Sonntag, 1. Februar 2015

Sport frei! – Frau Herden lässt sich von Jillian Michaels shredden

Ich bin mit Sport aufgewachsen. Als DDR-Kind schwamm ich jahrelang täglich im Schwimm-Kader und bereitete mich auf Olympia vor. Unser Familiensport war das Kanu- und Wildwasserfahren. Anfang zwanzig entdeckte ich das Wellenreiten und den Triathlon. Das schreibe ich nur, um zu erklären, dass ich wohl eine gewisse Grundfitness und eine momentan zwar verdeckte, aber doch vorhandene Basismuskulatur besitze, mit der man arbeiten kann.
Ich lasse mich nämlich gerade shredden. So zumindest verspricht es Jillian Micheals in ihren in Mädels-Kreisen umjubelten you-tube Videos: 30 day shred. Das soll heißen: Ich turne 30 Tage lang je 20 Minuten mit Frau Micheals und ihren best girls (ich im besonderen mit Anita, das ist die im grünen Büstier, die die Übungen für die Anfänger vormacht (Originaltext: "If you thing you gonna die follow Anita."), und kann mir dann quasi eine komplett neue Garderobe zulegen oder eben die ganz alte von unten aus dem Schrank vorkramen.


Als mir eine Freundin den Link schickte und schwärmte wie genial das Ganze sei, war ich ziemlich skeptisch. Ich meine 30 Tage 20 Minuten und bäm!? Diese Skepsis war wohl auch daran schuld, dass ich dem Link zwei Jahre nicht folgte. Doch irgendetwas packte mich. Mich und meine liebe Freundin in Köln. Wir beschlossen: "So geht das nicht weiter, wir lassen uns shredden." Gemeinsam. Sie dort, ich hier. Das Ganze begleiten wir mit gegenseitigen Anrufen.

Zehn Tage lang folgt man Level 1, zehn Tage Level 2 und natürlich zehn Tage Level 3. Heute beendete ich Level 1. Zeit zu resümieren.

1. Es macht großen Spaß und ...
2. ... es dauert nur 20 Minuten. Die lassen sich jederzeit schnell dazwischen schieben. Allerdings muss man noch Duschzeit einkalkulieren, denn ...
3. ... man schwitzt. Das Ganze ist anstrengend. In Minutentakten wird zwischen Cardio, Gewichten und Bauchübungen gewechselt. Beim ersten Mal dachte ich noch: "Oops, das schaffe ich nicht." Nach dem dritten Mal überlegte ich mir, ob ich Level 1 zweimal hintereinander turnen oder vielleicht schon zu Level 2 wechseln könnte. Doch dann ...
4. ... verletzte ich mir beim Hampelmann das linke Sprunggelenk. Darum hampele ich nicht mehr, sonder stampfe stattdessen. Wahrscheinlich sind die Menschen unter uns sehr irritiert. Doch darauf kann ich nicht auch noch Rücksicht nehmen. Blöd ist nur, dass ich jetzt nicht so richtig weiß, ob ich im Fluss bin, da ich nicht einschätzen kann, ob Hampelmann durch schweres Stampfen mit Hampelarm äquivalent ersetzt wird. Dennoch ...
5. ... Frau Michaelis erklärt sehr gut. Die Übungen sind einfach und sehr basic, also kein seltsam getanzter Firlefanz. Dabei wird die ganze Zeit auf die Knie, Atmung und Nacken geachtet. Wer zuhört und entsprechend handelt ist sehr gut betreut. Und so ...
6. ... ist das erste Glas Wasser nach dem Turnen schieres Glück. Allerdings ...
7. ... habe ich bisher ein gutes Kilo ZUGENOMMEN. Nun sagt man ja, Muskelmasse ist schwerer als Fett, so dass dem eine gewisse Logik zugrunde liegt. Trotzdem war das nicht das Versprechen. Denn ich wollte ja zwei Kleidergrößen runter gehen und nicht hinauf. Scheinbar baut sich aber nun unter meiner äußeren, okay, Fettschicht eine wunderbare Muskelschicht weiter auf. Die Frage ist nur, wie kriege ich die an die Oberfläche? Wahrscheinlich muss ich trotzdem noch hin und wieder laufen gehen. Oder auf den abendlichen Wein verzichten. Denn ...
8. ... ich kann auch noch keinen Unterschied sehen, wenn ich nackt vor dem Spiegel stehe. Allerdings ...
9. ... fühle ich mich besser, wacher, vitaler. Auch ...
10. ... andere Personen bescheinigten mir eine bessere Haltung und einen aufrechteren Gang.

In zehn Tagen gibt es das nächste Update.

Ihr wollt auch mit turnen? Hier.

Samstag, 24. Januar 2015

Das neue ELTERN Magazin – mein ganz persönlicher Eindruck


Im Frühsommer wurde ich zu einem Kreativworkshop nach Hamburg eingeladen. Die Zeitschrift ELTERN wollte sich in eine ganz neue Richtung entwickeln und war interessiert, wie einige kreative Ladies mit dem neuen Konzept umgehen würden.

Ich muss gestehen, ich hatte die Zeitschrift zuvor noch nie durchgeblättert, nicht einmal im Wartezimmer des Kinderarztes, als ich dort noch Zeiten verbringen musste. Sie hatte mich schlicht nicht interessiert und das lag nicht daran, dass das Magazin ELTERN heißt und ich eine alleinerziehende Mutter bin.

Mama mit jeder Faser meines Herzens bin ich seit der ersten Sekunde, da ich wusste, dass ich ein Kind bekommen würde. Das wird auch nie wieder aufhören.
Ich finde meine Kinder großartig und muss aufpassen, dass ich sie nicht ständig umjubele. Ich mache mir große Sorgen um sie und habe Angst, dass ihnen etwas Schlimmes zustößt. Ich will alles richtig machen und ihnen alles Gute tun und geben, das mir zu tun und zu geben möglich ist.

Doch Mama bin ich nicht ausschließlich. Ich fühle mich wild und lebendig, ich bin neugierig auf die Welt und was das Leben bringt. Am liebsten lache ich und mache großen Blödsinn. Aber ich bin auch jemand, der weint, der sehr sauer werden kann und manchmal verzweifelt ist.
Zu Beginn des Mutterseins studierte ich Architektur, heute schreibe ich Kinderbücher. Ich bin kreativ, interessierte mich für Kunst, Kultur und Naturwissenschaften. Ich liebe das Kochen und das Reisen. Darum sind wir viel unterwegs. Allein in ihrem ersten Lebensjahr war meine Tochter 3 Monate in Sydney, 2 Monate in Kalifornien, viele Wochen in Dänemark und noch viele mehr in Lugano, wo ihre dänische Verwandtschaft lebte.
Ich bin eine Frau, die schon und noch immer die große Liebe sucht, die manchmal neidisch auf die anderen schaute, wenn die sich „schön machten“ und abends zum Tanzen gingen, während ich auf meine Babies aufpasssen musste.
Heute sind meine Kinder Teenager, wir durchkreuzen die aufgewühlten Gewässer der Pubertät. Auch ich bin älter, was mein Spiegel nicht müßig wird, mir jeden Morgen ungefragt ins zerknautschte Gesicht zu schleudern. Ich bin erfahrener und vielleicht auch ein wenig weiser. Aber in mir drinnen, bin ich irgendwie doch noch dieselbe wie vor 17 Jahren.

Die ELTERN hatte nicht in mein Leben gepasst. Das Magazin wollte mir erzählen, wie das alles geht mit dem Elternsein, wie ich zu erziehen hätte, was richtig und was falsch ist und das, wie mir schien, ein wenig von oben herab. Das ließen mich die vorsichtigen Blicke hinein empfinden. Meine Art zu leben, meine Art Mama zu sein, schien in den Augen der gestrengen Eltern-Wächterin allenfalls mangelhaft zu sein. Darum interessierte mich dann auch der Rest des Magazins nicht. Ob ich etwas verpasste, weiß ich nicht, ich vermisste nichts.

Und nun war ich also zu diesem Workshop ins Verlagsgebäude von Grunar+Jahr geladen worden, ich die noch nie ein ganzes ELTERN-Heft durchgeblättert hatte und eigentlich nichts Positives darüber zu sagen wusste. Nicht einmal das Layout oder die allzu sauberen Babyfotos auf dem Cover hatten mir je gefallen.

Der Workshop machte mir sehr großen Spaß. Viele Stunden zerfledderten wir alte Ausgaben und diskutierten darüber, was dieses Heft anders machen sollte und konnte.
Zuerst einmal musste es von seinem belehrenden Podest herunterkommen, sich neben einen aufs Sofa setzen, abends zum Beispiel, wenn man manchmal heulen könnte vor Erschöpfung oder weil alles schief gelaufen war, wie eine Freundin, die einem die Hand hält, tröstet, von irgendwoher eine Schachtel Pralinen zaubert und sagt: „Hey, bei mir war das auch so. Aber ich habe da mal gehört, dass man es vielleicht auch einmal anders probieren könnte. Wollen wir das mal machen?“ Eine Freundin, die selbst Geschichten erzählt, auch die von Unsicherheiten und vom Scheitern. Eine, die mich inspiriert und zum Lächeln bringt, die mit mir das Gefühl teilt, dass die Elternzeit eine großartige, ganz und gar einzigartige Zeit ist. „Genieße diese Zeit“, würde so eine Freundin sagen, „und wenn du dabei mal heulen musst, dann wäre hier ein Taschentuch, sorry, dass das nicht mehr so ganz sauber ist.“


Nun liegt sie also am Kiosk, die ganz neue ELTERN. Ich habe sie mir heute angeschaut. 
Ja, dachte ich, ja. Das Magazin ist auf dem richtigen Weg, auf einem mutigen, authentischen und lebendigen Weg, der mir sehr gut gefällt. 
Na, klar, sie ist nicht allein für eine Frau Herden gemacht. Auch vielen anderen soll sie gefallen. Und das nicht nur den Müttern, sondern auch den Vätern.

Ich bin mir sicher, wenn ich die folgenden Ausgaben zukünftig bei jemandem auf dem Sofa liegen sehe, dann werde ich mich dazu setzen, vielleicht mit einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein, und ich werde mehr als nur einen Blick hineinwerfen. Auch wenn ich nun der Zielgruppe quasi entwachsen bin, denke ich doch unheimlich gern an die Zeit mit meinen kleinen Kindern zurück. Die neue ELTERN hätte mich dabei vielleicht begleiten können.


Im Workshop war es eine Aufgabe, in zwei Minuten etwas zu zeichnen, das ein feines Magazin darstellt. Während die anderen Mädels Symbole wie Herzen, Wirbel und Bängs zeichneten, hatte ich vielleicht etwas falsch verstanden und skizzierte mit fliegendem Stift eine Mama im Kleid, mit zerzausten Haaren und mit Gummistiefeln angetan, knöcheltief im stinkenden Sumpf, aber von Ballons gehalten und mit einem breiten Lächeln. Denn so ist das Leben, immer ambivalent. Das macht es ja so wunderbar und aufregend. Scheinbar gefiel meine Skizze nicht nur mir, denn ich entdeckte sie auf der ersten Seite.


Das Inhaltsverzeichnis wirkt etwas verspielt, ist aber klar und macht es leicht, schnell die unterschiedlichen Aspekte des Magazins zu erfassen und zu finden.


Interessante Artikel mit kreativen Illustrationen. Hier das Titelthema "Stress lass nach!" (Auch im Heft: Reportagen, Interviews und Kolumne.)


Optisch und haptisch ein ganz eigener Part ist die Spielwiese mit kreativen Spiel-, Ausflugs-, Bastelideen, Wort- und Handspielereien und Lesetipps.



Ein ähnlich aufbereiteter klar erkennbarer und in sich geschlossener Teil ist "Wissen Sie was?", alles was man schon immer mal wissen wollte und auch einiges, das nicht, das aber trotzdem interessant ist ...



... und tatsächlich auch etwas, das man nicht zu fragen gewagt hatte.


Die Väter kommen zu Wort und werden sich hier finden können. Immerhin gibt es immer mehr, die stattdessen zu Hause bleiben.


Eine sehr feine Idee: Gerichte für groß, klein und mini aus denselben Zutaten.


Unterwegs mit Kindern. Reisen muss sein, damit das Herz groß und die Seele weit wird (und bleibt).


Mittwoch, 14. Januar 2015

Verlieben Sie sich mal wieder!


Letztens lag ein Artikel auf meinem Bildschirm, der mir erzählen wollte, warum ich mich mal wieder verlieben sollte.
Also echt! Wem muss man denn zehn Argumente aufführen, damit er mal wieder Lust darauf bekommt? Mir nicht. Darum las ich diesen Artikel auch nicht.

Ich finde einen hypernervösen Puls, einen zusammengeknoteten Magen und einen permanenten in Wellen an- und absteigenden Schwindel einfach wunderbar. Ich mag es, wenn nichts mehr funktioniert, weil mein Gehirn und die klugen Gedanken darin irgendwo sind nur nicht in meinem Kopf. Nie fühle ich mich lebendiger, nie schöner, nie wunderbarer. Das Leben scheint ein Klax und wild und aufregend. Und die Zukunft, ach, wer braucht denn so was in solchen Zeiten?

Ich wäre bereit, allein es fehlt der andere. Auch wenn ich das eigentlich nicht so richtig verstehe, hat das sicher seine Gründe. Einer könnte sein, dass ich nicht so gerne unter Leute gehe. Zumindest ergibt sich da nicht so oft die Gelegenheit. Manchmal bin ich müde, manchmal ist gar nichts los im Heimatstädtchen, manchmal regnet es, manchmal kommt ein netter Film im Fernsehen. Gehe ich doch einmal hinaus, dann meistens in Begleitung meines besten Freundes. Wäre dieser schwul, würden wir vielleicht gemeinsam nach Männern Ausschau halten. Da er das nicht ist, unterhalten wir uns und lachen zusammen. Wahrscheinlich wissen die meisten gar nicht, dass wir beste Freunde sind.

Der Alltag selbst bietet mir nicht ganz so viele Gelegenheiten eines fremden Mannes auch nur einmal ansichtig zu werden. Viele Paare sollen sich ja beruflich gefunden haben. Die Kinderbuchbranche ist allerdings fest in weiblicher Hand. Und hier in der Bude, mein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, hält sich auch niemand auf. Ich habe zur Sicherheit noch mal in alle Ecken geschaut, auch in die eher uneinsichtigen, da war aber keiner, der hier mal verloren ging. Manchmal klingelt der Postbote. Er ist sehr nett, ich möchte aber trotzdem nicht, dass er es zweimal täte. Alle anderen scheinen verheiratet. Ich finde das etwas seltsam, weil die Statistiken ja eigentlich anderes aussagen.

Irgendwo las ich dann doch einmal, dass die besten Orte des Kennenlernens das Fitnessstudio und der Supermarkt samstags gegen 16 Uhr seien. In einem Fitnessstudio halte ich mich eigentlich nie auf. (Der Satz stimmt auch ohne das eigentlich.) Einmal war ich zufällig samstags gegen 16 Uhr im Supermarkt. Nein, nein, nein, der Autor des Ratschlags kann nicht diesen gemeint haben. Außerdem gehe ich auch nicht gerne Einkaufen. Das Überangebot und das fahle Neonlicht verursachen mir Seh- und Balanceprobleme. Menschen, die mich im Supermarkt antreffen, vermittle ich wahrscheinlich das Gefühl schwer krank, psychisch labil oder doch wenigstens irgendwie wunderlich zu sein. Ich glaube nicht, dass ich mich in jemanden verlieben könnte, der so etwas attraktiv fände.
Manchmal versuche ich mich in einen Schauspieler zu verlieben, quasi um nicht aus der Übung zu kommen und ein bisschen aus Verzweiflung. Momentan habe ich ein Techtelmechtel mit Matthew Mcconaughey. Nun ja.

Ein anderer Artikel wollte mir gleich im Anschluss zehn Gründe nennen, warum es mit dem Verlieben gar nicht klappen kann. Nicht dass jemand bei der Lektüre des ersten Textes etwas übermütig geworden wäre. Beinahe hätte ich den gelesen. Dabei wäre das reine Zeitverschwendung gewesen.

Meinen Grund nannte ich bereits, und die anderen, die mir da eingeredet werden sollen, ahne ich. An vorderster Stelle: Sie sind zu anspruchsvoll! Ha! Ich frage mich ja schon hin und wieder, wer solche Artikel verfasst. Mir fallen da nur zwei Typen ein: entweder ein Mann mit schütterem Haar und gedrungener Statur oder eine vom Leben und der Liebe enttäuschte Frau, die sich nicht traut, daran etwas zu ändern, aber nicht müde wird, darüber zu meckern und hin und wieder resigniert zu seufzen.
Denn was hier als zu hoher Anspruch bezeichnet wird, nenne ich: Ich weiß jetzt endlich, was ich will! Und das möchte ich mir auch nicht nehmen lassen. Immerhin dauerte es verdammt lange, bis ich es wusste. Und diese Zeit des Lernens war nicht nur lange, sondern auch sehr schmerzvoll. Denn ich habe mir dieses Wissen nicht durch Beobachten und Nachdenken erarbeitet, sondern empirisch, mit Leib und Seele im Leben und Lieben, mit allem, was dazu gehört. Allerdings ohne Beobachten, Nachdenken oder vorherigem Prüfen. Es ist also ein mit Schmerzen geborenes Wissen, dem ich auf keinen Fall den Namen Hoher Anspruch geben werde. Schon gar nicht mit einem Zu davor.

Ich weiß, dass in solchen Artikeln auch dazu geraten wird, sich einmal selbst zu betrachten. Alles klar, das mache ich gerne. Ich mag eigentlich, was ich da im Spiegel sehe. Endlich, möchte ich sagen. Die Jahre des Zweifelns – erstaunlicherwiese waren das ja exakt die, in denen es überhaupt gar nichts zu Zweifeln gegeben hätte, wie ich heute auf Fotos erkennen muss – sind beinahe vorbei. Klar sehe ich, dass mein inneres Alter (25) und mein äußeres Erscheinungsbild (43) nicht mehr so richtig deckungsgleich sind. Das gefällt mir auch nicht. Aber ich erkenne noch ganz deutlich das Potential. Darum habe ich wieder mit dem Joggen angefangen, quäle mich tagsüber durch zwei Wasserflaschen hindurch, lege mich manchmal vor zehn zum Schlafe nieder – davon möchte ich aber vehement abraten, jeder weiß, dass so etwas völlig kontraproduktiv ist und allzu oft in mitternächtlichem Wehklagen und einer Flasche Verzweiflungswein in den frühen Morgenstunden endet – und denke an ganz viele positive Sachen. Matthew Mcconaughey zum Beispiel.

Nein, nein, nein – ich brauche keine Argumente für das Verlieben noch Fremdgründe, warum es nicht klappt. Aber vielleicht einen Fremden.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Mehr Glamour – der alljährlich scheiternde Versuch


Vorgestern schrieb ich im Facebook über meinen ersten 2015er Jogginganlauf. Darin erwähnte ich auch meine schlabbrige Jogginghose, die ich dabei trug. Die hatte ich bewusst gewählt. Zum Ersten hält die ein wenig warm und war auch gerade sauber, außerdem besitze ich keine Lauffunktionskleidung. Ich laufe nämlich weder besonders oft noch sehr weit. Selbst als wir uns vor ettlichen Jahren kilometer- und stundenlang durch die heimischen Wälder quälten, trug ich eine Jogginghose dieser Art. (Vielleicht gab es damals aber auch noch keine Lauffunktionskleidung für Jedermann, das weiß ich nicht mehr.)
Jedenfalls kommentierte ein lieber Kollege, dass ich im beschriebenen Outfit auch zu einer Lesung hätte unterwegs gewesen sein können. Beweise der Richtigkeit dieses Kommentars sind die unzähligen Lesebilder, die ich im letzten Jahr veröffentlichte. Eigentlich um das Vorlesen populär zu machen und dem Ganzen mehr Glamour zu verleihen.
In der Jogginghose?, mag der eine oder die andere zu recht fragen.

Darum also der große Plan: Mehr Glamour! Mae West sagte einmal: „Wie Nächstenliebe sollte auch Glamour in den eigenen vier Wänden beginnen." Also räumte ich zuallererst unsere Bude auf.
“Und? Was sagt ihr?”, fragte ich den gemütlich flegelnden Nachwuchs erwartungsvoll erregt.
“Wozu?”, kam die gleichgültige Antwort.
“Na, zu der supertoll aufgeräumten Wohnung, in die der Glamour nun einziehen wird!”
“Ach, du hast aufgeräumt?” Und nach einem lässigen Blick durchs Ambiente: “Toll.”
Als die beiden etwas später irgendwoanders hingegangen waren, hatten sie auch das glamourbereite Aufgeräumte mitgenommen und etwas dagelassen, das mir ein leicht verzweifeltes Stöhnen entlockte. Ich zog die Jogginghose an und räumte es wieder weg.

Für den Glamour am Leibe hatte ich mir drei Kleider gekauft. Zumindest schon einmal das. Die lagen allerdings noch unanprobiert etwas traurig herum, während ich die Jogginghose nicht nur zum Laufen und Aufräumen trug. Dabei hatte ich unter dem Kommentar des lieben Kollegen mit diesen neuen Kleidern sogar schon angegeben.
Nach dem Aufräumen schlüpfte ich also probeweise hinein. Doch dann legte ich sie schnell in die Einkaufstasche zurück. Eines war kein bisschen glamourös, eines hatte ein sehr auftragendes Muster und eines sah an den Schultern irgendwie komisch aus. Das musste ich mir trotz hoffnungsvollem Gezupfes schließlich eingestehen.

Außerdem drang ganz deutlich ein Lachen vom Sofa. Da saß doch noch jemand, hatte sich ungesehen in die Kissenlandschaft gemorpht und zockte irgendwas auf dem Smartphone. Das Lachen tat mir weh. Denn der, der dort saß, war eigentlich jemand grundsätzlich Wohlwollendes, zumindest von mir und meiner guten Laune Abhängiges, wollte von mir versorgt und gepflegt werden und war mein eigen Fleisch und Blut.
„Hast du etwa gerade gelacht? Über mich?“
„Nein, warum sollte ich?“
„Vielleicht wegen der Kleider.“
„Quatsch. Aber vielleicht sind die ein bisschen eng.“
„Eng?“ Also, das war mir gar nicht aufgefallen. „Hey, ich habe sieben Kilo abgenommen!“
„Echt? Das sieht man gar nicht.“
„Vielleicht weil der Zeitraum von fünf Monaten etwas lang war und du mich jeden Tag siehst“, fauchte ich.
„Mama, beruhig dich mal. Ich fand dich vorher doch auch nicht zu dick.“ Dann stand er auf und kam auf mich zu. „Ich glaube, du brauchst jetzt mal eine Umarmung.“ Nicht mehr lange und er wird größer sein als ich. Seltsam. “Mama, ehrlich, du siehst toll aus. Egal was du anhast.“
Glamour funktioniert irgendwie anders, aber die Nächstenliebe ist hier in der Bude ganz groß.

Sonntag, 4. Januar 2015

Lebensweisheiten über der Modale – Frau Herden und Khalil Gibran


Wer bekommt ihn nicht, diesen Drang zum neuen Jahr die Bude zu lüften und ein wenig aufzuräumen? Mir fiel dabei dieses Bild in die Hände. Das hatte ich einst über die Wickelkommode gehängt.
Die stand erst in einer Sousterrain-Wohnung von 33 qm, die ich mir mit dem nigelnagelneuen Töchterchen teilte, später in einem kleinen Häuschen am Rande und dann in einer Altbauwohnung inmitten der Stadt wo sie nun dem Ablegen des Söhnchens beim Säubern diente.
Inzwischen sind wir vier (Töchterchen, Söhnchen, die Kommode und ich) noch zweimal umgezogen.

Mir gefiel die kleine (ja, was ist es eigentlich? Ein Rat? Ein Gedicht?) Lebensweisheit des libanesischen Philosophen Khalil Gibran sehr, darum hatte ich sie aufgeschrieben und gerahmt. Damals wusste ich noch nicht, dass es manchmal sehr schwer sein würde, sich als Mama daran zu halten.

Als die Wickelkommode wieder nur noch Kommode war (Weichholz, Ende 19. Jahrhundert, von mir damals 16-Jährigen gekauft und in stundenlanger Arbeit nach der Schule von drei Farbschichten befreit, geschliffen und gewachst), war das kleine Bild untergetaucht oder verschollen, irgendwo im herumgeschleppten Hab und Gut.

Als ich es gestern wieder in Händen hielt, musste ich lächeln. Heute sind die Kinder beinahe groß und ich bin Kinderbuchautorin geworden, damals vor 17 Jahren nicht einmal ein Traum von mir.
Als Mutter sollte ich dem Gedicht nach meinen Kindern Liebe geben, aber nicht meine Gedanken. Das wollte mir nicht immer gut gelingen und ich haderte mit Herrn Gibran.
Auch heute, als Kinderbuchautorin, erzähle ich nicht nur Geschichten, sondern vermittle und präsentiere in diesen Geschichten auch meine Gedanken, und das dort, im Haus von Morgen, und nicht nur in meinen Träumen.
Darüber muss ich noch ein wenig nachdenken.

Die alte Kommode haben wir übrigens immer noch. Sie steht im Flur und birgt Beutel, Taschen, Mützen und noch nie getragene Schals und Handschuhe.

Vor langer Zeit, der Sohn war noch ein Söhnchen und wir waren einmal weniger umgezogen, lag etwas darauf, von dem das Kind wollte, dass ich es holen würde.
"Wo ist es denn?", fragte ich.
"Auf der Modale."
"Ähm, wo bitte?"
"Na, auf der Modale!"
Ich bekam einen sehr ärgerlichen Blick zugeworfen, der sagte: Was soll deine unsinnige Fragerei?! Doch ich hatte nicht die geringste Ahnung, wovon mein Söhnchen sprach.
"Schatz, ich hole es dir gerne, aber bitte, wo ist es?"
"AUF DER MODALE!", schrie der kleine Schatz.
"Was ist eine Modale?", fragte ich leise.
"NA, DIE MODALE! IM FLUR! DIE MODAA... NEE, DIE AMODEL! MAMA! DU WEISST DOCH, WAS ICH MEINE!"
Nein, das tat ich nicht, aber ich beobachtete fasziniert mein Kind, dass so wütend wurde, weil ich nicht kapierte, was es meinte.
"DIE AMODEL! MAMA! DIE ... DIE ... DIE WICKELAMODEL!!!"
Da fiel bei mir endlich der Groschen.

Meine Freundin Manuela Olten hat übrigens genau über diese Wut, wenn die Eltern ihr Kind nicht sofort verstehen, ein wunderbares Bilderbuch gemacht. Mama?

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Das große Glück – Frau Herden tagträumt


Der letzte Tag des Jahres ist eine feine Gelegenheit, über Glück zu sinnieren. Eigentlich mache ich das ja täglich, sozusagen am Alltag und an den Sorgen vorbei. Ich sinniere allerdings nicht nur darüber, sondern visualisiere mein zukünftiges, mögliches, potentielles Glück sogar und das äußerst intensiv. Am allermeisten male ich mir jedoch das unmögliche Glück in schillernden Farben aus. Meistens, eigentlich immer, geht es um die Liebe, den Ozean mit einem perfekten Break und Schokoladentörtchen mit cremiger Karamellsoße. Nun ja.

Irgendwo und vor vielen Jahren las ich mal, wenn man die Dinge nur recht visualisiere, dann würden sie auch geschehen. Vielleicht stand da auch, dass Dinge und Situationen, die man nicht fest im Visier hätte, nicht eintreten würden, da sie zu beiläufig gewünscht und erstrebt wären. Der Umkehrschluss hat mir aber schon immer besser gefallen. Darum verbringe ich täglich und besonders nächtlich einige Stunden mit intensivem Tagträumen.

Himmel, wie phanastisch könnte mein Leben sein! Es liegt alles da und klar vor mir und es ist äußerst erstaunlich, dass diese Dinge nicht tatsächlich geschehen. Ich gebe mir nämlich verdammt viel Mühe mit diesen Tagträumen: spreche englisch, wenn es notwendig ist, berechne genau, wann ich mit welchem Sport und welcher Ernährung die angebrachte und kraftvolle Figur haben werde, überlege, welche Frisur möglich wäre und wie die im Sommerwind aussehen würde, was ich trüge und schließlich wieviel Geld ich verdient haben müsste, um an den Orten zu sein, an denen meine Tagträume so stattfinden oder wie ich sonst da hinkäme und ob es den Kids dort auch gefiele.

Weil ich das Tagträumen also nahezu perfektionistisch betreibe, – ich vermute mal, es handelt sich dabei um ein besonderes, genetisch bedingtes Talent, vielleicht jenes, das mich auch beruflich zur Geschichtenerzählerin hat werden lassen – tauche ich aus diesen Wachträumen mit erregt klopfendem Herzen und voller Vorfreude auf, stelle mich vor den Spiegel und lächele mein zerknautschtes Gegenüber an: Ich schreibe uns hier raus, Baby!

Manchmal dauert es Stunden, bis ich in der Realität wieder angekommen bin. Zumindest in Zeiten, die ich viel alleine verbringe, was ich sehr gerne tue und berufsbedingt auch tun muss. (Die Schriftstellerei ist ein einsames Geschäft, wer Alleinsein nicht mag, der muss etwas anderes machen.)
Einmal hatte ich sogar Angst, dass ich gar nicht wieder aufwachen wollte. 

Zum Glück bekam ich dann aber Lust auf ein Pflaumenmusbrötchen und einen Kaffee und es war keine Milch im Haus und irgendjemand musste mit einem buttrigen Messer ins Pflaumenmus gestochen sein, denn es schimmelte leise vor sich hin.
Also schlüpfte ich in meine Lieblingsjogginghose und putzte mir die Zähne, mit der Bürste im Mund bestückte ich schnell noch eine Waschmaschine, dann musste ich die 88 Stufen von unserer Wohnung hinunter zum Bäcker um die Ecke hüpfen, den Müll und das Altglas nahm ich auch gleich mit, so etwas bedenkt man, wenn man 88 Stufen über der Stadt wohnt, im Briefkasten waren nur eine Rechnung, die ich nicht zuordnen konnte, und ein Elternbrief (oh Mann, das bedeutete erzieherische Maßnahmen, die ich selbst nicht mochte), und als ich dann endlich mit dem Kaffee und einem Laugencroissant (der Bäcker hatte kein Pflaumenmus im Angebot) am Tisch saß, war ich dermaßen im Alltag angekommen, dass ich auch gleich am aktuellen Manuskript weiterschreiben konnte. Es gelang mir eine ganz passable Passage, an der ich noch ein wenig feilte, bis sie mir richtig gut gefiel, die Kids kamen von der Schule und wir aßen, redeten und alberten etwas herum.

So ist das mit dem großen Glück. California waiting, oder so.

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Eine Adventskalendergeschichte



Wir saßen in der teuren Villa der Fotografin beim siebten, achten oder zwanzigsten Kaffee.

„Kommt Ihr Lieben, ein oder zwei Ideen werden wir doch wohl noch finden“, ermunterte sie uns. Wir Lieben waren die Assistentin der Fotografin, der Stylist, dessen Assistent, die Visagistin, die Hairstylistin nebst Assistentin, die Beautyredakteurin eines Frauenmagazins, die Assistentin der Beautyredakteurin eines Frauenmagazins und ein weibliches Fotomodell mit braunem Haar und werbewirksamen hellen Augen. Ich.

Seit zwei Tagen produzierten wir eine Fotostrecke mit dem Titel: 24 Tipps für ein entspanntes Weihnachtsfest. Zweiundzwanzig dieser Tipps hatten wir im Kasten. Keiner davon hatte uns irgendwie entspannt. Die restlichen zwei sperrten sich gänzlich. Es wollte niemandem auch nur noch eine Winzigkeit einfallen, wie man ein entspanntes Weihnachtsfest angehen könnte, wir wussten seit Stunden nicht einmal mehr, was ein entspanntes Weihnachtsfest überhaupt ist. Das war doch nur eine Legende! Eine Legende allerdings, die überdauern würde, da wir seit zwei Tagen alles für deren Überlieferung taten.

Wir hatten sämtliche Hausfrauenkniffe und Milchmädchenweisheiten ausgeschlachtet, wir hatten alle Religionen abgeklopft, der Stylist hatte seine Oma und die ihre Nachbarin angerufen und die Visagistin durfte mit ihrem rudimentären, homöopathischen Wissen auftrumpfen, das sie sich einst in einem vorzeitig abgebrochenen Wochenendseminar zugelegt hatte.

„Müssen es denn unbedingt 24 sein?“ Das war der Assistent des Stylisten, der da leise fragte.

Wir anderen blickten hoffnungsfroh auf die Beautyredakteurin. Ja, warum eigentlich vierundzwanzig?

„Na, diese Zahl liegt ja wohl nahe“, sagte diese jedoch.

Das lag sie wohl, mussten wir enttäuscht zugeben. Denn die Idee war ein dem Dezemberheft beigelegter Adventskalender. Hinter jedem Türchen sollte sich ein entspannender Tipp verstecken.

„Wir könnten hinter die 24 einfach Wir wünschen ein entspanntes und inspirierendes Fest! schreiben“, schlug die Assistentin der Beautyredakteurin vor.

„Genau. Und am Nikolaustag wünschen wir einen prall gefüllten Schuh. Dann hätten wir sie alle“, sagte die Assistentin der Fotografin.

Ich musste kichern. Die Beautyredakteurin blitzte einmal in die Runde. Wir verstanden, unterdrückten ein Stöhnen und taten weiterhin so, als dächten wir nach.

„Wie wäre es denn mit dem guten, alten OHM?“, rief die Fotografin und wir zuckten zusammen, weil sie so rüde die eingekehrte Stille zerbrochen hatte.

„Wir haben schon zwei Yoga- und zwei Atemübungen. Wird ein bisschen viel, oder?“

„Unsinn, das ist doch etwas völlig anderes. Komm Antje! Wir probieren das aus.“ Die Fotografin gab sich große Mühe ihre lahme Idee mit Verve zu unterlegen, sprang wie aufgezogen herum und versuchte jeden, aus der ihn umklammernden Erschöpfung zu reißen.

Ich setzte mich auf eine vom Stylisten schnell ausgebreitete indische Decke ins Fadenkreuz der Scheinwerfer. In den Schneidersitz, den ich irgendwie für passend hielt. Meinen Kopf ließ ich in den Nacken sinken. OHM.

„Wie sieht das denn aus, wenn einer so ein entspannendes OHM von sich gibt? So doch sicher nicht“, zweifelte die Beautyredakteurin.

Alle beäugten mich kritisch.

„Ich könnte meine Handgelenke auf die Knie legen, die Hände nach oben abwinkeln und die Fingerspitzen zusammenführen,“ schlug ich vor.

„Ja, mach das doch mal.“

Acht Augenpaare lagen hoffnungsvoll auf mir.

„Also, ich weiß nicht“, murmelte die Fotografin.

„Vielleicht wenn sie die Augen schließen würde?“ Zustimmende Mhms wurden laut. „Und mach doch mal einen runden Mund, als würdest du gerade das O ertönen lassen.“

„Nicht schlecht, oder?“, sagte jemand, den ich nicht sehen konnte.

Jeder wollte das, was er sah, entspannend finden. Jeder wollte endlich nach Hause gehen. Doch die Wahrheit ist manchmal augenscheinlich, besonders wenn man sie zu beugen versucht.

„Und wie wäre es mit dem MH?“, kam ein leiser Vorschlag. Ich glaube von der Visagistin.

„Also, wenn ihr mich fragt, das sieht total bescheuert aus.“

Das hätte ich ihnen schon vorher sagen können. Über das zustimmende Gemurmel ärgerte ich mich dennoch. Die anderen sich aber auch.

„Auf der anderen Seite ist das Bild nachher drei auf drei Zentimeter groß, man könnte es also gar nicht so genau erkennen“, erinnerte die Fotografin.

„Na, dann machen wir das jetzt so“, bestimmte die Beautyredakteurin.

Unverhohlenes Jubeln erfasste alle. Die Fotografin griff nach der Kamera und drückte ein paar Mal auf den Auslöser. Mit gespitztem Mund ließ ich das Mh ertönen. Einmal zwischendrin entspannte ich mich  ganz kurz. Nur aus Versehen.

„So, das hätten wir. Und nun?“

„Singen! Wie wäre es denn mit Singen?“, fragte der Visagist.

„Ja, Singen finde ich gut. So etwas macht man in der Vorweihnachtszeit“, ging die Beautyredakteurin auf den hoffentlich letzten Vorschlag ein.

Also schmiss ich mich in eine Pose, die meiner Meinung nach ein von Herzen kommendes Singen darstellte.

„Versuch es noch mal anders“, sagte jedoch die Fotografin.

Ich versuchte es anders.

„Nein, das ist nicht überzeugend. Sing mal laut.“

„Laut? Also so, dass ihr es hören könnt?“, fragte ich erschrocken.

Ich wollte niemanden enttäuschen. In Gedanken stellte ich mich alleine unter die Dusche und intonierte mit kläglicher Stimme einen aktuellen Popsong, von dem ich die erste Zeile kannte. Ganz deutlich konnte ich ein Kichern vernehmen.

„Vielleicht eher etwas Weihnachtliches?“, knurrte die Beautyredakteurin.

Auf die Schnelle fiel mir nur Vom Himmel hoch, da komm ich her ein. Ich hasse dieses Lied, weil ich schon in der Vorschule des Magdeburger Domchors damit scheiterte. Trotzdem krähte ich die ersten drei Zeilen im vollen Bewusstsein, dass mein Kopf vor lauter Anstrengung die gnadenlosen Höhen zu erklimmen, rot wenn nicht gar lila anlief während sich blaue Adern aus meinen Schläfen drückten. Ansehnlich, gar entspannungsmotivierend, sah das ganz sicher nicht aus.

Alle starrten der Fotografin über die Schulter auf das kleine Display der Kamera.

„Sieht nicht gut aus,“ unterbrach der Assistent des Stylisten die angespannte Stille.

„Wie wäre es denn damit?“, erklang die vorsichtig fragende Stimme der Assistentin der Beautyredakteurin.

Noch bevor ihr zagendes Stimmchen ganz verhaucht war, gab es ein ohrenbetäubendes Scheppern.

„Oh, nein, meine Tuba!“, schrie die Fotografin entsetzt und beruhigte sich erst, als sie ganz sicher war, dass ihr riesiges Instrument keine Delle davongetragen hatte.

„Super. Machen sie doch mit ihrer lieben Familie mal wieder Hausmusik. Und die Mutter bläst die Tuba“, sagte der Assistent des Stylisten und feixte mich erwartungsvoll an.

„Das ist nicht euer Ernst,“ protestierte ich. Ich behauptete zwar immer, mir für nichts zu schade zu sein, aber hier tat sich eine Grenze auf. Mit diesem Ungetüm wollte ich mir nicht die drei auf drei Zentimeter hinter der Nummer 24 eines Adventskalenders teilen.

Aus schierer Verzweiflung und in Ermangelung einer besseren Idee, begann ich aus vollem Halse Oh, du Fröhliche zu krakeelen, wobei ich meinen Körper in etwas verrenkte, was ich so ähnlich mal bei einer Yoga turnenden Freundin sah.

„Vielleicht ist die Idee mit dem Wunsch für ein entspanntes Weihnachtsfest hinter der 24 doch nicht so schlecht.“ Mit diesen Worten und einem höchst irritierten Blick auf mich unterbrach die Beautyredakteurin meine lautstarke, gymnastische Übung und erlöste uns endlich.

Später fuhr sie mich ins Hotel. Während ich aus dem Seitenfenster in den lauen Sommerabend starrte, stellte ich mir unzählige Frauen vor, die erwartungsfroh die Türchen ihres Adventskalenders öffneten und die von einem modernen Frauenmagazin abgesegneten Entspannungstipps befolgten. Wie viele würden am 23. Dezember in verkrampfter Haltung am Boden kauern, vielleicht mit einer indischen Decke unter dem Hintern und ein OHM in den Raum stöhnen?

„Sag mal, hast du gar kein schlechtes Gewissen?“ fragte ich die Beautyredakteurin.

„Warum?“

„Na, wegen des Quatsches, den wir uns da ausgedacht haben. Stell dir vor, die Leserinnen machen das wirklich nach.“

„Es zwingt sie doch niemand dazu.“

„Na, aber viele glauben doch, was in der Zeitung steht.“

„Wir machen die Zeitschrift, um zu unterhalten, nicht mehr und nicht weniger.“

„Trotzdem hast du doch eine gewisse Verantwortung“, ließ ich nicht locker.

„Aber du hast doch auch mitgemacht“, sagte sie leise.

„Wenn ich es nicht gemacht hätte, dann hättet ihr einfach ein anderes Model gebucht. Und ich brauchte das Geld.“

Sie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen von der Seite an. Den Rest des Weges schwiegen wir.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Oh, du Fröhliche! – Geschenke suchen und finden in der Adventszeit



Als ich ein kleines Mädchen war, stöberten meine Schwester und ich in der Adventszeit durch die 60 Quadratmeter unserer sozialistischen Wohnung, spähten hinter alle Schranktüren und durchkramten – vorsichtig, ganz vorsichtig – die Kästen unterm Sofa und die Schubladen im Schlafzimmer meiner Eltern. Wir waren schnüffelnde Spurensucher auf der Jagd nach den versteckten Weihnachtsgeschenken.
Nachdem wir nämlich herausgefunden hatten, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt, erklärten wir das Geschenkeaufspüren in der Adventszeit zu unserer Passion. Sehr zum Ärger meiner lieben Frau Mama, die in jedem Jahr erneut ein Versteck in der viel zu kleinen Wohnung suchen musste, das doch immer wieder von uns gefunden wurde, wie ihr verräterische Schokoladenfingerabdrücke oder sehr ungeschickt zurückgelegte Kleiderstapel erzählten.
Ich mag mir ihre Enttäuschung gar nicht vorstellen, wenn sie freudig etwas Schönes für ihre Mädchen gefunden hatte, das aus irgendeinem Grunde aus dem öden Plansollwarenangebot der ehemaligen DDR, die sich ja auch nicht entblödete Weihnachtsengel geflügelte Jahresendzeitfiguren zu nennen, herausstach, und dieses Besondere dann bis zur Bescherung verwahren wollte, um es uns auswickeln zu sehen während sich unsere kleinen Münder zu einem freudigen Oh formen und unsere Augen Sternen gleich strahlen würden.
Das mussten wir dann am heiligen Abend spielen. Unter den Argusaugen unserer Mama, die uns nicht verraten hatte, dass sie wusste, dass wir wussten, sondern uns die freudige Überraschung aufführen ließ. Wir befürchteten erst, dann ahnten und schließlich erkannten wir siedend heiß, dass sie unser Spiel durchschaute. Oh, wie bitter brannte die gerechte Scham in unseren Herzen unterm geschmückten Tannenbaum.
Warum taten wir es dann aber im nächsten Jahr wieder?
Ich weiß es nicht. Es war vielleicht dieser Kribbel aus Jagdfieber und erwartungsvoller Vorweihnachtszeit. Dieses „Ob es schon Zeit ist?“ oder das „Hast du gesehen, sie trug heute einen großen Beutel nach Hause und ist gleich im Schlafzimmer verschwunden?“ Nach den versteckten Geschenken zu suchen, gehörte einfach dazu.
Und wie groß war die Freude, wenn wir doch nicht alles entdeckt hatten, wenn es doch noch eine echte Überraschung gab, etwas, das wie vom Weihnachtsmann gekommen war, das wir nicht gefunden hatten, weil wir es vielleicht nicht einmal zu wünschen gewagt hatten.

Wie sehr unser Verhalten meine Mutter ärgerte, enttäuschte, vielleicht sogar verletzte, kann ich nur ahnen. Ich weiß aber, wann es aufhörte. Das war 1982. Aus irgendeinem Grunde hatte die Regierung beschlossen, das jährliche Plansoll an Schokoladenwaren wäre bereits im Sommer erfüllt gewesen. Es gab keine Weihnachtsschokolade. Ich war damals für die kleinen täglichen Einkäufe zuständig. Als ich vom Schokoladenmangel hörte, machte ich das zu meiner Mission: Ich würde dafür sorgen, dass meine Familie am heiligen Abend ein Stück Schokolade essen konnte.
Wann immer sich über den Herbst irgendwo lange Schlangen bildeten, ich stellte mich hinten an. Es konnte sich am anderen Ende nur um den Verkauf von Weihnachtsschokolade, Orangen oder Mohrenköpfen handeln. (Mohrenköpfe kaufte ich übrigens nie, ich war mir unsicher, was das eigentlich sein sollte.) In wie weit meine Familie überhaupt mitbekam, in welcher selbst erklärten Lage ich mich befand, weiß ich nicht. Aber als ich mir zu überlegen begann, wo ich die eventuell aufgespürte Schokolade bis zum Fest verstecken könnte, war der Zauber plötzlich gebrochen. Das war irgendwie schlimmer, als die Wahrheit über den Weihnachtsmann.

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Ich habe die Socken schon an – Es ist kalt, doch das Kind trägt Sommer


Heute haben wir den 3. Dezember. Seit einigen Tagen ist es nun kalt geworden. Doch noch, muss man sagen, in diesem wärmsten aller Jahre seit Anbeginn der Wetteraufzeichnungen. Ich gebe zu, das ist verwirrend. Trotzdem. Es gibt da ein Phänomen, welches ich schon so lange beobachte, da ich Kinder habe, und das ich bis heute noch nicht verstanden habe: Kinder, Jungs, zumindest mein Sohn zieht sich nicht gerne warm an.

Vorgestern brachte ich das Altpapier runter. Die Tonne war gerade geleert worden und stand darum auf der Straße. An der deshalb leeren Stelle in der Hofeinfahrt lag eine schwarze Jacke. Die Jacke, die mein Sohn angeblich seit Tagen draußen trug. Erschüttert blieb ich davor stehen. Wie lange lag sie da schon? Die Tonne wird alle 2 Wochen geleert. Etwa solange bestand ich auf die warme Jacke, wenn mein Kind das Haus verließ. Die ersten 3 Tage gab es deswegen lautstarke Diskussionen. Danach nicht mehr. Danach hatte er sie hinter der Altpapiertonne versteckt.
„Zieh bitte die warme Jacke an.“
„Hab ich.“
Tür zu.
Ich stehe nicht neben unserer Wohnungstür und überprüfe, ob mein Sohn eine Jacke trägt beim Gehen und Kommen. Wer friert denn schon gerne freiwillig? Und vor allem: Warum?

Ich nahm das klamme, feuchte, schwarze Ding mit hoch in die warme Wohnung.
„Brauchst du eine neue Winterjacke?“, fragte ich den Heimkehrenden und beobachtete heimlich, wie er versuchte, beim Antworten nicht mit den Zähnen zu klappern.
„Nö, wie so? Ich hab´ doch die schwarze.“

Vielleicht sind Jacken per se uncool, dachte ich. Aber eine schnelle Überprüfung (in unserer Straße liegen 2 Gymnasien) brachte keinerlei Beweis für diese These.
Was war es also dann?

Ich erinnerte, dass das schon immer Thema war. In jedem zur Neige gehenden Herbst musste ich schließlich die Bermudashorts verstecken, damit mein Kind gezwungenermaßen in der morgendlichen Eile zu den langen Hosen greifen musste. Der Abschied von den Sommerklamotten ist jedes Jahr ein schmerzhafter und langwierig bis zum ersten Schnee.
Vielleicht weil dünne Shirts und kurze Hosen einfach leichter sind, weder auftragen noch kratzen, Bewegungsfreiheit gewährleisten und von besseren Zeiten erzählen? Oder ist das Anziehen selbst eigentlich etwas ganz und gar Unnatürliches und daher Unangenehmes? Das ließ mich mein Kind zumindest von Anfang an glauben. Ganz besonders Jacken und – nicht zu vergessen – Socken scheinen Höllenqualen zu bedeuten.


Ich habe ein Foto meines noch kleinen Sohnes. Sauer und aufmüpfig schaut er in die Kamera. Die dahinterstehende Mutter musste sich das Lachen verkneifen. Denn gerade hatte er ihr folgende Worte um die Ohren gefeuert: „Ich habe meine Socken schon an!“ Einen grandiosen Witz hatte er jedenfalls  immer.

Heute liegt draußen sogar Schnee. Das ist sichtbare Kälte. Vielleicht ist das eventuell Jackenwetter?

Samstag, 22. November 2014

Leseförderung und die Wahrheit: Zum Lesen zwingen, kann man niemand, aber ...



Ich könnte immer wieder vor mich hinlachen, wenn ich an die Episode einer Lesenacht denke, die mir mein Sohn einst erzählte.
Alle Kinder der damals Vierten hatten es sich in ihren Schlafsäcken auf dem Boden des Klassenzimmers gemütlich gemacht. Wir Eltern hatten für ein leckeres Büffet gesorgt und jedes Kind sollte sein Lieblingsbuch vorstellen. Schließlich war ein pfiffiges Kerlchen an der Reihe, das gemeinhin nur tolle Noten schrieb. Der Kleine las allerdings nicht so gerne. Trotzdem hatte er ein buntes Buch dabei und die Kinder erwarteten gespannt seine Lesung.
„Zack! Bum! Bäm! Wusch! Zaperlap! Zaperlip!“ Dazwischen etwas Dialog.
Die Zuhörer konnten es sich nicht verkneifen, in Gelächter auszubrechen, obwohl das streng verboten war. Schließlich warf der kleine Vorleser das LTB Taschenbuch wütend in die Ecke.
Dabei finde ich die Lustigen Taschenbücher wunderbar. Sie haben zwar wenig Worte dafür jedoch eine gehobene Ausdrucksweise. Mein Sohn verschlang sie, sobald er lesen konnte. Darum aß er auch nicht, sondern speiste, und er erfragte immer wieder geschichtliche Details unserer Wirklichkeit, die er in ähnlicher Form schon durch die Vorfahren Entenhausens erfahren hatte. Allerdings kann man LTBs tatsächlich nicht vorlesen. Andere Bücher hatte der Junge aber nicht. Er laß eben einfach nicht gerne.

Nach hunderten Lesungen, die ich Kindern gab, kann ich sagen, er ist damit nicht alleine. Irgendwo hörte ich einmal, etwa 10 % der 10jährigen Jungs würden lesen. (Im Gegenzug zu 90% lesender Mädchen.) Ob diese Zahlen stimmen, weiß ich nicht, aber meine Erfahrung zeigt ganz deutlich: Spätestens bei Lesungen ab der 5. Klasse trennen sich die Geister. Man spürt, dass das Buch längst durch Handys, Playstations und Computer ersetzt wurde. Die Fähigkeit bei einer Lesung stille zu sitzen oder gar aufmerksam zuzuhören, nimmt rapide ab. Versuchen sich die Kinder der Gymnasien noch vorbildlich und wohlerzogen zu benehmen, pfeffern einem die Hauptschüler ehrlich ihre Meinung um die Ohren.

Ich finde das nicht schlimm. Viele Kinder lesen nicht gerne und finden es langweilig, vorgelesen zu bekommen. Punkt. Da ändert auch die sogenannte Leseförderung nicht zwangsläufig etwas dran.
Ich versuche darum, die Kids mit wilden Grimassen, extra lustigen (nicht zu langen) Stellen, mit verstellter Stimme, mit einem anschließenden Quiz mit kleinen Preisen und lautem Jubeln aus der Reserve zu locken. Das klappt zu 99% auch supergut. Dafür knallt das eine Prozent dann extra hart rein. Denn obwohl ich es toll finde, wenn die Kids ehrlich sind, obwohl ich es akzeptiere, wenn Bücher für manche überhaupt keine Rolle spielen, bedauere ich es doch sehr, wenn man sie schon mit 10 Jahren für das Buch verloren hat oder gar niemals hatte. Lesungen vor solchen Kindern strengen mich psychisch und stimmlich sehr an. Denn ich versuche es natürlich trotzdem. Gerade dort.

Ich kann mir jedoch noch so viel Mühe geben und einem Derwisch gleich tanzend und jubelnd das Leseerlebnis feiern, Kinder, denen nie gesagt wurde, wie wunderbar Bücher sind und dass es lohnt, sich durch die schwiergen Anfänge des Lesens (ja, manchmal auch) zu quälen, werden mich immer nur mit offenem Munde anstarren, mich für bekloppt halten und sich dann wieder ihrem Nachbarn oder irgendeiner Sache in ihrer Tasche oder vor dem Fenster zuwenden.

Das Wort bildungsfern klingt ganz, ganz schlimm, aber es bezeichnet vielleicht am diplomatischsten eine Tatsache. Kindern aus solchen Familien wird weniger vorgelesen und es werden ihnen auch viel seltener Bücher gekauft. Dass sie eine Liebe dazu entwicklen sollen, scheint ohne etwas Aktion und Jubel beinahe unmöglich.
Und dann sind da eben noch jene, die einfach nicht gerne lesen und vom Buch per se nichts halten. Die vermag sicher auch ich nur zu einem Bruchteil vom Gegenteil zu überzeugen. Aber ich bin zumindest ein Versuch. Ein Versuch der unter die Rubrik Leseförderung fällt und zumeist von Sponsorengeldern bezahlt wird.
Doch die können völlig verschwendet sein, und das vielleicht an Orten, wo sie gerade hätten nutzen können, wenn man einer völlig unvorbereiteten Klasse einfach einen Autoren vor die Nase setzt. Der ist dann schlicht und nix anderes als die Freistunde.
In leseunwilligen und buchfernen Klassen würden nur die Kids, die sowieso schon lesen, sich nach einer Autorenlesung ein weiteres Buch aus der Bibliothek holen. Vielleicht noch zwei drei mehr, wenn ich total heiser, völlig erschöpft und am Ende meiner Kräfte nach Erzählen, schauspielerischer Darstellung der spannensten Buchpassage, Quiz und ausführlicher Fragerunde voll sprühenden Witzes aus dem Klassenzimmer wanke.

Nein, so geht es nicht! Gewisse Dinge benötigen der Vorbereitung. Zum Beispiel durch einen selbst begeisterten Lehrer. Wenn ich vor oder zwischen den Lesungen unbemerkt im Lehrerzimmer sitze und Zeuge von ärgerlichen Ausrufen werde wie „Jetzt haben wir heute auch noch die blöde Autorenlesung! Wie sollen wir denn da den Lernstoff schaffen! Nächste Woche schreiben wir die Arbeit!“, dann möchte ich am liebsten schreien und weinen zugleich. Himmel, die haben unsere Kinder unter ihren Fittichen!
Wie sollen sich Kinder denn über etwas freuen, von dem sie gar nicht wissen, dass es erstens passieren wird und zweitens, dass es schön sein kann?


Dabei wäre eine Vorbereitung so einfach:
Man könnte sich zusammen auf die Lesung als etwas Schönes und Besonderes freuen.
Der Autor könnte im Unterricht zuvor vorgestellt werden. Die Kinder könnten vielleicht kleine Steckbriefe anlegen und gemeinsam spannende Fragen vorbereiten.
Das Buch könnte vorgestellt werden, vielleicht sogar schon etwas angelesen werden. Auf alle Fälle muss es (zumindest nach der Lesung) in der Klassen- oder Schulbücherei zur Verfügung stehen.

Sonderpunkte (die mir jedes Mal die Tränen in die Augen treiben) sind:
Alle Kinder würden gemeinsam den Leseplatz mit Stuhl und Tisch, Wasser, vielleicht einigen Blumen oder Keksen vorbereiten.
Die Kinder könnten zum Dank ihr Klassenlied singen oder selbst ein kleines Gedicht vortragen oder auch ein kleines gemaltes Bild schenken.

Ich bin der festen Überzeugung (und ich habe es unzählige wunderbare Male erlebt), wenn Kinder in die Vorbereitung integriert werden (überhaupt, wenn die Lesungen vorbereitet werden) und wenn Vorfreude vermittelt wird, dann wird eine Lesung immer ein Erfolg. Ganz bestimmt die meinen (das kann ich ohne eingebildet zu sein sagen), denn ich gebe mir (so wie die meisten meiner Kollegen) sehr viel Mühe und habe einen guten Draht zu den Kids. Sicher werden danach nicht alle freudig zum Buch greifen. Manche Kinder lesen eben einfach nicht gerne. Punkt. Aber sie werden sich an ein schönes Erlebnis erinnern.


Mittwoch, 12. November 2014

In der Liebe soll alles erlaubt sein – oder: Ist Frau Herden ein Freak?



Letztens erzählte mir ein Exfreund, ein anderer meiner Exfreunde hätte ihm mal eine ziemlich verrückte Geschichte über mich erzählt. Demnach hätte ich mir an einem denkwürdigen Abend die Haare abgeschnitten, sie in eine Schale gelegt und quasi zeremoniell verbrannt, während er versuchte, seine Geburtstagsparty zu schmeißen. Alle Gäste seien jedoch geflohen.
Im ersten Moment musste ich ob der Absurdität lachen. So etwas esoterisch Angehauchtes würde ich niemals tun. Haare in einer Schale verbrennen, also echt! Außerdem weiß man doch, dass so ein Geruch tagelang in der Bude hängen bleibt und ich hasse es ja schon, wenn man am nächsten Morgen noch das gebratene Steak des vorangegangenen Abends riechen kann.

Doch dann begann ich zu grübeln. Nicht darüber, warum sich zwei meiner Exfreunde Geschichten über mich erzählen, obwohl es das sicher auch wert gewesen wäre, sondern ob es nicht sein könnte, dass diese Sache tatsächlich passiert war. Ehrlich gesagt, ich wurde immer unsicherer.

Ich neige zur Hysterie, das gebe ich unumwunden zu. Alles andere wäre ja auch albern, immerhin gibt es Zeugen. Ich erinnere einige sehr, nun ja, kindische Handlungen meinerseits im Namen der Liebe.
Die allererste davon war, als ich mit schwarzer Farbe und einem sehr breiten Malerpinsel „Ich hasse Fußball!!!“ über die gesamte weiße Wand im Zimmer meiner ersten großen Liebe schrieb, weil die nicht nur selbst spielte sondern auch noch Fremdspiele anschaute und die Kinder des Vereins trainierte. Damals war ich fünfzehn und hatte verdammt viel Zeit, das muss man verzeihen, finde ich. Außerdem war es sehr lehrreich, als der riesige Schriftzug auch nach dem fünften Mal Überstreichen wieder durchkam.

Einmal erzählte ich selbst solcherlei Erlebnisse einem späteren Freund. Daraufhin begann er zu hoffen, eines Tages vielleicht auch Ziel solcher emotionalen Ausbrüche zu sein, denn dann würde ich ihn ja so sehr lieben, wie ich nur konnte und wie die anderen vor ihm. Als es dann endlich so weit war, weinte er. Vor Freude, wie ich hoffte. Obwohl er dazu eigentlich keinen Grund hatte. Er hatte im Vorfeld dermaßen mit meinen Gefühlen gespielt, dass die sich volle Lotte Bahn brachen, als er das Skiurlaubszimmer im einsamen Bergdorf endlich Richtung Kneipe verlassen hatte. Ich wusste um seine Schwächen: Er hasste es, sich nicht rasieren zu können oder trockene Haut zu haben und liebte seine Schuhe. Also leerte ich den Rasierschaum im Waschbecken aus, zerbrach alle Rasierklingen und schmiss sie hinterher, dann drückte ich den kompletten Inhalt seiner Bodylotion in die teuren Lederschuhe. (Wozu er die überhaupt mit hatte, hatte ich sowieso nicht verstanden.) Irgendetwas schrieb ich auch noch an den Spiegel, das ist mir aber entfallen.
Nur eine Minute später tat mir sehr leid, was ich getan hatte. Eine liebe Freundin half mir, das Ganze wenigstens ein bisschen wieder in Ordnung zu bringen. Er nahm es im Großen und Ganzen mit Humor und schenkte mir drei Wochen später eine „Ärgerbox“ zu Weihnachten: ein Schuhkarton gefüllt mit Rasierschaum, Bodylotion und Rasierklingen. Ich fand das unheimlich süß. Damals war ich siebzehn.

Es gab andere dumme Sachen, die ich aus lauter Liebe tat, und die mit den Jahren immer ausgefeilter und zum Teil auch spektakulär waren. Die möchte ich hier jedoch nicht weiter erörtern. Aber das Abbrennen meiner abgeschnittenen Haare in einer Schale?

Eines Nachts schnitt ich mir tatsächlich mal ganz spontan die Haare ab. Ich war verzweifelt, es hatte einen schlimmen Streit oder eine andere Verletzung und etwas zu viel Wein gegeben, und ich weinte vor mich hin. Dennoch musste ich mal zur Toilette. Als ich vor dem Spiegel stand und mein verheultes Gesicht anstarrte, wurde ich sehr wütend über diese Frau da drin. Wie die überhaupt aussah! Ich griff zur Schere. Danach war die Frau im Spiegel noch immer verheult, hatte aber zusätzlich eine sehr hässliche Frisur.
Doch die Haare dann abbrennen? In einer Schale? Womöglich eine für den Salat oder aus Edelstahl? Plastik wäre ja ziemlich dumm und mit überbordender Emotionalität nicht mehr zu entschuldigen gewesen. Außerdem weiß ich ganz genau, dass ich niemals einen Geburstag mit diesem Exfreund feierte. Wir zelebrierten nämlich eine Sommerliebe und er wurde dareinst im Winter geboren.

Trotzdem. Es ist irgendwie gruselig, dass man mir Geschichten einreden könnte, die ich angeblich erlebt habe, weil ich mich nicht mehr an alles und jedes ganz genau erinnern kann.
Ich sollte dringend mit meinen Memoiren beginnen.

Sonntag, 9. November 2014

Crunch aus Nüssen, Haferflocken und Honig

In der Nähe des Hauses meiner Eltern steht ein großer Nussbaum. Darum haben wir jeden Herbst einen großen Sack Walnüsse. Heute fand ich den vom letzten Jahr unterm Küchenschrank wieder. Ich knackte eine und stellte beglückt fest, die Nüsse sind noch astrein und köstlich. Also machte ich ein schnelles Crunch daraus.


Dafür braucht man:

Nüsse, etwas zerkleinert / kernige Haferflocken (so viele man mag) / Honig (entsprechend der Nuss- und Flockenmenge / Kardamom, gemahlen / Zimt, gemahlen

So geht´s:

In einer Pfanne bei mittlerer bis hoher Temperatur die Nüsse rösten. Unbedingt dabei bleiben und rühren, sonst brennen sie ratzfatz schwarz. Temperatur etwas zurückstellen auf mittlere Hitze. Die Pfanne vom Herd nehmen und die gelösten Nusshäutchen wegpusten. Pfanne auf den Herd zurück stellen. Haferflocken dazugeben. Kardamom und Zimt unterrühren. So viel Honig darüber gießen, dass die Mischung im Honig schmurgelt, aber nicht darinnen ertrinkt. Nach ca. 2 bis 3 Minuten Schmurgeln die Masse auf Alufolie gießen. Auskühlen lassen und in Stücke brechen. Diese kann man nun gleich aufessen oder in einem verschließbarem Glas aufheben.


Man könnte auch ein nettes Dessert mit zaubern. Dazu griechischen Joghurt mit Vanillepaste und braunem Zucker verrühren. In eine Schale geben. Papayastücke darauf verteilen und mit Crunch bestreuen. Köstlich!

Mittwoch, 29. Oktober 2014

On Air – Frau Herden und ihre Stimme



Als ich das erste Mal meine eigene Stimme hörte, ging für mich die Sonne unter. Ich wusste längst, dass ich sehr laut sprach. Immer wieder war ich darüber ermahnt worden. Besonders von meinen Eltern. Am peinlichtsen war es jedoch, als ich einmal mit meiner Lieblingslehrerin in der dritten Klasse nach Hause lief, sie hatte einen ähnlichen Weg, und ich ihr ganz beseelt irgendetwas sehr Intimes erzählte. 
„Antje, ich laufe doch direkt neben dir. Die Leute in der Kaufhalle (ca 2 km weiter vor uns) wollen deine Geschichte sicher nicht hören.“ 
Einige Sekunden lang dachte ich, vor Scham für immer verstummen zu müssen.
Damals fand ich dann aber Trost darin, dass ich meine Stimme gar nicht misstönend sondern als ganz angenehm empfand. Doch dann hörte ich sie das erste Mal. Im Radio. Ich war zehn Jahre alt und wollte tatsächlich nie wieder sprechen.

Dabei hatte sich alles sehr aufregend angelassen. Das Radio wollte kommen und die Kinder der Verkehrs-AG der Nikolai Ostrowski Schule in Magdeburg interviewen. Wie ich eigentlich in die Verkehrs-AG gerutscht war, weiß ich nicht mehr. Obwohl, das stimmt nicht. Es war nämlich wie immer. Man musste sich irgendeine AG auswählen. Ich schwankte unentschlossen zwischen Irgendwas mit Malen oder Schulgarten hin und her, als ich zufällig erfuhr, dass der heimlich Angebetete zur Verkehrs-AG strebte. Ich war schon immer dieselbe und darum ratzfatz auch dabei.

Drei Kinder wurden ausgewählt fürs Radio sprechen zu dürfen. Darunter ich. Stolz wie Bolle kam ich an diesem Tag in die Schule, zappelte die Unterrichtsstunden weg und richtete immer wieder mein Pionierhütchen, das ich extra aufgestzt hatte. Es war immerhin ein denkwürdiger Tag im Sinne unseres Vaterlandes. So etwas beging man im weißen Hemd, blauem Rock, Halstuch und eben dem Hütchen. (Ganz ehrlich weiß ich gar nicht mehr, woher dieses Bild in mir aufsteigt, denn eigentlich besaß ich weder den blauen Rock noch das Hütchen. Egal. Es passt.)

Am Nachmittag scharrten wir uns dann im Schulhof um das puschlige Mikro und jeder von uns drein durfte sein Sprüchlein aufsagen. Ich erzählte etwas von der enorem Wichtigkeit der Verkehrs-AG, um kleinen Kindern und auch verdattelten alten Leuten im gefährlichen Straßenverkehr helfen zu können. Wie es meine Art ist, schummelte ich noch zwei drei Sätze mehr als abgemacht hinzu und schrie sie vor lauter Begeisterung den Radiomenschen um die Ohren. 
(In Erinnerung meiner selbst als Kind (unendlich lang, unendlich dünn, unendlich laut, ständig von allem begeistert und aufgeregt, aber unendlich schüchtern und unsagbar unsicher) möchte ich mich in einem fort selbst in den Arm nehmen und trösten.)

Einige Tage später umringten wir gemeinsam ein Radio und lauschten dem Beitrag. Ich wurde immer enttäuschter, mein Herz zog sich schließlich vor Traurigkeit zusammen. Die ganze Zeit redete da eine mit sehr lauter und irgendwie besserwisserischer Stimme und ließ den anderen gar keine Zeit, auch mal etwas zu sagen.
„Die haben meine Sätze rausgeschnitten“, flüsterte ich, den Tränen nahe. „Die fanden wohl nicht gut, was ich gesagt habe.“
„Spinnst du!“, riefen die anderen. „Du redest doch die ganze Zeit.“

Warum ich ausgerechnet heute über das Radio schreibe, hat eine Bewandnis: Nachher, um 12.05 Uhr gibt es auf hr2 Kultur die Sendung Doppelkopf. „Interessante Zeitgenossen - Menschen, die etwas zu sagen haben, unterhalten sich 50 Minuten lang mit einem Gastgeber über ihre Arbeit und ihr Leben”, heißt es da. Der interssante Zeitgenosse bin heute ich.

Dienstag, 28. Oktober 2014

Unterwegs – Frau Herden auf dem LirumLarumLesefest in Freiburg



Um es mal gleich vorweg zu nehmen: Ich bin ziemlich enttäuscht von den Kulturdamen Freiburgs. Die haben sich nämlich in die hübschen Köpfe gesetzt, niemals denselben Autoren ein zweites Mal zum LirumLarumLesefest einzuladen. Na, toll! Ich war schon da und das solls jetzt gewesen sein?
Es war nämlich schlicht und einfach richtig, richtig schön. Ein Lesefest, das nicht nur die Kinder, denen wir vorlasen, genießen konnten, sondern auch wir Autoren.


Das ging schon mit der perfekten Hotelwahl los. Ich hatte den Eindruck, dass die Stadt Freiburg all die Autoren, die je vorbeikamen, in das charmante Park Hotel Post unterbrachte. Die Zimmer tragen die Namen großer Schriftsteller, das Haus quillt über vor Büchern. Und es gibt dicke Gästebücher, in die man sich trotz liebevoller Aufforderung beinahe nicht getraut, hineinzuschreiben, weil dort schon so viele Menschen des Wortes etwas hinterlassen haben. Zum Teil lustige zum Teil aber auch sehr kluge Dinge. Dass ich auch noch eines meiner Bücher signieren sollte, das nun einen Platz im Buchregal der signierten Bücher der illustren Hotelgäste fand, Himmel, das war mir angesichts der Bücher von Daniel Kehlmann, Marcel Reich Ranicki, Uwe Timm, Paul Maar oder Cornelia Funke beinahe peinlich. Darüber tröstete allerdings der Begrüßungssekt und die stetig gefüllten Schalen mit Schokolade und Obst.



Wie geschrieben, ich bin traurig, dass ich dort wohl nicht so schnell wieder hinkommen werde. Und ich habe noch gar nicht den (freien!) Mittagstisch erwähnt, den wir gemeinsam mit den Kulturdamen und den anwesenden Autoren im Theatercafé einnahmen. Sicher nicht die schlechteste Küche der Stadt, außerdem eine wunderbare Gelegenheit zum gemeinsamen Klönen und Quatschen.


Die fünf Lesungen, die ich in den Tagen gab, haben (wie immer) Spaß gemacht. Vor allem wohl mir. Ich bekam sogar ein schönes Kompliment, ganz unabhängig von meinem Tun.
Denn nach einer der Lesungen und dem anschließenden Quiz mit zwei dritten Klassen ergab sich folgendes Gespräch:
Autorin: "Und hat jemand eine Frage an mich?"
Junge 1: "Ja. Wie ist deine Telefonnummer?"
Autorin: "Öhm..."
Junge 2: "Wie alt bist du?"
Autorin "43."
Klasse: "So alt!"
Junge 3: "Hast du sonst noch irgendwie Familie oder bist du noch alleine?"
Junge 2: "Du siehst aber noch süß aus."







Auch die Stadt Freiburg konnte ich beschauen. Sie gefällt mir. 







Gefallen hat mir auch, dass ich in mehreren Buchhandlungen Displays zum Lesefest entdeckte. So zum Beispiel in der Kinder- und Jugendbuchhandlung Fundevogel in der Marienstraße, dem charmantesten Buchladen Freiburgs übrigens, und in der Buchhandlung Rombach in der Bertholdstraße. Für alle, die das nicht wissen: Das ist nicht immer so. 


Trotz allem Schönen: Einen Wehrmutstropfen gibt es immer auf Lesereisen. Und das ist die große Einsamkeit, die einen nach vollbrachtem Tagewerk, nach lustiger Mittagsgesellschaft und nach einem beschaulichen Spaziergang durch die hübsche Stadt erwartet. Zwei Stunden konnte ich jeweils noch mit Schreiben füllen, bis das Hirn nicht mehr mitdenken wollte. Und dann?
Ich bin niemand, der alleine und im Dunkeln in eine fremde Stadt eintaucht. Weder steht mir der Sinn nach einem Einzeltisch im Restaurant noch nach einem Glas Wein an der Bar irgendeines Clubs. Was also tun? Es bleibt das Hotelzimmerbett und die flimmernde Glotze davor. Das dann gerne auch bis zwei Uhr morgens, weil sich Schlaf in der Fremde so schwer einstellt. Manchmal möchte ich dann ein bisschen in mein Kissen heulen, das ich mir immer von zuhause mitnehme. Aber es hilft ja nichts. Im Gegenteil. Ich bin sogar dankbar, dass ich am nächsten Morgen wieder mit vielen Kindern herumalbern und lachen, dass ich ihnen aus meinem Buch vorlesen und so den Lebensunterhalt für mich und meine Kinder verdienen kann. Und das letztendlich mit meinem Traumberuf. Danke dafür!