Dienstag, 27. September 2011

Ateliergeschichten - Fundstücke


Als ich in das Atelier von Nathali Grögler (heute heißt sie Frau Grund) kam, lag dort ein Prospekt der wirklich wunderbarsten Aktion, die ich je besuchen durfte: das Schloßgraben-Projekt, 2006. (Die einzige Veröffentlichung darüber liegt im FAZ-Archiv und kostet leider 2 Euro).
Damals hatten Nathali und Tina Dingeldein eine Zeitreise, einen Weg, ein Leben mit 17 Stationen im bis dato völlig verwahrlosten Schlossgraben am Fuß der Bastionsmauer des Residenzschloßes des Heimatstädtchens realisiert. Am Eingang stand ein rosa VW-Bus, in dem man pinkfarbene Törtchen, romantische Postkarten und süße Kleidchen erstehen und 1,50 für den Abstieg in den Graben entrichten konnte. Die 17 installierten Stationen dort unten, wo bis dahin nur die Ponys der Goldenen Krone Zutritt hatten, waren mit historischen und alltäglichen Fundstücken inszeniert und beschrieben nicht nur den Weg eines Menschen von der Geburt bis zum Tod, sondern waren auch den geschichtlichen Ereignissen des Ortes (und damit auch denen des Heimatstädtchens) gleichgesetzt. Dazwischen gab es Theaterinszenierungen. Ich habe mich oft an diese beeindruckende Ausstellung erinnert und von ihr erzählt.
Wie schön als Nathali plötzlich vor mir stand. Ich hatte so viele Fragen. Und war neugierig, wie es zwei "Mädels" gelungen war, so ein riesiges Projekt auf die Beine zu stellen.


Liebevolles Detail: Das "Fundstücke"-Label ist eine Reminiszenz an die Ponys, die Jahrzehnte lang allein den Schloßgraben bewohnen durften.

Nathali studierte Modedesign in Pforzheim und verbrachte nach dem Studium fünf aufregende Jahre als Kostümbildnerin im ständigen Hin und Her zwischen Hamburg (Musical Buddy Holly, Kampnagel), München (Komödie am Bayrischen Hof), Linz (Landestheater) und dem Theater in Heilbronn. Schließlich landete sie am Staatstheater im Heimatstädtchen.



Hier arbeitete sie beim Tanztheater von Brigitta Trommler. Deren Art und Weise die Tänzer zu Wort kommen zu lassen und in Improvisations-Proben neue Wege zu entwickeln um Geschichten von Menschen und Orten zu erzählen, beeindruckten Frau Grögler sehr. Auch die Zusammenarbeit mit Choreografen wie Thomas Langkau (Berlin), Helena Waldmann (Berlin) oder John Moran (New York) inspirierten sie.



Da blieb es nicht aus, dass Nathali eines Tages in der Färbeküche des Theaters in ein anregendes Gespräch mit ihrer Kollegin Tina Dingeldein geriet. Die Idee zum Schloßgraben-Projekt wurde geboren. Nathalis gesammelte "Fundstücke", die "Zeit" thematisierten, und Frau Dingeldeins Leidenschaft für Orte (insbesondere den Schloßgraben), sollten damit vereint werden.
Ein kreativer Prozess begann, der von unzähligen Gesprächen (voller Leidenschaft und Liebe aber auch voller Wut und Zorn) bestimmt war. Er gipfelte nach zwei Jahren in die konkrete Planung des Kunstprojekts.



Der damalige Darmstädter Theaterintendant Gerd Theo Umberg zeigte sich begeistert. Er gab viele Tipps über Kunst im Raum und half, das Ganze anzuschieben. Es galt, ein schlüssiges und ordentlich geschriebenes Konzept zu erstellen, mit dem die Mädels bei der Stadt, den einzelnen Parteien, bei der Technischen Universität, beim Kulturamt und bei Natur-, Vogel- und Denkmalschützern vorstellig wurden.
Und letztendlich gab ein Satz von Irene Bauerfeind Rossmann (Ministerialrätin am Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst) den letzten Motivationsschub: "Das ist ein dolles Ding, aber Schönheit hat in Darmstadt keine Chance." Zum Glück lösten diese Worte die einzig richtige Reaktion in Nathali und Tina aus: "Der zeigen wir´s!"



Es ging an die Planungsdetails. Sponsoren mussten gefunden, Versicherungen abgeschlossen werden. Alles Schritt für Schritt. Wieder zwei Jahre lang. Durch die auftretenden Fragen und Probleme brachte sie der Gedanke: "Keine Panik. Einfach weitermachen. Irgendeine Lösung wird sich finden." Und so war es auch. Das nennt man wohl Positives Denken. Selbst als der Bürgermeisterwechsel die versprochenen 10.000 Euro Unterstützung durch die Stadt auf 5.000 Euro schrumpfen ließ, senkten die beiden nicht die Köpfe, sondern machten weiter. Ein zehn Zentimeter dicker Ordner voller Rechnungen erklärt die etwa 50.000 Euro Kosten des Projekts.



Daneben lief die reale Planung. Die benötigten "Fundstücke" wurden im Atelier gesammelt, das alsbald einem Sperrmülllager glich. Ein Jahr vor Eröffnung stellten die beiden das Projekt in ihrem "Café Oper" vor, eben jenem rosa VW-Bus, der es mir von der ersten Sekunde angetan hatte.
Dann musste der Schlossgraben gereinigt werden. Ein grenzwertiges Unterfangen geprägt von Müll, Spritzen, benutzten Kondomen, Schimmel, Moder und heruntergewürgtem Ekel. Wege mussten in die wuchernde, seit Ewigkeiten sich selbst überlassene Vegetation geschnitten werden. Die Proben für die Theateraufführungen begannen.



Zwei Wochen vor Beginn zogen sämtliche Requisiten in einen Abstellraum im Schloss um. Dann begann der Aufbau, der immer wieder von Plünderern und Vandalen gestört wurde.
Die drei Tage der Inszenierung selbst waren von Sonne überschienen.
Die Aufführungen waren zwar ausverkauft, doch die Ausstellung selber wurde (unerhörterweise) wenig besucht. Die Mädels hatten in ihrer Begeisterung schlichtweg vergessen, dafür zeitnahe Werbung zu machen! Auch ich entdeckte das Ganze rein zufällig, als mir ein rosa VW-Bus ins Auge fiel. Welch ein Glück. Doch trotz des finanziellen Disasters hat sich das Projekt für ihr ganzes Leben gelohnt, sagt Nathali. Natürlich - die Erfüllung eines Lebenstraums!



Nathalie wird nun nach fünf Jahren Schaffens-Pause (wegen Mama-Seins) mit ihrem Label "Fundstücke" am Eintagsladen 4 teilnehmen. Ich freue mich sehr darüber!



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