die deutlichen Minusgrade verhinderten das
jedoch. Schließlich gaben wir auf, schlichen ins Bett der Freundin, wo wir nur
wenige Stunden später entdeckt und bestraft wurden.
Vor etwa zwei Jahren brach das Töchterchen zu einem
Übernachten bei einer Freundin auf. Am nächsten sehr frühen Morgen klingelte
das Telefon. Die aufgeregte Mutter einer ganz anderen Freundin meiner Tochter
war am anderen Ende.
„Weißt du, wo unsere Mädchen heute nacht geschlafen haben?“,
fragte sie.
„Also, meine war bei einer Freundin.“
„Ha! Das stimmt nicht. Die waren bei euch im Keller!“
Der Tag wurde von vielen Tränen, Erklärungen und auch einem
Entschuldigungsgang auf das nächste Polizeirevier bestimmt, wo sich die Mädels
bei den beiden Beamten meldeten, die die ganze Nacht lang sämtliche
Facebookfreunde im Umkreis von 30 Kilometern abgefahren waren. Ich war sehr
froh, dass ich diese ganze Nacht seelenruhig geschlafen hatte und von all dem
gar nichts wusste.
„Aber, Mama, das hast du doch damals auch gemacht“, raunte
mir das Töchterchen zwischendurch zu.
„Na und, das ist kein Argument“, sagte ich und versuchte
mich an einer gestrengen Miene.
„Ich kann sehen, dass du lachen musst“, erwiderte das
freche Weiblein und grinste mich an.
Mittwoch, 2. Juli 2014
Frau Herden ist eine Frau – und das gerne
In meiner heutigen Mittwochskolumne wage ich mich an ein wichtiges Thema und sage: Ich bin gerne Frau und würde auch gerne mal wieder so behandelt werden. Dafür würde ich auch meine geliebte Kapuzenjacke ausziehen.
Ich bin gerne Frau. Mit allem Pipapo. Mit Begegnungen voller
Zuvorkommenheit und Achtsamkeit, mit Beschütztwerden und
Türaufgehaltenbekommen, mit Ausgeführtwerden und Nichtimmerbestimmenwollen
(außer natürlich, wenn ich recht habe).
„Oh, ha!“, höre ich die Emanzen schimpfen. Aber die
schimpfen immer mal, wenn ich etwas sage. Manchmal auch, wenn sie mich nur
sehen.
Dabei hat das gar nichts mit Gleichberechtigung oder
Emanzipiertsein zu tun. Ersteres erwarte ich, das zweite bin ich. Seit
sechzehn Jahren erziehe ich (mit zwei knapp dreijährigen Unterbrechungen)
meine Kinder alleine. Da bleibt einem gar nichts anderes übrig.
Trotzdem.
Wie schön wäre es beispielsweise, einen Anruf von einem
netten Mann zu bekommen (ich ignoriere hier einmal ganz bewusst, dass dieser
Anruf natürlich erst nach dem Kennenlernen eines netten Mannes erfolgen kann
und spreche einfach mal aus Erfahrung), der mich auffordert, eine Tasche für
drei Tage zu packen – je nach dem mit Badeanzug oder Wanderschuhen, vielleicht
auch einem Buch und meinem Kleid für Gelegenheiten – und einfach damit zu
warten, bis er mich abholen kommt. Alles andere sei schon organisiert.
Vielleicht bin ich etwas maßlos? Nun gut, ein Anruf von
einem netten Mann, der sagt, er würde mich in einer Stunde zum Essen abholen
und ich bräuchte weder das Restaurant raussuchen noch dort einen Tisch
reservieren, denn das hätte er alles schon getan und das Lokal sei eine
Überraschung, würde mich schon unendlich glücklich machen.
Denn so etwas kenne ich aus den Filmen der 50er und 60er
Jahre. Leider nur daher.
Ich selbst habe wunderbare Freundschaften und Lieben leben
dürfen. Aber immer war ich auch ein bisschen der Animateur darinnen gewesen.
Dabei wollte ich das nie sein.
„Na und?“, fragen vielleicht manche und verstehen
meine Not nicht. Darum möchte ich ein Beispiel erzählen.
Einmal, es ist viele Jahre her (etwa die Zeit, aus der das Plakat von mir stammt), da
wollte ich die Probe aufs Exempel machen und beweisen, dass ich für den Mann an
meiner Seite oft sogar denken musste.
Wir waren eingeladen und hatten einen sehr großen Salat
bereitet. Wir setzten uns damit ins Auto. Der Mann fuhr. Ich sagte nichts. Der
Mann fuhr die lange Straße hinunter, durch die ganze Stadt, auf den
Autobahnzubringer. Ich sagte nichts.
Kurz vor Frankfurt fragte der Mann: „Wo müssen wir noch mal
hin?“
Ich sagte es ihm.
Die Adresse lag nur wenige Straßen von unserer Wohnung
entfernt. Das Auto hatten wir eigentlich nur wegen des sehr großen Salats
genommen.
„Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?“, wurde ich
angefahren.
Das führte letztendlich zu einem etwas lauteren Gespräch auf
einem Autobahnparkplatz.
„Weißt du, manchmal ist es eben einfacher, dich zu fragen,
als selbst nachzudenken“, ließ er mich ganz unverblümt wissen. Okay, nicht ganz
unverblümt. Er grinste dabei. Und er hatte ein süßes Grinsen.
Versöhnt haben wir dann auch gleich noch dort auf dem
Parkplatz den Salat gegessen.
Ach ja: Eingeladen hatten uns übrigens seine Freunde.
Das letzte Mal ging es um Traditionen. Das passt ja irgendwie zusammen.
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