Mittwoch, 10. September 2014

Mit Gleichaltrigen unterwegs – Frau Herdens Familien-Surf-Campingurlaub am Atlantik kann nicht mithalten



„Ferienlaaager, Ferienlaaager – wie wunderbaaaaaar ...“, sangen meine Schwester und ich lautstark und mit Inbrunst. Weil wir uns darauf freuten. Denn das DDR-typische Ferienlager war klasse. Wir fuhren jedes Jahr für 17 einmalige Tage der langen Ost-Sommerferien nach Westerhausen in den Harz. Lagen diese 17 Tage am Anfang des Sommers, war auch gegen unseren sehnsüchtig-fröhlichen Gesang nichts einzuwenden. Lagen sie jedoch am Ende der Ferien, bedeutete das, mein Schwesterherz und ich ließen unsere Hymne vom Rücksitz des Trabis erschallen, der uns durch das bulgarische Rila-Gebirge oder die hohe Tatra kutschierte, aus unserem kleinen roten Zelt, das in einer einsamen polnischen Flussaue stand, oder aus den Paddelbooten, die uns die Moldau hinuntertrugen – in einer Zeit also, die meine Eltern ihren Sommerurlaub nannten und den sie lange und liebevoll für die Familie geplant hatten. Aua!

Daran dachte ich, als ich irgendwann in den letzten Wochen eine Tasche für meinen Sohn packte, der in ein Jugendzeltlager an die Ostsee fahren wollte. Ich dachte auch daran, was für ein Vergnügen es für mich gewesen war, meinen Koffer für das Ferienlager selbst zu packen. Oh, welch köstliche Vorfreude! Meine liebe Frau Mama hatte eine Packliste in den Kofferdeckel geklebt, der ich Punkt für Punkt folgte. Der Koffer selbst war aus Echt Vulkanfieber. Das stand auf einem kleinen Schild. Ich wusste nicht, was Vulkanfieber ist, stellte mir aber etwas Unglaubliches vor, das unter größter Gefahr und in mörderischer Hitze auf einer einsamen Ozeaninsel ans Tageslicht gebracht wurde.


Die praktische Reisetasche meines Sohnes packte ich, weil er selbst einfach zuviel Programm hatte. Nach dem Verwandtenbesuch in Dänemark war er sogleich am nächsten Morgen nach Köln zum Videoday, der überraschenderweise zwei Tage und eine halbe Nacht dauerte, aufgebrochen. Davon zurückgekommen bliebe keine Zeit zum Sachenpacken, denn schon am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe ging es an die Ostsee.

Vielleicht waren das fehlende Taschepacken, die fehlende Muße zur Vorfreude oder auch die Übermüdung daran Schuld, dass mich am ersten Abend des Camps dann verzweifelte Einsatz-Hilferufe per SMS erreichten. Insgesamt waren es zehn. Einer davon lautete: Ich will nach Hause! Ein anderer: Mama????? Mein liebendes Mutterherz machte einen nervösen Satz, Unruhe erfasste mich, die sich in der folgenden Nacht ins Unermessliche steigerte. Himmel, das Kind litt in der kalten Fremde! Am nächsten Tag setzte ich eine mittelgroße Maschinerie in Gang, die viele Leute involviert und sehr viel gekostet haben würde, um meinen Sohn zu retten. Nur seinen abendlichen Telefonanruf wollte ich noch abwarten. Als der nicht kam, rief ich ihn an.
„Wie geht es dir, mein Schatz?“, schrie ich panisch ins Telefon.
„Gut“, antwortete der Sproß knapp. „Aber du kannst mich hier nicht anrufen. Wir haben Nachtruhe.“ Klick.

Ich hörte dann erst wieder etwas von ihm, als er sechs Tage später mit dem Zug aus Hamburg auf dem Heimweg war. Es ging darum, wer ihn vom Bahnhof abholen könnte. Und schließlich – erst tröpfelnd, dann immer ausführlicher –erzählte er vom Jugendlager im nachfolgenden atlantischen Familien-Surf-Campingurlaub. Irgendwann fragte ich mich sogar etwas ärgerlich, wie all diese ultracoolen und superlustigen Erlebnisse in sieben Tage gepasst haben sollen. Dann musste ich grinsen. Ferienlager, eben.

Mittwoch, 20. August 2014

Sommerpäuschen

Vor drei Jahren waren wir das letzte Mal an der französischen Atlantikküste. Zeit zu erkunden, ob noch alles da ist. Ich wünsche Euch einen schönen Spätsommer!

Freitag, 15. August 2014

Smucke Steed – die wunderbare Pension in Glücksburg

Urlaub sollte ja schon am ersten Tag beginnen. Das ist manchmal gar nicht so einfach, zum Beispiel wenn man zwei Tage hinfahren muss in diesen Urlaub im allernördlichsten Zipfel Dänemarks. 






Als mir meine liebe Kollegin Alice Panthermüller, die ja bekanntlich aus Flensburg kommt, die nigelnagelneue Pension "Smucke Steed" in Glücksburg (also auf 2/3. Weg) empfahl, freute ich mich sehr. Ich reservierte flott ein Freundschaftszimmer mit Zustellbett für die Kids und mich.




Ein wenig über Straßenniveau in einem Park liegt die feine alte Villa. Beigefarbene Hortensien weisen den Weg zum Eingang oder direkt auf die romantische Terrasse hinterm Haus. Ein wahrhaft "schöner Ort". Auf einer Wiese unter Bäumen stehen gemütliche Liegen, auf die ich mich sofort niederlassen und schmökern wollte.










Die hohe Eingangshalle begrüsst mit freundlichem, naturnahem, skandinavischem Design: Leinenlampen, Birkenäste, Kissen, Kerzenleuchter, Körbe, Betonschreibtisch passend dazu die Farbkompositionen von Johanna Putensen.
Hinterm Schreibtisch sitzt Sönke Roß ganz leger in Jeans und Shirt und begrüßt uns mit einem verschmitzten Grinsen. Wir fühlen uns sofort sehr wohl.






Unser Zimmer ist genauso schön wie die Halle: großzügig, mit liebevollen Details versehen und mit zwei herrlichen Betten bestückt. Und einem, zwar bequemen, aber eben doch nur Zustellbett. Das gibt einen kurzen Disput, bis uns einfällt, dass wir ja auch auf der Rücktour wieder hier pausieren werden und dann eben das andere Kind im "Königsbett" schlafen darf. Die Königin darf natürlich beide Male.








Die Tochter duscht noch schnell im modernen Bad und ich freue mich über die Seife, auf der genau das steht, was ich jeden Morgen predige.
"Haste gesehen?", frage ich.
Sie grinst nur.




Als es sich die Kids später (nach einem langen abendlichen Spaziergang am direkt um die Ecke liegenden Strand) auf dem Sofa vor dem Fernseher mit Hollunder- und Rhabarber-Limonade gemütlich gemacht haben, sitze ich noch ein Weilchen auf der Terrasse in einem der schönen Bambussessel, schaue über die wilde Wiese unterhalb des Hauses zur Bucht hinüber, sehe den letzten orangefarbenen Strahlen der Sonne zu und trinke ein Glas Rotwein, das ich mir ebenso wie die Biolimo aus dem Kühlschrank neben der Küche genommen habe.






Am nächsten Morgen erwartet uns nicht nur die hübsche charmante Frau Roß, sondern auch ein richtig tolles Frühstück. So eines, das man seinen Freunden servieren würde. Typisch nordisch gibt es vielerlei Arten von Räucherfisch mit Sahnemerettich und Currysoßen, eine wunderbare Käse- und Wurstauswahl, zur Freude der Tochter einen richtig leckeren Avocado-Dipp, Marmeladen, Müsli, Obstsalat aus frischen Früchten, Quark, Brot und Brötchen und natürlich auch Schokoladencreme. Auch Eier aller Arten können wir bei Sönke Roß bestellen, dazu Cappuccino, heiße Schokolade und Milchkaffee.




Wem der Stil des Hauses gefällt, der findet überall im Haus ausgelegte Design- und Architekturbücher und schöne Sitzgelegenheiten, um darinnen zu schmökern.






Ich selbst habe auch mal unter die Zahnputzbecher nach dem Namen geschaut.




Alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Vielleicht sollte ich schon mal das Zimmer für den nächsten Sommer buchen. Nicht, dass es sich noch rumspricht, wie wunderbar diese kleine feine Pension ist. Danke, liebe Familie Roß!

Mittwoch, 13. August 2014

Stöcke, Äste, Bäume – Frau Herden schleppt den Kids das Lieblingsspielzeug nach Hause


Gestern haben wir Stockbrot über dem Feuer geröstet. Ich mag Stockbrot eigentlich nicht so gerne. Dreizehn Jahre lang musste ich das für meine Kids quasi ständig über der Glut drehen, darauf achten, dass das Äußere nicht verbrannte und das Innere nicht roh und zäh verblieb. Auch die Varianten mit eingewickelten Marshmallows und Schokostückchen oder die mit dem äußeren Bacon waren nie wirklich so toll, wie ich es erhofft hatte. Oder eben die Kinderschnute. Hier soll es auch gar nicht um Stockbrot gehen, sondern um Stöcke an sich. Ahhh! Ein Thema, das Eltern über viele Jahre begleitet.


Stöcke sind großartig. Sie sind Pistole, Laserschwert, Speer, Zauberstab, Feenwesen, Wegweiser, stummer Kumpel, geheimer Gesell, Rösthilfe – während teure Legosets und Anziehpuppen in den Kinderzimmerecken verstauben, sind Stöcke einfach elementarer Teil der ersten 9 Lebensjahre. Und: Stock ist nicht gleich Stock. Ein jeder sieht ganz anders aus als der andere. Darum muss man sie ALLE aufheben. Und mit nach Hause nehmen. Weil Kinderhände nicht all das fassen können, was Kinderaugen begehren, tragen die Eltern. In unserem Fall trug ich. Manchmal versuchte ich eine Auswahl zu erzwingen, die Notwendigkeit jeden Exemplars zu diskutieren. Ein völlig sinnloses Unterfangen. Letztendlich schleppte ich sie tatsächlich alle in die Bude.
Als meine, dem Stockalter inzwischen entwachsenen, Kids gestern stockbeladen mit der klitzekleinen dänischen Verwandtschaft aus dem Wald traten, obwohl wir nur noch einen gebraucht hatten, musste ich vor mich hingrinsen und ich erinnerte mich eines sonnigen Samstagnachmittags:

Eigentlich wollte ich nur schnell in die Stadt, um einige überlebenswichtige Dinge zu kaufen. Mehr war sowieso nie drin.
Das damals fünfjährige Töchterchen erklärte sich ausgehfertig. „Wir können losgehen“, rief es. „Ich habe mein Lieblingskleid angezogen. Das mit den kleinen Blümchen.“
Ich kleidete gerade das noch hilflose Brüderchen an und wunderte mich über die kleinen Blümchen. So etwas hatte ich nie erstanden. Das Ganze klärte sich jedoch schnell auf.
„Aber Schatz, das ist doch dein Nachthemd.“
„Na, und? Es ist mein schönstes Kleid. Es hat kleine Blümchen, sonst kaufst du mir nichts mit kleinen Blümchen“, sagte das Töchterchen und schaute frech zwischen seinen Zöpfen hervor. Der eine davon war sehr kurz. Aus irgendeinem mir nicht verständlichen Grunde, hatte die Süße den linken über dem Ohr abgeschnitten. Der andere baumelte wie sonst beinahe bis zum Bauchnabel. Nun gut.
„Und die neuen Schuhe“, erklärte das Kind gerade. Die neuen Schuhe waren Gummistiefel. Warum nicht.
Wir liefen los. Auf dem Weg in die Innenstadt mussten wir einen Park passieren. In der Nacht hatte ein Sturm gewütet. Alles war schon wieder aufgeräumt. Nur einen abgekrachten unglaublich großen belaubten Ast hatten die Menschen von der Stadtreinigung wohl für einen kleinen Baum gehalten und übersehen. Nicht jedoch das Töchterchen.
„Den brauche ich“, erklärte es kurzerhand und schleppte das große Baumteil mit sich.
Ich wusste, Widerstand war zwecklos. Ich hoffte auf erlahmende töchterliche Armmuskeln. Heute weiß ich, dass das schon damals eine völlig sinnlose Hoffnung war.
Das Brüderchen im Sportwagen krähte los. So einen Stock, so einen Ast, ja so einen Baum, wollte es auch haben. Und während das Töchterchen mit kurzem und langem Zopf in Nachthemd und Gummistiefeln einen ausgewachsenen Minibaum mit sich herumschleppte, geriet ich langsam in Panik.
Ich erklärte quasi alles, was ich hatte einkaufen wollen zur Unwichtigkeit. Bis auf die Windeln. Ich wollte nur ganz schnell in die Drogerie und dann nichts wie nach Hause.
Doch dann sah das Söhnchen den ausgegrabenen Bambus.
„Da! Da! Tock! Tock!“, rief es.
Ich beschleunigte, doch das nutzte nichts. Es wurde so lange lauthals protestiert, bis ich zurücklief und den Herrn vom Gartenamt bat, mir das etwa drei Meter hohe Bambusgewächs zu überlassen.
In die Drogerie wollte man uns nicht einlassen.
„Nicht mit dem Ast und dem Riesenbusch“, erklärte die Kassiererin. Ich konnte sie sehr gut verstehen.
„Darf ich dann wenigstens meine Tochter und die Gewächse kurz hier in der Ecke abstellen und nur schnell Windeln kaufen?“, fragte ich.
Zögernd gab die Frau im Kittel nach. Ich fetzte durch die Gänge, griff die Windeln und sehr spontan noch eine Flasche Ökowein für später. 
Dann schleppten wir uns nach Hause. Schließlich erlahmten die Arme der Süßen dennoch. Doch inzwischen war mir alles egal. Ich hängte die Windelpakete links und rechts an den riesigen belaubten Ast, schulterte ihn wie Herkules irgendetwas sehr Schweres, klemmte mir das Bambusgewächs unter den Arm und stupste das Söhnchen im Sportwagen mit der Hüfte voran.
Das Töchterchen bahnte uns den Weg durch die samstäglich gefüllten Straßen. Strahlend und stolz rief es so laut es konnte: „Achtung, Platz machen! Hier kommt meine Mama. Die stärkste Mama der Welt.“
Und ich grinste etwas dümmlich unter meiner Last. Aber ich war sehr glücklich. Denn plötzlich wusste ich wieder, warum ich mir all das antat.

Mittwoch, 6. August 2014

Was sollen die Lügen? – Frau Herden wird alt und mag das nicht


Ich bin ein Sommerkind. Allerdings bin ich kein Kind mehr sondern eine Frau. Eine Frau in mittleren Jahren. Mit anderen Worten: Ich werde alt.
Dass ich den Sommer liebe, kann man sehr gut an meiner Haut ablesen. Auch dass sich in den 70er und 80er Jahren niemand für Sonnencreme interessierte und dass ich die 90er auf meinem Surfbrett liegend im Ozean verbracht habe. Letztens sagte meine Freundin, die Hautärztin ist: „Antje, für diese Sonnenschäden bist du eigentlich zu jung. Die können wir weglasern.“


Ich finde ja, ich bin nicht nur für diese Sonnenschäden zu jung. Ich scheine sowieso viel zu jung für diesen Körper und dieses Gesicht zu sein. Darum erschrecke ich auch immer, wenn ich mich mal zufällig in einer Schaufensterscheibe gespiegelt sehe. Aber das kann ich ja nicht alles weglasern lassen. Und dann verstehe ich die irritierten Blicke der Menschen auf der Straße ob meines Auftretens. Das entspricht nämlich in seiner Art und Weise eher meinem innerlich gefühlten Alter, sagen wir mal: 27. Allerhöchstens.
Im Gegensatz dazu stehen meine Falten, die drei grauen Haare, die ich letztens ausriß, und auch diese relativ ausladende Figur, die ich niemals haben wollte. Weiblich, nennt das ein lieber Freund. Weiblich kannte ich früher nicht. Nicht bei meinen mageren Armen oder den herausstehenden Hüftknochen und auch in den Doppel A-Körbchen war die nicht zu entdecken gewesen. Nun ist sie da und lässt sich herumschleppen. Das geht auf die Gelenke. Die schmerzen, als bekämen sie dafür einen Orden. „Genetisch bedingte Arthrose. Frau Herden, es tut mir leid“, sagte der Arzt vor etwa sieben Jahren zu mir. Ich weiß schon, warum ich dort sonst nicht hingehe. Allerdings konnte er ja gar nichts dafür. Genauso wenig wie meine liebe Frau Mama, die sich wegen der ungünstigen Gen-Weitergabe bei mir entschuldigte. Also echt.

Ich sage mal: Ich mag das Altern nicht! Das lasse ich mir auch nicht schön reden. Von niemandem. Weder von klugen Menschen noch von Frauenmagazinen, die die Jugend hofieren und dann schreiben, das Alter sei das eigentlich Feine. Ha! Alles Lüge. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe jahrelang für die als Model gearbeitet.
Ich fühle mich weder irgendwie entspannter als früher noch weiser werdend. Im Gegenteil. Ich mache noch immer dieselben blöden Fehler, nur dass es jetzt viel mehr Vorbereitung bedarf, bis mir die Möglichkeiten dafür begegnen. Und ich traue mich nicht mehr so viel. Aber nicht, weil ich heute klüger bin, sondern weil ich Schiss habe. Heilt ja nicht mehr so gut, so ein Oberschenkelhalsbruch. 
Altern tut weh und sieht doof aus (zumindest bei mir). Klar, erzählen Falten Geschichten. Und ich mag Geschichten. Aber auch ich fasse lieber glatte Haut und straffe Muskeln an und will mich dafür nicht entschuldigen müssen. Morgens würde ich lieber aus dem Bett in den Tag hinaushüpfen, statt erst mal meine steifen Glieder zu mobilisieren, um dann auf allen Vieren ins Bad zu kriechen. Und nachts möchte ich tanzen! Tanzen, trinken und die Sonne aufgehen sehen. Oh ja! Manchmal mache ich das tatsächlich. Aber nur, wenn ich weiß, dass ich die darauf folgende Woche weder irgendetwas zu tun habe, noch überhaupt mein Bett verlassen muss.
Ich bin so gierig nach dem Leben und muss so oft durch eine Schutzscheibe zuschauen, eine Schutzscheibe, die mir das Alter aufzwingt. Dabei weiß ich, dass es noch schlimmer werden wird. Eine 92jährige Frau sagte einmal über das Alter, sie säße in ihrem Sessel und könne sich kaum mehr bewegen. Aber in ihrem Kopf, da sei sie noch immer das 23jährige Mädchen, da höre sie die Musik und möchte dazu tanzen, tanzen, tanzen. Na, bitte! Ich musste heulen.

Ich weiß, dass es ein Tabu ist, sich so äußern. Ich weiß, dass sich nun viele aufregen und über mich schimpfen werden. Nun, vielleicht kriegen die das irgendwie besser hin? Vielleicht hatten sie bereits genug vom Leben oder sind bescheidener als ich? Vielleicht können sie sich auch einfach nur leichter selbst belügen? Ich bewundere das ja und wünsche ihnen, dass es bis zum Ende funktionieren möge. Für mich kann ich sagen: Es tut verdammt gut, da einfach auch mal ehrlich zu sein und nicht immer so tun zu müssen, als wäre es anders.

Aber, hey: Draußen ist Sommer. Die Sonne scheint und der Gesang der Vögel hat mich aus dem Schlaf geholt. Ich schlüpfe in ein Kleid und schwinge mich auf mein Rad. Wegen des holprigen Pflasters in unserer Straße fahre ich verbotenerweise auf dem Bürgersteig. Als der ältere Herr hinterm Hibiskusbusch mir vors Rad springt, bin ich mir sicher, dass er mich zuvor aus seinem Fenster gesehen, schnell Hut und Stock gegriffen hatte, die Treppe hinuntergestürmt war und im Vorgarten hinterm Busch hockend den richtigen Moment abgepasst hatte. Elegant weiche ich aus. Nun gut, vielleicht nicht wirklich elegant. Ich fahre ein schweres Herrenrad mit einem Korb hinten und einem dieser holländischen eisernen Gestelle mit Kiste vorne. Aber ich habe ihn definitiv nicht berührt.
Trotzdem brüllt er mir nach: "Das ist ein Fussweg! DUMME GÖRE!"
Und ich?
Hätte ich mich getraut, ich hätte jubelnd die Arme hochgerissen. So aber rufe ich nur: "Ihnen auch einen schönen Tag! Und vielen, vielen Dank! You made my day!"

Montag, 4. August 2014

Searching For Sugar Man

"Wer ist das?", fragte ich meine Freundin im letzten Herbst.
Sie war für einige Zeit zu Besuch, lebt ansonsten in Sydney. Aus den Lautsprechern im Haus ihrer Eltern kam Musik, die ich nicht kannte, die mich aber sofort ganz tief berührte.
"Rodriguez", antwortete meine Freundin.
Von dem hatte ich noch nie gehört.
"Da bist du nicht die einzige. Niemand in Europa oder Amerika kennt ihn, aber bei uns und in Südafrika ist er ein Superstar."
Als wir zu Weihnachten nach Sydney kamen, hatte sie die CD für mich gekauft. Ich freute mich sehr. Seitdem begleitet uns die Stimme und die Worte Rodriguez´ durch die Tage und selbst das 16jährige Töchterchen singt begeistert mit.


Sixto Rodriguez ist Amerikaner. Mit seiner Gitarre zog er durch die eher abgehalfterten Viertel Detroits und trat in schmierigen Clubs auf. Dort sang er mit dem Rücken zum Publikum. Anfang der 70er brachte er zwei wunderbare Alben heraus: poetisch, ehrlich, verblüffend und sehr sehr klug. Aber niemand wollte die hören. Also arbeitete er weiter auf dem Bau.
Hinter den Mauern, die die Apartheit um Südafrika aufgebaut hatte, wurde er währenddessen unbemerkt zum Superstar. Eine eingeschmuggelte Kassette brachte die Texte in das gebeutelte Land. I Wonder wurde zur Hymne, das Album Cold Fact vielleicht millionenfach verkauft. Doch bis auf das Bild auf dem Cover, gab es keine weiteren Lebenszeichen des Sängers. Irgendwann kursierten die Gerüchte, Rodriguez sei lange tot, hätte sich während seines letzten Konzerts auf der Bühne erschossen oder wahlweise auch angezündet. Was Legenden eben so machen.


Dieser Legende auf die Spur kommen, wollte der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul Ende der 90er Jahre. Also schickte er die südafrikanischen Musiker und Journalisten, Stephen "Sugar" Segermann und Craig Bartholomew Strydom, auf die Suche. Anhaltspunkte gab es eigentlich keine. Nur einen Satz im Song Inner City Blues ließ sie stutzen: "Met a girl from Dearborn, early six o'clock this morn. A cold fact." Dearborn ist eine Stadt in unmittelbarer Nähe von Detroit, der Stadt des Motown-Labels. Detroit, wo Rodriguez unendlich bescheiden lebte und noch immer auf dem Bau arbeitete. Sie holten ihn "nach Hause" auf die Bühne, wo er vor komplett ausverkauften Hallen seine Musik einem frenetischem Publikum schenkte. "Danke, dass ihr mich am Leben gehalten habt", sagte er zum Schluss, während alle, alle weinten. Das Geld seiner Auftritte schenkte er seinen Töchtern und wohltätigen Einrichtungen.
Mit Searching for Sugar Man entstand ein absolut berührender Film, der die unfassbare Geschichte Rodriguez´ erzählt. Dafür bekam Malik Bendjelloul im letzten Jahr einen Oscar. Gestern hatte ich das große Glück diesen Film schauen zu dürfen. Er hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich heute darüber schreiben muss. Wie ein leises wehes Glück zieht dieser Eindruck durch meinen Bauch und ich hoffe, er bleibt noch etwas. Denn diese Geschichte ist etwas, das meiner Meinung nach das Leben ausmacht. Dazu gehört aber auch, dass sich der Regisseur, der uns dieses berührende Märchen, diese fantastische Geschichte schenkte, vor gut 2 Monaten mit 36 Jahren das Leben nahm. R.I.P.

If there was a word
But magic's absurd
I'd make one dream come true

It didn't work out 
But don't ever doubt
How I felt about you

But thanks for your time
Then you can thank me for mine 
And after that's said
Forget it

Sonntag, 3. August 2014

Zucchinis in rauen Mengen – ein feines Zucchini-Relish


Erzählte mir jemand, dass eines Tages die Zucchinis die Weltherrschaft übernähmen, ich würde es glauben. Himmel, wie ist das möglich, dass innerhalb weniger Tage aus den zauberhaften Blütenfeen solche Baseballkeulen werden?


Das einzig Problematische am Acker ist der Überreichtum einer einzigen Sorte Gemüse, wenn sie denn reif ist. Jeden Tag Zucchini möchte man ja auch nicht speisen. Nachdem ich gestern schon etliche Kilo mit Ölivenöl, Salz und einer Menge Knoblauch grillte und einlegte, kochte ich heute einige Gläser Relish (etwa 2,5 Liter).
Aus verschiedensten Rezepten und Vorgehensweisen erstellte ich meine eigene. Lecker, muss ich sagen. Wer´s auch probieren möchte, bitte schön.


Man braucht (ich gebe die Mengenverhältnisse mit an, weil Ihr vielleicht sehr viel mehr oder auch weniger Zucchinis habt. Ist ein bisschen Mathe, aber geht schon):

* grüne oder gelbe Zucchini und Zwiebeln im etwaigen Mengenvehältnis 2:1. Also, eine Tasse Zwiebeln auf zwei Tassen Zucchini. Ich nahm etwa 10 Tassen Zucchinis und 5 Tassen Zwiebeln.

* braunen Zucker und Weißweinessig im Verhältnis 2:1 und zu den Zucchinis 1:2, also bei meinen 10 Tassen Zucchinis sind das 5 Tassen Zucker und 2,5 Tassen Essig

* 1 grüne Chilischote / 3 Knoblauchzehen

* 5 EL Salz / 1 TL Muskat / 1/2 TL gemahlenen Koriander / 1 EL scharfer Senf

So geht´s:

Einige Rezepte empfehlen das Kleinschneiden von Zucchini und Zwiebeln, salzen und über Nacht abtropfen lassen. Ich fand eine schnellere Lösung: Die Zucchini und die Zwiebeln habe ich in der Moulinette kleingehäckselt, in ein Haarsieb gegeben und abtropfen lassen. In die letzte Runde gab ich die Chilischote, den Knoblauch und noch etwas Essig, damit das Ganze schön fein wird.
In einem großen Topf mischte ich das Gemüse den Essig und den Zucker. Dann gab ich die Gewürze hinzu und mischte alles noch einmal gut durch. 15 Minuten wurde das Ganze dann gekocht, heiß in Schraubgläser gefüllt, kurz auf den Kopf gestellt und fertig. Nun muss das Relish noch einige Zeit (etwa 6 Wochen) am besten im Kühlschrank durchziehen, bis es perfekt schmeckt.
Es ist ganz wunderbar auf Sandwiches, zu gegrilltem Fleisch, Fisch oder auch Käse.

Mittwoch, 30. Juli 2014

Pferdefuss und Küsse – Frau Herden machte mal Reiterhofferien

Letztens radelten wir an einem Reiterhof vorbei.
„Als junges Mädchen bin ich ja auch mal geritten“, erzählte ich meinem Sohn.
„Echt? Du?“, fragte der.
Etwas irritierte mich an der Betonung des Dus, aber das ignorierte ich.
„Na, klar. Ich wollte ja auch mal Indianer werden“, sagte ich.
„Du und Indianer“, lachte der Sohn.
„Lach nicht, sondern sei froh. Sonst hätte ich mir nicht so viel Mühe mit deinem Indianergeburtstag vor sechs Jahren gegeben.“ Das stimmte. Denn eigentlich – und mal ganz ehrlich – lebte ich da wohl auch etwas aus.


Ja, dachte ich, Indianer. Mit Pfeil und Bogen, Federn im langen schwarzen Haar, Lederhemd mit Perlen und Bändern und einem warmen Pferderücken unterm Hintern, der mich über die goldenen Weiten der Prärie getragen hätte.
Leise und inbrünstig hatte ich meine Kindheit hindurch das DDR-Kinderlied Der Indianerjunge vor mich hingesungen. Natürlich etwas modifiziert. „Als ich ein kleines Mädchen war / spielt´ ich oft in der Prärie / hörte Indianergeschichten so gern / diese Zeit vergess´ ich nie / Ich schoss mit Pfeil und Bogen wie sie / trug Mokassins am Bein / und abends schlief ich dann ganz allein / am Lagerfeuer ein.” Das singe ich übrigens heute noch ganz gerne leise vor mich hin.
Mein lieber Herr Papa unterstützte das Ganze in so fern, als dass er von mir und meiner Schwester im Falle von Unwohlsein, Krankheit oder einer Verletzung verlangte, die Indianermethode anzuwenden: Hand drauf und gut. Dass Indianer sehr wohl auch Schmerzen empfinden, wusste ich damals noch nicht.
Irgendjemand sagte mir dann, dass ich kein Indianer werden könne, weil das gar kein Beruf wäre. Schade, dachte ich und legte traurig meinen selbstgebastelten Federschmuck in die unterste Schublade.
Viel später auf einem Rave in einem Reservat in Arizona hätte ich dann doch einer werden können. Zumindest Indianerin. Aber ich hatte traurig das verschwitzte Shirt mit den schreiend bunten Pilzen darauf, das verstrubbelte Haar und die um einen Fixpunkt ringenden braunen Augen meines Gegenübers betrachtet und beschlossen, noch etwas zu tanzen, irgendwie den Rausch zu überstehen und dann wieder nach Hause zu fahren.

Trotzdem hatte ich mich viele Jahre zuvor sehr gefreut, als mir meine Eltern Reitstunden anboten. Sogar eine Woche Reiterferien fanden in den Monaten meines dreizehnjährigen Lebens statt, die ich nach Pferd und Stall roch. Genau diese Reiterferien waren dann auch das schmerzhafte Ende dieser Zeit. Das Pferd, das ich reiten durfte und als Ausgleich zu pflegen hatte, quetschte mich in seiner Box ein und zertrat mir auf sehr unangenehme Weise den Fuß.
Dennoch erinnere ich diese Reiterferien mit einem Lächeln. In der Pension wohnte nämlich ein Junge im Nachbarzimmer. Der lud mich eines Abends zum Knutschen ein. Ich fand das nett, obwohl mich etwas verwunderte, dass ein 14Jähriger Reiterferien machte. Der Einladung am zweiten Abend folgte ich dann auch nicht mehr. Er hatte etwas sehr Blödes gesagt: “Du bist wirklich aus der DDR (die gab es damals noch)? Ich dachte immer, dort gäbe es nur hässliche Dinge.” Nun ja, …
Erst später kam mir der Gedanke, dass es eigentlich eine unglaublich clevere Idee war, als 14jähriger Junge Reiterferien zu machen. Wo sonst fand man eine derartige Dichte romantischer und kusswilliger 13jähriger Mädchen vor?

Mein Sohn warf noch einen scheelen Blick auf den Reiterhof. “Für mich wäre das ja nix”, sagte er und stieg wieder auf sein Rad.
“Na, wenn du nicht willst”, sagte ich, trat in die Pedale und sang fröhlich ein Liedchen vor mich hin.

Montag, 28. Juli 2014

Ich weine – Politik, Krieg und Kinder

Ich habe folgenden Text schon vor zwei Tagen im Facebook veröffentlicht. Möchte das aber auch noch einmal hier gerne tun. Denn ich finde ihn wichtig. Er soll und darf nicht einfach so auf einer Pinwand nach unten rutschen.


„Willst du dich nicht auch mal zur politischen Situation äußern? Bist du denn gar nicht politisch?“, fragte man mich.
Natürlich bin ich das. Jeder Mensch, der in einer Gesellschaft, einer Stadt (polis), lebt, agiert und denkt letztendlich politsch. Bin ich als Kinderbuchautorin verpflichtet, mich öffentlich zu äußern? Vielleicht.
Ich weine. Und das kann jeder ganz wörtlich nehmen. Umtobt von Kriegen weine ich nur noch. Hilflos starre ich auf die Bilder und verstehe sie nicht.
Jemand, der mich kennt, könnte nun rufen: „Aber Frau Herden, du weinst doch immer!“ Nun ja, das stimmt. Und genau das ist das Problem. Jemand, der sich dermaßen berühren und erschüttern lässt, muss sehr genau überlegen, wie er sich engagieren kann. Hass und Mitleid helfen nicht, sondern Verstand und Mitgefühl. Doch ich leide. Wer Bomben schmeißt, ist ein Mörder. Egal, ob er angefangen hat oder nicht. Und dann beginne ich zu hassen.
Ich rette mich in eine fatalistische Misanthropie. Sage mir: Ich bin von Idioten umgeben. Idioten, die sich gegenseitig umbringen, und wenn sie damit fertig sind, zerstören sie den Rest des Planeten, ihre eigene Heimat. Mir fällt dazu nichts weiter ein. Einziger Trost ist: Die Menschen werden nicht gewinnen! Egal welche Spur der Verwüstung sie anrichten, irgendwann sind sie weg und die Natur, die Erde, wird sich wieder aufrichten, bedauernd ihr mächtiges Haupt schütteln und auf der To Do-Liste hinter den Stichpunkt Menschen BLÖDER FEHLER schreiben.
Und ich? Ich habe die Kinder gewählt. Denn sie, allein sie, vermitteln mir Hoffnung. Eine Hoffnung, die die Misanthropin nicht braucht, aber die die Frau und Mutter in mir erfleht. Darum schreibe ich. Darum lese ich. Für Kinder.
Dass die Großen sich über sie hinwegsetzen, ihnen Regeln aufdrängen, angeblich diplomatische Regeln, die letztendlich zu Kriegen führen können, lässt mich manchmal wütend in mein Kissen beißen. Dazu hier einmal ein Beispiel:
Es ist an der Schule meines Sohnes verboten, sich zu prügeln, sich zu schlagen, sich zu stoßen, sich anzuschreien, jemandem die Mütze vom Kopf zu ziehen, eine Kastanie oder einen Schneeball nach jemandem zu werfen. Stattdessen soll man denjenigen, über den man sich geärgert hat, sofort an die Direktion VERPETZEN. Auch jeden anderen, den man nur beobachtet hat, bei etwas, das eventuell verboten ist.
Ich finde das ganz ganz schlimm. Ich möchte die Menschen nicht kennenlernen, die daraus entstehen.
Letztens gab es in der Klasse meines Sohnes einen Disput zwischen zwei Jungen, der einfach nicht geklärt werden konnte. Gemeinsam wurde beschlossen, diesen nach der Schule in einem Kämpfchen auszutragen. Also lief die halbe Klasse nach dem Unterricht zu einer versteckten Unterführung. Es wurden genaue Regeln für das Kämpfchen beschlossen. Dann traten sich die beiden gegenüber und versuchten sich eins auf die Nase zu geben. Als beide erschöpft waren und jeder einen ordentlichen Schwinger abbekommen hatte, wurde der Disput für beendet erklärt. Die Jungs gaben sich die Hand und teilten sich eine Flasche Limo. Gemeinsam liefen alle nach Hause und besprachen noch etwas den Kampf. Alles war gut.
Leider erzählte eines der Mädchen zuhause davon. Empört riefen deren Eltern in der Schule an. Es gab einen Rieseneklat, der leztendlich die Klasse spaltete in Verräter, Feige, Mitläufer, Neutrale, Gleichgültige, Freidenker und Schläger.
Und ich? Am liebsten hätte ich den verantwortlichen Erwachsenen alle Bände des Kleinen Nicks um die Ohren gehauen.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Scheisse sagt man nicht – Frau Herden sucht die korrekten Bezeichnungen für den Intimbereich


Als Kind eines Mediziners machte ich nie Pipi oder Kaka. Ich urinierte und defäzierte. Von Anbeginn. Hinterfragt habe ich das lange nicht.
Übrigens auch das zweimalige tägliche Duschen nicht – morgens und abends erst warm, dann kalt. Letzteres habe ich höchstens heimlich vermieden. Gesundheit und Hygiene wurden bei uns sehr groß geschrieben. Selbst wenn wir unterwegs waren und wir uns durch unwirtliches Gebiet, menschenleere Einöden oder anderes gefährliches Gelände schlugen. (Unser Leben der arbeitsfreien Tage meiner Eltern glich tatsächlich dem eines fahrenden Volkes und ich weiß, woher mein unruhiges Blut und mein permanentes Fernweh stammen.) Mit dem Heulen der Wölfe erscholl auch allabendlich der Ruf meines lieben Herrn Papa: „Kinder! Hände, Po und Vulva waschen.“ Dann suchten meine Schwester und ich unsere kleinen Waschbeutel und ein lehmiges Wasserloch in der Dunkelheit, um eben jenes zu tun. Punkt.


Jahre später sprach mich die Kindergärtnerin meiner Tochter an. Ich solle mein Kind doch etwas altersgerechter erziehen. Bass erstaunt fragte ich, was denn los sei. Nun, die Kleine hätte sich an der Schaukel gestoßen und über Schmerzen an der Vulva geklagt. Meine von Unverständnis aufgerissenen Augen ließen sie dann etwas herumdrucksen. Doch schließlich erfuhr ich, dass niemand im Kindergarten gewusst hatte, um welches Körperteil es sich da gehandelt hätte, so dass man genötigt war, den Kinderarzt anzurufen. 
Ich kann nicht sagen, ob es mir tatsächlich gelang, mein Grinsen überzeugend zu verkneifen.

Doch nicht nur Tadel, sondern auch Lob brachte das Verwenden solcher fachlich sachlichen Bezeichnungen. Und so erinnere ich mit Freuden folgende Episode:
ACDC waren noch gar nicht tot, sondern gaben ein Konzert in der Frankfurter Festhalle. Eine wunderbare Gelegenheit für eine ausschweifende Herren-Tour. Damals waren wir mal kurzzeitig zu viert und das Söhnchen noch nigelnagelneu. Der Mann hatte extra einen VW Bus gemietet und so langsam versammelten sich etwa zehn unserer männlichen Freunde in der Küche. Sie freuten sich so und das freute mich. Ganz gerührt betrachtete ich die einstigen Jungs mit den beginnenden Geheimratsecken und den T-Shirts längst vergangener Konzerte durchkreuzt von ausgeblichenen Legekanten.
Da stapfte das knapp dreijährige Töchterchen hinzu, sah sich aufmerksam um und suchte dann ein wenig Sicherheit an meinem Bein. Als plötzlich aus einem seltsamen Zufall heraus das tiefe Gemurmel und Gelache für einen Augenblick zur Gänze verstummte, sprach es in die Stille hinein: „Mama, das sind alles Männer und die haben alle einen Penis.“

Mittwoch, 16. Juli 2014

Bitte, bitte liebt mich! – Frau Herden trauert der Nummer 600 nach


Aus aktuellem Anlass schrieb ich soeben dies.
Ach ja: Wer nicht über sich selbst lachen kann, der sollte das hier nicht lesen.


Über Nacht habe ich im Facebook wieder einen Fan verloren. Jetzt sind es nur noch 598. Dabei hatte ich mich vor zehn Tagen noch ganz innig bei meinen 600 Fans bedanken dürfen. Zum Tag des Kusses natürlich mit Kussbildern, die zwar etwas peinlich, aber doch von Herzen waren. Nicht nur, dass es seitdem keinen neuen Freund meiner Autorenseite gibt, zwei Tage später verließ mich gar einer. Und nun ist das also wieder passiert.
Ich starre auf die Zahl 598, weine leise vor mich hin und rufe in die Leere des Raumes hinein: „Warum, liebe 599? Warum? Und was war dein Grund, Nummer 600? Wann und wie habe ich euch so bitter enttäuscht, dass ihr mich verlassen musstet? Ihr hättet mich doch auch einfach unauffällig ignorieren können.“ 
Die ahnen vielleicht nicht einmal, wie sehr ich an sie denke.

Dabei gebe ich mir doch so viel Mühe. Jeden Tag überlege ich mir etwas, womit ich meine Fans beglücken könnte. Ich mache mir Gedanken über Wichtiges oder auch mal Unwichtiges, kleide sie in die mir eigenen Worte, fotografiere oder finde dazu ein Bild, arbeite das Ganze noch mal auf und präsentiere es dann in möglichst mungerechten Stückchen. Wenn es jemandem gefällt, dann freut mich das. Wenn gar einer etwas dazu äußert, muss ich ein aufgeregtes Klopfen meines kleinen, wilden Herzens unterdrücken. 
Obwohl es hin und wieder schon schmerzt, dass Posts, die ich nur geteilt habe, weitaus mehr „Likes“ bekommen, als solche, die ich mir in der eben beschriebenen Form quasi aus der Seele gerungen habe. Die Frage, was mir das sagen soll, ignoriere ich jedoch tapfer und mit fest zusammengebissenen Zähnen.

Manchmal kann ich mich auf gar nichts anderes konzentrieren, bis nicht irgendeine Reaktion auf meinen Tagespost gekommen ist. Um die Wartezeit bis dahin zu verkürzen, telefoniere ich währenddessen gerne mit meiner Freundin Katinka.
„Warum mache ich das?“, jammere ich dann zum Beispiel.
Eigentlich hatte ich die Seite nämlich einst eröffnet, um über meine Bücher und auch etwas über mein Leben als Kinderbuchautorin zu berichten. Für Leute, die das interessiert. Veranstalter zum Beispiel, die nach Autoren für das nächste Festival Ausschau halten, Lehrer und Bibliothekare, die sich ein Bild von mir machen wollten, und Buchhändler. Das sollte flott, rein beruflich orientiert, aber sympathisch funktionieren und vor allem nicht viel Zeit kosten.

Als eine Studie der TU meines Heimatstädtchens herausfand, dass Facebook in den Usern Neid schürt mit all seinen Bildchen, die „Schaut her! Hier bin ich in meinem wahnsinnig sexy Outfit, an diesem wunderschönen Ort, gleich beiße ich in diesen unglaublich leckeren Burger, neben mir sitzen diese ultracoolen Leute und nachher fängt es erst richtig an!“ schreien und ein höhnisches „Und du so?“ nachschieben, da überprüfte ich alles (Blog, Profil, Autorenseite) genau darauf hin. Denn das wollte ich nicht. Neidisch sollte niemand auf mich sein. Beruhigenderweise stellte ich schnell fest, dass ich gar kein wahnsinnig sexy Outfit besitze und mich so auch nie aus Versehen darin hätte fotografiert haben können. Ehrlich gesagt, besitze ich auch gar kein Selfiephone, mit dem man das gemeinhin und eben mal schnell so macht. Und vielleicht auch nicht mal die Figur ... doch das ist ein ganz anderes Thema.

„Letztendlich wollen wir eben alle geliebt werden“, sagt Katinka. „Darum.“
„Aber bin ich denn so verdammt liebebedürftig, dass ich mich auf ein „Gefällt mir“ stürze wie ein verhungernder Straßenköter auf einen angeschimmelten Knochensplitter?“
„Darüber müsstest du vielleicht mal nachdenken“, sagt Katinka.
„Ja, da hast du recht. Vielleicht läuft ja irgendetwas schief in meinem Leben.“
Ich lege auf, nicke mit dem Kopf und nehme einen Schluck aus der Tasse mit kaltem Kaffee. Dann presse ich den Hörer wieder an mein Ohr und drücke die Wiederwahltaste.
„Katiiiinkaaaa? Aber warum hat mich Nummer 600 nicht mehr lieb?“

Mittwoch, 9. Juli 2014

Der Keller ist ein kalter Ort – Notunterkünfte für kleine Revoluzzer


Menschen saßen schon immer zusammen, am Feuer zum Beispiel oder beim Quilten. Die Alten erzählten und die Jungen hörten zu. So erfuhren sie die Geschichten und Legenden des Stammes oder der Familien.
Und lernten.


„Mama, erzähle uns von früher, als du klein und noch jung warst!“, wurde ich vom eigenen Offspring aufgefordert. Ich erzähle gerne und so waren wir oft zusammen – im Auto auf großer Fahrt zum Beispiel, beim Durch-die-Landschaft-Laufen oder Vor-dem-Zelt-Sitzen – und ich erzählte. Je älter die Kids wurden, desto älter wurde auch die Protagonistin (ich) meiner Geschichten.

Und so begannen die Fehler. In meinen Erinnerungen schwelgend, erzählte ich nämlich vor lauter Begeisterung hin und wieder zu viel. Und die Kinder lernten. Saßen da mit offenen Ohren, offenen Mündern und ich tauchte mit ihnen in jene verrückte Nacht ein, als ich, 14-jährig, gemeinsam mit einer Freundin heimlich eine wilde Party mit erstem Bier (schmeckte nicht) und richtigem DJ erlebte. Wir hatten Schlafsäcke dabei und die Option bei „dem süßen blonden Typen“ zu übernachten. Leider hatte dessen Mutter etwas dagegen. Darum standen wir plötzlich mutterseelenallein gegen zwei Uhr morgens zehn Kilometer vom Heimathafen entfernt im kalten Novembernieselregen. Wir hängten uns die Schlafsäcke über und liefen durch den finsteren Wald nach Hause. Da sie ja bei mir und ich bei ihr übernachtete, schlichen meine Freundin und ich uns in den Keller ihres Elternhauses. Nach unserem nächtlichen Marsch waren wir sehr sehr hungrig. Das Grillen zweier Wienerwürstchen in Aspik aus der Voratskammer auf einem alten Bügeleisen wollte nicht schmackhaft gelingen. Notgedrungen hebelten wir mit einem Stemmeisen eine Thunfischdose auf, verschlangen den öligen Inhalt und entsorgten die Dose hinter einem Haufen Bretter. Dann versuchten wir eng aneinander gegabelt in den Schlaf zu finden. Vier fischbegeisterte Katzen, die sich von einem meterhohen Bretterhaufen nicht entmutigen lassen wollten, und die deutlichen Minusgrade verhinderten das jedoch. Schließlich gaben wir auf, schlichen ins Bett der Freundin, wo wir nur wenige Stunden später entdeckt und bestraft wurden.

Vor etwa zwei Jahren brach das Töchterchen zu einem Übernachten bei einer Freundin auf. Am nächsten sehr frühen Morgen klingelte das Telefon. Die aufgeregte Mutter einer ganz anderen Freundin meiner Tochter war am anderen Ende.
„Weißt du, wo unsere Mädchen heute nacht geschlafen haben?“, fragte sie.
„Also, meine war bei einer Freundin.“
„Ha! Das stimmt nicht. Die waren bei euch im Keller!“

Der Tag wurde von vielen Tränen, Erklärungen und auch einem Entschuldigungsgang auf das nächste Polizeirevier bestimmt, wo sich die Mädels bei den beiden Beamten meldeten, die die ganze Nacht lang sämtliche Facebookfreunde im Umkreis von 30 Kilometern abgefahren waren. Ich war sehr froh, dass ich diese ganze Nacht seelenruhig geschlafen hatte und von all dem gar nichts wusste.

„Aber, Mama, das hast du doch damals auch gemacht“, raunte mir das Töchterchen zwischendurch zu.
„Na und, das ist kein Argument“, sagte ich und versuchte mich an einer gestrengen Miene.
„Ich kann sehen, dass du lachen musst“, erwiderte das freche Weiblein und grinste mich an.

Mittwoch, 2. Juli 2014

Frau Herden ist eine Frau – und das gerne

In meiner heutigen Mittwochskolumne wage ich mich an ein wichtiges Thema und sage: Ich bin gerne Frau und würde auch gerne mal wieder so behandelt werden. Dafür würde ich auch meine geliebte Kapuzenjacke ausziehen.



Ich bin gerne Frau. Mit allem Pipapo. Mit Begegnungen voller Zuvorkommenheit und Achtsamkeit, mit Beschütztwerden und Türaufgehaltenbekommen, mit Ausgeführtwerden und Nichtimmerbestimmenwollen (außer natürlich, wenn ich recht habe).
„Oh, ha!“, höre ich die Emanzen schimpfen. Aber die schimpfen immer mal, wenn ich etwas sage. Manchmal auch, wenn sie mich nur sehen.
Dabei hat das gar nichts mit Gleichberechtigung oder Emanzipiertsein zu tun. Ersteres erwarte ich, das zweite bin ich. Seit sechzehn Jahren erziehe ich (mit zwei knapp dreijährigen Unterbrechungen) meine Kinder alleine. Da bleibt einem gar nichts anderes übrig.
Trotzdem.

Wie schön wäre es beispielsweise, einen Anruf von einem netten Mann zu bekommen (ich ignoriere hier einmal ganz bewusst, dass dieser Anruf natürlich erst nach dem Kennenlernen eines netten Mannes erfolgen kann und spreche einfach mal aus Erfahrung), der mich auffordert, eine Tasche für drei Tage zu packen – je nach dem mit Badeanzug oder Wanderschuhen, vielleicht auch einem Buch und meinem Kleid für Gelegenheiten – und einfach damit zu warten, bis er mich abholen kommt. Alles andere sei schon organisiert.

Vielleicht bin ich etwas maßlos? Nun gut, ein Anruf von einem netten Mann, der sagt, er würde mich in einer Stunde zum Essen abholen und ich bräuchte weder das Restaurant raussuchen noch dort einen Tisch reservieren, denn das hätte er alles schon getan und das Lokal sei eine Überraschung, würde mich schon unendlich glücklich machen.
Denn so etwas kenne ich aus den Filmen der 50er und 60er Jahre. Leider nur daher.
Ich selbst habe wunderbare Freundschaften und Lieben leben dürfen. Aber immer war ich auch ein bisschen der Animateur darinnen gewesen. Dabei wollte ich das nie sein. 
„Na und?“, fragen vielleicht manche und verstehen meine Not nicht. Darum möchte ich ein Beispiel erzählen.

Einmal, es ist viele Jahre her (etwa die Zeit, aus der das Plakat von mir stammt), da wollte ich die Probe aufs Exempel machen und beweisen, dass ich für den Mann an meiner Seite oft sogar denken musste.
Wir waren eingeladen und hatten einen sehr großen Salat bereitet. Wir setzten uns damit ins Auto. Der Mann fuhr. Ich sagte nichts. Der Mann fuhr die lange Straße hinunter, durch die ganze Stadt, auf den Autobahnzubringer. Ich sagte nichts.
Kurz vor Frankfurt fragte der Mann: „Wo müssen wir noch mal hin?“
Ich sagte es ihm.
Die Adresse lag nur wenige Straßen von unserer Wohnung entfernt. Das Auto hatten wir eigentlich nur wegen des sehr großen Salats genommen.
„Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?“, wurde ich angefahren.
Das führte letztendlich zu einem etwas lauteren Gespräch auf einem Autobahnparkplatz.
„Weißt du, manchmal ist es eben einfacher, dich zu fragen, als selbst nachzudenken“, ließ er mich ganz unverblümt wissen. Okay, nicht ganz unverblümt. Er grinste dabei. Und er hatte ein süßes Grinsen.
Versöhnt haben wir dann auch gleich noch dort auf dem Parkplatz den Salat gegessen.
Ach ja: Eingeladen hatten uns übrigens seine Freunde.


Das letzte Mal ging es um Traditionen. Das passt ja irgendwie zusammen.

Sonntag, 29. Juni 2014

Kirschkuchen mit Schmandguss – der perfekte Sommer-Sonntags-Oma-Kuchen vom Blech

Habt Ihr noch Kirschen im Garten? Oder vielleicht der Nachbar? Dann könntet Ihr damit diesen himmlisch köstlichen Kuchen backen.



Man braucht:

für den Teig:
200g zimmerwarme weiche Butter / 100 g Zucker / eine Prise Salz / 4 zimmerwarme Eier / 250g Mehl / 2 TL Backpulver / etwas Milch

für den Schmandguss:
500g Schmand / 4 Eier / 100 g Zucker

etwa 600 - 700 g Kirschen (je nach Geschmack)

So geht´s:
Die Kirschen entsteinen. Das funktioniert zum Beispiel mit dem runden Ende einer großen Sicherheitsnadel ganz prima, auch wenn es etwas spritzt.

Ofen auf 200 Grad vorheizen.

Butter, Zucker und Salz schön schaumig rühren. Nach und nach die Eier zugeben und weiter schaumig rühren.
Mehl und Backpulver mischen.
Das Mehl unter die Zucker-Butter-Eiermischung geben.
Mit ca. 5 Esslöffel Milch den Teig geschmeidig rühren. Achtung: Sobald das Mehl im Teig ist, immer nur noch ganz kurz rühren, sonst wird das Ganze kleistrig.

Ein hohes Kuchenblech (meines ist 26 x 38 x 4 cm und für die Teigmenge perfekt) ausbuttern (oder einfetten, ;-)). Den Teig darin verteilen. Darauf die Kirschen legen.

Schmand, Eier und Zucker verquirlen und über die Kirschen geben. Den Kuchen 35 Minuten in den Ofen schieben.

Zum Genießen gibt es zwei Varianten:
* noch warm mit Vanillesahne oben drauf
* oder kalt (gerne auch am nächsten Tag)

Mittwoch, 25. Juni 2014

Traditionen – Frau Herden findet ihren Weg


Heute habe ich mich in meiner Mittwochskolumne einmal mit meinem Verhältnis zum Alten beschäftigt und festgestellt, dass ich trotz allem kein Spießer bin, sondern wahrscheinlich überleben würde.


Wäre das Leben ein Film, dann wäre meine Rolle darin wohl die eines Bewahrers. Ich betrachte gerne Relikte alter Zeiten, egal ob pompöse Ölschinken in Prachtsälen oder verrostete Riegel an Ruinen. Dann stelle ich mir vor, was beispielsweise ein Nagel, der vor 300 Jahre in einen wurmlöchrigen Hausbalken geschlagen wurde, schon alles gesehen und gehört hat, oder wer, Worte der Liebe flüsternd, den verzierten Knopf an einem alten Strumpfhalter befingerte.
Inzwischen bin ich auch nicht mehr böse, dass mich meine Eltern in sämtliche Kapellen, Kirchen, Klöster und Kathedralen (ganz zu schweigen von den Lustschlösschen und Herrschaftssitzen) zwischen Magdeburg und dem schwarzen Meer schleppten. Im Gegenteil.
Aber nicht nur in dieser Weise bin ich der Historie und den Traditionen verhaftet. Habe ich mich im Alltag mit etwas angefreundet und es als funktionierend erkannt, muss ich es nicht austauschen, nur weil es längst etwas Neueres gibt. Nicht, dass ich dem Neuen misstrauisch oder gar ablehnend gegenüber stehe. Nein, ich mag es einfach, mich mit Dingen zu umgeben, die eine Geschichte haben. Gerne auch eine mit mir.
Außerdem möchte ich nicht wegen des Gebrauchs moderner Technik einst erlernte und eventuell irgendwann einmal überlebenswichtige Fähigkeiten einbüßen. Vieles kann ich nämlich auch ohne Hilfsgerät.
Und vielleicht liegt es daran, dass ich mit beinahe knurrender Verbissenheit mein altes Nokia-Handy verteidige, das ich vor 15 Jahren aus der Not heraus kaufte, als ich das Töchterchen in die Krippe geben musste, um die Architektur zu studieren.
Dem 13jährigen Sohn entlockt das hin und wieder ein mildes Lächeln. Letztens musste ich ihm gar das Versprechen geben, vor der nächsten längeren Lesereise, diesen Zustand zu ändern. „Mamilein, das ist dumm und unwirtschaftlich, wenn man vor Dekaden geschlossene Verträge einfach immer weiterlaufen lässt.“ Mamilein bin ich nur in solchen Momenten.
Meine Tochter nimmt das Ganze gelassener und sogar mit etwas Stolz, will mir scheinen. Sie ist inzwischen in dem Alter, da Eigenheiten manchmal durchaus als etwas positives wahrgenommen werden.
Vor einer Weile bekam ich am Rande ein Gespräch zwischen ihr und einer Schulkammeradin mit.
„Den Straßennamen gebt ihr dann einfach in den Navi ein“, hatte das Mädchen gesagt.
„Wir haben kein Navi“, antwortete meine Tochter.
Die pure Erschütterung im Gesicht der Anderen musste ich gar nicht erst sehen, als sie fragte: „Wie findet deine Mutter denn dann ihren Weg?“
Nun ja ...

Am letzten Mittwoch ging es um brechende Mutterherzen.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Mama, du bist peinlich! – Frau Herdens Mutterherz bricht im Tanze



So langsam beginnt die Zeit, da ich des Abends im Heimatstädtchen nicht einfach mehr ganz unbedacht ausgehen kann. Meine Tochter geht inzwischen nämlich auch hin und wieder aus. Früher dachte ich noch, dass es ganz nett wäre, wenn wir irgendwann zusammen tanzengehen würden. Aber damals glaubte ich ja auch, dass der Musikgeschmack meiner Kinder etwas damit zu tun haben könnte, was ich ihnen während der vielen Jahre unseres engen Zusammenlebens vorgespielt hatte. Seit vier Jahren kenne ich jedoch die Wahrheit.

Damals fand hier das erste Kinderliteraturfest statt. Das 12-jährige Töchterchen war begeistert. Was wiederum mich sehr freute. Das Kind ließ sich von Literatur in den Bann ziehen! Wie im Glückstaumel stürzte ich mich in die das Lesefestival abschließende Disko. Ein stadtbekanntes DJ-Duo legte für die Kids an einem Ort Platten
auf, der eigentlich in mein Leben gehörte, zumindest in meine übliche Abendgestaltung. Das fand ich irgendwie süß. Da wollte ich dabei sein. Glücklich und gerührt schwenkte ich die Arme und schleuderte die Beine zwischen den kleinen Freunden meines Kindes herum. Das zog jedoch einen Flunsch, der immer wütender wurde.
„Engelchen, was ist denn los? Gefällt dir deine erste richtige Disko nicht?“, fragte ich.
„Rede nicht mit mir! Geh weg! Du bist peinlich!“, zischte die Süße mich an.
Aua! Ich versuchte mich an einem Lachen, entschuldigte die Beleidigung vor mir selbst als schlechten Scherz und tanzte weiter.
Doch das Töchterchen hatte es durchaus ernst gemeint.
„Du sollst weggehen!“, schrie sie gegen die treibenden Beats an und mein Mutterherz brach. Ich ließ meine plötzlich zentnerschweren Arme sinken und eine Träne rollte meine Wangen hinunter.
„Ey, lass sie doch hier mit tanzen. Sie ist echt cool“, beschwichtigte eine der kleinen Freundinnen meine Tochter. Sie nahm sogar meine Hände und versuchte mich in einen flotten Reigen zu ziehen.
„Cool? Die ist doch nicht cool!“, schrie mein Kind. „Das ist meine MUTTER!“
Mit hängenden Schultern befreite ich mich, schlich von der Tanzfläche und lief hinter die Bar, die wie ein großer Raumteiler den kleineren Teil der Lokalität abschirmte. Dort tanzte ganz alleine eine Bekannte. Durch einen schmalen Spalt beobachtete sie ihren Sohn auf der anderen Seite.
„Sind sie nicht süß?“, fragte sie und drehte sich im Takt.
„Na ja“, machte ich bedrückt.
„Wir können ja hier tanzen“, sagte sie.
Lustlos begann ich ein bisschen hin und her zu wippen und wackelte auch etwas mit den Armen. Aber so hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt.

In diesem Sommer passiert es nun zum ersten Mal, dass in der Nähe ein Musikfestival stattfindet und wir nicht im Urlaub sein werden. Schon immer wollte ich dort gerne hingehen. Doch das Schicksal hat mir wieder einmal einen Strich durch meine Pläne gezogen. Das Töchterchen hat sich nämlich längst eine Karte gekauft.

Als ich mal am Marterpfahl stand, kann man hier nachlesen.

Sonntag, 15. Juni 2014

Frau Herdens Lieblings-Erdbeer-Rhabarber-Crumble

Im letzten Jahr "erfand" ich mir ein leckeres Rhabarber-Crumble. Ein Crumble ist ja quasi mit knusprigen Krümeln überbackenes Obst. Gestern bug ich wieder einmal ein solches und ich muss sagen, diese kleine Köstlichkeit toppte die vom letzten Jahr noch einmal um Längen. Darum hier und heute mein Lieblings-Erdbeer-Rhabarber-Crumble wie immer im Glas, aber natürlich genauso gut in der Auflaufform möglich.
Man beginnt damit schon am Abend vorher, zumindest einige Stunden vor dem Backen.


Zutaten für etwa 10 Gläschen:

500 g Erdbeeren / vier Stangen Rhabarber / ca. 6 bis 7 EL Zucker (zum Zuckern der Früchte) /  100 g weiche Butter / 100 g Vollkornhaferflocken / 100 g braunen Zucker / 50 g Mehl / 50 g geriebene Haselnusskerne / 1 TL Vanillepaste / Prise Salz


So geht´s:

Die Erdbeeren waschen und in Scheiben schneiden. Zuckern und über Nacht in den Kühlschrank stellen. Den Rhabarber waschen, schälen in Scheiben schneiden, ordentlich zuckern und über Nacht in den Kühlschrank stellen. (Das könnte man natürlich auch in einer gemeinsamen Schale machen, aber dann kann man die übrig gebliebenen Erdbeeren am nächsten Morgen nicht einfach so verspeisen, weil ja dann der ungekochte Rhabarber dazwischen ist.)

Am nächsten Morgen:
Ofen auf 200 Grad vorheizen.

Die Gläschen (oder die Form) buttern und zur Hälfte mit Erdbeeren und Rhabarber füllen. Dabei auch vom süßen Saft nehmen. (Falls Saft übrig bliebt, kann man den in ein Glas füllen und mit Sprudelwasser auffüllen. Lecker!)

Alle anderen Zutaten mit der Maschine oder den Händen zu Krümeln verkneten. Davon jeweils eine Handvoll fest in die Gläschen auf das Obst drücken.
Nun die Gläschen (ich stelle sie immer auf das Backblech und kann sie so alle auf einmal rein- und rausziehen) etwa 20 bis 25 Minuten in den Ofen stellen.
Herausholen, fertig. Lecker und saftig in warm, lauwarm, kalt und am nächsten Tag.

Wer auch einmal das andere Crumble vom letzten Jahr probieren möchte, der findet das Rezept hier.

Mittwoch, 11. Juni 2014

Am Marterpfahl – Frau Herden organisiert den perfekten Kindergeburtstag


Zum Mittwoch meine persönliche Kolumne. Heute wieder ein Text, den ich im letzten Jahr für das Familienmagazin Fratz schrieb: Indianergeburtstag.


„Das wird toll!“, jubelte das Söhnchen. "Stimmt doch Mama, oder?"
Der seltsame Druck in meiner Brust nahm zu. Es ging um den Indianergeburtstag in einigen Wochen. Der musste einfach viel, viel besser werden als die Fantasyparty mit Zauberer, Vampirangriff und echtem Drachen letztens bei Levin. 
Mindestens.

Ich nutzte die wenige verbleibende Zeit sinnvoll. Ich recherchierte spannende Indianerspiele und wilde Stammesrituale, kochte Bärenpfoteneintöpfe (nach Karl May ja das Leckerste überhaupt) zur Probe und bestellte eine riesige Pinata in Mexiko, ich bastelte einen lebensgroßen Pappmacheé-Büffel, bog Bögen, schnitzte unzählige gefiederte Pfeile und wickelte einen original indianischen Fußball aus unzähligen Stoffbändern.
„Mama, wir Jungs basteln doch nicht“, sagte das Söhnchen. Also packte ich die vorbereiteten 10 Kreativ-Sets wieder aus und fertigte daraus selbst noch schnell 10 bemalte Lederbeutel und 10 Krallenketten. Außerdem drechselte ich für jede kleine Rothaut ein Kriegsbeil, während der vor sich hin schmurgelnde Eintopf seinen penetranten Duft nach Wildem Westen verbreitete.

Am Tag der Tage wollte ich mich eigentlich für eine lange Zeit in die Einöde der Prärie zurückziehen, um zu ruhen. Doch dann kamen die Blutsbrüder. Mit wildem Gebrüll zog der Tross in den Park ein. Am vorbereiteten Plätzchen erkletterte einer der Schwarzfüssigen sofort die luftige Höhe einer Laterne, während die anderen mit Pfeilen um sich schossen. 
Mein Mahnen wurde von den Wilden überhört, geknebelt und an den Marterpfahl gefesselt gab ich wohl keine überzeugende Figur ab. 
Ein grober Kerl mit buntem Kopfschmuck begann aus unerfindlichen Gründen zu schreien und wurde kurzerhand von der Meute mit dem original indianischen Fußball ins weite Land Manitus geschossen. Ich wollte helfen, doch mir waren die Hände gebunden. 
Pfeile surrten an mir vorbei. Aus den umliegenden Gebüschen fiepte und röchelte es. Erst als die rauen Kerle die Pinata nicht aufgeschlagen bekamen, band man mich los. 
Unter dem entsetzten Aufstöhnen aus 10 verschmierten Schokomündern schlug ich mit dem Stock wie ein Berserker auf das bunte Krepplama ein. Hinter mir begannen ein paar kleine Stimmchen zu weinen.
Auf dem Heimweg zum Bäreneintopf kamen wir an einem Burgerladen vorbei. Ungünstigerweise erinnerten sich die nur beinahe müden Krieger ihrer Holzbeile. Mit Kriegsgeheul enterte der Stamm die fettigen Räumlichkeiten, bedrohte die Bedienung und forderte Nahrung. Ergeben bezahlte ich. Auch die zerschlagene Vitrine mit billigem Plastikspielzeug.

Als endlich alle kleinen Indianer in ihre eigenen Wigwams zurückgekehrt waren, sank ich erschöpft danieder und genehmigte mir einen großen Schluck Feuerwasser. 
„Mama, das war der tollste Geburtstag der Welt“, schwärmte das Söhnchen. 

Auweia, den gilt es im nächsten Jahr zu toppen.

Wer lieber wandern geht, mag zuvor vielleicht die letzte Mittwochs-Kolumne lesen.

Donnerstag, 5. Juni 2014

Wandertag – oder: The secret knowlegde of the nature wariors – level 1

Na, wunderbar. Die dritte Mittwochs-Kolumne erscheint also bereits am Donnerstag. Tja, so ist das bei einer selbstständigen Autorin: Die hat einfach das Gefühl für die Wochentage verloren. Nichts desto trotz folgt hier ein Text, der ganz wunderbar zu freien Sonnentagen passt und im letzten Jahr im Fratz Magazin erschien.

Ein ganzes Album meiner Fotografien von der Wiese, findet Ihr hier.


Wandertag
während diese Ankündigung in der Schule zu Jubel führt, erntete ich im Zuhause nur einen mitleidigen Blick. Aber: Wandern ist gesund für Leib und Seele. Besonders für Comicleser und Computernerds. Außerdem kann man dabei entspannt die heimische Pflanzenwelt kennenlernen. Ich wollte mich nicht beirren lassen. Schon gar nicht von einem voller Unlust gezogenen Flunsch.
„Es gibt eine tolle Überraschung. Wir werden großen Spaß haben“, versprach ich.
„Wobei werden wir Spaß haben?“, fragte das heimkehrende Töchterchen.
„Wir müssen morgen wandern“, antwortete ihr Bruder. „Echt, ey! Wandern und Spaß ist ein Paradoxon.“
Ich freute ich mich über die – wahrscheinlich vererbte – Eloquenz des Söhnchens.

Am Abend vor dem großen Tag wälzte ich verschiedene Werke – den alten Schmeil aus meiner Schulzeit, einen Kosmos-Natur-Führer und das große Pfadfinderbuch. Mir war klar, allein mit einem fulminanten Picknick konnte ich mein Versprechen nicht einlösen. Darum bereitete ich ein Waldquiz vor: Bäume sollten benannt, Kräuter gesammelt, Tierlosung erkannt, eine Wetterprognose anhand des Wolkenbildes erstellt und die Himmelsrichtungen bestimmt werden. Das Übliche eben. Als ich selbst über alles bescheid wusste, legte ich mich zufrieden ins Bett. Ich beschloss, das Ganze nicht Waldquiz sondern The secret knowlegde of the nature wariors – level 1 zu nennen.

Darüber hatte ich ganz vergessen, eine Wanderstrecke rauszusuchen. Nun denn, ein netter Weg, der an einem Bächlein entlang mäandern, unter schattigen Baumkronen führen und blühende Wiesen kreuzen würde, fände sich sicherlich auch so. Zu unwegsam durfte er jedoch nicht sein, die Wanderschuhe des Söhnchens passten nicht mehr und das Töchterchen hatte gar keine.

Ich wollte mir die Laune nicht verderben lassen und schleppte meinen mit Proviant, Picknickdecke, Regenzeug, Fernglas und Quizutensilien vollgestopften Rucksack, mit dem ich normalerweise auf Fernreisen gehe, ins Auto. Dann setzte ich die muffelnden Kinder dazu. Der Morgen war nicht mehr ganz so früh, wie ich geplant hatte, eigentlich war es schon früher Nachmittag. Darum fuhr ich auch nicht so weit. Wir wollten ja in die Natur.

Die Wiese unter unserer Picknickdecke blühte, Bienchen summten, ein Bächlein murmelte und die Sonne lachte. Wir aßen Brote und sogar die Karotten- und Apfelschnitzen, wir lagen auf dem Rücken und guckten in die Wolken.
„Die sieht aus wie der Kopf einer Mantis“, murmelte das Söhnchen verträumt.
„Schau mal, die coole Dragon Fly“, sagte das Töchterchen. Wir schauten der schillernden Libelle nach. „Hey, wie ist denn die Sequoia hierher gekommen?“
„Vielleicht gab es hier mal ein Arboretum“, mutmaßte das Söhnchen.

Zum Glück fragte keiner nach der tollen Überraschung. Ich hatte die Quizfragen sowieso vergessen.
„Mamaschka, erzähl mal eine Geschichte. Irgendwas Lustiges aus der Zeit als du klein warst.“
Wir kuschelten uns zusammen. Eine Sommerböe spielte mit unseren Haaren. Ich erzählte. 
Das nächste Mal wandern wir bestimmt. 

Wer wissen möchte, wie man die Ruhe bewahrt, kann die Kolumne von letzter Woche lesen.