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Montag, 18. Juni 2018

Die Mutter-Kolumne: Gutes Benehmen. Was ist das überhaupt?

Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, viele machen oder sagen das, aber wieso eigentlich? Dieses Mal: Gutes Benehmen.



„Die Lehrerin sagt, gutes Benehmen ist das Wichtigste“, krähte das Söhnchen. Dann kräuselte sich seine Nase. „Was ist das?“
„Es bedeutet, dass du dich richtig verhältst“, sagte ich.
„Dass ich freundlich bin und einen guten Tag wünsche?“
„Das und noch mehr. Gutes Benehmen ist wichtig, wenn man mit vielen Leuten zusammen lebt. Damit sich niemand ärgern muss und sich alle wohl fühlen.“
„Man darf bei Tisch nicht rülpsen und auch nicht pupsen“, erklärte meine Tochter.
Meine Kinder verloren sich lachend in der Vorstellung einer barbarischen Tischrunde.
„Aber auf dem Klo darf man pupsen“, sagte mein Sohn.
„Es gibt für jeden Ort ein anderes gutes Benehmen“, wusste mein Töchterchen.
Ihr Bruder nickte nachdenklich. „Und alle machen das dann, dieses gute Benehmen?“, fragte er.
„Ja“, antwortete ich etwas zu schnell.
„Woher weiß ich, was das gute Benehmen am Ort ist?“, fragte mein Kleiner.
„Das hat uns doch Mama beigebracht“, rief seine Schwester.
Ich atmete erleichtert auf.

Die Woche verflog. Wie so oft, hatte sich einmal mehr vieles gehäuft. Wir waren im Kino und im Theater gewesen, auf einem Besuch bei den Nachbarn und hatten Stunden im Supermarkt verschwendet. Am Sonntagmorgen fanden wir uns auf dem Sofa wieder. Später hatten wir noch Karten für ein Kinderkonzert, aber gerade einen Moment der Muße.
„Ich habe alles beobachtet“, erzählte das Söhnchen.
„Was denn?“, fragte seine Schwester.
„Ich weiß nun, was gutes Benehmen ist.“ Er holte tief Luft, machte große Augen und zählte auf. „In der Schule muss man Gutentagfraufröhlich sagen, man muss das Leisezeichen machen und darf dem Tischnachbarn nicht die Buntstifte mopsen. Auch nicht den Blauen.“ Er warf mir einen Seitenblick zu, doch ich tat so, als bemerkte ich den nicht. „Im Kino muss man laut miterzählen, mit Tüten knistern oder knutschen.“
Meine Kinder ömmelten sich kurz weg, und ich glaubte, einen sehr trockenen Humor am Sohn entdeckt zu haben. Doch er fuhr fort und meinte es ernst.
„Bei den Nachbarn darf man nichts anfassen, man darf sich nicht auf das weiße Sofa setzen und man muss Kekse essen, obwohl die nicht schmecken. Im Kaufhaus muss man rempeln, man darf anderen Sachen aus dem Korb klauen, an der Kasse rummeckern und die Wagen gegen einen fahren. Im Theater muss man flüstern, zusammen husten, ein bisschen pupsen und schlafen.“
Das Töchterchen brach in helles Gelächter aus.
„Wie kommst du denn da drauf?“, fragte ich konsterniert.
„Habe ich alles gesehen“, erklärte mein Sohn stolz. „Jetzt weiß ich bescheid.“
Ich nahm ihn in den Arm und musste einmal mehr erkennen, nicht alle Erwachsenen sind ein gutes Vorbild.

Auf dem Kinderkonzert herrschte ausgelassene Stimmung. Meine Kinder strahlten um die Wette. Zwischendrin kam mein Kleiner zu mir rübergetanzt.
„Schau Mama“, brüllte er. „Gutes Benehmen ist hier wie verrückt jubeln, klatschen, tanzen und mitsingen. Aber die da“, er zeigte auf eine Gruppe Eltern, die still in einer Ecke abwarteten, bis sie ihren Nachwuchs wieder aufsammeln konnten, „die da, haben ein sehr, sehr schlechtes Benehmen.“


Montag, 23. April 2018

Die Mutter-Kolumne: Das Zauberwort


Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, viele machen oder sagen das, aber wieso eigentlich? Dieses Mal: das Zauberwort.



Auf dem Marktplatz verteilt ein Clown Ballons.
„Ich möchte auch einen“, ruft das Söhnchen.
„Dann hol ihn dir“, sage ich.
„Liebe Mama, machst du das? Da sind so viele andere Kinder“, quengelt der Süße mit auf sehr niedliche Weise aufgerissenen Augen.
„Nein“, bleibe ich standhaft, schaue aber schnell woanders hin. „Ich kaufe ein paar Karotten. Wir treffen uns dann wieder hier.“

Später an selber Stelle habe ich ein Bund Möhren in der Hand, mein Sohn aber keinen Ballon. Er zieht ein Schippchen, und feuchte Spuren auf seinen Wangen erzählen von Kummer.
„Was ist los?“, frage ich. „Ist der Ballon geplatzt?“
„Nein“, knurrt der Kleine.
Ich warte. Doch vor Erregung kann er nichts weiter sagen.

„Wusstest du, dass es ein Zauberwort gibt?“, fragt er mit bebender Unterlippe, als es wieder geht.
Bitte nicht der Zauberwortquatsch, denke ich und schüttele den Kopf.
„Mit dem Zauberwort hätte mir der Clown einen Ballon gegeben“, berichtet mein Söhnchen. „Aber ich wusste es nicht! Niemand hatte es mir verraten!“
Seine Verzweiflung rührt mich an. Dabei hatte ich es bewusst vermieden, meinen Kindern irgendeinen Unsinn von einem Zauberwort zu erzählen. Ich hatte ihnen Höflichkeit näher gebracht, die Worte Bitte und Danke. Ich hatte mit ihnen darüber gesprochen, warum es wichtig ist, freundlich zu sein. Auch, wenn man mal das Gegenüber nicht nett findet. Ich hatte ihnen das vorgelebt und sachte darauf hingewiesen.
Höflichkeit ist keine Zauberei und Bitte nie ein Zauberwort gewesen.

„Warum hast du mir das nicht verraten?“, fragt mein Sohn vorwurfsvoll zuhause.
„Was denn, mein Schatz?“, flöte ich, die Unwissende spielend.
„Dass Bitte das Zauberwort ist“, flüstert er, als müsse er diese Neuigkeit vor fremden Ohren schützen.
„Das ist es doch gar nicht“, widerspreche ich. „Wenn man etwas möchte, dann bittet man darum. Das ist höflich und nicht zauberhaft. Wer hat dir das überhaupt gesagt?“
„Ich“, ruft mein Töchterchen aus ihrem Zimmer. „Es funktioniert wirklich. Wenn ich lieb bitte sage, bekomme ich immer, was ich will“, trötet sie.
Plötzlich bricht sie ab.
„Auweia“, hören wir ein Flüstern und ein leises Klatschen, als hätte sich jemand sehr Niedliches gerade die Hand vor das Schnütchen geschlagen.
„Jetzt ärgert sie sich, weil sie es verraten hat“, stellt mein Sohn fest.
Eigentlich ist er nämlich sehr klug und das schon in seinen jungen Jahren. Diesen Zauberwortunsinn hat er doch sicher nicht ernst genommen.

„Bitte, bitte, bitte“, höre ich es vor dem Schlafengehen aus seinem Zimmer raunen.
Ich linse unbemerkt durch den Türspalt. Der Kleine hockt vor einem Teller. Darauf liegt ein Gummibärchen. Vorsichtig begießt er es mit Wasser.
„Bitte, bitte, bitte“, wispert er dabei beschwörend.
Ich seufze innerlich. Jemand hatte ihm im Kindergarten verraten, wie man angeblich Gummibärchen vermehren kann. Ich weiß, dass ich es nicht übers Herz bringen werde, ihn enttäuscht zu wissen, und lege schon mal die Tüte mit den süßen Bären bereit. Später werde ich mich noch mal in sein Zimmer schleichen – auf einer zauberhaften Mission.


Samstag, 24. März 2018

Die Mutter-Kolumne: Von Schatz und Spatz in der Hand und rosa Kieseln und Tauben auf dem Dach

Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, viele machen oder sagen das, aber wieso eigentlich? Dieses Mal: Der Spatz in der Hand und so weiter ...


Wir hüpften von Fels zu Fels das fast leere Bachbett hinauf, das nur einem murmelnden Rinnsal den Weg bergab wies. Das Töchterchen hüpfte etwas schneller als ihr Bruder und ich.
„Kommt doch mal“, rief sie ungeduldig zurück.
„Kann ich nicht“, murmelte das Söhnchen. „Meine Last ist zu schwer.“
Seine Last waren rundgeschliffene anthrazitfarbene Kiesel, die er auf seine Hosentaschen verteilt hatte. Mit beiden Händen musste er die Hose nun festhalten, damit er sie nicht verlöre. So kann man natürlich nur sehr langsam von Fels zu Fels einen Bachlauf bergan hüpfen.

Am Anfang war auch er noch flink gewesen. Dann hatte er den ersten besonderen Stein gefunden. Ziemlich bald den zweiten, den dritten.
„Schau Mama, wie schön die sind“, hatte er gerufen.
„Wolltest du nicht einen Rosafarbenen finden?“, hatte ich gefragt.

Von den rosafarbenen Steinen hatte uns der alte Mann im Dorf erzählt. Wir hatten in einem Restaurant zu Mittag gegessen, und er saß am Nebentisch. Er hatte uns einen glatten, sanft schimmernden, perfekt runden Kiesel gezeigt.
„Die kann man im Bachbett hinterm Restaurant finden. Weit oben und wenn man großes Glück hat“, erzählte er.
Nach dem Essen waren wir zur Schatzsuche aufgebrochen.

„Die Rosanen liegen weiter oben“, rief das Töchterchen ungeduldig. „Lass doch deine Steine fallen, dann kannst du schneller klettern.“
„Niemals. Das sind meine Schätze!“, antwortete ihr Bruder.
„Das sind keine echten Schätze. Die echten sind die Schimmernden“, sagte meine Tochter.
„Gar nicht. Meine sind auch Schätze. Vielleicht sind sie nicht so schatzig wie die Rosanen, aber sie sind trotzdem kostbar. Erst recht, weil ich sie schon habe“, brummte der kleine Kerl und schleppte sich weiter.
Weit voran stürmte seine Schwester, hopste von Stein zu Stein, bückte sich immer mal wieder, hatte aber noch keines der mineralischen Stücke gefunden.

„Stimmt´s, Mama, meine Steine sind echte Schätze. Sogar noch echter als die Rosanen. Denn die sind ja gar nicht da“, meinte das Söhnchen. „Und ein echter Schatz ist doch viel besser als einer, der gar nicht da ist.“
„Aber Mama, mein rosa Stein ist doch viel wertvoller, auch wenn ich ihn noch nicht gefunden habe“, widersprach das Töchterchen. „Außerdem kann ich schon mal davon träumen.“
Die beiden schauten mich mit großen Augen an. Ich sollte entscheiden. War der Spatz in der Hand der größere Schatz als die stolze Taube auf dem Dach? Ich wusste es nicht.
„Vielleicht ist das für jeden anders?“, schlug das Töchterchen vor.
Mein Sohn hielt sich die schwere Hose fest und nickte gewichtig. „Ja. Die einen finden einen Stein schön, den sie haben, der aber vielleicht nur grau ist–“
„Und die anderen wollen keinen grauen Schatz, sondern träumen lieber von einem der rosa ist“, beendete seine Schwester den Satz.
Besser hätte es wahrscheinlich niemand sagen können.
Nicht einmal ihre kluge Mutter, die eine Träne der Rührung aus den Augen wischte und sich dann nach zwei rosafarbenen Kieselchen bückte, die sich unter einem der Felsen verklemmt hatten.

Mittwoch, 14. Februar 2018

Die Mutter-Kolumne: Wer petzt ist doof! Wirklich?

Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, viele machen oder sagen das, aber wieso eigentlich?


„Kim hat gesagt, man darf sich ein Bonbon aus Frau Fröhlichs Schreibtischschublade nehmen, und als ich das gemacht habe, hat er mich verpetzt, und ich habe Ärger gekriegt!“
Meine Tochter war weinend aus der Schule gekommen, hatte sich in meine Arme geworfen und geschluchzt.
„Mein Süß, das war gemein von Kim. Petzen ist doof“, sagte ich. Verschwieg jedoch, wie gemein und doof ich Kims Verhalten tatsächlich fand.
„Blöde Petze!“, krähte das Söhnchen.
„Kim ist ein Junge“, schnuffelte meine Tochter.
„Blöder Petzer!“, rief ihr Bruder. „Petzen kann keiner leiden.“

Dann verschwanden nach und nach der Salzstreuer, das Stövchen und die Kaminhölzer, der getrocknete Oregano, eine Zitrone, der letzte Rest Mehl, der lange Kaffeelöffel und die gläserne Teekanne.
„Habt ihr diese Sachen?“, fragte ich die kleine Schar.
Sie verneinte unisono und vehement.
„Seltsam“, dachte ich. „Habe ich diese Sachen verlegt?“
Wo hatte ich nur meinen Kopf?

Vielleicht beim Söhnchen. Denn das gefiel mir nicht. Es schien bekümmert. Schlich tagelang herum, wie von Sorgen erdrückt.
„Hast du Kummer, mein Schatz?“, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf.
„Ist alles okay?“, fragte ich wieder.
„Alles gut“, knurrte der Kleine und schlich weiter.
Besorgt schaute ich ihm nach.

Es war ein Sonntagmorgen. Seit einigen Wochen durfte ich den gemütlich in meinem Bett verbringen. Die Kinder nahmen sich ein Müsli, und später kochte ich zu Mittag. Da hörte ich das Getrampel rennender nackter Kinderfüße. Dann wurde meine Zimmertür aufgestoßen. Atemlos und mit schreckgeweiteten Augen stand mein Sohn auf der Schwelle.
„Mama!“
„Was ist los?“, krächzte ich, innerlich zu Blitzeis erstarrt.
„Ich bin kein blöder Petzer!“, schrie der Kleine, und schiere Qual stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Nein, das bist du nicht“, beruhigte ich ihn. „Aber was ist los!“
„Das Labor brennt!“
„Das Labor?“, rief ich.
Alarmiert sprang ich aus dem Bett, verhedderte mich in der Decke, fiel auf die Knie und unterdrückte ein Aufstöhnen. Das fiel mir nicht schwer, denn ich musste ja sowieso schreien.
„Sag mir sofort von welchem Labor du sprichst?“
„Das Chemielabor in unserem Zimmer“, presste mein Söhnchen hervor.
Doch da war ich schon vorausgestürmt, griff ein Handtuch, riss die Kinderzimmertür auf, kämpfte mich durch seltsam wohlduftende Rauchschwaden und warf mich mutig dem kleinen Schwelbrand in der verschwundenen gläsernen Teekanne entgegen.

„Ich wollte doch ein großer Chemiker sein und Gold erfinden“, wisperte das Töchterchen, nachdem ich die Flamme ausgepustet hatte.
„Aus Salz, Oregano, Zitrone und Mehl?“, fragte ich.
Das süße Wesen nickte. Langsam beruhigten sich meine zitternden Beine.
„Ich habe das lange geplant“, murmelte die Kleine.
„Und ich wollte kein blöder Petzer sein“, sagte der Sohn von der Tür her.
Genau erkennen konnte ich ihn nicht, zu viele Rauchschwaden lagen zwischen uns.

Aber in einem sah ich klar. Das Thema Petzen war ein vielschichtiges. Darüber zu reden erforderte Kekse und heißen Tee. Zum Glück war die Kanne wieder da.

Sonntag, 28. Januar 2018

Die Mutter-Kolumne: Wer trödelt verpasst das halbe Leben. Echt jetzt?

Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, viele machen oder sagen das, aber wieso eigentlich?



„Der frühe Vogel fängt den dicksten Wurm!“, rief ich.
„Ihhhh! Würmer“, schallte es aus der Wohnung zurück.
Sonst passierte nichts.
Kein Wunder, das war ein denkbar unappetitlicher Spruch gewesen. Doch alles andere hatte ich schon versucht. Ich hatte geflötet, gelockt, gemahnt, erpresst und gedroht. In dieser Reihenfolge. Mindestens dreimal hintereinander.
Nun stand ich gesattelt und gespornt, besser gesagt, bejackt und beschuht, außerdem mit der Mülltüte und dem Altglas beladen – wir wohnen im Dachgeschoß, da will jeder Treppengang wohl durchdacht sein – seit einer Viertelstunde im Treppenhaus und schwitzte vor mich hin. Der Satz vor dem wurmlastigen war nämlich „Ich gehe jetzt los!“ gewesen. Vielleicht sollte ich das nun auch wirklich tun.
„Ich gehe jetzt los!“, rief ich zur Wohnungstür hinein.
„Das hast du schon gesagt“, antworteten mir zwei abwesende Stimmchen.

Wütend stapfte ich die Treppe hinunter.

Dabei hatte ich heute gar nicht raus gewollt, sondern gemütlich lesend den grauen Tag auf dem Sofa verbringen wollen. Es waren meine Kinder, die doch noch das Theaterstück sehen wollten.

Wütend knallte ich den Mülltonnendeckel zu.

Es war stets das Gleiche. Obwohl ich rechtzeitig zum Aufbruch blies, wohlweislich jedes Mal ein wenig früher, kamen die zwei nicht zu Potte und wir ständig völlig abgehetzt und ein wenig zu spät irgendwo an.

Wütend warf ich das Glas in den Container. 
Flasche für Flasche. Die kleine, gummibeschürzte Öffnung ließ nichts anderes zu.

Mir ist Pünktlichkeit wichtig. Ich beeile mich, wenn ich einen Termin oder eine Verabredung habe.

Für die weißen Flaschen gab es ein anderes Loch als für die grünen oder die braunen.

Meistens bin ich sogar zu früh und warte. Oft auch länger.

Ich lauschte dem Geräusch einer jeden Flasche nach. Zersprang sie in tausend Stücke oder blieb sie heil? Ich schloss innere Wetten ab.

Manchmal warte ich auch zu lang auf die anderen. Öfter sogar. Das ist eigentlich auch nicht schön.

Endlich kam meine kleine Schar angehüpft.
„Was habt ihr denn noch so lange gemacht?“, fragte ich.
Einiges, erfuhr ich. Die Zähne nach der neuen Anleitung – der Zahnarzt war gestern in der Schule – geputzt, das Arrangement verschiedener Fundsachen auf dem Schreibtisch neu sortiert, mit fünf blöden Socken gekämpft, etwas Verlorenes unterm Bett gefunden, drei Seiten im LTB angeschaut, dieses eine bestimmte Kleid gesucht und eine Kette dazu gefädelt, etwas Kleines gegessen, noch einmal auf dem Klo–
Der Glockenschlag der Kirchenuhr unterbrach die Aufzählungen.
„Auweia! Wir müssen uns beeilen!“, rief das Töchterchen, und die beiden flitzten los.
Erstaunt sah ich der Staubwolke dabei zu, wie sie sich langsam wieder legte. Es war also möglich. 

Da begriff ich etwas. Es ging im Leben meiner Rabaukelchen nicht ums Verplempern von Zeit, sondern schlicht um Prioritäten, die sie sich selbst setzten. Etwas, das ich nicht mehr so oft tun konnte, und viele in meinem Alter gar nicht mehr.
„Möge ihnen das noch sehr lange gelingen“, wünschte ich und rannte ihnen nach.

Dienstag, 16. Januar 2018

Die Mutter-Kolumne: Carpe Diem! – Aber was bedeutet das?

Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, viele machen oder sagen das, aber wieso eigentlich?


„Kapert die M.!“, rief das Söhnchen.
„Wer ist die M.?“, fragte seine Schwester.
„Weiß nicht. Hat die Lehrerin gesagt“, knurrte der Sproß.
„Unsere Nachbarin Frau Müller?“, fragte meine Tochter.
„Ihhh! Die will keiner kapern.“
„Vielleicht Malzbonbons“, sagte ich. „Kapert die Malzbonbons!“
„Was ist das denn?“, fragte mein Sohn.
„Wir können welche machen“, schlug ich vor.
„Au ja!“, riefen die Kinder und folgten mir in die Küche.

Die Malzbonbons schmeckten nicht wirklich, aber wir hatten eine Pfanne zerstört, uns alle etwas verbrannt, und wir hatten Mühe hineingesteckt. Also saßen wir auf dem Sofa und lutschten die bitteren Brocken.
„Die M. könnte ein Schiff sein“, überlegte meine Süße.
„Das Piratenschiff Die Mäusebraut“, sagte der Sohn kichernd.
„Das gefährlichste Schiff jenseits der Polargewässer“, meinte das Töchterchen. „Lasst sie uns mit den neuen Buntstiften malen.“
Die neuen Buntstifte waren prächtig, noch prächtiger war Die Mäusebraut, die mit ihrer Hilfe und vier kleinen Händen entstand. Es würde nicht einfach sein, sie zu kapern.

„Oder die M. sind die Murkelliesen“, überlegte die Schwester, nachdem wir das Werk an unsere Gemäldewand gehängt hatten. „Kapert die Murkelliesen.“
„Wer sind die Murkelliesen?“, wollte der Bruder wissen.
„Oh, die kenne ich“, begann ich raunend zu erzählen. Ich erzähle sehr gern Geschichten. Wir kuschelten uns wieder auf das Sofa. Obendrauf legten wir die gemütliche Decke. „Die Murkelliesen kommen nur in schwarzen Nächten aus dem Moor, greinend wabern sie die dunklen Straßen entlang. Murkelt uns, ihr Leute, rufen sie mit ihren schrecklichen Stimmen. Murkelt uns, denn uns ist so kalt im öden Moor.“
„Und dann?“, fragte das Söhnchen aufgeregt.
„Und dann–“, hob ich an.
„Und dann–“, unterbrach meine Tochter.
Flink übernahm sie die Geschichte der gekaperten, grausligen Murkelliesen. Es herrschte eine lustvolle Konkurrenz zwischen den familiären Bänkelsängern. Wir lutschten noch ein paar Malzbonbons.
„Die Leute haben Angst, dabei wollen die Murkelliesen nur eine Umarmung. Aber wenn man eine Murkelliese berührt, wird man ganz nass und kalt und auch ein bisschen schleimig.“
„Brrr“, machte mein Sohn und schüttelte sich wohlig.

Am Ende der Geschichte, war auch der Nachmittag zu Ende. Wir hatten alles verpasst. Ballett und Hapkido, die Hausis waren nicht gemacht und das Abendbrot hatte ich nicht zubereitet. Dabei sollte es doch einen besonderen Getreideauflauf geben. Einen den ich nicht ganz so schlimm fand und der äußerst gesund zu sein schien.
„Wir haben nicht die M. gekapert“, stellte das Söhnchen fest. „Wenn man die M. kapert wird man klug und schön und ein guter Mensch. Man nutzt den Tag.“
„Auweia, wir haben ja nicht mal Ballet und Hausis gemacht und nur Bonbons gegessen“, sagte die Schwester.
„Hat aber mehr Spaß gemacht, als eine blöde M. zu kapern, oder?“, meinte der Bruder, und die beiden grinsten sich an.

Ich lächelte vor mich hin. Carpe Diem heißt Genieße den Tag, nicht Nutze den Tag. Ob man davon klug, schön und gut wird, weiß ich nicht. Aber wir waren glücklich.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Die Mutterkolumne: Adventszeit und Besinnlichkeit – Ha! Von wegen!

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas versuche ich
auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen oder sagen das, aber wieso eigentlich?



Wir sangen. 
O, du fröhliche, O, du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit.
„Was heißt das?“, fragte mein Sohn.
„Dass die Weihnachtszeit besinnlich und voll Spaß ist, und dass sie uns Gaben bringt“, krähte das Töchterchen.
„Also eigentlich–“
„Wir kriegen Plätzchen und Schokolade, Vorlesegeschichten und Weihnachtsmarkt, Kerzen und Marshmallows, wir basteln und singen mit Mama“, zählte meine Süße auf.
„O, basteln auch?“, murmelte mein Söhnchen. Doch dann hellte sich sein Gesicht auf. „Das wird schön.“
Seine Schwester nickte begeistert. Ich versuchte, meine Beklommenheit weg zu atmen. Denn es ist nicht leicht mit dieser besinnlich fröhlichen Weihnachtszeit. Wenn man sich dafür nicht einen festen Plan macht, ist sie plötzlich vorbei und man selbst liegt erschöpft und drei Kilo schwerer in einer Sofaecke. Ich persönlich bin eher in den Tagen zwischen den Jahren besinnlich.

Dieses Mal sollte es anders sein.
„Sind wir heute besinnlich?“, fragte mein Sohn morgens.
An den geöffneten Klappen seines Adventskalenders sah er genau, dass es langsam knapp wurde. Bis zum 16. Türchen war nicht recht Muße für die Gaben dieser besonderen Zeit gewesen.
„Aber heute“, bestimmte darum das Töchterchen.
„Ja“, sagte ich. „Heute.“
Wir wollten Weihnachtslieder hören, Plätzchen backen, süßen Kakao trinken und Geschichten erzählen. Mit strahlenden Augen standen Bruder und Schwester in der Küche.
Und dann ging alles schief.

Zuerst fielen die Tütchen mit den bunten Zuckerperlen runter.
„Nicht schlimm!“, riefen meine Kinder von unterm Küchenschrank hervor, wo sie die Hunderte winzigen Perlen wieder aufsammelten. Sie brachten auch andere Sachen von dort unten mit. Zwei davon gingen sogar als Gaben durch. Der Rest war eher eklig.
Ich hatte die Eier vergessen. Doch meine beiden rannten die Stufen zum netten Nachbarn hinunter. Der war ob der dreckigen Pullis der Kinder etwas erschrocken, hatte aber noch Eier übrig. Er kam gleich auf einen Kaffee mit hoch. Vielleicht dachte er, wir bräuchten Hilfe bei irgendetwas.
Mit Eifer stachen wir Pinguine, Herzen und Elche aus. Dabei sangen wir Piratenlieder, weil der Nachbar nichts anderes kannte.
Stolz blickten meine Kinder, der Nachbar und ich auf die ausgestochenen Teiglinge. Beim Hineinschieben in den heißen Ofen verbrannte ich mir dann den Handrücken. Der Nachbar revanchierte sich für den Kaffee mit Brandsalbe und einem Verband. Das schaffte er in sieben Minuten und zur beinahe vorgeschriebenen Zeit holten wir das Blech aus dem Ofen. Darauf lag eine blechgroße Keksplatte, die war an den Rändern etwas schwarz. Mir schossen Tränen in die Augen.
„Ein Monsterkeks!“, jubelten jedoch meine Kinder.

Wir waren gerade dabei, den Monsterkeks mit allem, was die süße Schublade hergab, zu verzieren, als es klingelte. Die Nachbarin suchte ihren Mann.
„Jetzt schimpft sie ihn aus“, erklärte mein Töchterchen.
„Weil er Spaß mit uns hatte und nicht mit ihr“, bekräftigte mein Sohn.
„Spaß?“, fragte ich matt.
Die beiden nickten.
„Weihnachtszeit ist supertoll, Mama! Und wir haben noch sieben Tage übrig.“

Samstag, 18. November 2017

Die Mutterkolumne – Vergebung ist die beste Rache – Wirklich?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas versuche ich
auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen oder sagen das, aber wieso eigentlich?



„Das wird er büßen!“, rief mein Sohn.
Ich starrte ihn an. Dass er dieses Wort kennt, dachte ich stolz. Dann wurde mir klar, was er da sagte.
„Wer wird was büßen, mein Schatz?“, fragte ich.
„Tim! Er hat mich angelogen. Er hat gar kein echtes Laserschwert hinterm Schrank. Ich habe ihm jeden Tag meinen Nachtisch gegeben, damit er es mir zeigt. Aber er hat gar keins! Das gibt Rache!“
„Wer sich rächt, hat ein kleines Herz“, sagte ich.
Ich wusste, dass er stolz auf sein großes Herz war. So eines hatte ihm der Kindergärtner bescheinigt. Weil er jemandem beim Tischdienst geholfen hatte. Ich glaube, das war Tim. Tim mit dem Laserschwert. Mhm.
„Rache ist süß. Viel süßer als der Nachtisch im Kindergarten“, knurrte mein Söhnchen noch immer fuchsteufelswild.
„Rache ist Blutwurst“, erwiderte ich.
„Ihhh, Blutwurst“, machte der Kleine und verzog das Gesicht. „Blutwurst will ich nicht.“ Dann blickte er mich aus großen Augen an. „Aber ich bin so sauer. Tim hat mich belogen und betrogen. Und beim Tischdienst habe ich ihm auch geholfen.“
„Du hast trotzdem ein sehr großes Herz“, rutschte es mir heraus.
„Das weiß ich doch“, sagte mein Kind verwundert.
„Wenn man seinen Ärger runterschluckt, kriegt man Schluckauf“, mischte sich das Töchterchen ein. „Man darf sich nicht alles einfach so gefallen lassen.“
„Genau!“, kam es grimmig vom kleinen Bruder.
Ich musste zugeben, dass das so in etwa stimmte. Sich etwas schweigend gefallen zu lassen, ist nicht der richtige Weg. Blinde Rache aber auch nicht. Worte wie Vergeltung, Befriedigung, Gerechtigkeit und Verzeihen kamen mir in den Sinn. Ein großes Thema, das so mancher Erwachsene noch nicht versteht.
„Wenn du dich an Tim rächst, dann rächt er sich wieder an dir und du dich wieder an ihm und so weiter und so weiter. Dann habt ihr keine Zeit mehr, Freunde zu sein“, sagte ich.
„Das stimmt“, bestätigte die Große. „Das wär blöd.“
Der Kleine nickte. „Aber ich will auch keinen Schluckauf kriegen.“
„Ich hab´s! Du nimmst Rache in Gedanken“, rief meine Tochter. „Du denkst dir einfach aus, wie du dich an Tim rächst. Machen musst du es ja nicht.“ Ein strahlendes Lächeln stahl sich in ihr Gesicht. „Du kannst ihn an den Ohren an die Wäscheleine hängen.“
„Au ja!“, jubelte mein Söhnchen.
„Und dann ziehst du ihm die Hose runter“, steigerte sich die große Schwester in rächende Fantasien.
„Wie peinlich“, juchzte ihr Brüderlein.
„Und dann erzählst du allen im Kindergarten, dass es hinten bei der Wäscheleine etwas Spannendes zu gucken gibt“, begeisterte sich meine geliebte Tochter immer mehr.
„Hihi“, freute sich mein nicht minder geliebter Sohn.
Ich wusste für einen Moment nicht genau, ob ich mir ernsthafte Gedanken machen sollte oder mich einfach am Einfallsreichtum meines Kindes erfreuen durfte.
„Ich weiß was!“, rief mein Sohn. „Ich ersteche Tim mit seinem Laserschwert.“
„Ich dachte, das gibt’s gar nicht“, meinte die Süße.
Mein Kleiner mit dem großen Herzen nickte heftig und grinste über beide Backen. „Gut, ne?“

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Die Mutterkolumne – Morgen tut es nicht mehr weh, oder: Das Recht auf Schmerz und Traurigkeit

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas versuche ich auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen oder sagen das, aber wieso eigentlich?



„Omi sagt, wenn du heiratest tut es nicht mehr weh“, tröstete das Töchterchen.
Empört blickte ihr Bruder mit tränenverhangenen Augen zu ihr auf. „Das dauert ja noch hundert Jahre! Und was ist, wenn ich keine Frau finde? Außerdem weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt heiraten will.“
Dann stiefelte er davon, hinein in seine kleine Schmollecke. Dabei hielt er sich den Arm, den er sich an der Tür gestoßen hatte. Warum er allerdings auch humpeln musste, war mir entgangen.

Ich beobachtete heimlich das kleine Kerlchen in seinem Eckchen. Es warf mal schmerzverzehrte, mal wütende Blicke durch den Raum. Hin und wieder pustete es auf seinen Arm. Zwei weitere Trostversuche – Gummibärchen und etwas zusammen spielen – lehnte es ab.

Schließlich setzte ich mich zu ihm. „Tut der Arm noch dolle weh?“, fragte ich.
Er schüttelte erst den Kopf, um dann ganz schnell und sehr heftig zu nicken.
„Man kann da gar nichts machen? Niemand? Keine Schwester und auch keine Mama?“
„Nein. Es tut dolle, dolle weh. Und niemand kann was machen.“
„Könnte ein kleines Eis helfen?“
„Ein kleines Eis?“, flüsterte er empört.
„Vielleicht ein großes?“
„Mama, ich weiß, dass du es nicht magst, wenn mir was weh tut. Aber manchmal kann ein Eis nicht so groß sein wie das Aua.“
„Oh, mein armer Schatz, so sehr schmerzt dein Bein?“
Mein Kleiner nickte.
„Oder war es der Arm?“, fragte ich nach.
„Der auch. Und mein Bauch. Ich will jetzt auch gerne alleine sein. Mindestens fünf Minuten“, sagte mein geliebter Sohn.

Ich ging in die Küche und legte die Zutaten für den Familienlieblingskuchen bereit.
„Weißt du Mama, wenn das Bein, der Arm und der Bauch weh tun, weil man sich ein bisschen an der Tür gestoßen hat, dann ist es eigentlich das Herz“, sagte mein Töchterchen und schlug ein Ei in die Rührschüssel. „Und dann helfen auch kein Eis und keine Gummibärchen.“
„Weißt du, warum sein Herz weh tut?“, fragte ich mein weise Kleine.
„Ich glaube, er hat sich sehr dolle mit seinem Freund Tim gestritten, und Tim hat gemeine Sachen zu ihm gesagt.“
Ich nickte. „Das ist wirklich sehr schlimm.“
„Und darum muss jetzt eine Weile sein Arm weh tun, bis es wieder gut ist.“
Ich nickte wieder. Aus dem Schmolleckchen drang ein leises Weinen. Mein Herz tat mir nun auch furchtbar weh. Ich zwang mich, das Mehl zu sieben.
„Ganz manchmal will man dann auch keine Mama, sondern einfach ein bisschen weinen“, sagte meine Tochter und legte ihre kleinen butterverschmierten Finger zum Trost auf meine Hand.
„Verstehe“, murmelte ich.

Wir schoben den Kuchen in den Ofen, schnappten uns jeder eine entsprechende Zeitschrift, setzten uns auf das Sofa neben der Schmollecke, taten so als würden wir die Zeitschriften anschauen, und warteten.
„Was riecht hier so lecker?“, ertönte es endlich aus dem Eckchen. „Etwa Familienlieblingskuchen? Sind fünf Minuten schon um?“
Da machte mein Mutterherz einen freudig erleichterten Hüpfer.

Samstag, 9. September 2017

Die Mutter-Kolumne – Nimm dich nicht so wichtig! Wie falsch dieser Satz wirklich ist.

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas versuche ich auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen oder sagen das, aber wieso eigentlich?


„Nimm dich nicht so wichtig!“
Der Satz war mir herausgerutscht. In einem schwierigen Moment, der mehr Synapsen erfordert hatte, als gerade frei waren. Müde war ich auch und darum war mir ein Bedürfnis meiner Tochter wie Quengelei erschienen. Kurzschluss. Übersprungshandlung. Nur Sekundenbruchteile danach das Bedauern darüber, was ich soeben gesagt hatte.
Das Töchterchen starrte mich mit großen Augen an. „Ich dachte, wir sind das Wichtigste, das du hast“, sagte sie.
„Natürlich seid ihr das, meine Süße.“ 
Ich riss sie in meine Arme. 
„Ich habe es nicht so gemeint.“
„Also, stimmt es nicht?“, fragte die Kleine. „Ich darf mich wichtig nehmen?“
„Natürlich, mein Schatz.“
„Weil ich wichtig bin?“
„Ganz genau so ist es. Du bist wichtig, und du sollst dich wichtig nehmen.“
Sie nickte. 
„Das ist sehr gut, Mama“, sagte sie mit Nachdruck. „Dann hast du nämlich auch etwas großes Wichtiges im Leben. Weil du ja keine Zeit hast, für dich selber wichtig zu sein.“

Fassungslos schaute ich ihr nach, wie sie mit flatternden Zöpfchen davonhüpfte.
Hatte sie meinen herausgerutschten Satz etwa nur darauf bezogen, dass mein Wichtigstes ziemlich klein wäre, wenn sie sich selbst nicht wichtig nehmen würde? Ging es ihr um mich und mein Wohlergehen? Machten ihr meine Worte persönlich gar nichts aus? Stand sie darüber, weil sie vielleicht fühlte und so auch wusste, dass sie wichtig ist?
Und dann war da noch dieser andere Satz. Was lebte ich meinen Kindern eigentlich vor, wenn ich mir niemals Zeit für mich nahm, meine Bedürfnisse immer hintenanstellte und mich mit schiefem Lächeln quasi aufopferte?
Um Himmels willen, war meine Tochter etwa eine große Philosophin mit einem sehr tiefen Verständnis für die Dinge des Lebens?
Darüber musste ich erst einmal nachdenken.

Ich ließ die Wäsche vor der Maschine liegen, schob den Staubsauger aus dem Weg und schnippte gegen den Stapel gräulicher Briefumschläge mit unserer Adresse darauf, so dass er hinter die Kommode rutschte. In der Küche schloss ich am Spülbecken kurz die Augen, schaltete den Herd mit dem kochenden Nudelwasser aus und mixte mir eine Bananenmilch. Auf dem Weg zum Balkon ließ ich das Telefon klingeln, die Türglocke schellen und fuhr den Rechner mit der offenen Word-Datei herunter.
Ich machte es mir im Liegestuhl gemütlich. Schön war es auf dem Balkon. Obwohl ich dringend– psst! Schön war es hier. Obwohl ich gar nicht dazu gekommen war– psst! Schön war es.
Späte Hummeln summten um die letzten Sommerblüten, irgendwo jubilierte ein engagiertes Amselmännchen, Lachen drang aus dem Kinderzimmer, ein lauer Wind streichelte mein Gesicht, und am blauen Himmel gaben sich weiße Wattewolken Mühe, irgend etwas anderes zu sein.
Ich ließ meine Beine und die Seele baumeln.

„Mama!“, krähte das Söhnchen.
„Psst!“, machte meine Tochter. „Mama sitzt mit Bananenmilch auf dem Balkon.“
„Ich will auch Bananenmilch!“, forderte der kleine Bruder.
„Das geht jetzt nicht“, erklärte mein Töchterchen. „Mama nimmt sich gerade wichtig.“
Beseelt schloss ich die Augen.
Später würde ich der großen Kleinen mal zeigen, wie man mit dem Mixer umgeht.

Freitag, 18. August 2017

Die Mutter-Kolumne – Dafür bist du noch zu klein

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich?


Wir balancierten und kletterten über schmale Stege, Stämme und Felsen. Das Töchterchen vorne weg und sicher im Tritt, ich hinterdrein, wackelnd und unsicher. Gemeinsam unterwegs auf einem Nicht-den-Boden-berühren-Pfad.
„Warte doch mal! Ich kann das nicht so gut“, rief ich.
„Klar, weil du schon groß bist“, rief sie über die Schulter zurück. „Große können so was nicht.“
Ich glaubte, ein wenig Triumph in ihrer Stimme zu hören, dann war sie um die nächste Ecke gebogen.
„Mama, mach mal Platz!“, kam es von hinten.
Das Söhnchen drängelte an mir vorbei. Ich verlor die Balance und musste einen verbotenen Schritt auf den Boden setzen.
„Das habe ich gesehen“, jubelte es vor mir.

Am Ende des halbstündigen Weges warteten sie auf mich. Sehnsucht im Gesicht. Aber nicht meinetwegen. Neben ihnen bot ein Eisstand seine süßen Waren an.
„Du warst echt eine lahme Ente“, krähte mir mein frecher Sproß entgegen.
„Pst!“, machte seine Schwester. „Wir wollen doch ein Eis.“
„Immer müssen wir fragen“, grummelte mein Sohn. „Immer hat Mama das Geld und darf bestimmen. Dabei weiß ich doch viel besser, ob ich ein Eis brauche oder nicht. Ist doch mein Bauch.“
„Wir sind eben noch Kinder“, sagte meine kluge Tochter.
Ich lächelte sie an und stellte mich hinter die drei Wartenden am Eiswagen.
„Kinder dürfen nämlich nicht selbst bestimmen. Das ist sehr gemein“, hörte ich da mein größeres Kind dem kleineren erklären.
„Aber warum ist das so, wenn es gemein ist?“, fragte das.
Unauffällig drehte ich mich um.
Das bezopfte Wesen zuckte gerade die Schultern. „Wahrscheinlich haben die Erwachsenen ein bisschen Angst vor uns Kindern.“
„Warum?“, wollte mein Sohn wissen.
„Na, weil wir klüger sind. Mama hat sich heute dreimal verfahren. Ich wusste den Weg hierher noch ganz genau.“
Der Kleine nickte. „Ich auch.“
„Balancieren und klettern kann sie auch nicht so gut“, fuhr mein geliebtes Töchterchen fort.
„Stimmt“, freute sich mein Sohn.
„Dreimal je Erdbeer und Vanille“, bestellte ich mit angespannter Stimme.

Wir saßen und schleckten unser Eis. Unauffällig betrachtete ich meine beiden. Sie wirkten völlig unschuldig und mir wollte einfach nichts Kluges zumThema einfallen. Andererseits hatten sie mich ja auch gar nichts gefragt.
Die Sonne schien. Das Eis schmolz schneller, als die Kinderzungen lecken konnten.
„Mama, ich muss Hände waschen“, krähte das Söhnchen.
Ich deutete zum Klohäuschen. „Kannst du dort machen.“
„Ich will nicht alleine“, jammerte das Kerlchen los. „Du musst mit.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, mein Schatz. Das schaffst du schon. Wer sechs Jahre alt ist, kann allein seine Hände waschen gehen.“
„Sonst bin ich immer zu klein“, meckerte er.
„Ich komme mit“, sagte seine Schwester.
Gemeinsam liefen sie zum Häuschen.
„Wann war eigentlich die Zeit zwischen dafür bist du noch zu klein und das kannst du allein, du bist doch schon so alt?“, hörte ich mein Söhnchen seine drei Jahre ältere Schwester fragen.
„Daran kann ich mich nicht erinnern“, antwortete diese. „Die war, glaube ich, niemals.“
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Samstag, 17. Juni 2017

Die Mutter-Kolumne – Verwöhnen tut nicht gut! Wer sagt das denn?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



Wir hatten nie viel Geld. Aber es gab ja Kinderflohmärkte. Von denen schleppte ich Beutel voller Bücher, CDs, Comics, kleine Spielwelten, Püppchen, Plastikroboter, Legofiguren und Ähnliches ins Zuhause. Erstens bin ich eine Schatzsucherin und zweitens, und noch viel wichtiger, gab es nichts Schöneres, als meinen Kindern eine Freude zu machen.

„Omi sagt, du verwöhnst uns“, meinte das Töchterchen eines Tages.
„Und Opo sagt das auch“, krähte das Söhnchen hinterdrein.
„Wenn Kinder zu sehr verwöhnt werden, dann können sie keine guten Menschen sein. Sie wissen nichts von wertvollen Dingen und verschwenden alles“, ergänzte das niedlich bezopfte Wesen der Kinderschar.
Mein Sohn nickte gewichtig dazu.
Himmel, wenn einem schon die eigenen Kinder sagen, dass man sie zu sehr verwöhnt, dann muss da viel Wahres dran sein. Ich selbst war auch schon etwas unsicher geworden.
Gedankenverloren stieg ich mehrfach über die Schlange aus Playmobilszenerien, Cowboy-Forts, Polly Pocket Häuschen und Legoaufbauten, die sich meterlang durch unsere Wohnung wand. Die Kinder hatten sie tagelang in versunkener Lust aneinandergereiht, glücklich über jede Station und jedes einzelne Figürchen, das sie hinzufügen konnten. Seitdem bespielten sie sie, sobald sie nach Hause kamen. Nun schien diese Spielzeugschlange der anklagende Beweis für mein pädagogisches Fehlverhalten zu sein.

Seufzend strich ich die nächsten Flohmarkttermine aus meinem Kalender. Dann leerte ich die Belohnungskiste. Dabei hatte ich die als eine ganz besonders clevere Möglichkeit des Schenkens eingeführt. Meine Lieben durften sich nämlich jedes Mal etwas herausnehmen, wenn sie etwas gut gemacht hatten. Okay, manchmal auch, wenn sie einfach etwas gemacht hatten. Ihr Zimmer aufgeräumt, zum Beispiel, oder wenigstens die dreckigen Socken neben die Waschmaschine gelegt hatten. Also gut, einen Socken.
Eigentlich wusste ich ziemlich genau, was meine Eltern meinten.

Meine Kinder allerdings nicht. Nur wenige Tage später erlauschte ich zufällig das Gespräch im gemeinsamen Bade.
„Die Belohnungskiste ist ganz leer“, raunte das Söhnchen.
„Ja, das habe ich gesehen“, meinte das Töchterchen.
„Jetzt müssen wir nicht mehr Zimmer aufräumen, wenn wir ein kleines Geschenk wollen“, hoffte mein Sohn.
„Nee. Das kann nicht sein. Ich glaube, wir kriegen keine kleinen Geschenke mehr“, vermutete meine Tochter. „Wir hätten Mama nicht das mit dem Verwöhnen sagen dürfen.“
„So was Doofes“, schimpfte das Söhnchen.
„Wir hätten lieber das andere erzählen sollen, was Omi auch gesagt hat“, überlegte das Töchterchen.
„Du meinst das mit dem Kea... Kreta... Du weißt schon, was ich meine“, fauchte das Söhnchen, wütend über den doppelten Unbill, erst sich die Geschenke vermasselt zu haben und dann das rettende Wort nicht aussprechen zu können.
„Mhm“, machte das Töchterchen. „Dass wir beide so dolle kreativ sind und immer so schön miteinander spielen.“

Mehr musste ich nicht hören. Voller Glück und Liebe hüpfte ich über die Windungen der Spielzeugschlange ins Wohnzimmer und füllte die Belohnungskiste bis zum Rand.

Freitag, 19. Mai 2017

Die Mutter-Kolumne – Versprechen muss man halten. Ach, ja?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


„Das könnten wir doch vielleicht irgendwann mal machen, oder?“, hatte ich gesagt und auf die schönste Seite des Abenteuer-Kochbuchs gedeutet, das wir gerade gemeinsam anschauten. Camping an einem Flüsschen, Angeln, Wiesenkräuter sammeln, Feuerstelle und köstliche, auf einem Stock gegrillte Fische. Ein richtiger Abenteuertraum.
„Au ja!“, hatten die Kinder gerufen. Beide. Obwohl mein Sohn gar keinen Fisch mag.

Dann passierte das Leben. Es spülte uns leider den ganzen Sommer lang an kein Flüsschen. Eine Angel entdeckte ich auch nirgendwo. Und das Buch fiel mir nicht wieder in die Hände.

Im Herbst saß die Kinderschar, derer zwei plus einiger sie begleitende Kuscheltiere, vor mir auf dem Sofa und schaute mich mit vorwurfsvoll aufgerissenen Augen an. Alle, auch die Kuscheltiere. Auf dem Teppich daneben, halb unter das Sofa gerutscht, lag das Abenteuerkochbuch. Es wirkte wie ein Verräter.
„Du hast uns das da versprochen“, sprach das Töchterchen und tippte mit der Fußspitze dagegen.
„Was man verspricht, muss man auch halten“, krähte das Söhnchen.
Die anderen nickten. Alle.
„Aber ich hatte doch vielleicht gesagt, es war kein richtiges Versprechen“, verteidigte ich mich.
Das ließ die Schar nicht gelten. „Versprochen ist versprochen“, hieß es. Das hatte ich ihnen genauso beigebracht.

Daraus lernte ich. Nie wieder wollte ich etwas versprechen, das ich nicht halten konnte. Nicht einmal Möglichkeiten andeuten, die man als Versprechen missdeuten konnte. Ich begann, grundsätzlich Konditionalsätze zu vermeiden. Sicher war sicher.

Im Gegensatz dazu mehrten sich mit den Jahren die Versprechen der Kinder. Zu Beginn merkte ich es noch gar nicht. Vor allem nicht, dass diese Versprechen gar nicht erfüllt wurden. Ich glaubte ihnen, wenn sie sagten: „Das Zimmer räume ich später auf. Versprochen.“ Oder: „Ich komme gleich.“
Erst nach und nach begriff ich die Bedeutungen von gleich, später und sofort. Die waren: vielleicht, irgendwann oder auch niemals.
Waren das dieselben beiden Personen, die einst so darauf bestanden hatten, dass man ein Versprechen, auch wenn man es nur sehr wage formuliert hatte, einhalten musste? Die mich mit vorwurfsvollen Augen bestraft und ihre Kuscheltiere auf mich gehetzt hatten?
„Was ist denn nun mit versprochen ist versprochen?“, fragte ich.
„Ach, Mamilein, nimm doch nicht immer alles so ernst“, sagte mein Sohn.
Mamilein war ich immer dann, wenn sich auf liebevolle Art und Weise aus der Kinderriege ein wenig über mich lustig gemacht wurde. Hinzu kam noch ein beinahe joviales Schulterklopfen.
„Ja, und was ist jetzt damit?“, fragte ich und deutete mal ganz unbestimmt auf das uns umgebende Chaos im Kinderzimmer.
„Das räume ich später auf“, sagte mein Kind und schlüpfte in seine Jacke. „Jetzt muss ich erst mal ganz dringend weg.“
„Aber –“, begann ich.
„Versprochen, Mamilein“, sagte der Sohn, gab mir noch einen Kuss und war verschwunden.

Dienstag, 9. Mai 2017

Die Mutter-Kolumne – Die schicke, blöde Hose

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


Ganz hinten im Schrank meines Sohnes hingen zwei Bügel. Auf dem einen ein Hemd mit Kragen, auf dem anderen eine helle Hose ohne Löcher. Die gute Hose. Ein Outfit für einen besonderen Tag. 
Ich gebe es zu, die Sachen hatte ich ungefragt gekauft. Sie sahen im Katalog so niedlich aus. Außerdem: Jedes Kind braucht doch zwei, drei ordentliche Kleidungsstücke, oder? Es gibt im Leben Momente, da geziemt sich eine nett anzuschauende Optik.

„Die Sachen sehen doof aus“, knurrte jedoch mein Söhnchen, wenn ich darauf zeigte. Zum Beispiel vorm Familienosterbrunch oder an Heiligabend. „Ich denke, wir sollen uns schön machen. Dann kann ich doch nicht so was Doofes anziehen.“
Er hatte eben ein ganz eigenes Bild von schön machen. Die abgewetzte Cordhose zum Beispiel, die war schön. Denn sie war super bequem und wunderbar weich. Oder der Pulli mit dem Hai. Der war zwar schon ein bisschen sehr kurz an den Ärmeln und sein Bäuchlein blitzte darunter hervor. Trotzdem. Der Haipulli war schön. Darum trug mein Kind ihn auch jeden Tag. Sollte ich zusehen, wie ich mit dem Waschen hinterher kam. Seinetwegen musste der auch gar nicht so oft gewaschen werden.

„Omi fände es schön, wenn du zu ihrem Geburtstag deine gute Hose und den Pullunder tragen würdest“, sagte ich einmal.
Er schaute mich skeptisch an.
„Ganz genau“, krähte das Töchterchen. „Sie freut sich bestimmt auch, dass ich mich so schön gemacht habe.“
Ich betrachtete etwas beklommen die Frosch-Gummistiefel an ihren Füßen, das türkisfarbene Satinnachthemd darüber, das sie mich gezwungen hatte, auf einem Flohmarkt einer alten Dame abzukaufen. Hochgeschürzt von einem ollen Ledergürtel aus der Verkleidungskiste. Darüber ein strahlendes Lächeln.
Ich gab ihr einen Kuss. „Bestimmt wird sich Omi sehr darüber freuen.“
„Ich bin ja auch keine Prinzessin“, knurrte das Söhnchen.
Dabei warf er einen neidvollen Blick auf den glänzenden Fetzen am Leib seiner Schwester.

„Einmal ziehst du die guten Sachen für mich an, ja?“, fragte ich ein anderes Mal.
Das Söhnchen schlüpfte mit angewiderter Mine und großem Geziere vor einem Theaterbesuch in eben jene Sachen. Ich machte schnell ein Foto. Dann lief ich schon mal vor. Jacke und Schuhe anzuziehen ging bei meinen beiden schneller, wenn ich nicht in der Nähe war.
In der Theatergarderobe musste ich dann herzhaft lachen, als unter der Jacke der Haipulli auftauchte.

Die Zeit arbeitete für ihn. Mein Sohn entwuchs dem schicken Outfit, ohne es ein einziges Mal getragen zu haben. Wir hängten es an unseren Stand auf einem Kinderflohmarkt.
Als sich eine Mutter dafür interessierte, begann mein Kind die ungeliebten Kleider anzupreisen. Ich hatte ihm einen Anteil für sein Sparschwein versprochen.
„Das ist eine sehr schicke Hose“, sagte er und nickte gewichtig. „So etwas braucht man.“
Die Mutter lächelte und zückte ihr Portemonnaie.
„Sie hängt sehr gut ganz hinten im Schrank“, fuhr mein Söhnchen fort. „Da sieht man sie nicht so. Und anziehen ...“, er schüttelte vehement seinen Kopf, „... anziehen würde ich so was nie.“

Sonntag, 22. Januar 2017

Die Mutter-Kolumne – Bescheidenheit ist eine Zier. Wirklich?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


Das Söhnchen zeichnete nicht gern. Um das allen ganz klar zu machen, fabrizierte es ausschließlich liederlich hingeschmierte Beweise dafür. Eines Tages verlangte jedoch die Lehrerin als Hausaufgabe einen gezeichneten Tiger.
„Das kann ich nicht!“, schimpfte mein Sohn und radierte wütend ein Loch in die Seite. „Guck, Mama! Jetzt ist das Heft kaputt.“ So, als sei ich schuld.
Ich durchschaute das Problem. „Mein Schatz, du kannst zeichnen. Du schaust aber nicht richtig hin.“
Wir sahen gemeinsam auf das Tigerfoto, das als Vorlage diente. Ich zeigte dem zappligen Kerlchen Verhältnisse und Perspektiven. Langsam verflog die Ungeduld, seine Augen öffneten sich und Strich für Strich entstand unter seinen kleinen Händen ein Bleistifttiger im Sachkundeheft.
„Der Tiger ist toll!“, rief ich.
Glücklich nickte der Kleine. „Das ist der tollste Tiger der Welt, stimmt´s Mama?“
„Stimmt.“

Voller Stolz rannte er damit am nächsten Tag in die Schule. Zurück nach Hause kam er am Mittag jedoch in sehr gedrückter Stimmung.
„Die Nachbarin hat gesagt, der Tiger ist gar nicht der tollste der Welt. Weil Bescheidenheit eine Zier ist“, schrie mein Kind. „Auch wenn ich gar nicht weiß, was eine Zier überhaupt ist.“ Die Tränen, die ihm die Wangen hinunterliefen, waren solche der Wut und welche der Verzweiflung.
Ich schickte der Nachbarin einen telepathischen Fluch und versuchte, meinem Kleinen die neuentdeckte Liebe zum Stift und den Stolz auf sein Werk zurückzugeben. Das gelang leider nur kläglich.
„Vielleicht ist die Nachbarin traurig, weil sie nicht so schön zeichnen kann“, murmelte ich schließlich etwas unpädagogisch. „Solche Leute muss man trösten und man muss nett zu ihnen sein.“
„Auch wenn sie gemeine Sachen sagen?“, fragte er.
„Auch dann.“

Bald darauf fand ein Straßenfest statt. Unter anderem gab es ein Buffet voller selbstgebackener Kuchen. Die Nachbarin verkaufte die süßen Teilchen und erwähnte gern, dass der Schokoladenkuchen von ihr stamme.
„Davon möchte ich ein Stück“, raunte mein Kind.
Da trat jemand heran und lobte eben jenen Kuchen als besonders lecker.
Die Nachbarin winkte ab. „Nicht doch“, juchzte sie hoch erfreut. „So gut ist er mir dieses Mal gar nicht gelungen.“
Ich verschluckte einen Kommentar, ob ihrer gespielten Bescheidenheit. Der Tiger kam mir wieder in den Sinn. Ich verschluckte auch die kleine Wut, die er mitbrachte.
Inzwischen hatte mein Kind in sein Kuchenstück gebissen und krähte krümelspuckend: „Du hast recht, Frau Nachbarin. Der Kuchen ist dir nicht gut gelungen, und besonders lecker ist er auch nicht.“
Ich, erschrocken, und die Nachbarin, empört, starrten meinen Sohn an, dem gerade ein Brocken des Kuchenstücks herunterfiel.
„Das ist aber nicht so schlimm“, meinte er tröstend zur Nachbarin. „Darüber musst du nicht traurig sein.“
In dem Moment wuselte ein Hund zwischen unseren Beinen herum, fand das heruntergefallene Kuchenstück und verspeiste es.
„Guck!“, rief das Söhnchen freudestrahlend, „dem Hund schmeckt es.“

Freitag, 6. Januar 2017

Die Mutter-Kolumne – Du schaffst alles, wenn du nur willst. Wirklich?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



„Ich kann das nicht!“, stöhnte der neunjährige Sproß und blickte wütend auf die losen Schnürsenkelenden. Die wollten einfach nicht in einer Schleife verbleiben. Nicht in einer, die er ungeschickt gebunden hatte.
„Probiere es doch noch einmal“, versuchte ich ihn mit samtweicher Stimme herauszufordern.
Doch das Kerlchen warf dem Bilderbuch Ich binde meine Schuhe allein einen verächtlichen Blick zu. „Ich habe es schon tausendmal probiert“, knurrte es.
Das stimmte nicht ganz. Aber drei ernsthafte Versuche werden es wohl gewesen sein.
„Wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch“, wollte ich ihm dennoch Mut machen.
So hatte man es mir auch immer gesagt. Nicht nur in meinem Elternhaus, sondern auch im Kindergarten, in der Schule, im Studium, im Beruf. Überall. Selbst auf den Werbeplakaten, die die Straßen säumten, war es wieder und wieder zu lesen. Man musste es nur wollen. So könnte man alles Erdenkliche erreichen.
„Was schaffe ich dann?“, fragte der Kleine mit gerunzelter Stirn.
„Was du willst“, sagte ich.
„Wirklich alles?“
Ich nickte.
Er klemmte seine Zunge zwischen die Zähne und zog an den Schnürsenkelenden. Es machte plopp! und er hielt eines davon in der Hand.
„Du hast gesagt, ich muss es einfach nur WOLLEN“, schluchzte mein Sohn. Vorwurfsvoll hielt er den abgerissenen Senkel in meine Richtung. Tränen der Enttäuschung rannen über seine Wangen.
„Zum wirklichen Wollen gehört auch das sich Bemühen“, präzisierte ich etwas zu spät. „Vieles muss man erst einmal lernen. So wie Schnürsenkelbinden, Skateboardfahren oder Klavierspielen. Für andere Erfolge muss man sich körperlich sehr anstrengen, schuften und schwitzen.“
Der Steppke zog sein Näschen hoch. „So wie Omi und Opi. Als sie ihr Haus ganz allein gebaut haben.“
„Genau“, rief ich freudig. Mein wunderbares Kind schien etwas Wichtiges begriffen zu haben.
„Aber dann ist es niemals nur WOLLEN. Sondern immer auch lernen oder arbeiten. Oder sogar beides“, sagte das Söhnchen. Es warf mir einen ärgerlichen Blick und das Senkelende zu. „Du hast nicht die Wahrheit gesagt, Mama.“
Irritiert hielt ich inne. Hatte er recht und ich es mir ein wenig zu einfach gemacht? Was bedeutete zum Beispiel der Umkehrschluss? Hatte man demzufolge etwas nur nicht genug gewollt, wenn es einem misslang? War man also am Ende immer selbst schuld?
„Leon wollte ganz unbedingt eine Drei. Er hat wie verrückt gelernt. Ist aber doch eine Fünf geworden“, sagte da mein Kleiner, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Und was ist mit den armen Leuten? Haben die nur nicht genug KEINEN Hunger gewollt? Und die Traurigen? Wollen die bloß nicht wirklich fröhlich sein?“
Erschrocken schüttelte ich den Kopf. „Das ist Unsinn, mein Schatz.“
„Genau!“ Er nickte mit dem Kopf und schleuderte die Schuhe von den Füßen. „Das habe ich mir schon gedacht.“
Dann huschte ein zufriedenes Grinsen über sein Gesicht. „Ich brauche solche Schuhe auch gar nicht, weißt du. Ich habe doch die mit dem Klettverschluss.“

Donnerstag, 24. November 2016

Die Mutter-Kolumne – Sag Danke!

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


„Du musst danke sagen“, raunte das Töchterchen ihrem Bruder zu.
Mir hatte das ebenfalls auf der Zunge gelegen, obwohl ich wusste, dass mein Sohn Hustenbonbons nicht mag. Ein solches hatte ihm aber gerade eine ältere Dame zugesteckt.
„Danke“, knurrte das Söhnchen. „Das kannst du aber behalten. Das schmeckt nicht.“
„Unverschämtheit“, zischelte die Dame beleidigt.
Das Töchterchen kicherte.
„Warum muss ich danke sagen, wenn ich was kriege, was ich gar nicht haben will?“, fragte mein Sohn.
„Man muss immer danke sagen, wenn man etwas geschenkt bekommt“, erklärte seine Schwester.
„Warum?“, fragte mein Sohn.
„So zeigt man dem anderen, dass man sich freut, weil der an einen gedacht hat“, versuchte ich mal wieder in einen Satz zu stecken, was eigentlich von rotem Wein begleitetes Philosophieren gefordert hätte.
„Wegen der guten Absicht, stimmt´s?“, meinte das Töchterchen.
„Mhm“, machte ich nachdenklich.
„Aber vielleicht mag die Frau selbst keine Hustenbonbons und hat es mir nur gegeben, damit sie es los ist“, wandte mein Sohn ein.

Diesen Gedanken hatte ich in anderen Situationen auch schon des öfteren. Auf dem Dachboden häuften sich alte Bücher, Nippes und unsinniger Küchenkram, den mir liebe Menschen geschenkt hatten, weil sie der Meinung waren, ich könnte das alles gut gebrauchen. Ich hatte immer brav danke gesagt und werde eines Tages ein ernstzunehmendes Entsorgungsproblem haben.
Dabei gab es einiges, was ich tatsächlich gerne gehabt hätte. Das hatte ich auch formuliert, diese Dinge aber nie bekommen. Wenn ich ehrlich war, traf diese Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit auch auf ganz anderes im Leben zu. Männer zum Beispiel.
Darum seufzte ich leise, als wir die Metzgerei betraten.
„Nehmt eine Wurst“, forderte die Fleischthekenfachkraft und wedelte bedrohlich mit einem langen Messer, an dessen Spitze zwei dünne Scheiben Wurst baumelten.
Das Töchterchen griff beherzt zu.
„Danke schön“, trompetete es genüsslich kauend.
„Hilfe“, flüsterte mein Sohn.
Er mag nur Wurst mit einem Bärchen darauf, doch die Frau stieß gnadenlos ihr Messer in seine Richtung. Ergeben nahm der Kleine die Scheibe und stopfte sie in seine Hosentasche zu den billigen Kaubonbons vom Bäcker.
„Das gibt es ja gar nicht!“, ereiferte sich die Verkäuferin. „Andere Kinder auf der Welt verhungern. Du solltest dankbar sein für die geschenkte Wurst.“
Da platzte meinem Spross der Kragen.
„Aber ich bin doch dankbar!“, schrie er. „Weil ich genug zu essen habe und das neue Lego Starwars kriege. Weil Frau Müller erlaubt, dass ich mein großes Kuschelkissen mit in den Kindergarten bringe. Weil wir nicht unter einer Brücke wohnen müssen und das Monster unterm Bett wieder ausgezogen ist.“
„Und weil Mama uns lieb hat“, quakte sein Schwesterherz dazwischen.
„Und weil Mama uns lieb hat“, rief das Söhnchen. „Aber ich will keine gelbe Wurst. Die ist eklig.“
Ich strahlte in die Runde. Solche wunderbaren Kinder, dachte ich voller Dankbarkeit.

Sonntag, 16. Oktober 2016

Die Mutter-Kolumne – Der Klügere gibt nach

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


Manchmal sagt man etwas und denkt im selben Moment: „Das war unklug, sie werden das bestimmt irgendwann benutzen, um mich irgendetwas lehren zu wollen.“ 
Doch gerade hatten sie dermaßen laut über etwas sehr Kleines gestritten, dass mir jener Satz entschlüpft war. „Der Klügere gibt nach.“ 
Erstaunlicherweise schien er zu wirken, denn mit einem Mal war es mucksmäuschen still im Kinderzimmer. Erleichtert wandt ich mich meinen Dingen zu.
„Was soll das bedeuten?“, trompetete es dort hinein.
In großer Neugierde vereint schaute mich das Geschwisterpärchen fragend an.
„Das bedeutet, dass sich ein kluger Mensch nicht streitet.“
„Warum nicht?“, wollte das Töchterchen wissen.
„Weil es Zeitverschwendung ist“, sagte ich.
„Und wenn man recht hat und der andere nicht?“, krähte das Söhnchen.
„Dann weiß das der Klügere und freut sich darüber im Stillen. Es ist ihm egal, ob der andere das auch weiß.“
Die beiden schauten aneinander finster an. Für eine stille Freude waren sie nicht bereit. 
„Pöh!“, machte das Töchterchen. „Ich habe trotzdem recht.“
„Das stimmt nicht!“, schrie ihr kleiner Bruder. 
Dann ging es wieder los mit Getrampel, Gebrüll und Türenknallen. 
„Weiß noch irgendwer von euch, worüber ihr überhaupt streitet?“, rief ich dazwischen.
„Nein!“, kam es zurück. „Aber ich habe recht!“
„Und ich habe noch viel rechter!“
„So ein Wort gibt es nicht!“
„Gibt es wohl! Mein rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsch´mir NICHT meine Schwester her!“
Seufzend setzte ich mir die Ohrenschützer auf, die ich mir einst im Baumarkt gekauft hatte und die für ganz besondere Fälle parat lagen.
Eine halbe Stunde später wagte ich, sie wieder abzusetzen. Himmlische Ruhe lag über unserer Bude. Als ich ins Kinderzimmer spähte, hockten sie tief versunken inmitten einer Minipüppchenwelt auf dem Teppich. 

Einige Tage später standen wir im Supermarkt an der Kasse. Obwohl sie die fiesen Tricks der Supermarktbesitzer längst verstanden hatten, fielen meine Kinder je nach Tagesform und Wageninhalt immer mal wieder darauf herein. So wie an diesem Tag, als die Schlange im Gang mit den Süßigkeiten endete.
„Ich will Gummibärchen“, rief das Söhnchen und griff danach.
„Leg die Gummibärchen bitte wieder zurück. Wir haben zuhause noch welche.“
„Ich will aber jetzt welche!“
Ich denke, der Verlauf der nächsten Minuten ist sicher wohlbekannt.
Irgendwann gab es keine Schlange mehr, irgendwann gab es überhaupt gar keinen Kunden mehr im Laden. Die Kassiererin schmökerte entspannt in einer Illustrierten. Das Söhnchen war bis zum Joghurtregal zurückgewichen, warf mir böse Blicke zu und hielt die verbotene Tüte Gummibärchen hinterm Rücken verborgen.
„Immer sagst du, du bist eine kluge Mama“, fauchte es mich an. „Willst du nicht endlich damit anfangen?“
„Wie meinst du das?“, fragte ich irritiert.
Genervt verdrehte das Kerlchen die Augen. „Oh, Mama!“, stöhnte es. „Du bist jetzt einfach mal klug, wir bezahlen und können nach Hause gehen.“
„Was ist mit den Gummibärchen?“, fragte ich.

„Das ist doch ganz klar“, sagte der Kleine. „Wenn du endlich klug bist, gehören die natürlich mir.“

Dienstag, 13. September 2016

Die Mutter-Kolumne – Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Echt?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



„Zuerst räumst du dein Zimmer auf, dann lese ich vor“, sagte ich. 
Das Söhnchen murrte. „Warum kannst du nicht erst was vorlesen und dann räume ich das blöde Zimmer auf?“
„Weil man erst arbeitet und sich dann dafür belohnt“, erklärte ich.
Stöhnend warf das Kind Legosteine in eine Kiste. Manche flogen vorbei. Ich tat so, als sähe ich das nicht.

Am nächsten Tag befanden wir uns in einer ganz ähnlichen Situation.
„Erst die Hausaufgaben, dann kannst du raus zum Spielen“, hörte ich mich sagen.
Der Sohn murrte.
„Das ist wie mit dem Nachtisch“, erklärte das Töchterchen mit wichtiger Stimme, „erst muss man die doofen Erbsen essen und dann gibt es zur Belohnung ein Eis.“
„Bäh, Erbsen“, stöhnte das Söhnchen und starrte wütend auf die Schulbücher.

In dem Moment begriff ich etwas. Himmel, wie konnte ich nur so dumm sein? Wie konnte ich meinen Kindern einreden, Hausaufgaben seien genauso doof wie die ungeliebten Erbsen und Zimmer aufräumen eine schreckliche Arbeit? Niemals würden sie gerne und mit Neugierde lernen, niemals Freude daran finden, etwas zu erledigen, was einfach erledigt werden musste. Mir musste ganz schnell etwas einfallen, um das wieder gerade zu biegen.

Ich holte einige Gummibärchen und legte sie neben die Schulbücher. „Die sollen dir die Arbeit versüßen“, sagte ich.
Skeptisch blickte das Söhnchen auf die Bären, steckte einen in den Mund und kaute ärgerlich darauf herum. „Die Hausaufgaben machen immer noch keinen Spaß“, knurrte er.
„Vielleicht wenn du drei Gummibärchen auf einmal ißt?“, schlug ich vor.
„Quatsch“, murrte mein Kind.
„Sei nicht so gemein“, sagte das Töchterchen zum kleinen Bruder. „Mama versucht nur, dass du die Arbeit nicht so schlimm findest.“
„Das hat Tom Sayer aber viel besser hingekriegt“, erklärte mein sechsjähriger Sproß.
„Ey, Moment mal“, mischte ich mich ein. 
Doch meine kleine Schar brach schon in Lachen aus. Immerhin.

„Wenn man immer erst die schönen Sachen macht, dann hat man keine Zeit mehr und noch weniger Lust auf die nicht so schönen“, erklärte ich nach dem Lachen. 
„Wie beim Pudding“, sagte das Töchterchen. „Wenn ich eine große Portion davon gegessen habe, ist für Gemüse kein Platz mehr in meinem Bauch.“
„Stimmt, und das ist sehr gefährlich, weil der Körper dann keine wichtigen Nährstoffe bekommt“, fügte ich hinzu.
„Aber manchmal kann man doch erst den Nachtisch essen, oder?“, fragte das Söhnchen.
„Manchmal geht das. Manchmal kann man auch erst ins Schwimmbad gehen und dann Hausaufgaben machen.“
„Super!“, freute er sich und rutschte vom Stuhl. 
„Schwimmbadtasche ist schon gepackt!“, rief das Töchterchen aus dem Flur.
Ich gab mich geschlagen. „Aber wenn wir nach Hause kommen, dann -“
„Klar, Mama, dann machen wir Hausis und räumen auf!“, riefen meine beiden von halber Treppe.


„Du erlaubst, dass die Kinder den Nachtisch vor dem Mittagessen essen?“, fragte am darauffolgenden Sonntag meine Mutter mit gerunzelter Stirn.
„Wir leben manchmal wild und gefährlich, stimmt´s Mama?“, krähte das Söhnchen.
Ich nickte.
„Und manchmal essen wir die Erbsen dann gar nicht mehr“, verriet das Töchterchen.

Dienstag, 16. August 2016

Die Mutterkolumne – Man muss teilen!

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



Wir beobachteten eine Mutter, die gerade den Keks ihres Sohnes zerbrach und das größere Stück einem anderen Jungen gab, der zufällig mit im Sandkasten saß.
„Man muss teilen, Jonas“, trompetete sie zufrieden über den ganzen Spielplatz.
„Auweia, jetzt heult der“, sagte mein Kind. „Das war supergemein.“
„Sie möchte ihrem Kind beibringen, wie man teilt“, verteidigte ich die Frau, obwohl ich sie unmöglich fand.
„Sie hat ihren Keks auch alleine aufgegessen“, sagte mein Sohn.
„Aber Teilen ist wichtig“, erklärte ich.
„Man darf sein Kind aber nicht dazu zwingen“, sagte mein Kleiner.
Ich bezweifelte auch, dass aus dem kleinen Jonas ein großherziger Geber werden würde. Er wirkte traumatisiert.

„Ich teile immer gerne mit dir“, sagte das Söhnchen.
Ich starrte auf den nanometerkleinen Krümel in meiner Hand. Den hatte er eben von seiner Brezel gefriemelt und großspurig dort platziert, als ich um ein Stück für mich bat. In dem Moment kam eine Windböe und trug ihn davon.
„Geteilt hast du deine Brezel mit mir nicht gerade.“
„Ich habe nicht mehr übrig, weil ich sie doch selber essen will.“
„Teilen bedeutet nicht geben, wenn man etwas übrig hat, sondern wenn man es eigentlich selbst gut gebrauchen könnte. Teilen heißt, mit weniger zufrieden zu sein, damit andere auch etwas haben. Es macht glücklich, wenn es von Herzen kommt.“

Ich kam mir sehr weise vor. Das Söhnchen wackelte bedächtig mit dem Kopf. Dann ging es zum Sandkasten und drückte dem weinenden Jungen seinen Brezelrest in die Hand.
„Das war sehr lieb von dir“, sagte ich, als er wieder neben mir auf der Bank saß.
„Jetzt weint der andere Junge“, gab mein Sohn zu bedenken.
„Manchmal kann man es nicht allen recht machen“, versuchte ich eine Krux der Welt in einen Satz zu packen.
„Bekomme ich zur Belohnung ein Eis?“, fragte er verschmitzt.
Ich musste lachen. Das war eigentlich nicht Sinn der Belehrung gewesen, aber ich hatte zwei Euro in der Tasche und ebenfalls Lust auf ein Eis.

Auf dem Weg zur Eisdiele kamen wir an einem bettelnden Obdachlosen vorbei. Einige Meter hinter ihm, krähte mein geliebter Sohn: „Mama, du hast dem armen Mann nichts gegeben!“
„Genau, Mama. Weißt du nicht, dass Teilen glücklich macht?“, rief uns der Mann feixend hinterher.
„Das weiß meine Mama“, antwortete das Söhnchen und blieb stehen. „Gib ihm was.“
„Dann können wir aber kein Eis mehr essen“, sagte ich. „Ich habe nur zwei Euro.“
„Eine Kugel kostet einen Euro“, sagte mein Kind. „Nur einer von uns kriegt dann kein Eis. Bist du das oder bin das ich?“
„Wir könnten uns ja eine Kugel teilen“, schlug ich vor.
„Das wäre aber nicht gerecht“, sagte das Söhnchen. „Du hast eine viel größere Zunge.“
Ich musste lachen. „Und nun?“
Mein Sohn dachte nach. Der Obdachlose und ich warteten gespannt.
„Wir geben dem armen Mann einen Euro, dann bekomme ich eine Kugel Eis und du darfst mit deiner großen Zunge mal lecken.“
„Sie haben ein sehr kluges Kind“, sagte der Mann.

„Das mit dem Teilen ist nicht so einfach“, sagte mein Sohn vor der Eisdiele.
„Nein, das ist es nicht. Manche müssen sehr alt werden, um es zu lernen. Manche lernen es ihr ganzes Leben lang nicht“.
„Dabei macht es wirklich glücklich“, sagte der Kleine. „Einmal Vanille, bitte.“