Samstag, 17. Juni 2017

Die Mutter-Kolumne – Verwöhnen tut nicht gut! Wer sagt das denn?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



Wir hatten nie viel Geld. Aber es gab ja Kinderflohmärkte. Von denen schleppte ich Beutel voller Bücher, CDs, Comics, kleine Spielwelten, Püppchen, Plastikroboter, Legofiguren und Ähnliches ins Zuhause. Erstens bin ich eine Schatzsucherin und zweitens, und noch viel wichtiger, gab es nichts Schöneres, als meinen Kindern eine Freude zu machen.

„Omi sagt, du verwöhnst uns“, meinte das Töchterchen eines Tages.
„Und Opo sagt das auch“, krähte das Söhnchen hinterdrein.
„Wenn Kinder zu sehr verwöhnt werden, dann können sie keine guten Menschen sein. Sie wissen nichts von wertvollen Dingen und verschwenden alles“, ergänzte das niedlich bezopfte Wesen der Kinderschar.
Mein Sohn nickte gewichtig dazu.
Himmel, wenn einem schon die eigenen Kinder sagen, dass man sie zu sehr verwöhnt, dann muss da viel Wahres dran sein. Ich selbst war auch schon etwas unsicher geworden.
Gedankenverloren stieg ich mehrfach über die Schlange aus Playmobilszenerien, Cowboy-Forts, Polly Pocket Häuschen und Legoaufbauten, die sich meterlang durch unsere Wohnung wand. Die Kinder hatten sie tagelang in versunkener Lust aneinandergereiht, glücklich über jede Station und jedes einzelne Figürchen, das sie hinzufügen konnten. Seitdem bespielten sie sie, sobald sie nach Hause kamen. Nun schien diese Spielzeugschlange der anklagende Beweis für mein pädagogisches Fehlverhalten zu sein.

Seufzend strich ich die nächsten Flohmarkttermine aus meinem Kalender. Dann leerte ich die Belohnungskiste. Dabei hatte ich die als eine ganz besonders clevere Möglichkeit des Schenkens eingeführt. Meine Lieben durften sich nämlich jedes Mal etwas herausnehmen, wenn sie etwas gut gemacht hatten. Okay, manchmal auch, wenn sie einfach etwas gemacht hatten. Ihr Zimmer aufgeräumt, zum Beispiel, oder wenigstens die dreckigen Socken neben die Waschmaschine gelegt hatten. Also gut, einen Socken.
Eigentlich wusste ich ziemlich genau, was meine Eltern meinten.

Meine Kinder allerdings nicht. Nur wenige Tage später erlauschte ich zufällig das Gespräch im gemeinsamen Bade.
„Die Belohnungskiste ist ganz leer“, raunte das Söhnchen.
„Ja, das habe ich gesehen“, meinte das Töchterchen.
„Jetzt müssen wir nicht mehr Zimmer aufräumen, wenn wir ein kleines Geschenk wollen“, hoffte mein Sohn.
„Nee. Das kann nicht sein. Ich glaube, wir kriegen keine kleinen Geschenke mehr“, vermutete meine Tochter. „Wir hätten Mama nicht das mit dem Verwöhnen sagen dürfen.“
„So was Doofes“, schimpfte das Söhnchen.
„Wir hätten lieber das andere erzählen sollen, was Omi auch gesagt hat“, überlegte das Töchterchen.
„Du meinst das mit dem Kea... Kreta... Du weißt schon, was ich meine“, fauchte das Söhnchen, wütend über den doppelten Unbill, erst sich die Geschenke vermasselt zu haben und dann das rettende Wort nicht aussprechen zu können.
„Mhm“, machte das Töchterchen. „Dass wir beide so dolle kreativ sind und immer so schön miteinander spielen.“

Mehr musste ich nicht hören. Voller Glück und Liebe hüpfte ich über die Windungen der Spielzeugschlange ins Wohnzimmer und füllte die Belohnungskiste bis zum Rand.

Sonntag, 28. Mai 2017

Alltagsgeschichten #1 – Im Waldsee darf man nicht wellenreiten

„Surfen ist hier nicht erlaubt“, erklärt mir der Junge in der orangenen DLRG-Uniform.
Warum das unfassbar absurd ist, bedarf einer genaueren Ortsanalyse.
Da der Sommerurlaub näher rückt, wollten wir die dafür benötigten Muskelpartien trainieren, und hatten unsere Surfbretter an den Waldsee gekarrt. Die Idee war, mehrmals quer über den See zu paddeln. Zweimal war mir das gelungen. Nun steht also dieser Junge mit seiner zitternden Unterlippe und den unsteten Augen vor mir. Ich beschließe, ihn trotzdem zu siezen.
„Surfen?“, frage ich verblüfft.
Er deutet auf mein Wellenreit-Brett.
„Ach, Sie meinen meine Schwimmhilfe?“, frage ich leider nicht, weil mir so etwas immer erst hinterher einfällt.
„Das da geht nicht“, sagt er.
„Sie haben aber schon gesehen, dass es hier im Waldsee keine Welle gibt, die man surfen kann, und dass das da ...“, ich deute ebenfalls auf mein Board, „... kein Windsurfbrett ist, denn die haben ja Segel und sind auch viel größer.“
„Es steht auf dem Schild. Das darf man nicht“, wiederholt er.
Ich mag diesen See eigentlich nicht. Er ist belagert von grölenden Jugendlichen und anderen Menschen, die gerne laut sind und dabei auch nicht gut aussehen. Jeder mit eigener plärrender Musik, überall rauchende Grills und kleine Feuerchen. Auf dem Weg ins Wasser muss man achtgeben, nicht in zerbrochene Bierflaschen oder Kronkorken zu treten. Über das Wasser jagen sie sich mit riesigen Lufttieren und Matratzen. Schräg gegenüber sitzen die Angler. Als ich ankam hatten sie gerade wieder einmal den großen, uralten Karpfen an der vernarbten Unterlippe an Land gezerrt. Für das hundertste Karpfen-Selfie. Armer Kerl. Doch was soll er tun? Er ist eben ein Fisch und lernt nichts aus seinen Erfahrungen.
„Warum nicht?“, frage ich.
„Es steht auf dem Schild“, zittert der Junge heraus.
Ich schaue ihn nur an. Er guckt beinahe panisch überallhin, nur nicht zu mir.
„Vielleicht weil es gefährlich ist?“, fragt er mich dann.
Wir blicken über den See. Am schmutzigen Badestrand brüllen und tunken sie sich bis kurz vor knapp. Auf unserer Paddelstrecke ganz am Rand ist keine Menschenseele. Allerdings schaukelt dort eine einsame Ente.
„Mhm“, mache ich. „Für die Ente?“, sage ich allerdings wieder nicht.
Irgendwie tut er mir leid. Noch kann ich nicht glauben, dass das hier ernst sein soll. Schon immer sind wir hier gepaddelt. Da war das Kerlchen noch nicht mal geboren.
„Ist das nicht ein öffentliches Gewässer?“, frage ich. „Vielleicht gilt das nur für den Badebereich?“ Das wäre kein Problem. Von dem sind wir sehr weit entfernt.
„Es steht auf dem Schild.“
Ich habe Sorge, dass er gleich zu weinen beginnt.
„Kann ich dieses Schild mal sehen?“
Wir laufen durch herumliegende Flaschen, Dosen, Tüten , Feuerstelln und Lumpen zur Regeltafel. Dort steht etwas von Freizeitgelände, Selbstverantwortlichkeit und zeitweiliger Betreuung durch den DLRG.
„Da steht es“, sagt er und deutet auf einen der Sätze.
„Feuermachen verboten“, lese ich laut.
„Dann da“, flüstert er und zeigt auf einen anderen Satz.
„Müll ist zu vermeiden“, lese ich wieder laut. „Aber vielleicht meinen Sie diesen Satz hier“, helfe ich ihm, „motorbetriebene Boote, Segeln und Surfen sind nicht erlaubt.“
„Ja, genau“, atmet er erleichtert auf.
„Sie wissen aber schon, dass die Windsurfen meinen?“, frage ich ihn.
„Jedes Surfen“, beharrt er.
Inzwischen bin ich doch etwas fassungslos, erkläre es ihm aber trotzdem. „Man könnte hier nur Windsurfen. Zum Wellenreiten braucht man Wellen. Das hier ist ein Waldsee.“
„Es steht auf dem Schild.“
Der Chef des Dreimann-DLRG-Teams beobachtet uns grimmig. Er ist beinahe zahnlos, voller schlechter Tätowierungen, Bierwampe. Ich bin mir etwas unsicher, ob in Seenot geratene Nichtschwimmer hier tatsächlich gerettet werden würden. Leider bin ich mir aber sehr sicher, dass er, hier quasi auf letzter Station mit Macht in seinem Leben, auf keinen Fall vernünftigen Argumenten lauschen würde. Vielleicht hat er auch selbst längst begriffen, dass auf dem Schild nichts davon steht, dass wir uns irgendwie verboten verhalten hatten. Aber das würde er niemals zugeben. Er musste sein orangefarbenes Shirt, seine Ehre und Männlichkeit verteidigen. Vielleicht auch ein bisschen den IQ seiner Truppe. Obwohl ich bezweifle, dass er so weit dachte.
Ich wende mich trotzdem an den ihn, trage vor, was Sache ist.
„Ist verboten“, knurrt er.
„Woher weiß man das?“, frage ich.
„Es steht nicht auf dem Schild.“
Er starrt einem Mädchen im Bikini nach. Leckt sich über die Lippen. Mir wird ein bisschen schlecht.
„Feststoff“, kräht hinter mir der dritte und wippt mit stolzgeschwellter Brust auf und ab. „Alles aus Holz ist verboten.“
„Holz?“, entschlüpft es mir.
Ich hätte sehr gerne ein echtes, altes Board aus hawaiianischen Holz, besitze aber eines aus Resin mit Schaumstoffkern. Meine Tochter paddelte auf ihrer modernen Epoxi-Planke. Beide Bretter hatte ich zuvor einen Kilometer durch den Wald getragen. Eins rechts unterm Arm, eins links. Nur mal so, wegen der Feststoffe.
Ich weiß längst, dass hier nichts mehr hilft. Keine Nachhilfe in Lesen und in das Gelesene Verstehen. Da stehen drei Männer, die stolz ihren Dienst tun. Fertig.
Ich drehe um. Schlängele mich zurück, durch die Massen, die alle Regeln brechen, aber das auf eine sehr verständliche Art und Weise. Ein Surfboard ist wohl einfach zu obskur.
Hilfe, in was für einer Welt leben wir eigentlich, denke ich und hüpfe auf einem Bein weiter, weil ich in eine noch brennende Zigarette getreten war. Na, zum Glück ist die nun aus. Waldbrandgefahr und so. Aber egal.


Freitag, 19. Mai 2017

Die Mutter-Kolumne – Versprechen muss man halten. Ach, ja?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


„Das könnten wir doch vielleicht irgendwann mal machen, oder?“, hatte ich gesagt und auf die schönste Seite des Abenteuer-Kochbuchs gedeutet, das wir gerade gemeinsam anschauten. Camping an einem Flüsschen, Angeln, Wiesenkräuter sammeln, Feuerstelle und köstliche, auf einem Stock gegrillte Fische. Ein richtiger Abenteuertraum.
„Au ja!“, hatten die Kinder gerufen. Beide. Obwohl mein Sohn gar keinen Fisch mag.

Dann passierte das Leben. Es spülte uns leider den ganzen Sommer lang an kein Flüsschen. Eine Angel entdeckte ich auch nirgendwo. Und das Buch fiel mir nicht wieder in die Hände.

Im Herbst saß die Kinderschar, derer zwei plus einiger sie begleitende Kuscheltiere, vor mir auf dem Sofa und schaute mich mit vorwurfsvoll aufgerissenen Augen an. Alle, auch die Kuscheltiere. Auf dem Teppich daneben, halb unter das Sofa gerutscht, lag das Abenteuerkochbuch. Es wirkte wie ein Verräter.
„Du hast uns das da versprochen“, sprach das Töchterchen und tippte mit der Fußspitze dagegen.
„Was man verspricht, muss man auch halten“, krähte das Söhnchen.
Die anderen nickten. Alle.
„Aber ich hatte doch vielleicht gesagt, es war kein richtiges Versprechen“, verteidigte ich mich.
Das ließ die Schar nicht gelten. „Versprochen ist versprochen“, hieß es. Das hatte ich ihnen genauso beigebracht.

Daraus lernte ich. Nie wieder wollte ich etwas versprechen, das ich nicht halten konnte. Nicht einmal Möglichkeiten andeuten, die man als Versprechen missdeuten konnte. Ich begann, grundsätzlich Konditionalsätze zu vermeiden. Sicher war sicher.

Im Gegensatz dazu mehrten sich mit den Jahren die Versprechen der Kinder. Zu Beginn merkte ich es noch gar nicht. Vor allem nicht, dass diese Versprechen gar nicht erfüllt wurden. Ich glaubte ihnen, wenn sie sagten: „Das Zimmer räume ich später auf. Versprochen.“ Oder: „Ich komme gleich.“
Erst nach und nach begriff ich die Bedeutungen von gleich, später und sofort. Die waren: vielleicht, irgendwann oder auch niemals.
Waren das dieselben beiden Personen, die einst so darauf bestanden hatten, dass man ein Versprechen, auch wenn man es nur sehr wage formuliert hatte, einhalten musste? Die mich mit vorwurfsvollen Augen bestraft und ihre Kuscheltiere auf mich gehetzt hatten?
„Was ist denn nun mit versprochen ist versprochen?“, fragte ich.
„Ach, Mamilein, nimm doch nicht immer alles so ernst“, sagte mein Sohn.
Mamilein war ich immer dann, wenn sich auf liebevolle Art und Weise aus der Kinderriege ein wenig über mich lustig gemacht wurde. Hinzu kam noch ein beinahe joviales Schulterklopfen.
„Ja, und was ist jetzt damit?“, fragte ich und deutete mal ganz unbestimmt auf das uns umgebende Chaos im Kinderzimmer.
„Das räume ich später auf“, sagte mein Kind und schlüpfte in seine Jacke. „Jetzt muss ich erst mal ganz dringend weg.“
„Aber –“, begann ich.
„Versprochen, Mamilein“, sagte der Sohn, gab mir noch einen Kuss und war verschwunden.

Dienstag, 9. Mai 2017

Die Mutter-Kolumne – Die schicke, blöde Hose

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


Ganz hinten im Schrank meines Sohnes hingen zwei Bügel. Auf dem einen ein Hemd mit Kragen, auf dem anderen eine helle Hose ohne Löcher. Die gute Hose. Ein Outfit für einen besonderen Tag. 
Ich gebe es zu, die Sachen hatte ich ungefragt gekauft. Sie sahen im Katalog so niedlich aus. Außerdem: Jedes Kind braucht doch zwei, drei ordentliche Kleidungsstücke, oder? Es gibt im Leben Momente, da geziemt sich eine nett anzuschauende Optik.

„Die Sachen sehen doof aus“, knurrte jedoch mein Söhnchen, wenn ich darauf zeigte. Zum Beispiel vorm Familienosterbrunch oder an Heiligabend. „Ich denke, wir sollen uns schön machen. Dann kann ich doch nicht so was Doofes anziehen.“
Er hatte eben ein ganz eigenes Bild von schön machen. Die abgewetzte Cordhose zum Beispiel, die war schön. Denn sie war super bequem und wunderbar weich. Oder der Pulli mit dem Hai. Der war zwar schon ein bisschen sehr kurz an den Ärmeln und sein Bäuchlein blitzte darunter hervor. Trotzdem. Der Haipulli war schön. Darum trug mein Kind ihn auch jeden Tag. Sollte ich zusehen, wie ich mit dem Waschen hinterher kam. Seinetwegen musste der auch gar nicht so oft gewaschen werden.

„Omi fände es schön, wenn du zu ihrem Geburtstag deine gute Hose und den Pullunder tragen würdest“, sagte ich einmal.
Er schaute mich skeptisch an.
„Ganz genau“, krähte das Töchterchen. „Sie freut sich bestimmt auch, dass ich mich so schön gemacht habe.“
Ich betrachtete etwas beklommen die Frosch-Gummistiefel an ihren Füßen, das türkisfarbene Satinnachthemd darüber, das sie mich gezwungen hatte, auf einem Flohmarkt einer alten Dame abzukaufen. Hochgeschürzt von einem ollen Ledergürtel aus der Verkleidungskiste. Darüber ein strahlendes Lächeln.
Ich gab ihr einen Kuss. „Bestimmt wird sich Omi sehr darüber freuen.“
„Ich bin ja auch keine Prinzessin“, knurrte das Söhnchen.
Dabei warf er einen neidvollen Blick auf den glänzenden Fetzen am Leib seiner Schwester.

„Einmal ziehst du die guten Sachen für mich an, ja?“, fragte ich ein anderes Mal.
Das Söhnchen schlüpfte mit angewiderter Mine und großem Geziere vor einem Theaterbesuch in eben jene Sachen. Ich machte schnell ein Foto. Dann lief ich schon mal vor. Jacke und Schuhe anzuziehen ging bei meinen beiden schneller, wenn ich nicht in der Nähe war.
In der Theatergarderobe musste ich dann herzhaft lachen, als unter der Jacke der Haipulli auftauchte.

Die Zeit arbeitete für ihn. Mein Sohn entwuchs dem schicken Outfit, ohne es ein einziges Mal getragen zu haben. Wir hängten es an unseren Stand auf einem Kinderflohmarkt.
Als sich eine Mutter dafür interessierte, begann mein Kind die ungeliebten Kleider anzupreisen. Ich hatte ihm einen Anteil für sein Sparschwein versprochen.
„Das ist eine sehr schicke Hose“, sagte er und nickte gewichtig. „So etwas braucht man.“
Die Mutter lächelte und zückte ihr Portemonnaie.
„Sie hängt sehr gut ganz hinten im Schrank“, fuhr mein Söhnchen fort. „Da sieht man sie nicht so. Und anziehen ...“, er schüttelte vehement seinen Kopf, „... anziehen würde ich so was nie.“

Samstag, 11. Februar 2017

Die Mutter-Kolumne – Ordnung muss sein! Egal wie

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


„Ordnung muss ein“, sagte ich und schaute beunruhigt durch das Zimmer meines Sohnes. Es war in einem Zustand, der für eine geistige Zerrüttung des Bewohners sorgen musste. Doch der saß mittendrin und schaute sich einen Comic an.
„Sehr richtig, liebe Frau Mama“, murmelte er unschuldig. „Ordnung ist eine Tugend.“
Ich schluckte. Das Kerlchen konnte kaum lesen, hatte sich aber binnen kürzester Zeit den salbungsvollen Sprachstil der Lustigen Taschenbücher zu eigen gemacht. Meistens fand ich das niedlich. Aber nicht immer.
„Ich wollte sagen, dass du bitte dein Zimmer aufräumen sollst“, formulierte ich noch einmal um.
„Warum?“, fragte das Kind ohne aufzublicken.
„Hier kannst du doch gar nichts mehr finden“, stellte ich fest. Leider zu unrecht.
„Das entspricht nicht der Wahrheit“, meinte es. „Ich weiß genau, wo alles ist.“
„Dann weil es hier aussieht wie in einem Schweinestall“, presste ich hervor.
„Das ist nicht nett für die Schweine“, antwortete das geliebte Kind.
Ich schluckte erneut. Solche Sätze waren der Grund, warum wir eine besondere Beratung aufgesucht hatten. Schnell kam heraus, ich brauchte Hilfe. Zum Beispiel um mit solchen Sätzen umgehen zu lernen. Außerdem hatte ich mich etwas verheddert und versprochen, dass ich zukünftig und immer seinen Schreibtisch ordentlich halten würde. Weil MIR das wichtig war, wie die Beraterin lächelnd sagte.
Fassungslos betrachte ich den kleinen Kerl, der noch immer seelenruhig in Entenhausen weilte. Kein Wunder. Hier war ja auch kein Platz dafür. Mir fehlten die Worte.
„Räum´ auf. Sofort!“ Dann knallte eine Tür.

„Ich muss ihn doch zur Ordnung erziehen“, sprach ich kurz darauf über das Telefon mit meiner Mutter.
„Das habe ich bei dir auch versucht“, sagte sie. „Es war faszinierend. Du erschufst das größte Chaos um dich herum. Aber wenn es dann mal krachte, hattest du dein Zimmer innerhalb von zehn Minuten aufgeräumt. Aber im Grunde, bin ich wohl gescheitert.“
„Wie meinst du das?“, fragte ich verärgert. „Ich bin ein ordentlicher Mensch. Eine äußere Ordnung ist wichtig, wenn man kreativ und innerlich etwas ungeordnet ist.“
Ich schaute mich um. Na gut. Da gab es einige Kramecken, die waren nicht wirklich ordentlich. Eigentlich hätte es sie gar nicht geben dürfen. Auch vor den Büchern im Regal, auf dem Schreibtisch, hinterm Schrank, unter meinem Bett ...
„Ich weiß genau, wo alles ist“, knurrte ich und legte mit dem Lachen meiner Mutter im Ohr auf.

Eine halbe Stunde später öffnete ich die Tür wieder. Dann schluckte ich ein drittes Mal. Unberührtes Inferno. Mein Söhnchen stand vor seinem überladenden Schreibtisch.
„Schatz, ich hatte doch gesagt ...“
Strahlend drehte er sich zu mir.
„Ich habe aufgeräumt. Guck, Mama.“
Vor ihm, inmitten des Durcheinanders, lagen einige Stiftstummel, Radiergummis, Büroklammern, Zettel, Murmeln, kleine Plastikfiguren und etwas Undefinierbares (Kaugummi? Brotkrumen? Knetenreste?) nach Größe, Farbe und Form sortiert. Gerührt betrachtete ich diesen Flecken Akkuratesse im Chaos. Es würde alles gut werden. Irgendwie.


Freitag, 27. Januar 2017

Das Fernsehen in der Bude

Ich laufe mit konzentriert zusammengekniffenen Augen durch die Bude. 
Morgen kommt das Fernsehen. Sie wollen mich beim Arbeiten filmen. Ich arbeite zuhause. 



Was muss weg? Welche Dinge sind zu persönlich? 
Wer meine Wohnung kennt, bricht jetzt in Gelächter aus. Es gibt keinen einzigen Quadratzentimeter, der nicht zutiefst persönlich ist. Selbst unterm Sofa liegen Zeugen dieses meines Lebens herum. Jeder Winkel, jedes Eckchen, jede Fläche, jedes von irgendwelchen Objekten gebildete Räumchen schreit meine, unsere Geschichte hinaus. 



Sogar die Luft riecht danach. Vorgestern gab es zum Beispiel Ente. Die war mir angebrutzelt. Ich benutze Handcreme mit Rosmarinduft und abends brennt eine Pommegranate-Kerze. 



Hier stehen unzählige Bücher, die mich prägten. Die Wände hängen voller Illustrationen. Überall stehen kleine Dinge, Skurriles und Erinnerungen, die das Leben anspülte. Eichhörnchenschädel, Mangafiguren, Steine, Muscheln, Ozeanplastik, Fotos, Schlangehäute und Haieier, Notizen, Bonbongläser, Kerzenhalter, CDs. Ein riesiges durchgesessenes Sofa mit vielen Kissen ist Arbeitsplatz, genauso wie der Esstisch, ein wuchtiges Stilmöbel mit farbspritzerübersäten Fritz Hansen-Stühlen drumherum. Ebenso angespült, abgestellt und gefunden wie der Rest. 



Keine Chance. Wenn der Kameramann ein gutes Auge hat, dann hat er mit drei, vier kurzen Schwenks über unser Wohnzimmer den Großteil meiner Seele offenbart.


Und dann:

Einst stand ich beinahe täglich vor der Kamera. Das ist aber schon eine ganze Weile her. Ich hatte trotzdem das Gefühl, wir konnten davon noch etwas profitieren. Dennoch, haben wir 11 Stunden gedreht. Für einen 6-minütigen Beitrag. Hauptsache Kultur, Hessischer Rundfunk. 
Großen Dank an die 6. Klassen des LGG und Frau Weiler, an die Buchhandlung am Markt in Darmstadt, die Centralstation Darmstadt und an das lustige Filmteam des HR. 
Ich habe viel gelacht. 
Manchmal auch heimlich.
Hier geht es zum Beitrag.


Warum zerstört ihr meine Welt?, fragt euer Kind

Stellt euch vor: euer Kind säße in seinem Zimmer und spielte vor sich hin. Da öffnete sich die Tür. Eine Horde grölender Erwachsener käme herein. Mit dreckigen Schuhen, tropfenden Fast Food-Behältnissen und brennenden Zigaretten. Sie lagerten in der Kuschelecke und beschmutzten das kleine gemütliche Bettchen. Sie zerknickten Bücher und hinterließen überall Fettflecken. Sie zerträten das Spielzeug. Rissen die aufgehängten Bilder von den Wänden und machten sich über sie lustig. Sie zerbrächen Stifte und zerknäulten das Bastelpapier. Sie köpften die Teddies und Puppen. Zum Schluß pinkelten sie noch in die Ecken, einer kackte gar auf den Teppich mit dem Einhorn. Und ihr wärt mitten unter ihnen.
Das Kind stünde, aus schreckgeweiteten Augen weinend, im Chaos. „Warum?“, fragte es. „Warum zerstört ihr mein Zimmer?“
Dieses Szenario ist nicht zu verstehen, sagt ihr. So etwas würdet ihr doch niemals tun.
Aber verlagern wir den Fokus, erweitern ihn und ändern die Frage: „Warum?“, fragte das Kind dann. „Warum zerstört ihr meine Welt?“
Und schon schlägt das schlechte Gewissen zu. Diese Frage verstehen wir, nicht wahr? Denn während wir im kleinen Maßstab alles für sie tun, zerstören wir gleichzeitig im Großen ihre Zukunft.
Ich weiß, das klingt sehr, sehr pathetisch. Aber wir leben in Zeiten des Pathos´. An dem muss man erst einmal vorbei, bis man zum Verstand vorgedrungen ist.
Pah, was masst die Herden sich da an?, mögt Ihr fragen. Und ich antworte euch: Ich bin ein denkender Mensch, Teil einer Gesellschaft, wohne in einer polis. Als dieser habe ich die Verantwortung, politisch zu handeln und der Gesellschaft zurückzugeben, was ich am besten kann. So wie jeder.
Bei mir ist es das Schreiben. Meistens für Kinder. Immer mit geheimer Mission. Ja, ich glaube tatsächlich, wem meine Bücher zu Herzen gehen, der ist ein guter Mensch.
Heute nun aber auch das. Worte an euch, an uns. Gedankenfetzen, die nicht gesagt zu haben, mich zerreißen würden. Passiert mir ja manchmal.
Wer hätte das vor einem (vor zwei, vor drei – mehr sind es nicht) Jahren gedacht? Diese Frage wird in letzter Zeit bis zum Erbrechen bemüßigt. Wir müssen sofort aufhören, sie zu stellen. Wir müssen akzeptieren, dass Dinge möglich sind, auch wenn wir sie nicht für möglich hielten. Denn niemand von uns ist ein Maß der Dinge. Wir sind alle nur Teil.
Neben uns und denen mit denen wir verkehren, gibt es unzählige andere. Viele von ihnen denken anders als wir. Vor allem fühlen sie anders als wir. Manchmal sind das die meisten.
Jeder empfindet sich selbst als den wichtigsten Menschen der Welt. Möchte gehört und ernst genommen werden. Alle haben eine Stimme. Wer am Rande steht oder in der Ecke, muss lauter sein, damit man ihn hört. Wer die Hand eines vom Rande nimmt, wird von dem geliebt werden. Rechte Parteien in Deutschland und Europa haben das getan, der wichtigste Präsident der westlichen Welt ebenfalls.
Leider sind das lügende Menschen, die widerwärtige, bösartige, an den Wahnsinn grenzende Ideen vertreten. Und inzwischen auch umsetzen können.
Diese Menschen sind nicht dumm, sie sind keine Idioten. Sie sind sehr klug. Sie haben den Dummen, den Ungebildeten, den Schwachen und Ängstlichen, den Rückwärtsgewandten, den Gierigen, den Geizigen, den Neidern, Egomanen und Verantwortungslosen die Hand gereicht.
Nun drückt der grölende Pöbel gegen die Zimmertür unserer Kinder. Es wird nicht genügen, von innen dagegen zu drücken.
Aber das ist nur ein Beispiel.
Verändern wir noch einmal den Fokus. Fliegen wir hoch ins All und schauen zurück. Auf diesen wunderbaren Planeten, den wir unsere Heimat nennen.
Und den wir mit aller Macht zerstören. Jeder von uns, jeden Tag.
Ob wir morgens das Wasser beim Zähneputzen laufen lassen oder länger als 3 Minuten duschen, obwohl wir längst sauber sind, und mit dem Auto fahren, weil´s bequemer ist; ob wir schnell noch einen Kaffee to go holen, etwas Sinnloses ausdrucken, etwas wegwerfen, das man noch hätte benutzen können; ob wir im Laden ein Schweinefilet nehmen, weil´s ein so günstiges Angebot ist, doch die Plastiktüte kaufen, weil man viel zu viel gekauft hat, zum Beispiel den Wein aus Südafrika und diesen Eine-Tasse-Kaffee-Automaten für Kapseln aus dem Angebotsdisplay, und dann später kam man noch an diesem hübschen Kleid vorbei und nein, man bräuchte es eigentlich nicht, aber es ist doch so schön und so preisgünstig.
Unzählige tägliche kleine Verstöße gegen die Welt, die wir uns verzeihen, die in der Hektik des Alltags auch eigentlich kaum auffallen.
Aber verzeiht die Welt sie auch?
Auch das ist nur ein Beispiel.
Es erscheint so unendlich groß, so unfassbar schwer, dieses Weltretten. Dabei stimmt das gar nicht. Da sind so viele kleine tägliche Schritte, die man gehen kann.
Und der erste wäre: nachdenken. Mal wirklich innehalten, einen Tag frei nehmen und ihn einfach mit Denken verplempern.
Was könnte ich tun?
Worauf sollte ich verzichten?
Was kann ich ändern?
Wo muss ich besser zuhören?
Und wann sollte ich den Mund aufmachen?

Sonntag, 22. Januar 2017

Die Mutter-Kolumne – Bescheidenheit ist eine Zier. Wirklich?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


Das Söhnchen zeichnete nicht gern. Um das allen ganz klar zu machen, fabrizierte es ausschließlich liederlich hingeschmierte Beweise dafür. Eines Tages verlangte jedoch die Lehrerin als Hausaufgabe einen gezeichneten Tiger.
„Das kann ich nicht!“, schimpfte mein Sohn und radierte wütend ein Loch in die Seite. „Guck, Mama! Jetzt ist das Heft kaputt.“ So, als sei ich schuld.
Ich durchschaute das Problem. „Mein Schatz, du kannst zeichnen. Du schaust aber nicht richtig hin.“
Wir sahen gemeinsam auf das Tigerfoto, das als Vorlage diente. Ich zeigte dem zappligen Kerlchen Verhältnisse und Perspektiven. Langsam verflog die Ungeduld, seine Augen öffneten sich und Strich für Strich entstand unter seinen kleinen Händen ein Bleistifttiger im Sachkundeheft.
„Der Tiger ist toll!“, rief ich.
Glücklich nickte der Kleine. „Das ist der tollste Tiger der Welt, stimmt´s Mama?“
„Stimmt.“

Voller Stolz rannte er damit am nächsten Tag in die Schule. Zurück nach Hause kam er am Mittag jedoch in sehr gedrückter Stimmung.
„Die Nachbarin hat gesagt, der Tiger ist gar nicht der tollste der Welt. Weil Bescheidenheit eine Zier ist“, schrie mein Kind. „Auch wenn ich gar nicht weiß, was eine Zier überhaupt ist.“ Die Tränen, die ihm die Wangen hinunterliefen, waren solche der Wut und welche der Verzweiflung.
Ich schickte der Nachbarin einen telepathischen Fluch und versuchte, meinem Kleinen die neuentdeckte Liebe zum Stift und den Stolz auf sein Werk zurückzugeben. Das gelang leider nur kläglich.
„Vielleicht ist die Nachbarin traurig, weil sie nicht so schön zeichnen kann“, murmelte ich schließlich etwas unpädagogisch. „Solche Leute muss man trösten und man muss nett zu ihnen sein.“
„Auch wenn sie gemeine Sachen sagen?“, fragte er.
„Auch dann.“

Bald darauf fand ein Straßenfest statt. Unter anderem gab es ein Buffet voller selbstgebackener Kuchen. Die Nachbarin verkaufte die süßen Teilchen und erwähnte gern, dass der Schokoladenkuchen von ihr stamme.
„Davon möchte ich ein Stück“, raunte mein Kind.
Da trat jemand heran und lobte eben jenen Kuchen als besonders lecker.
Die Nachbarin winkte ab. „Nicht doch“, juchzte sie hoch erfreut. „So gut ist er mir dieses Mal gar nicht gelungen.“
Ich verschluckte einen Kommentar, ob ihrer gespielten Bescheidenheit. Der Tiger kam mir wieder in den Sinn. Ich verschluckte auch die kleine Wut, die er mitbrachte.
Inzwischen hatte mein Kind in sein Kuchenstück gebissen und krähte krümelspuckend: „Du hast recht, Frau Nachbarin. Der Kuchen ist dir nicht gut gelungen, und besonders lecker ist er auch nicht.“
Ich, erschrocken, und die Nachbarin, empört, starrten meinen Sohn an, dem gerade ein Brocken des Kuchenstücks herunterfiel.
„Das ist aber nicht so schlimm“, meinte er tröstend zur Nachbarin. „Darüber musst du nicht traurig sein.“
In dem Moment wuselte ein Hund zwischen unseren Beinen herum, fand das heruntergefallene Kuchenstück und verspeiste es.
„Guck!“, rief das Söhnchen freudestrahlend, „dem Hund schmeckt es.“

Freitag, 6. Januar 2017

Die Mutter-Kolumne – Du schaffst alles, wenn du nur willst. Wirklich?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



„Ich kann das nicht!“, stöhnte der neunjährige Sproß und blickte wütend auf die losen Schnürsenkelenden. Die wollten einfach nicht in einer Schleife verbleiben. Nicht in einer, die er ungeschickt gebunden hatte.
„Probiere es doch noch einmal“, versuchte ich ihn mit samtweicher Stimme herauszufordern.
Doch das Kerlchen warf dem Bilderbuch Ich binde meine Schuhe allein einen verächtlichen Blick zu. „Ich habe es schon tausendmal probiert“, knurrte es.
Das stimmte nicht ganz. Aber drei ernsthafte Versuche werden es wohl gewesen sein.
„Wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch“, wollte ich ihm dennoch Mut machen.
So hatte man es mir auch immer gesagt. Nicht nur in meinem Elternhaus, sondern auch im Kindergarten, in der Schule, im Studium, im Beruf. Überall. Selbst auf den Werbeplakaten, die die Straßen säumten, war es wieder und wieder zu lesen. Man musste es nur wollen. So könnte man alles Erdenkliche erreichen.
„Was schaffe ich dann?“, fragte der Kleine mit gerunzelter Stirn.
„Was du willst“, sagte ich.
„Wirklich alles?“
Ich nickte.
Er klemmte seine Zunge zwischen die Zähne und zog an den Schnürsenkelenden. Es machte plopp! und er hielt eines davon in der Hand.
„Du hast gesagt, ich muss es einfach nur WOLLEN“, schluchzte mein Sohn. Vorwurfsvoll hielt er den abgerissenen Senkel in meine Richtung. Tränen der Enttäuschung rannen über seine Wangen.
„Zum wirklichen Wollen gehört auch das sich Bemühen“, präzisierte ich etwas zu spät. „Vieles muss man erst einmal lernen. So wie Schnürsenkelbinden, Skateboardfahren oder Klavierspielen. Für andere Erfolge muss man sich körperlich sehr anstrengen, schuften und schwitzen.“
Der Steppke zog sein Näschen hoch. „So wie Omi und Opi. Als sie ihr Haus ganz allein gebaut haben.“
„Genau“, rief ich freudig. Mein wunderbares Kind schien etwas Wichtiges begriffen zu haben.
„Aber dann ist es niemals nur WOLLEN. Sondern immer auch lernen oder arbeiten. Oder sogar beides“, sagte das Söhnchen. Es warf mir einen ärgerlichen Blick und das Senkelende zu. „Du hast nicht die Wahrheit gesagt, Mama.“
Irritiert hielt ich inne. Hatte er recht und ich es mir ein wenig zu einfach gemacht? Was bedeutete zum Beispiel der Umkehrschluss? Hatte man demzufolge etwas nur nicht genug gewollt, wenn es einem misslang? War man also am Ende immer selbst schuld?
„Leon wollte ganz unbedingt eine Drei. Er hat wie verrückt gelernt. Ist aber doch eine Fünf geworden“, sagte da mein Kleiner, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Und was ist mit den armen Leuten? Haben die nur nicht genug KEINEN Hunger gewollt? Und die Traurigen? Wollen die bloß nicht wirklich fröhlich sein?“
Erschrocken schüttelte ich den Kopf. „Das ist Unsinn, mein Schatz.“
„Genau!“ Er nickte mit dem Kopf und schleuderte die Schuhe von den Füßen. „Das habe ich mir schon gedacht.“
Dann huschte ein zufriedenes Grinsen über sein Gesicht. „Ich brauche solche Schuhe auch gar nicht, weißt du. Ich habe doch die mit dem Klettverschluss.“

Montag, 26. Dezember 2016

Good bye, George Michael

Als ich 12-jährig Anfang der 80er mit meinen Eltern aus dem Osten kam, hatte ich keine Musik.
Wir besaßen in Magdeburg zwar einen Plattenspieler, doch auf dem liefen klassische Konzerte, Peter Maffay, Märchenplatten und „Komm wir malen eine Sonne“ von Frank Schöbel. Als meine Eltern sich ein neues Radio kauften, stellten sie das alte in unser Zimmer. Sonntagsabends, wenn wir eigentlich nur noch etwas lesen sollten, lauschte ich heimlich der NDR 2 Hitparade. Das wars. Irgendwann schleppte mein Vater einen kleinen Kassettenrecorder an. Für den besaß meine Familie genau 2 Kassetten. Englisch 1 und Englisch 2. Wir wollten ja in den Westen und mussten vorbereitet werden. Also kauerten wir jeden Abend zu viert drumherum und lernten.
Hier im sagenumwobenen Westen war eine Steroanlage nicht das erste, was meine Eltern kauften. Aber nette Menschen schenkten meiner Schwester und mir einen kleinen braunen Kassettenrekorder. Musik hatten wir jedoch noch immer keine.
Als ich das erste Mal auf eine Klassenparty eingeladen wurde, hörte ich Wake me up before you go go. Das gefiel mir gut.
„Wenn du magst, kann ich dir die Platte auf Kassette aufnehmen“, bot mir ein Klassenkamerad an.
Am nächsten Tag brachte er mir tatsächlich eine Kassette mit. Vor Dankbarkeit war ich völlig erschüttert. Wie einen wohlgehüteten Schatz brachte ich sie nach Hause, nahm den kleinen braunen Kassettenrekorder, erlitt einen kleinen Panikanfall, weil ich die Kassette erst einmal falsch einlegte und befürchtete, sie zerstört zu haben, und dann drückte ich schließlich auf Play. Ich bekam kaum Luft vor Spannung, vor Aufregung, vor Glück. Diesen Moment, als die ersten Töne meiner ersten eigenen Musik erklangen, werde ich nie vergessen. Wham! Mitten ins Herz.

Dienstag, 13. Dezember 2016

Gedanken kurz vor Ladenschluss

Gedanken kurz vor Ladenschluss: Vielleicht kann man die Welt tatsächlich nicht mehr retten. Zumindest nicht die Menschheit. Jedenfalls nicht vor sich selbst. Klar, eine Zombieapokalypse abzuwehren, das könnte man schaffen. Eine Alieninvasion auch. Ebenso wie man wahrscheinlich einen auf den Planeten zurasenden Meteoritenschwarm umlenken, eine Springflut besänftigen oder ein alles zerlegendes Virus ausmerzen könnte. Zur Not könnten wir sicher auch auswandern, irgendwohin. Das All soll ja unendlich sein. Müssten wir nur die Gravitation überwinden. Ich bin sicher, das sind alles Kleinigkeiten. Im Gegensatz zum Kampf gegen das gefährlichste, dümmste, egoistischste und brutalste Wesen, das es überhaupt gibt, dem Menschen selbst. Ich schreibe das mit tiefem Ingrimm, absoluter Überzeugung und dem heimlichen Wissen, dass ich aber nicht dazu gehöre. Wahrscheinlich wie alle, die das hier gerade lesen.
Dabei stimmt das gar nicht. Dass ich nicht dazugehöre, meine ich. Ich wüsste es nur manchmal besser. Aber bin ich das auch? Besser? Bin ich immer und absolut konsequent, in dem was ich tue, weil ich weiß, was ich weiß?
Ich erwarte nichts von mir, das Superhelden, Gremien, ethische Räte und Versammlungen weiser Menschen auch nicht hinbekommen. Das wäre albern. Ich denke auch nicht, dass ich allein deshalb ein guter Mensch wäre, wenn ich Online-Petitionen unterschriebe oder weinende Icons unter Kriegsbilder setzte. Ein wenig weiter bin ich schon. Das darf ich sagen.
Mir ist klar, wenn ich hier mehr konsumiere und verbrauche, als mir zusteht (und das ist qua Geburtsort und Lebensraum immer mindestens + 0,8 Erden – klickt Euch mal durch den FoodPrint-Rechner – http://www.fussabdruck.de/fussabdrucktest/#/start/index/ –, es ist zum Heulen), dass ich anderen woanders ihren Anteil wegnehme. Das ist nicht gerecht. Und Ungerechtigkeit führt in letzter Konsequenz zu Kriegen. Gegen die ich doch mit jeder Faser meines Herzens bin. Eine Krux. Die ich durch vorbildliches Verhalten zu lösen versuche. Ich baue mein eigenes Gemüse an, fahre mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln, lebe in einer Wohnung voller angespülter Lebenserinnerungen und wackliger geerbter oder gefundener Gebrauchsgegenstände, habe kein Smartphone, konsumiere so wenig wie möglich. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass mir all das leicht fällt. Ich liebe meinen Acker und die Feldarbeit, ich fahre gerne Rad und Zug, ich habe kein Geld, um letztlich Überflüssiges zu konsumieren, außerdem erlebe ich lieber etwas, als dass ich Materielles um mich häufen möchte.
Ist das also genug? Zumal es mir eben auch liegt und keine wirklichen Opfer fordert? Es fühlt sich oft nämlich nicht gut und ausreichend an.
Vielleicht schreibe ich darum Kinderbücher. Zwischen den Geschichten und Abenteuern möchte ich meine eigenen Werte formulieren und – ja, ich gebe es zu – auch weitergeben. Und natürlich freut es mich dann, wenn meine Bücher beispielsweise wegen der Vermittlung des Demokratiegedankens von Kinderrechtsorganisationen gelobt werden. Aber ist das nun genug?
Gestern zum Beispiel kaufte ich eine Weihnachtsbaumbeleuchtung. Dabei muss hier noch irgendwo eine vom vorletzten Jahr sein. Ich konnte sie nur nicht finden. Nein, stimmt nicht. Ich war zu faul, danach zu suchen. Wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich öfter mal zu faul, zu kaputt, zu erschöpft. Dann gehe ich doch in den Laden. Danach habe ich zu recht ein schlechtes Gewissen. Das versuche ich dann am Schreibtisch im aktuellen Manuskript wieder abzubauen.
Und so entstehen Bücher, die letztlich meiner Wunschvorstellung des Menschseins entsprechen. Weil ich aber wahrhaftig bin, breche ich sie immer auch gleich selbst wieder, in dem ich innere Konflikte einbaue. Denn perfekte Menschen gibt es nicht. Außerdem würden die entsetzlich nerven. Von Nervenden wollen wir nichts annehmen, auch nicht das Gute.
Und so schreibe ich weiter, male mir die Welt in meinen Farben und versuche hinterher selbst danach zu leben. Es würde mich freuen, wenn ich nicht die einzige wäre.
Was wollte ich eigentlich mit all dem hier sagen? Vielleicht alles, vielleicht nichts. Gedanken kurz vor Ladenschluss eben. Und ein inniger Wunsch: Lasst uns bitte besser werden.

Donnerstag, 24. November 2016

Die Mutter-Kolumne – Sag Danke!

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


„Du musst danke sagen“, raunte das Töchterchen ihrem Bruder zu.
Mir hatte das ebenfalls auf der Zunge gelegen, obwohl ich wusste, dass mein Sohn Hustenbonbons nicht mag. Ein solches hatte ihm aber gerade eine ältere Dame zugesteckt.
„Danke“, knurrte das Söhnchen. „Das kannst du aber behalten. Das schmeckt nicht.“
„Unverschämtheit“, zischelte die Dame beleidigt.
Das Töchterchen kicherte.
„Warum muss ich danke sagen, wenn ich was kriege, was ich gar nicht haben will?“, fragte mein Sohn.
„Man muss immer danke sagen, wenn man etwas geschenkt bekommt“, erklärte seine Schwester.
„Warum?“, fragte mein Sohn.
„So zeigt man dem anderen, dass man sich freut, weil der an einen gedacht hat“, versuchte ich mal wieder in einen Satz zu stecken, was eigentlich von rotem Wein begleitetes Philosophieren gefordert hätte.
„Wegen der guten Absicht, stimmt´s?“, meinte das Töchterchen.
„Mhm“, machte ich nachdenklich.
„Aber vielleicht mag die Frau selbst keine Hustenbonbons und hat es mir nur gegeben, damit sie es los ist“, wandte mein Sohn ein.

Diesen Gedanken hatte ich in anderen Situationen auch schon des öfteren. Auf dem Dachboden häuften sich alte Bücher, Nippes und unsinniger Küchenkram, den mir liebe Menschen geschenkt hatten, weil sie der Meinung waren, ich könnte das alles gut gebrauchen. Ich hatte immer brav danke gesagt und werde eines Tages ein ernstzunehmendes Entsorgungsproblem haben.
Dabei gab es einiges, was ich tatsächlich gerne gehabt hätte. Das hatte ich auch formuliert, diese Dinge aber nie bekommen. Wenn ich ehrlich war, traf diese Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit auch auf ganz anderes im Leben zu. Männer zum Beispiel.
Darum seufzte ich leise, als wir die Metzgerei betraten.
„Nehmt eine Wurst“, forderte die Fleischthekenfachkraft und wedelte bedrohlich mit einem langen Messer, an dessen Spitze zwei dünne Scheiben Wurst baumelten.
Das Töchterchen griff beherzt zu.
„Danke schön“, trompetete es genüsslich kauend.
„Hilfe“, flüsterte mein Sohn.
Er mag nur Wurst mit einem Bärchen darauf, doch die Frau stieß gnadenlos ihr Messer in seine Richtung. Ergeben nahm der Kleine die Scheibe und stopfte sie in seine Hosentasche zu den billigen Kaubonbons vom Bäcker.
„Das gibt es ja gar nicht!“, ereiferte sich die Verkäuferin. „Andere Kinder auf der Welt verhungern. Du solltest dankbar sein für die geschenkte Wurst.“
Da platzte meinem Spross der Kragen.
„Aber ich bin doch dankbar!“, schrie er. „Weil ich genug zu essen habe und das neue Lego Starwars kriege. Weil Frau Müller erlaubt, dass ich mein großes Kuschelkissen mit in den Kindergarten bringe. Weil wir nicht unter einer Brücke wohnen müssen und das Monster unterm Bett wieder ausgezogen ist.“
„Und weil Mama uns lieb hat“, quakte sein Schwesterherz dazwischen.
„Und weil Mama uns lieb hat“, rief das Söhnchen. „Aber ich will keine gelbe Wurst. Die ist eklig.“
Ich strahlte in die Runde. Solche wunderbaren Kinder, dachte ich voller Dankbarkeit.

Dienstag, 22. November 2016

Lest (das)! Bitte!

Zurück von meiner Herbstlesetour kreuzen mir Gedanken und Eindrücke durch den Kopf, die ich gerne einmal aufschreiben möchte. Viel zu lang und unsortiert, aber wenigstens formuliert. Sorry, ich platze sonst.
Ich sprach in den letzten drei Wochen mit Hunderten von Kindern, vielen Lehrern und Bibliothekarinnen und muss sagen: Ich mache mir Sorgen. 
Egal wie oft wir Kinderbuchautoren hier über begeisterte Zuhörer jubeln, ich habe den Eindruck, kaum ein Kind liest. Natürlich gibt es noch Bücherwürmer, Leseratten und Geschichtenverschlinger. Darum ja auch das „kaum“. 
(Ich möchte hier nicht über Lesekompetenz gleich Lebenskompetenz schreiben, nicht über Sprachentwicklung, Wortschatz und Eloquenz. Weder über Allgemeinbildung noch die Ausprägung von Kreativität und das Finden von Lösungsansätzen bei allerhand Problemen. Also nicht über die unbedingte Notwendigkeit des Lesens. Unabhängig von Spaß, Spannung, Freude, Erlebnis, Langeweile besiegen und meinetwegen auch der manchmal blöden Alltagswelt entfliehen.)
Ich frage vor meinen Lesungen, wer lesen würde, unabhängig von der Schullektüre. Fast alle melden sich. Dann raune ich, dass die Lehrer mal weggucken sollen. Die Hälfte der hochgestreckten Arme senkt sich. Ich frage, wer mehr als ein Buch im Jahr lesen würde. Es verbleibt etwas mehr als das „kaum“. Dann frage ich nach den Titeln. Whatsapp (!). Greg. Harry. Manchmal Lotta. 
Punkt.
Die Bibliothekarinnen erzählen, es kommen nur noch wenige Kinder zu ihnen. Nach der vierten Klasse fast niemand mehr.
Die Buchhändler erzählen, die Bücher werden von Großeltern und Eltern gekauft, die sich wünschen, ihre Kinder läsen diese. Doch gefragt, tun die es nicht. Eine erboste Großmutter ließ sich in ihrem Ärger darüber sogar zu einem „die sind alle gengeschädigt“ hinreißen. Der Bibliothekar und ich schauten uns besorgt an. Denn mit Wut, Bestrafungen und Erpressung kann man definitiv nicht die Schönheit des Lesens vermitteln.
Viele meiner Kollegen und auch ich versuchen das mit unseren Lesungen. Ich zum Beispiel höre immer wieder, dass meine Lesungen toll seien. Es wäre falsch bescheiden und albern so zu tun, als stimmte das nicht. Ich erzähle und lese mit tausend Stimmen. Ich schreie, raune, flüstere, krächze, juchze, lache. Ich erkläre ganz nebenbei Paralleluniversum, implodieren, unsere drei Dimensionen. Aber auch heiter (ist ein tatsächlich vergessenes Wort), Gewölbe, Spickzettel und Molch. Wir jubeln und klatschen, raten und erzählen. Ich hüpfe und springe. Und lasse mir alle Geheimnisse meines Lebens aus der Nase ziehen. Ich weiß, ich bringe Leben in die Bude. „Sie sind so unglaublich mitreißend und lebendig“, höre ich immer wieder. Die Kinder rufen: „Ich kaufe mir alle Bücher von Ihnen.“ Ich weiß, dass sie das nicht tun. Im März jeden Jahres gibt es die Abrechnungen. 
Woran liegt das? Warum lesen Kinder so wenig? Selbst wenn ihnen die Bücher gefallen. Aber vor allem: Was könnte man dagegen tun, zum Beispiel als Eltern oder Großeltern?
Zuerst steht da natürlich das Vorlesen. Es wird von allen Seiten gepredigt. Ich mache das hier auch: Lest vor! Lange. Das letzte Buch habe ich meinem 13-Jährigen vorgelesen. Sucht Euch Bücher aus, die Euch auch gefallen. Fragt Buchhändler, lest Buchblogs wie die Bücherkinder oder haltet nach dem Kilifü, dem Almanach der Kinderliteratur Ausschau. Es gibt unzählige wunderbare, witzige, spannende, kluge Kinderbücher, an denen auch Eltern Freude haben. Nehmt Euch Zeit. Lest mit Lust vor. Freut Euch selbst darauf. Macht es Euch dabei gemütlich. 
Später, wenn die Kleinen alleine lesen, ist das Lesen natürlich erst einmal anstrengend. Wer sich anstrengt, kann nicht in andere Welten versinken. Lesen will gelernt und geübt sein. Dazu gehören viele, viele Bücher. Wenn ich niemanden habe, der mir Bücher schenkt, ausleiht oder mit mir in die Bibliothek geht, dann scheitert mein Lesewunsch einfach daran, dass es keine Bücher in meinem Leben gibt. 
Bücher sollten keine Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke sein müssen. Kinder, die noch nicht vom Lesen gepackt sind, werden niemals auf eines der anderen Geschenke verzichten, um dafür ein Buch zu bekommen. Bücher sollten kein Opfer voraussetzen. Bücher sollten immer zugänglich sein. Jeden Monat eines. Ein Kinderbuch kostet um die 13 Euro. 13 Euro im Monat. Wenn man eine einfache Kosten-Nutzen-Überlegung (siehe oben, über was ich alles nicht schrieb) anstellt: Ist das wirklich zu teuer? Das zu beantworten überlasse ich jedem selbst. 
Wer ja ruft, der kann in die Bibliothek gehen. Dort stehen sie alle und wollen gelesen werden. Einmal im Monat zusammen in die Bibliothek. Das ist ein schöner gemeinsamer Ausflug mit dem Kind oder den Kindern. Hat man dafür wirklich keine Zeit? Was gibt es so viel Wichtigeres zu tun?
Sind die Kinder erst einmal buchlos 12 Jahre alt geworden, hat man sie als Leser verloren. Die Zeit ist also knapp. Fangt an!
Danke, das musste einfach raus.

Sonntag, 16. Oktober 2016

Die Mutter-Kolumne – Der Klügere gibt nach

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


Manchmal sagt man etwas und denkt im selben Moment: „Das war unklug, sie werden das bestimmt irgendwann benutzen, um mich irgendetwas lehren zu wollen.“ 
Doch gerade hatten sie dermaßen laut über etwas sehr Kleines gestritten, dass mir jener Satz entschlüpft war. „Der Klügere gibt nach.“ 
Erstaunlicherweise schien er zu wirken, denn mit einem Mal war es mucksmäuschen still im Kinderzimmer. Erleichtert wandt ich mich meinen Dingen zu.
„Was soll das bedeuten?“, trompetete es dort hinein.
In großer Neugierde vereint schaute mich das Geschwisterpärchen fragend an.
„Das bedeutet, dass sich ein kluger Mensch nicht streitet.“
„Warum nicht?“, wollte das Töchterchen wissen.
„Weil es Zeitverschwendung ist“, sagte ich.
„Und wenn man recht hat und der andere nicht?“, krähte das Söhnchen.
„Dann weiß das der Klügere und freut sich darüber im Stillen. Es ist ihm egal, ob der andere das auch weiß.“
Die beiden schauten aneinander finster an. Für eine stille Freude waren sie nicht bereit. 
„Pöh!“, machte das Töchterchen. „Ich habe trotzdem recht.“
„Das stimmt nicht!“, schrie ihr kleiner Bruder. 
Dann ging es wieder los mit Getrampel, Gebrüll und Türenknallen. 
„Weiß noch irgendwer von euch, worüber ihr überhaupt streitet?“, rief ich dazwischen.
„Nein!“, kam es zurück. „Aber ich habe recht!“
„Und ich habe noch viel rechter!“
„So ein Wort gibt es nicht!“
„Gibt es wohl! Mein rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsch´mir NICHT meine Schwester her!“
Seufzend setzte ich mir die Ohrenschützer auf, die ich mir einst im Baumarkt gekauft hatte und die für ganz besondere Fälle parat lagen.
Eine halbe Stunde später wagte ich, sie wieder abzusetzen. Himmlische Ruhe lag über unserer Bude. Als ich ins Kinderzimmer spähte, hockten sie tief versunken inmitten einer Minipüppchenwelt auf dem Teppich. 

Einige Tage später standen wir im Supermarkt an der Kasse. Obwohl sie die fiesen Tricks der Supermarktbesitzer längst verstanden hatten, fielen meine Kinder je nach Tagesform und Wageninhalt immer mal wieder darauf herein. So wie an diesem Tag, als die Schlange im Gang mit den Süßigkeiten endete.
„Ich will Gummibärchen“, rief das Söhnchen und griff danach.
„Leg die Gummibärchen bitte wieder zurück. Wir haben zuhause noch welche.“
„Ich will aber jetzt welche!“
Ich denke, der Verlauf der nächsten Minuten ist sicher wohlbekannt.
Irgendwann gab es keine Schlange mehr, irgendwann gab es überhaupt gar keinen Kunden mehr im Laden. Die Kassiererin schmökerte entspannt in einer Illustrierten. Das Söhnchen war bis zum Joghurtregal zurückgewichen, warf mir böse Blicke zu und hielt die verbotene Tüte Gummibärchen hinterm Rücken verborgen.
„Immer sagst du, du bist eine kluge Mama“, fauchte es mich an. „Willst du nicht endlich damit anfangen?“
„Wie meinst du das?“, fragte ich irritiert.
Genervt verdrehte das Kerlchen die Augen. „Oh, Mama!“, stöhnte es. „Du bist jetzt einfach mal klug, wir bezahlen und können nach Hause gehen.“
„Was ist mit den Gummibärchen?“, fragte ich.

„Das ist doch ganz klar“, sagte der Kleine. „Wenn du endlich klug bist, gehören die natürlich mir.“

Dienstag, 13. September 2016

Die Mutter-Kolumne – Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Echt?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



„Zuerst räumst du dein Zimmer auf, dann lese ich vor“, sagte ich. 
Das Söhnchen murrte. „Warum kannst du nicht erst was vorlesen und dann räume ich das blöde Zimmer auf?“
„Weil man erst arbeitet und sich dann dafür belohnt“, erklärte ich.
Stöhnend warf das Kind Legosteine in eine Kiste. Manche flogen vorbei. Ich tat so, als sähe ich das nicht.

Am nächsten Tag befanden wir uns in einer ganz ähnlichen Situation.
„Erst die Hausaufgaben, dann kannst du raus zum Spielen“, hörte ich mich sagen.
Der Sohn murrte.
„Das ist wie mit dem Nachtisch“, erklärte das Töchterchen mit wichtiger Stimme, „erst muss man die doofen Erbsen essen und dann gibt es zur Belohnung ein Eis.“
„Bäh, Erbsen“, stöhnte das Söhnchen und starrte wütend auf die Schulbücher.

In dem Moment begriff ich etwas. Himmel, wie konnte ich nur so dumm sein? Wie konnte ich meinen Kindern einreden, Hausaufgaben seien genauso doof wie die ungeliebten Erbsen und Zimmer aufräumen eine schreckliche Arbeit? Niemals würden sie gerne und mit Neugierde lernen, niemals Freude daran finden, etwas zu erledigen, was einfach erledigt werden musste. Mir musste ganz schnell etwas einfallen, um das wieder gerade zu biegen.

Ich holte einige Gummibärchen und legte sie neben die Schulbücher. „Die sollen dir die Arbeit versüßen“, sagte ich.
Skeptisch blickte das Söhnchen auf die Bären, steckte einen in den Mund und kaute ärgerlich darauf herum. „Die Hausaufgaben machen immer noch keinen Spaß“, knurrte er.
„Vielleicht wenn du drei Gummibärchen auf einmal ißt?“, schlug ich vor.
„Quatsch“, murrte mein Kind.
„Sei nicht so gemein“, sagte das Töchterchen zum kleinen Bruder. „Mama versucht nur, dass du die Arbeit nicht so schlimm findest.“
„Das hat Tom Sayer aber viel besser hingekriegt“, erklärte mein sechsjähriger Sproß.
„Ey, Moment mal“, mischte ich mich ein. 
Doch meine kleine Schar brach schon in Lachen aus. Immerhin.

„Wenn man immer erst die schönen Sachen macht, dann hat man keine Zeit mehr und noch weniger Lust auf die nicht so schönen“, erklärte ich nach dem Lachen. 
„Wie beim Pudding“, sagte das Töchterchen. „Wenn ich eine große Portion davon gegessen habe, ist für Gemüse kein Platz mehr in meinem Bauch.“
„Stimmt, und das ist sehr gefährlich, weil der Körper dann keine wichtigen Nährstoffe bekommt“, fügte ich hinzu.
„Aber manchmal kann man doch erst den Nachtisch essen, oder?“, fragte das Söhnchen.
„Manchmal geht das. Manchmal kann man auch erst ins Schwimmbad gehen und dann Hausaufgaben machen.“
„Super!“, freute er sich und rutschte vom Stuhl. 
„Schwimmbadtasche ist schon gepackt!“, rief das Töchterchen aus dem Flur.
Ich gab mich geschlagen. „Aber wenn wir nach Hause kommen, dann -“
„Klar, Mama, dann machen wir Hausis und räumen auf!“, riefen meine beiden von halber Treppe.


„Du erlaubst, dass die Kinder den Nachtisch vor dem Mittagessen essen?“, fragte am darauffolgenden Sonntag meine Mutter mit gerunzelter Stirn.
„Wir leben manchmal wild und gefährlich, stimmt´s Mama?“, krähte das Söhnchen.
Ich nickte.
„Und manchmal essen wir die Erbsen dann gar nicht mehr“, verriet das Töchterchen.

Dienstag, 16. August 2016

Die Mutterkolumne – Man muss teilen!

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



Wir beobachteten eine Mutter, die gerade den Keks ihres Sohnes zerbrach und das größere Stück einem anderen Jungen gab, der zufällig mit im Sandkasten saß.
„Man muss teilen, Jonas“, trompetete sie zufrieden über den ganzen Spielplatz.
„Auweia, jetzt heult der“, sagte mein Kind. „Das war supergemein.“
„Sie möchte ihrem Kind beibringen, wie man teilt“, verteidigte ich die Frau, obwohl ich sie unmöglich fand.
„Sie hat ihren Keks auch alleine aufgegessen“, sagte mein Sohn.
„Aber Teilen ist wichtig“, erklärte ich.
„Man darf sein Kind aber nicht dazu zwingen“, sagte mein Kleiner.
Ich bezweifelte auch, dass aus dem kleinen Jonas ein großherziger Geber werden würde. Er wirkte traumatisiert.

„Ich teile immer gerne mit dir“, sagte das Söhnchen.
Ich starrte auf den nanometerkleinen Krümel in meiner Hand. Den hatte er eben von seiner Brezel gefriemelt und großspurig dort platziert, als ich um ein Stück für mich bat. In dem Moment kam eine Windböe und trug ihn davon.
„Geteilt hast du deine Brezel mit mir nicht gerade.“
„Ich habe nicht mehr übrig, weil ich sie doch selber essen will.“
„Teilen bedeutet nicht geben, wenn man etwas übrig hat, sondern wenn man es eigentlich selbst gut gebrauchen könnte. Teilen heißt, mit weniger zufrieden zu sein, damit andere auch etwas haben. Es macht glücklich, wenn es von Herzen kommt.“

Ich kam mir sehr weise vor. Das Söhnchen wackelte bedächtig mit dem Kopf. Dann ging es zum Sandkasten und drückte dem weinenden Jungen seinen Brezelrest in die Hand.
„Das war sehr lieb von dir“, sagte ich, als er wieder neben mir auf der Bank saß.
„Jetzt weint der andere Junge“, gab mein Sohn zu bedenken.
„Manchmal kann man es nicht allen recht machen“, versuchte ich eine Krux der Welt in einen Satz zu packen.
„Bekomme ich zur Belohnung ein Eis?“, fragte er verschmitzt.
Ich musste lachen. Das war eigentlich nicht Sinn der Belehrung gewesen, aber ich hatte zwei Euro in der Tasche und ebenfalls Lust auf ein Eis.

Auf dem Weg zur Eisdiele kamen wir an einem bettelnden Obdachlosen vorbei. Einige Meter hinter ihm, krähte mein geliebter Sohn: „Mama, du hast dem armen Mann nichts gegeben!“
„Genau, Mama. Weißt du nicht, dass Teilen glücklich macht?“, rief uns der Mann feixend hinterher.
„Das weiß meine Mama“, antwortete das Söhnchen und blieb stehen. „Gib ihm was.“
„Dann können wir aber kein Eis mehr essen“, sagte ich. „Ich habe nur zwei Euro.“
„Eine Kugel kostet einen Euro“, sagte mein Kind. „Nur einer von uns kriegt dann kein Eis. Bist du das oder bin das ich?“
„Wir könnten uns ja eine Kugel teilen“, schlug ich vor.
„Das wäre aber nicht gerecht“, sagte das Söhnchen. „Du hast eine viel größere Zunge.“
Ich musste lachen. „Und nun?“
Mein Sohn dachte nach. Der Obdachlose und ich warteten gespannt.
„Wir geben dem armen Mann einen Euro, dann bekomme ich eine Kugel Eis und du darfst mit deiner großen Zunge mal lecken.“
„Sie haben ein sehr kluges Kind“, sagte der Mann.

„Das mit dem Teilen ist nicht so einfach“, sagte mein Sohn vor der Eisdiele.
„Nein, das ist es nicht. Manche müssen sehr alt werden, um es zu lernen. Manche lernen es ihr ganzes Leben lang nicht“.
„Dabei macht es wirklich glücklich“, sagte der Kleine. „Einmal Vanille, bitte.“

Donnerstag, 14. Juli 2016

Die Mutter-Kolumne – Du sollst nicht lügen!

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wie so eigentlich.


„Das war ich nicht!“, beharrte des Söhnchens Kindergartenkumpel, obwohl wir es alle besser wussten.
„Lügen sind ganz dolle hässlich. Sie haben lange Nasen und kurze Beine. Trotzdem rennen sie viel schneller als die Wahrheit, stimmt´s Mama?“, krakeelte mein Kind. 
Richtig, so ähnlich hatte ich es ihm und seiner Schwester vorgebetet. Oft. Sehr oft. Immer wieder. Du sollst nicht lügen! Niemals. In einem etwas anderen Wortlaut steht das nicht nur in der Bibel. Nicht zu lügen ist auch ehrenhaft und von edler Gesinnung, also genau das Richtige für meine Kinder.
Leider hält dieser von mir so geliebte Anspruch der Realität am wenigsten stand. Wie kommt diese Karla Kolumna da drauf?, mag die eine oder der andere nun empört rufen. Ganz einfach, weil es die Wahrheit ist.

Lügen erfordern ein hohes Maß an Intelligenz, und meine Kinder sind sehr intelligent zudem auch kreativ, einfallsreich, versponnen und phantasievoll. Es gibt viele schöne Wörter dafür. 
Ein Höhepunkt der Beweisführung dieser wunderbaren Eigenschaften war sicher der Tag, als ich den abgeschnittenen Zopf im Bad hinter der Toilette fand. Auf meine eigentlich überflüssige Nachfrage, stand meine 5jährige Tochter vor mir und schüttelte verneinend ihr links bezopftes und rechts bestummeltes Köpfchen. 
„Das ist nicht meiner.“ 
„Ach so“, sagte ich zwischen Lachen und Empörung hin und her gerissen. „Ist es dann vielleicht meiner?“ Ich hielt mir das blonde Haar vor mein eigenes dunkelbraunes. 
„Vielleicht“, sagte die Kleine. „Vielleicht ist er aber auch von Jan.“ 
Jan, mein damaliger Lebenspartner, trug Glatze.

Es sollte trotzdem noch einige Zeit dauern, bis ich begriff, dass mein Anspruch wohl zu hoch lag, und ich damit meine Kinder in große Nöte brachte.
Mein Sohn und ich begegneten eines Tages auf der Straße einer sehr beleibten und auch etwas ungepflegten Dame, die ich flüchtig kannte. Wir blieben voreinander stehen, um einige Belanglosigkeiten auszutauschen. 
„Mama, wer ist die hässliche Frau?“, unterbrach das Söhnchen die bis dahin unbeschwerte Plauderei.

„Weißt du, man darf so etwas nicht sagen“, erklärte ich kurz danach. „Es verletzt die Frau.“
„Warum?“, fragte das kluge Kind. „Sie kann das doch auch im Spiegel sehen.“
„Aber sie will es nicht von anderen hören“, sagte ich. „Sie möchte sich bestimmt wie jeder andere Mensch auch schön fühlen.“
„Und darum sagt man ihr, dass sie schön aussieht, auch wenn man es nicht findet?“
„Ja“, murmelte ich.
„Ist das dann nicht gelogen?“
„Na ja“, wandte ich mich, „ein bisschen schon. Aber manchmal muss man eben ein klitzekleines bisschen die Unwahrheit sagen.“
„Damit man anderen nicht weh tut, meinst du?“, fragte das Söhnchen.
„Genau“, sagte ich.  

Monate später fand ich den Stapel Elternbriefe wegen nicht gemachter Hausaufgaben unter seinem Schrank. Fassungslos hielt ich sie ihm vor die verdächtig lange Nase. 
„Was ist das?“, fragte ich, obwohl das Ganze keiner Frage bedurfte.
„Das ist der Versuch, dir nicht weh zu tun“, antwortete mein Sohn.

Samstag, 18. Juni 2016

Tischdienst – Köstlicher Salat aus Süßkartoffeln, Linsen, Ruccola und frischen Kräutern

Als ich das letzte Mal meine Freundin Regina in Sydney besuchte, servierte sie einen sehr köstlichen grünen Couscous-Salat. Das Rezept dazu hatte sie aus einem wunderbaren Kochbuch: Community – Salad Recipes from Arthur Street Kitchen. Zum Glück schenkte sie es mir zu meinem nächsten Geburtstag. Daraus bereitete ich mit einigen Abwandlungen für unseren letzten Tischdienst einen sehr leckeren Salat mit Süßkartoffeln, Linsen, Ruccola und frischen Kräutern.


Man braucht (für etwa 6 Portionen):

3 Handvoll Nüsse (nach Geschmack Walnüsse, Cashews, Mandeln, Erdnüsse)
2 EL Honig
1/4 TL Chili Flocken (gemahlen)
1/2 TL Curcuma
Salz

1,5 kg Süßkartoffeln (geschält und in 2 bis 3 cm-große Stücke geschnitten)
6 EL Olivenöl
1/2 TL gemahlenen Muskat
1 TL gemahlenen Zimt
2 TL Cumin (gemahlener Kreuzkümmel)
1/2 TL gemahlenen Piment
Salz und Pfeffer

250 g grüne Linsen
2 EL Honig
2 Knoblauchzehen (gerieben)
4 EL Balsamico
8 EL Olivenöl
Salz und Pfeffer

1 Bund Ruccola (etwas zerschnitten)
frische Kräuter / ich nahm je eine Handvoll Basilikumblätter, glattblättrige Petersilie und Minze (man kann auch noch Schnittlauch, Estragon, Kerbel, Dill, Koriander hinzufügen)
ein Stück Parmesan von100 g (gehobelt)

So geht´s:

Der Salat wird in 4 Schritten zubereitet.

Zuerst habe ich die Nüsse kandiert. Den Honig mit dem Curcuma, dem Salz und den Chiliflocken mischen. Die Mischung unter die Nüsse rühren. Die Nussmischung auf einem Backblech verteilen, bei ca. 200 Grad für ca. 15 Minuten im Ofen rösten. Sofort auf Alufolie oder Backpapier umgießen und auskühlen lassen.


Aus Olivenöl, Muskat, Zimt, Cumin, Piment, Salz und Pfeffer eine Marinade rühren und die Süßkartoffeln damit einreiben (am besten mit den bloßen Händen). In eine Auflaufform geben und bei 200 Grad 25 min rösten, bis sie weich sind. Aus dem Ofen nehmen und zur Seite stellen.


Aus dem Honig, dem Olivenöl, dem geriebenen Knoblauch, dem Balsamico, Salz und Pfeffer eine Vinaigrette rühren.
Linsen in einem großen Topf mit Wasser für 10 bis 15 Minuten kochen, bis sie weich sind. Durch ein Sieb abgießen, in den Topf zurückgeben und die Vinaigrette unterziehen.


Nun die Kräuter fein hacken.


In einer großen Schüssel die Kartoffeln und die Linsen mischen.


Den grob zerschnittenen Ruccola und die Kräuter untermischen, die gerösteten Nüsse, den gehobelten Parmesan und einige gemahlene Chiliflocken darüber streuen.
Guten Appetit!