Samstag, 22. November 2014

Leseförderung und die Wahrheit: Zum Lesen zwingen, kann man niemand, aber ...



Ich könnte immer wieder vor mich hinlachen, wenn ich an die Episode einer Lesenacht denke, die mir mein Sohn einst erzählte.
Alle Kinder der damals Vierten hatten es sich in ihren Schlafsäcken auf dem Boden des Klassenzimmers gemütlich gemacht. Wir Eltern hatten für ein leckeres Büffet gesorgt und jedes Kind sollte sein Lieblingsbuch vorstellen. Schließlich war ein pfiffiges Kerlchen an der Reihe, das gemeinhin nur tolle Noten schrieb. Der Kleine las allerdings nicht so gerne. Trotzdem hatte er ein buntes Buch dabei und die Kinder erwarteten gespannt seine Lesung.
„Zack! Bum! Bäm! Wusch! Zaperlap! Zaperlip!“ Dazwischen etwas Dialog.
Die Zuhörer konnten es sich nicht verkneifen, in Gelächter auszubrechen, obwohl das streng verboten war. Schließlich warf der kleine Vorleser das LTB Taschenbuch wütend in die Ecke.
Dabei finde ich die Lustigen Taschenbücher wunderbar. Sie haben zwar wenig Worte dafür jedoch eine gehobene Ausdrucksweise. Mein Sohn verschlang sie, sobald er lesen konnte. Darum aß er auch nicht, sondern speiste, und er erfragte immer wieder geschichtliche Details unserer Wirklichkeit, die er in ähnlicher Form schon durch die Vorfahren Entenhausens erfahren hatte. Allerdings kann man LTBs tatsächlich nicht vorlesen. Andere Bücher hatte der Junge aber nicht. Er laß eben einfach nicht gerne.

Nach hunderten Lesungen, die ich Kindern gab, kann ich sagen, er ist damit nicht alleine. Irgendwo hörte ich einmal, etwa 10 % der 10jährigen Jungs würden lesen. (Im Gegenzug zu 90% lesender Mädchen.) Ob diese Zahlen stimmen, weiß ich nicht, aber meine Erfahrung zeigt ganz deutlich: Spätestens bei Lesungen ab der 5. Klasse trennen sich die Geister. Man spürt, dass das Buch längst durch Handys, Playstations und Computer ersetzt wurde. Die Fähigkeit bei einer Lesung stille zu sitzen oder gar aufmerksam zuzuhören, nimmt rapide ab. Versuchen sich die Kinder der Gymnasien noch vorbildlich und wohlerzogen zu benehmen, pfeffern einem die Hauptschüler ehrlich ihre Meinung um die Ohren.

Ich finde das nicht schlimm. Viele Kinder lesen nicht gerne und finden es langweilig, vorgelesen zu bekommen. Punkt. Da ändert auch die sogenannte Leseförderung nicht zwangsläufig etwas dran.
Ich versuche darum, die Kids mit wilden Grimassen, extra lustigen (nicht zu langen) Stellen, mit verstellter Stimme, mit einem anschließenden Quiz mit kleinen Preisen und lautem Jubeln aus der Reserve zu locken. Das klappt zu 99% auch supergut. Dafür knallt das eine Prozent dann extra hart rein. Denn obwohl ich es toll finde, wenn die Kids ehrlich sind, obwohl ich es akzeptiere, wenn Bücher für manche überhaupt keine Rolle spielen, bedauere ich es doch sehr, wenn man sie schon mit 10 Jahren für das Buch verloren hat oder gar niemals hatte. Lesungen vor solchen Kindern strengen mich psychisch und stimmlich sehr an. Denn ich versuche es natürlich trotzdem. Gerade dort.

Ich kann mir jedoch noch so viel Mühe geben und einem Derwisch gleich tanzend und jubelnd das Leseerlebnis feiern, Kinder, denen nie gesagt wurde, wie wunderbar Bücher sind und dass es lohnt, sich durch die schwiergen Anfänge des Lesens (ja, manchmal auch) zu quälen, werden mich immer nur mit offenem Munde anstarren, mich für bekloppt halten und sich dann wieder ihrem Nachbarn oder irgendeiner Sache in ihrer Tasche oder vor dem Fenster zuwenden.

Das Wort bildungsfern klingt ganz, ganz schlimm, aber es bezeichnet vielleicht am diplomatischsten eine Tatsache. Kindern aus solchen Familien wird weniger vorgelesen und es werden ihnen auch viel seltener Bücher gekauft. Dass sie eine Liebe dazu entwicklen sollen, scheint ohne etwas Aktion und Jubel beinahe unmöglich.
Und dann sind da eben noch jene, die einfach nicht gerne lesen und vom Buch per se nichts halten. Die vermag sicher auch ich nur zu einem Bruchteil vom Gegenteil zu überzeugen. Aber ich bin zumindest ein Versuch. Ein Versuch der unter die Rubrik Leseförderung fällt und zumeist von Sponsorengeldern bezahlt wird.
Doch die können völlig verschwendet sein, und das vielleicht an Orten, wo sie gerade hätten nutzen können, wenn man einer völlig unvorbereiteten Klasse einfach einen Autoren vor die Nase setzt. Der ist dann schlicht und nix anderes als die Freistunde.
In leseunwilligen und buchfernen Klassen würden nur die Kids, die sowieso schon lesen, sich nach einer Autorenlesung ein weiteres Buch aus der Bibliothek holen. Vielleicht noch zwei drei mehr, wenn ich total heiser, völlig erschöpft und am Ende meiner Kräfte nach Erzählen, schauspielerischer Darstellung der spannensten Buchpassage, Quiz und ausführlicher Fragerunde voll sprühenden Witzes aus dem Klassenzimmer wanke.

Nein, so geht es nicht! Gewisse Dinge benötigen der Vorbereitung. Zum Beispiel durch einen selbst begeisterten Lehrer. Wenn ich vor oder zwischen den Lesungen unbemerkt im Lehrerzimmer sitze und Zeuge von ärgerlichen Ausrufen werde wie „Jetzt haben wir heute auch noch die blöde Autorenlesung! Wie sollen wir denn da den Lernstoff schaffen! Nächste Woche schreiben wir die Arbeit!“, dann möchte ich am liebsten schreien und weinen zugleich. Himmel, die haben unsere Kinder unter ihren Fittichen!
Wie sollen sich Kinder denn über etwas freuen, von dem sie gar nicht wissen, dass es erstens passieren wird und zweitens, dass es schön sein kann?


Dabei wäre eine Vorbereitung so einfach:
Man könnte sich zusammen auf die Lesung als etwas Schönes und Besonderes freuen.
Der Autor könnte im Unterricht zuvor vorgestellt werden. Die Kinder könnten vielleicht kleine Steckbriefe anlegen und gemeinsam spannende Fragen vorbereiten.
Das Buch könnte vorgestellt werden, vielleicht sogar schon etwas angelesen werden. Auf alle Fälle muss es (zumindest nach der Lesung) in der Klassen- oder Schulbücherei zur Verfügung stehen.

Sonderpunkte (die mir jedes Mal die Tränen in die Augen treiben) sind:
Alle Kinder würden gemeinsam den Leseplatz mit Stuhl und Tisch, Wasser, vielleicht einigen Blumen oder Keksen vorbereiten.
Die Kinder könnten zum Dank ihr Klassenlied singen oder selbst ein kleines Gedicht vortragen oder auch ein kleines gemaltes Bild schenken.

Ich bin der festen Überzeugung (und ich habe es unzählige wunderbare Male erlebt), wenn Kinder in die Vorbereitung integriert werden (überhaupt, wenn die Lesungen vorbereitet werden) und wenn Vorfreude vermittelt wird, dann wird eine Lesung immer ein Erfolg. Ganz bestimmt die meinen (das kann ich ohne eingebildet zu sein sagen), denn ich gebe mir (so wie die meisten meiner Kollegen) sehr viel Mühe und habe einen guten Draht zu den Kids. Sicher werden danach nicht alle freudig zum Buch greifen. Manche Kinder lesen eben einfach nicht gerne. Punkt. Aber sie werden sich an ein schönes Erlebnis erinnern.


Mittwoch, 12. November 2014

In der Liebe soll alles erlaubt sein – oder: Ist Frau Herden ein Freak?



Letztens erzählte mir ein Exfreund, ein anderer meiner Exfreunde hätte ihm mal eine ziemlich verrückte Geschichte über mich erzählt. Demnach hätte ich mir an einem denkwürdigen Abend die Haare abgeschnitten, sie in eine Schale gelegt und quasi zeremoniell verbrannt, während er versuchte, seine Geburtstagsparty zu schmeißen. Alle Gäste seien jedoch geflohen.
Im ersten Moment musste ich ob der Absurdität lachen. So etwas esoterisch Angehauchtes würde ich niemals tun. Haare in einer Schale verbrennen, also echt! Außerdem weiß man doch, dass so ein Geruch tagelang in der Bude hängen bleibt und ich hasse es ja schon, wenn man am nächsten Morgen noch das gebratene Steak des vorangegangenen Abends riechen kann.

Doch dann begann ich zu grübeln. Nicht darüber, warum sich zwei meiner Exfreunde Geschichten über mich erzählen, obwohl es das sicher auch wert gewesen wäre, sondern ob es nicht sein könnte, dass diese Sache tatsächlich passiert war. Ehrlich gesagt, ich wurde immer unsicherer.

Ich neige zur Hysterie, das gebe ich unumwunden zu. Alles andere wäre ja auch albern, immerhin gibt es Zeugen. Ich erinnere einige sehr, nun ja, kindische Handlungen meinerseits im Namen der Liebe.
Die allererste davon war, als ich mit schwarzer Farbe und einem sehr breiten Malerpinsel „Ich hasse Fußball!!!“ über die gesamte weiße Wand im Zimmer meiner ersten großen Liebe schrieb, weil die nicht nur selbst spielte sondern auch noch Fremdspiele anschaute und die Kinder des Vereins trainierte. Damals war ich fünfzehn und hatte verdammt viel Zeit, das muss man verzeihen, finde ich. Außerdem war es sehr lehrreich, als der riesige Schriftzug auch nach dem fünften Mal Überstreichen wieder durchkam.

Einmal erzählte ich selbst solcherlei Erlebnisse einem späteren Freund. Daraufhin begann er zu hoffen, eines Tages vielleicht auch Ziel solcher emotionalen Ausbrüche zu sein, denn dann würde ich ihn ja so sehr lieben, wie ich nur konnte und wie die anderen vor ihm. Als es dann endlich so weit war, weinte er. Vor Freude, wie ich hoffte. Obwohl er dazu eigentlich keinen Grund hatte. Er hatte im Vorfeld dermaßen mit meinen Gefühlen gespielt, dass die sich volle Lotte Bahn brachen, als er das Skiurlaubszimmer im einsamen Bergdorf endlich Richtung Kneipe verlassen hatte. Ich wusste um seine Schwächen: Er hasste es, sich nicht rasieren zu können oder trockene Haut zu haben und liebte seine Schuhe. Also leerte ich den Rasierschaum im Waschbecken aus, zerbrach alle Rasierklingen und schmiss sie hinterher, dann drückte ich den kompletten Inhalt seiner Bodylotion in die teuren Lederschuhe. (Wozu er die überhaupt mit hatte, hatte ich sowieso nicht verstanden.) Irgendetwas schrieb ich auch noch an den Spiegel, das ist mir aber entfallen.
Nur eine Minute später tat mir sehr leid, was ich getan hatte. Eine liebe Freundin half mir, das Ganze wenigstens ein bisschen wieder in Ordnung zu bringen. Er nahm es im Großen und Ganzen mit Humor und schenkte mir drei Wochen später eine „Ärgerbox“ zu Weihnachten: ein Schuhkarton gefüllt mit Rasierschaum, Bodylotion und Rasierklingen. Ich fand das unheimlich süß. Damals war ich siebzehn.

Es gab andere dumme Sachen, die ich aus lauter Liebe tat, und die mit den Jahren immer ausgefeilter und zum Teil auch spektakulär waren. Die möchte ich hier jedoch nicht weiter erörtern. Aber das Abbrennen meiner abgeschnittenen Haare in einer Schale?

Eines Nachts schnitt ich mir tatsächlich mal ganz spontan die Haare ab. Ich war verzweifelt, es hatte einen schlimmen Streit oder eine andere Verletzung und etwas zu viel Wein gegeben, und ich weinte vor mich hin. Dennoch musste ich mal zur Toilette. Als ich vor dem Spiegel stand und mein verheultes Gesicht anstarrte, wurde ich sehr wütend über diese Frau da drin. Wie die überhaupt aussah! Ich griff zur Schere. Danach war die Frau im Spiegel noch immer verheult, hatte aber zusätzlich eine sehr hässliche Frisur.
Doch die Haare dann abbrennen? In einer Schale? Womöglich eine für den Salat oder aus Edelstahl? Plastik wäre ja ziemlich dumm und mit überbordender Emotionalität nicht mehr zu entschuldigen gewesen. Außerdem weiß ich ganz genau, dass ich niemals einen Geburstag mit diesem Exfreund feierte. Wir zelebrierten nämlich eine Sommerliebe und er wurde dareinst im Winter geboren.

Trotzdem. Es ist irgendwie gruselig, dass man mir Geschichten einreden könnte, die ich angeblich erlebt habe, weil ich mich nicht mehr an alles und jedes ganz genau erinnern kann.
Ich sollte dringend mit meinen Memoiren beginnen.

Sonntag, 9. November 2014

Crunch aus Nüssen, Haferflocken und Honig

In der Nähe des Hauses meiner Eltern steht ein großer Nussbaum. Darum haben wir jeden Herbst einen großen Sack Walnüsse. Heute fand ich den vom letzten Jahr unterm Küchenschrank wieder. Ich knackte eine und stellte beglückt fest, die Nüsse sind noch astrein und köstlich. Also machte ich ein schnelles Crunch daraus.


Dafür braucht man:

Nüsse, etwas zerkleinert / kernige Haferflocken (so viele man mag) / Honig (entsprechend der Nuss- und Flockenmenge / Kardamom, gemahlen / Zimt, gemahlen

So geht´s:

In einer Pfanne bei mittlerer bis hoher Temperatur die Nüsse rösten. Unbedingt dabei bleiben und rühren, sonst brennen sie ratzfatz schwarz. Temperatur etwas zurückstellen auf mittlere Hitze. Die Pfanne vom Herd nehmen und die gelösten Nusshäutchen wegpusten. Pfanne auf den Herd zurück stellen. Haferflocken dazugeben. Kardamom und Zimt unterrühren. So viel Honig darüber gießen, dass die Mischung im Honig schmurgelt, aber nicht darinnen ertrinkt. Nach ca. 2 bis 3 Minuten Schmurgeln die Masse auf Alufolie gießen. Auskühlen lassen und in Stücke brechen. Diese kann man nun gleich aufessen oder in einem verschließbarem Glas aufheben.


Man könnte auch ein nettes Dessert mit zaubern. Dazu griechischen Joghurt mit Vanillepaste und braunem Zucker verrühren. In eine Schale geben. Papayastücke darauf verteilen und mit Crunch bestreuen. Köstlich!

Mittwoch, 29. Oktober 2014

On Air – Frau Herden und ihre Stimme



Als ich das erste Mal meine eigene Stimme hörte, ging für mich die Sonne unter. Ich wusste längst, dass ich sehr laut sprach. Immer wieder war ich darüber ermahnt worden. Besonders von meinen Eltern. Am peinlichtsen war es jedoch, als ich einmal mit meiner Lieblingslehrerin in der dritten Klasse nach Hause lief, sie hatte einen ähnlichen Weg, und ich ihr ganz beseelt irgendetwas sehr Intimes erzählte. 
„Antje, ich laufe doch direkt neben dir. Die Leute in der Kaufhalle (ca 2 km weiter vor uns) wollen deine Geschichte sicher nicht hören.“ 
Einige Sekunden lang dachte ich, vor Scham für immer verstummen zu müssen.
Damals fand ich dann aber Trost darin, dass ich meine Stimme gar nicht misstönend sondern als ganz angenehm empfand. Doch dann hörte ich sie das erste Mal. Im Radio. Ich war zehn Jahre alt und wollte tatsächlich nie wieder sprechen.

Dabei hatte sich alles sehr aufregend angelassen. Das Radio wollte kommen und die Kinder der Verkehrs-AG der Nikolai Ostrowski Schule in Magdeburg interviewen. Wie ich eigentlich in die Verkehrs-AG gerutscht war, weiß ich nicht mehr. Obwohl, das stimmt nicht. Es war nämlich wie immer. Man musste sich irgendeine AG auswählen. Ich schwankte unentschlossen zwischen Irgendwas mit Malen oder Schulgarten hin und her, als ich zufällig erfuhr, dass der heimlich Angebetete zur Verkehrs-AG strebte. Ich war schon immer dieselbe und darum ratzfatz auch dabei.

Drei Kinder wurden ausgewählt fürs Radio sprechen zu dürfen. Darunter ich. Stolz wie Bolle kam ich an diesem Tag in die Schule, zappelte die Unterrichtsstunden weg und richtete immer wieder mein Pionierhütchen, das ich extra aufgestzt hatte. Es war immerhin ein denkwürdiger Tag im Sinne unseres Vaterlandes. So etwas beging man im weißen Hemd, blauem Rock, Halstuch und eben dem Hütchen. (Ganz ehrlich weiß ich gar nicht mehr, woher dieses Bild in mir aufsteigt, denn eigentlich besaß ich weder den blauen Rock noch das Hütchen. Egal. Es passt.)

Am Nachmittag scharrten wir uns dann im Schulhof um das puschlige Mikro und jeder von uns drein durfte sein Sprüchlein aufsagen. Ich erzählte etwas von der enorem Wichtigkeit der Verkehrs-AG, um kleinen Kindern und auch verdattelten alten Leuten im gefährlichen Straßenverkehr helfen zu können. Wie es meine Art ist, schummelte ich noch zwei drei Sätze mehr als abgemacht hinzu und schrie sie vor lauter Begeisterung den Radiomenschen um die Ohren. 
(In Erinnerung meiner selbst als Kind (unendlich lang, unendlich dünn, unendlich laut, ständig von allem begeistert und aufgeregt, aber unendlich schüchtern und unsagbar unsicher) möchte ich mich in einem fort selbst in den Arm nehmen und trösten.)

Einige Tage später umringten wir gemeinsam ein Radio und lauschten dem Beitrag. Ich wurde immer enttäuschter, mein Herz zog sich schließlich vor Traurigkeit zusammen. Die ganze Zeit redete da eine mit sehr lauter und irgendwie besserwisserischer Stimme und ließ den anderen gar keine Zeit, auch mal etwas zu sagen.
„Die haben meine Sätze rausgeschnitten“, flüsterte ich, den Tränen nahe. „Die fanden wohl nicht gut, was ich gesagt habe.“
„Spinnst du!“, riefen die anderen. „Du redest doch die ganze Zeit.“

Warum ich ausgerechnet heute über das Radio schreibe, hat eine Bewandnis: Nachher, um 12.05 Uhr gibt es auf hr2 Kultur die Sendung Doppelkopf. „Interessante Zeitgenossen - Menschen, die etwas zu sagen haben, unterhalten sich 50 Minuten lang mit einem Gastgeber über ihre Arbeit und ihr Leben”, heißt es da. Der interssante Zeitgenosse bin heute ich.

Dienstag, 28. Oktober 2014

Unterwegs – Frau Herden auf dem LirumLarumLesefest in Freiburg



Um es mal gleich vorweg zu nehmen: Ich bin ziemlich enttäuscht von den Kulturdamen Freiburgs. Die haben sich nämlich in die hübschen Köpfe gesetzt, niemals denselben Autoren ein zweites Mal zum LirumLarumLesefest einzuladen. Na, toll! Ich war schon da und das solls jetzt gewesen sein?
Es war nämlich schlicht und einfach richtig, richtig schön. Ein Lesefest, das nicht nur die Kinder, denen wir vorlasen, genießen konnten, sondern auch wir Autoren.


Das ging schon mit der perfekten Hotelwahl los. Ich hatte den Eindruck, dass die Stadt Freiburg all die Autoren, die je vorbeikamen, in das charmante Park Hotel Post unterbrachte. Die Zimmer tragen die Namen großer Schriftsteller, das Haus quillt über vor Büchern. Und es gibt dicke Gästebücher, in die man sich trotz liebevoller Aufforderung beinahe nicht getraut, hineinzuschreiben, weil dort schon so viele Menschen des Wortes etwas hinterlassen haben. Zum Teil lustige zum Teil aber auch sehr kluge Dinge. Dass ich auch noch eines meiner Bücher signieren sollte, das nun einen Platz im Buchregal der signierten Bücher der illustren Hotelgäste fand, Himmel, das war mir angesichts der Bücher von Daniel Kehlmann, Marcel Reich Ranicki, Uwe Timm, Paul Maar oder Cornelia Funke beinahe peinlich. Darüber tröstete allerdings der Begrüßungssekt und die stetig gefüllten Schalen mit Schokolade und Obst.



Wie geschrieben, ich bin traurig, dass ich dort wohl nicht so schnell wieder hinkommen werde. Und ich habe noch gar nicht den (freien!) Mittagstisch erwähnt, den wir gemeinsam mit den Kulturdamen und den anwesenden Autoren im Theatercafé einnahmen. Sicher nicht die schlechteste Küche der Stadt, außerdem eine wunderbare Gelegenheit zum gemeinsamen Klönen und Quatschen.


Die fünf Lesungen, die ich in den Tagen gab, haben (wie immer) Spaß gemacht. Vor allem wohl mir. Ich bekam sogar ein schönes Kompliment, ganz unabhängig von meinem Tun.
Denn nach einer der Lesungen und dem anschließenden Quiz mit zwei dritten Klassen ergab sich folgendes Gespräch:
Autorin: "Und hat jemand eine Frage an mich?"
Junge 1: "Ja. Wie ist deine Telefonnummer?"
Autorin: "Öhm..."
Junge 2: "Wie alt bist du?"
Autorin "43."
Klasse: "So alt!"
Junge 3: "Hast du sonst noch irgendwie Familie oder bist du noch alleine?"
Junge 2: "Du siehst aber noch süß aus."







Auch die Stadt Freiburg konnte ich beschauen. Sie gefällt mir. 







Gefallen hat mir auch, dass ich in mehreren Buchhandlungen Displays zum Lesefest entdeckte. So zum Beispiel in der Kinder- und Jugendbuchhandlung Fundevogel in der Marienstraße, dem charmantesten Buchladen Freiburgs übrigens, und in der Buchhandlung Rombach in der Bertholdstraße. Für alle, die das nicht wissen: Das ist nicht immer so. 


Trotz allem Schönen: Einen Wehrmutstropfen gibt es immer auf Lesereisen. Und das ist die große Einsamkeit, die einen nach vollbrachtem Tagewerk, nach lustiger Mittagsgesellschaft und nach einem beschaulichen Spaziergang durch die hübsche Stadt erwartet. Zwei Stunden konnte ich jeweils noch mit Schreiben füllen, bis das Hirn nicht mehr mitdenken wollte. Und dann?
Ich bin niemand, der alleine und im Dunkeln in eine fremde Stadt eintaucht. Weder steht mir der Sinn nach einem Einzeltisch im Restaurant noch nach einem Glas Wein an der Bar irgendeines Clubs. Was also tun? Es bleibt das Hotelzimmerbett und die flimmernde Glotze davor. Das dann gerne auch bis zwei Uhr morgens, weil sich Schlaf in der Fremde so schwer einstellt. Manchmal möchte ich dann ein bisschen in mein Kissen heulen, das ich mir immer von zuhause mitnehme. Aber es hilft ja nichts. Im Gegenteil. Ich bin sogar dankbar, dass ich am nächsten Morgen wieder mit vielen Kindern herumalbern und lachen, dass ich ihnen aus meinem Buch vorlesen und so den Lebensunterhalt für mich und meine Kinder verdienen kann. Und das letztendlich mit meinem Traumberuf. Danke dafür!

Montag, 27. Oktober 2014

Meine große Liebe – New York Style Cheese Cake


Die New Yorker sagen, Cheese Cake war niemals richtiger Cheese Cake, bevor er nicht New Yorker Cheese Cake wurde. Meine Tochter sagte: "Mama, back doch mal wieder den echten New York Cheese Cake."Das tat ich mit Lust.
Unser "echter" ist der von LINDY´S. Er ist unendlich cremig und reich, aber trotzdem etwas "fluffig", also nicht so fest und schwer und dessertähnlich wie beispielsweise der bei Starbucks oder Häagen Dasz verkaufte oder wie die typische "Philadelphia Torte", die manche irrtümlich für amerikanischen Käsekuchen halten.
Das LINDY´S war übrigens DAS Restaurant im Theater District der 1940er Jahre. Hier verspeisten die Schauspieler spät in der Nacht nach ihren Aufführungen süße Desserts. Meistens Cheese Cake. Der wurde sogar im Musical Guys and Dolls besungen. Noch heute gilt LINDY`S als der Ort N.Y.s mit dem besten Käsekuchen.
Ich entdeckte das Rezept einst im New York Cook Book von Molly O´Neill und verliebte mich.
Der Kuchen ist wunderbar. Allerdings hat er zwei Nachteile. Erstens: Man sollte ihn über Nacht im Kühlschrank stehen lassen, bevor man ihn anschneidet (Hilfe! Folter!). Zweitens: Man sollte dringend Gäste haben, um ihn zu teilen. Denn gestern Abend sagte mein Sohn: "Diesen Kuchen darfst du nie wieder backen. Der ist einfach zu köstlich. Man muss so lange davon essen, bis er weg ist."
Also, um es ganz klar zu sagen, Kalorienzähler brauchen hier gar nicht erst weiterzulesen. :-)


Man braucht:
130 g + 3 EL Mehl / 480 g Zucker / die abgeriebene Schale von 2 Limonen / die abgeriebene Schale einer Orange / Vanillepaste (oder das Mark einer Schote) / 5 Eier + 3 Eigelb / 110 g Butter / 4 Familienpackungen Frischkäse a 265 g  (also etwa 1,1 Kg) / 60 ml Creme Fraîche

So geht´s:
1. In einer Schüssel werden 130g Mehl, 60g Zucker, die Schale einer Limone und etwas Vanillepaste zusammengemischt. Dann kommen ein Eigelb und die Butter dazu. Mit dem Mixer daraus einen Mürbeteig herstellen. Den zu einem Ball formen und für eine Stunde in den Kühlschrank legen.

2. Eine Springform buttern oder mit Backpapier auskleiden. Den Ofen auf 200 Grad Celsius vorheizen.

3. Etwas mehr als ein Drittel des Teigs auf den Boden der Form auslegen. Das klappt am besten, wenn man kleine Stücke abreißt, diese mit den Fingern knetet und platt auf den Formboden presst. Beim Ausrollen reißt der Teig gerne und man ärgert sich. Den Boden ca. 12 bis 15 Minuten backen. Herausnehmen und abkühlen lassen.

4. In einer großen Schüssel den Frischkäse, den restlichen Zucker, 3 EL Mehl, Vanillepaste, die Schale der zweiten Limone und die Schale der Orange gut zusammen mixen. Dann die 5 Eier, die 2 verbliebenden Eigelbe und die Creme Fraîche dazugeben und sehr gut mixen. Das Ganze muss eine homogene Masse ergeben und darf keine Frischkäseklümpchen mehr enthalten.

5. Den Ofen auf 270 Grad Celsius hochstellen.

6. Den restlichen Teig wieder mit den Fingern an den Rand der Springform und gegen den schon gebackenen Boden drücken. Dabei darauf achten, dass es keine Löcher gibt.
Nun die Frischkäsemasse einfüllen.

7. Den Kuchen 12 Minuten backen. Dann die Temperatur auf 95 Grad herunterdrehen. Nach einer Stunde den Ofen ausstellen, die Tür etwas öffnen und den Kuchen noch 30 Minuten im Ofen lassen.

8. (Achtung: total gemein!!!) Den Kuchen mehrere Stunden, am besten über Nacht kaltstellen.

9. Gäste einladen und genießen.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Heul doch! – Frau Herden lebt nahe der Wasserkante

Man Ray Larmes Tears

Gestern auf der Autofahrt zu einer Lesung in Bad Wimpfen schob ich eine CD in den Player, skipte auf den zweiten Track, lauschte den ersten Tönen und begann wie ein Schloßhund loszuheulen. 

Wer mich kennt, der weiß, das ist so besonders nicht. Frau Herden ist nahe am Wasser gebaut, sie heult oft und, so könnte man meinen, gern. Stimmt aber gar nicht. Also, das ich das gerne machen würde. Es ist erschöpfend und nicht selten peinlich, wenn es nämlich im öffentlichen Bereich passiert, wie die Architektin in mir sagen würde. Richtig ist jedoch, dass ich sehr, sehr oft weinen muss. 

Das ist genetisch, keine Frage. Als wäre es gestern gewesen, höre ich die belegte Stimme meines lieben Vaters, der uns Kindern Pippi Langstrumpf vorliest. Als die rot bezopfte Superheldin kurzentschlossen ihren Geldkoffer über Bord wirft und hinterherspringt, um doch nicht mit ihrem Papa in die Südsee zu tuckern, sondern um bei ihren Freunden zu bleiben, da kippte meines Vaters Stimme gar noch einige Grade mehr. 
„Papi, weinst du etwa?“, fragte meine Schwester in der ihr eigenen Art. 
„Quatsch, ich habe etwas im Hals und im Auge.“ 
Das hatte er dann auch bei den Toden von Sigismund Rüstig und Nscho-tschi. (Ab dann las ich die Bücher alleine. Aber nicht wegen der Tränen meines Vaters, sonders weil das schneller ging, da ich nicht auf den Abend warten musste.) 

Ich erinnere mich auch an einen sehr berührenden tränenreichen gemeinschaftlichen Moment von Vater und Tochter. Herbst ´89. Wir beide saßen vor dem Fernseher, beobachteten das Fallen der Mauer und ließen unseren Tränen freien Lauf. Sagen konnten wir nichts. 

Es ist also ganz sicher, dieses ständige Gerührtsein, dieses Keine-Luft-mehr-kriegen, diese Klöße im Hals und die nicht aufzuhaltenden Tränen, das wurde mir alles mit in die Wiege gelegt. Doch mit Hilfe von ein wenig Achtsamkeit und strategischem Überlegen komme ich trotzdem ganz gut durchs Leben. Einige Dinge gilt es eben zu meiden – bemützte und eingemumelte Krippekindergruppen auf Winterausflug zum Beispiel, Weltfussballendspiele, Schultheateraufführungen, Menschenketten oder friedliche Demonstrationen – im Prinzip alles, wo sich Menschen in einem gemeinsamen (schönen) Gedanken versammeln oder auch alles, was irgendwie mit Kindern zu tun hat, zumal mit meinen. 

Die CD, die ich mir auf der Autofahrt gestern anhörte, hatte im Postkasten gelegen.


(Vor vielen, vielen Jahren gelang es mir tatsächlich einmal, meine liebe Frau Mama davon zu überzeugen, mir eine BRAVO zu kaufen. Darin las ich einen kleinen Text über ein Mädchen, dass seinem Lieblingspopstar ein selbstgeschriebenes Gedicht verfasst hatte, das dieser dann mit Musik versah und auf einem seiner Konzerte zum Besten gab. Wie wunderbar musste sich das für das Mädchen angefühlt haben? Ich war sehr gerührt und musste mir ein paar Tränchen wegdrücken.
Als junges Mädchen hatte ich selbst eigentlich keine Idole. Weder war ich in einen Sänger noch in einen Schauspieler verliebt. So einen Unsinn machte ich dann erst viel, viel später. Doch als Kinderbuchautorin habe ich einige Helden, die ich für ihre Arbeit und ihre Art sehr bewundere. Andreas Steinhöfel zum Beispiel, Roald Dahl oder Philip Ardagh. Dieser kleine Einschub war jetzt noch wichtig, um das folgende zu verstehen.)

Ich drückte also auf Play.

„Geschichten über die Nacht.
Das Gespenst.
Von Antje Herden.
Gelesen von Andreas Steinhöfel.“ 

(Diese CD mit den vier Siegertexten des SOS Kinderdorf Literaturwettbewerbs eingelesen von Andreas Steinhöfel und für Kinder ab sechs Jahren, findet Ihr am Dezemberheft der ELTERN FOR FAMILY)

Sonntag, 12. Oktober 2014

fbm#14 – mein ganz persönlicher Rückblick auf die Buchmesse

Dass ich mit etwas gemischten Gefühlen nach Frankfurt zur Buchmesse gefahren war, schrieb ich ja schon.
Vor vier Jahren war das anders. Ich hatte von nichts eine Ahnung, freute mich über mein erstes verlegtes Kinderbuch und trank ganz ungeniert am Oetinger Stand Sekt. War ja damals mein Verlag, die mich umgebenden Leute also meine Kollegen. Fröhlich prostete ich in die Runde. Dass niemand zurückprostete, merkte ich nicht einmal. Dann lief das Buch nicht und im Jahr darauf schlich ich unerkannt mit meiner selbst bezahlten Eintrittskarte am Stand vorbei. Einen Sekt traute ich mich nicht zu nehmen. Dabei hätte ich den viel nötiger gebraucht. Ich trank dann später im Zug nach Hause eine kleine Flasche Rotwein, die ich mir am Bahnhofskiosk gekauft hatte, und fühlte mich genauso, wie ich vermeintlich aussah. Erstaunlicherweise war das dann viel besser, als gedacht. Es ging mir nämlich wirklich schlecht. Ich wollte mit diesem ganzen Affentheater nichts mehr zu tun haben.

Nun, drei Jahre später, bin ich eine "renomierte Kinderbuchautorin". Ich hatte auf der Messe verschiedene Termine unter anderem ein Interview und eine Lesung. Das Ticket musste ich dieses Mal nicht selbst bezahlen. Zeit, mit meinen Freundinnen herumzustromern blieb trotzdem.
Viele Menschen sprachen mich an, in den Hallen, zwischen den Gängen, in der U-Bahn. Sie hatten mich erkannt und waren nett, sprachen meiner Mittwochskolumne, meinen Texten im facebook, meinen Büchern Komplimente aus. Das war sehr spannend. Es ehrte mich. Es überforderte mich schließlich etwas, ich plaudere ja nicht gerne. Trotzdem. Danke, danke dafür.
Ich traf einige Kollegen auf ein Wörtchen, manche nur auf ein Winken oder einen Drücker. Wichtig war alles. Einfach um glauben zu können, dass diese Leute echt und nicht nur vom facebook ausgedacht sind.
Ich trug sogar ein Kleid. Das funktionierte ganz gut. Ich glaube, manche Herren lächelten auch, obwohl sie nicht wussten, wer ich bin. Aber das schmeiße ich jetzt einfach mal vermutend in die Runde.

Trotz allem, das Schönste aber waren die beiden Abende. Der erste brachte Punsch bei Beltz (auweia) und am zweiten formierten wir die Aperitif-Gruppe, als alles und ich komplett erledigt war. Zusammen mit meiner Agentin Christiane Düring und Petra Hermanns von scripts for sale und den Autorinnen Antje Babendererde und Irmgard Kramer machten wir genau das, was unser Gruppenname versprach: Wir nahmen zum Abschied einige Aperitifs. Und wir lachten. Wie verrückt. Mädels, das machen wir im nächsten Jahr wieder.

Und hier noch einige Schnipsel:

Auf dem Hinweg gehört und quasi sofort visuell bestätigt bekommen: "Natürlich gibt es auch diese mittelalterlichen Buchhändlerinnen mit Brille, so wie wir. Aber es liegt doch auch eine wahrhaft intellektuelle Atmosphäre in der Luft."


Halle 4.1, Stand E79 / Das Magazin. (Als Ossikind ist mir Das Magazin Lebensbegleiter, es lag immer in unserer Bude herum, später wurde ich selbst Abonnentin, noch später machte ich meine Freundin Meike zu einer solchen.)
"Ach, guck mal, das Magazin", sagte ich und wir blieben stehen.
Der große, gut aussehende Herr, der uns ansprach, ist einer der Verlagsleiter und heißt Till Kaposty-Bliss. Das wusste ich aus dem Heft. Auch dass er der Größte im Verlag ist. Er bot uns eines der Magazine zum Kennenlernen.
"Herzlichen Dank, das brauchen wir nicht. Wir sind begeisterte Abonnentinnen."
"Abonnentinnen? Hier im tiefen Westen? Kommse rein! Kommse rein!"
Dann wurden wir mit Gebäck, Getränken und Geschenken verwöhnt. Nicht nur darum: Das Magazin, wirklich eine Freude, wenn es im Postkasten liegt.


Kruso gewann den Buchpreis, da blieben wir natürlich stehen, als wir den Autoren von einem FAZ Mitarbeiter interviewt sahen. Ich vermute, es war der Sohn einer Redakteurin oder ein Praktikant. Und ich bin leider jemand, der sich sehr fremdschämt. Meine Freundin Meike auch. Wir mussten schnell weitergehen. Schade. Herr Seiler sagte nämlich schöne Dinge, wie zum Beispiel auf die Frage nach der Authentizität der Romanfiguren: "Beim Schreiben braucht man die authentischen Details, um sich seines Materials sicher zu sein." Siehste, sage ich auch immer, nur etwas anders: "Wer schreiben will muss erst mal was erleben."


Bei den Finnen waren wir auch. Ich glaube, es ist schön, ein finnisches Kind zu sein. Trotz der winterlichen Dunkelheit.




Ich habe mich über alle gefreut, die zu meiner Lesung ins Spiegelzeit auf der Agora kamen. 
Hinterher wollten mich zwei Herren mit sehr großen Objektiven unbedingt fotografieren. Sie suchten sich dazu sehr vorteilhafte Details: der eine benutzte ein Fischauge, das er sich am Sigma Stand geliehen hatte, der andere stellte mich vor den roten Sonnenuntergang einer Teewerbung, die außen am Lesezelt klebte. Beide behaupteten, sie wüssten, wer ich sei. Falls jemand mal diese seltsamen Fotos irgendwo entdecken sollte, sagt mir bitte bescheid. (Was wollen die damit nur?) 



Nun ja, der Punsch des ersten Abends, den ich zusammen mit meiner Freundin, der Kinderbuchautorin Manuela Olten, und mit Sophie Härtling, der Programmchefin der Kinderbücher bei Rowohlt, trank. Beide sind dafür verantwortlich, dass ich heute diese "renomierte Kinderbuchautorin" bin, weil sie mich gemeinsam durch die richtige Tür schoben. Dafür bin ich ihnen sehr, sehr dankbar. Mädels, hoch die Tassen, aber das Obst lieber nicht mitessen!


Dienstag, 7. Oktober 2014

Gesellschaftliche Events – Frau Herden scheitert kläglich (nicht nur am Smalltalk)



Normalerweise sitze ich zu Hause am Rechner und schreibe. Oder ich lese irgendwo in der Republik vielen Kindern vor. Dorthin fahre ich mit dem Zug und gucke mir dabei die vorbeiziehende Landschaft an. Manchmal liege ich gemütlich und lese Bücher von anderen. Meistens jedoch bin ich in Gedanken, eigenen Geschichten und inneren Dialogen verstrickt.
So ist mein Leben und so geht mein Beruf. Ich muss mir dafür keine elegante oder sonstwie aussagekräftige Kleidung kaufen, ich habe weder wichtige Geschäftsessen zu bestreiten noch zelebriere ich Weihnachtsfeiern mit Kollegen und meine Büro-Teeküche heißt Facebook (Kenner wissen, das habe ich bei Herrn Bertram geklaut). Nicht nur das Geschichten Ausdenken und mit 100 Kids Krawall Machen liegt mir also im Blut, sondern auch dieses Zurückgezogene, diese kleine Freiheit, nicht an gesellschaftlichen Konventionen teilnehmen zu müssen. Ich kann das auch gar nicht. Im Speziellen meine ich hier: Ich weiß nicht wie man smalltalkt.

Himmel, welch furchtbare Vorstellung: mit Menschen zusammenzustehen und über Stunden in vielen freundlichen, nicht länger als 120 Sekunden andauernden Beiträgen über Nichtigkeiten zu plaudern, die niemanden intellektuell überfordern können (so will es der Smalltalkknigge). Das ist meine Sache nicht, obwohl ich das Wort plaudern ganz bezaubernd finde.
Ich möchte soagar behaupten, nicht einmal die etwas weiterentwickelte Form, das Reden mit Bekannten über die Kinder, das Büro, den letzten Urlaub und die ersten Zipperlein will mir so recht gelingen.
Ich mag es indess, mir eine Flasche Wein zu schnappen und mich mit einem oder auch zwei oder drei Gesprächspartnern, gerne mir völlig Fremde, in eine Ecke zu verkrümeln, die wir dann stundenlang nicht verlassen, höchstens um eine nächste Flasche Wein zu holen.
Aber dieses etwas haltlose Herumstreunen auf gemeinschaftlichen Treffen wie Geburtstagen, Hochzeiten und anderen Festen, lässt mich zumeist hilflos lächelnd zurück. Darum übernehme ich dann gerne den Küchendienst.

Und nun ist sie also wieder da: die Frankfurter Buchmesse. DAS soziale Event aller Buchschaffenden, auf das sich alle, nach Facebookaussagen, so sehr freuen und vor dem mir doch etwas graust.
Ich stöbere gern durch die Hallen 3 und 4, blättere durch neue Kunst- und Illustrationsbände, schmökere in Kochbücher hinein oder nehme mal ein schönes Kinderbuch in die Hand. Das tue ich am liebsten gemeinsam mit meinen Freundinnen Meike und Manu.
Dazwischen habe ich einige Termine (zwei Interviews, drei Gespräche, eine Lesung im Lesezelt auf der Agora und einen Absacker mit meiner Agentin) auf die ich mich tatsächlich sehr freue. Meine Lieblingskollegen sind leider beschäftigt und haben keine Zeit auf einen Kaffee oder ein Schnittchen, das habe ich schon geklärt. Es könnte also alles gut sein.

Ist es aber nicht. Das geht schon mit der Kleiderfrage los. Denn es wird ein langer ungemütlicher Tag, den ich eigentlich am liebsten in einer bequemen zweiten Haut bestehend aus Jogginhose, Kapuzenjacke und Sneakers verbringe würde. Auf einem Jahrmarkt der Eitelkeiten geht das aber nicht. Nicht weil ich mithalten wollen würde, sondern weil ich peinlicherweise furchtbar auffallen würde. Ein bisschen Anpassung muss sein und damit grummelt der erste Streßfaktor in meinem Bauch herum.

Der nächste Punkt ist die Deutsche Bahn und das in doppelter Hinsicht. Da die Lokführer nichts mehr von der Lokomotivführerehre halten, wie sie Jim Knopf noch erklärt bekommen hat, wollen sie streiken. Soll ich also doch lieber mit dem Auto fahren? Sind dann eventuell die Parkhäuser völlig dicht?
Außerdem: Auweia, das ist doch dann bestimmt DAS Smalltalkthema auf der Messe! Aber darüber möchte ich eigentlich gar nicht reden. Auch nicht über das Wetter oder über „Kruso“ (Deutscher Buchpreis), denn das habe ich nicht gelesen.

Überhaupt bin ich ganz schlecht mit Namen oder Gesichtern. Weder kenne noch erkenne ich die wichtigen Drahtzieher der Branche, die Autoren, die man gelesen haben muss, oder meine Facebookfreunde. Das ist im günstigsten Falle einfach peinlich. Im ungünstigsten hinterlässt es einen extrem arroganten Eindruck. Ich könnte mir da unbemerkterweise richtig etwas kaputtmachen.

Vielleicht könnte ich dem mit der richtigen Kleiderwahl oder doch einem gut ausgewählten Smalltalkthema entgegenwirken. Dazu könnte ich mir kleine Karteikarten mit 120 Sekündern anlegen. Vielleicht tatsächlich über die Deutsche Bahn oder den bösen Amazon. Allerdings müsste ich dann die Lesehilfe aufsetzen, so ein Lupengestell in Brillenform von Rossmann, hinter dem mir aber furchtbar schlecht wird, wenn ich den Blick zu heben versuche.

Die Panik vor dem gesellschaftlichen Event ist stampfend und grölend im Anmarsch.
Falls Ihr mich also am Donnerstag oder Freitag durch die Hallen schleichen sehen solltet, sprecht mich ruhig an. Mein verwirrter Gesichtsausdruck ist gar nicht so gemeint. Ich bin eigentlich sehr nett. Wir könnten gemeinsam an irgendeinem Stand ein Gläschen Sekt mopsen oder kurz über das Leben philosofieren. Gerne in 120 Sekündern.

Freitag, 3. Oktober 2014

Ohne Freiheit verkümmert die Seele – Zum Tag der Deutschen Einheit


Am 17. Dezember 1983 durfte meine Familie das ehemalige Gebiet der DDR Richtung Westen verlassen. Ich war 12 Jahre alt und wusste nicht so genau, ob ich große Angst vor den Drogendealern haben oder mich darauf freuen sollte, endlich einmal einen Marsriegel kosten zu dürfen.

Wenige Wochen zuvor hatten meine Mutter und ich verzweifelt nach Winterschuhen für mich gesucht und keine gefunden. Darüber waren wir beide sehr traurig. „Die alten gehen noch, wenn ich die Zehen etwas einziehe“, versuchte ich uns zu trösten. Da sagte meine Mutter: „Du wirst in diesem Jahr neue Winterschuhe bekommen, das verspreche ich dir.“ Ich blickte über das traurige Angebot und wunderte mich über dieses Versprechen, in dem ein nahezu drängender Unterton geschwungen hatte.

Die nächsten Wochen machte ich mich nach der Schule dann schon mal auf die Suche nach Weihnachtsschokolade für die Familie. Meine Hausarbeit waren die kleineren täglichen Lebensmitteleinkäufe und im Jahr zuvor war ich an der Weihnachtsschokolade gescheitert: Es hatte zum Entsetzen von uns Kindern schlicht keine gegeben.

Dann war mein Vater mit uns wandern gegangen. Keine große Strecke, nur am alten Kanalbecken entlang hinterm Dorf, in dem meine Großeltern lebten.
„Wir werden bald umziehen“, sagte er.
Ich war gerade sehr unglücklich in Löschi verliebt, der aber mit der schönen Michaela zusammen war, und darum wog ich ab, ob das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht war.
„Mami und ich haben einen Ausreiseantrag gestellt, der ist jetzt bewilligt worden. Wir ziehen in den Westen.“
Es war eine schier unfassbare Nachricht.
Dann erzählte mein Vater von den letzten zwei Jahren, wie er sie erlebt hatte, in denen wir nicht mehr reisen durften, er seine Arbeit als Laborleiter der Medizinischen Akademie verloren hatte, in denen wir beobachtet wurden und der Antrag willkürlich zwei oder drei Mal abgelehnt worden war. Ohne Freiheit verkümmert die Seele, sie ist das wichtigste Gut des Menschen und dafür muss man kämpfen, lehrte mich mein Vater. Und niemals, niemals habe ich das vergessen.

Im Gegensatz zu vielen anderen, die eines völlig unabsehbaren Abends erst nach der Arbeit erfuhren, dass sie bis 24 Uhr das Gebiet der DDR zu verlassen hatten, die darum jahrelang aus Koffern in einem Zustand des verzweifelten Wartens und zum Teil unter schlimmer Schikane verbrachten, bekamen wir sechs Wochen Zeit, unser altes Leben zusammen zu packen. Es waren verrückte Tage. Nun durfte ich ja alles allen erzählen und meine Schulfreunde wollten noch mehr hören. Das Ganze war einfach nicht zu fassen. Wir saßen in meinem Zimmer und träumten von Freiheit und Milkaschokolade, ich hoffnungsfroh, die anderen wehmütig. „Du musst uns schreiben, wie diese komischen Brötchen mit Bullette in dem etwas anderen Restaurant schmecken“, sagten sie. Wenn sie nach Hause gingen durften sie jedesmal etwas aus meinem Zimmer mitnehmen. Denn ich durfte das ja nicht. Ein Koffer, hieß es. Dass ich den heimlich noch einmal öffnete, um einen dicken Pulli rauszunehmen und mein geliebtes Knuddelkissen hineinzuschmuggeln, schenkte mir den Trost, den ich später doch hin und wieder brauchte.

Unser Zug verließ den Magdeburger Bahnhof kurz vor Mitternacht und ich wusste, ich würde die Menschen, die mich bis dahin begleitet hatten, meine Schule, die Straße in der ich wohnte, meine Heimatstadt, den Dom, in dessen Chor ich sang, das Schwimmbad, in dem ich beinahe jeden Tag trainierte, den Garten und das Häuschen meiner Großeltern niemals wieder sehen. In Helmstedt stiegen wir um. So weit mich meine Erinnerung nicht trügt, mussten wir dort sehr lange warten, denn viel später, draußen war bereits heller Tag, stieg kurz vor Giessen (dort befand sich das Aufnahmelager, in dem wir die erste Woche im Westen verbrachten) eine Mutter mit ihrem Kind zu uns ins Abteil. Der kleine Junge lutschte genüsslich ein Capri Eis, wie ich heute weiß. Damals starrte ich darauf, bewunderte die seltsam zähe Konzistenz und fragte mich, was das wohl sei.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Die Mode – Frau Herden schert sich nicht darum

Zu Beginn dieser Kolumne, muss ich ein Geständnis machen: Mir ist Mode völlig wurscht und ich besitze auch nur acht Paar Schuhe, manche davon seit zehn Jahren.


In blutjungen Zeiten wollte ich zwar einmal Modedesignerin werden, doch dieser Traum starb kläglich im Kampf mit der Nähmaschine. Mir gelang es leider, ihr eine Hose für meinen ersten Freund abzuringen, und verliebt trug der sie trotzdem einmal. Doch dafür möchte ich mich eigentlich heute noch entschuldigen.

Später arbeitete ich lange als Fotomodell. Mode, Frisur und Make-up das bedeutete Arbeit, falsches Lächeln und Posen einnehmen. Jogginghose und atmende Poren das war Freiheit, ähm, Freizeit. Und draußen fand gerade der Grunge statt. Das passte wunderbar, war unheimlich bequem und hatte sogar einen eigenen Soundtrack.

Irgendwie bin ich da wohl hängen geblieben. Klar, so als Kinderbuchautorin, die den ganzen Tag im Bett rumlümmelt, ist das ja auch möglich. Zumindest scheinen das meine Kinder zu denken, die mich zwar nicht im Bett liegend vorfinden, weil das eben ein Mythos ist, die aber nach der Schule nach Hause kommend kopfschüttelnd sagen: „Na, haste immer noch deinen Schlafanzug an?“
Auch das stimmt nicht, aber solche Feinheiten sind eben nicht für jedermann erkennbar.

Genausowenig, wie es mir möglich ist, mein eigenes Empfinden der Mode unterzuordnen. Vor einiger Zeit hatte meine Tochter plötzlich eine Tasche, für die ich mich sogar vor meiner seeligen Oma geschähmt hätte, so klischeebeladen omahaft sah die aus.
„Die ist total modern“, erklärte meine Tochter.
Nun ja.

Ich kaufte also stets, was mir gefiel und vor allem, was mir passte ohne Baucheinziehzwang oder irgendwelche Schubbelstellen. Neue Kleidungsstücke fügten sich nahtlos und unauffindbar in meinen Kleiderschrank ein. Als ich dem so richtig gewahr wurde, hörte ich auf, Klamotten für mich zu kaufen. Mannchmal, ganz manchmal, schien Not und ich plante eine Stiländerung durch völlig überraschende Kleiderkäufe. Manchmal ging ich dann auch los Richtung Stadt. Doch viel weiter reifte das Vorgehen nicht. Entweder hatte ich sowieso kein Geld übrig oder TK Maxx nichts in meiner Größe. Jedes Mal erkannte ich dann im Nachhinein, die Not war gar nicht aus meinem Kleiderschrank gekommen.

Doch letztens hatte ich einen wichtigen Termin, einen mit Erwachsenen. Ich machte mir tatsächlich Gedanken und hatte auch das Bügeleisen über lange nicht getragenen Stoff geschwungen.
Während des Ganzen hatte ich mich insgesamt etwas unwohl gefühlt, aber zum Glück hatte es nicht lange gedauert. Ob überhaupt bemerkt worden war, was ich am Leibe trug, wage ich zu bezweifeln. Es hatte sich nämlich um ein langes und intensives Gespräch im Sitzen gehandelt. Ich erinnere zumindest nicht im geringsten, was mein Gegenüber dabei an hatte.
Später, nachdem ich meinen lieben Eltern von diesem Termin erzählt hatte, fragte meine Frau Mama entsetzt: „Du wirst doch nicht eine dieser Kapuzenjacken angehabt haben?“
„Nein! Was denkt ihr denn von mir?“, konnte ich entrüstet antworten. (Ich hatte den Hoodie zwar in der Tasche dabei gehabt, aber es war so warm gewesen, dass ich ihn nicht auspacken musste.)

Und dann passierte die Sache mit der Hose. Letzte Woche begleitete ich meinen mich besuchenden Herrn Papa wieder hinunter.
"Willst du dir nicht eine andere Hose anziehen? Du gehst doch nicht zum Sport", brummte er.
"Ach, Papi."
Im Briefkasten lag die Tageszeitung aus Fulda mit einem Artikel zu meinen Lesungen. Stolz (es hört nie, nie auf) las ich vor. Sachen wie "ungemein sympathische Literatin", "renommierte Kinderbuchautorin" und “Die Autorin schreibt gut, liest gut und toppt alles mit ihrer unverkrampften, fantasievollen Art.”
"Über wen schreibt dieser Mann da eigentlich?", sagte mein Vater und grinste mich frech an.
Ich ließ mich jedoch nicht weiter herausfordern.
Dann tippte er auf das Bild. "Sag mal, du hast doch da nicht etwa auch diese Hose an?", fragte er kopfschüttelnd. Doch, hatte ich.
Auch meine Tochter schimpfte des abends mit Blick auf das Zeitungsfoto mit mir: “Mensch, Mami, ich hab doch gesagt, zieh´ die Hose nicht an.”

Also ging ich geschlagen in die Stadt. Doch triumphierend kam ich nur wenig später wieder nach Hause. Nicht weil ich eine schicke neue Hose erstanden hatte, sondern eine Erkenntnis.
“Mein Schatz”, sagte ich wie nebenbei zum Töchterchen, “du hast es vielleicht noch gar nicht mitbekommen, aber Jogginghosen sind in diesem Herbst der allerneueste Schrei.”
Bei manchen Dingen muss man eben einfach nur konsequent dabei bleiben.

Und wegen der eleganten Jacke, die ich zu kaufen meinen Eltern versprach, nun: Vielleicht finde ich ja eine mit Kapuze.

Mittwoch, 24. September 2014

Die Zeit – Frau Herden gerät in Not



Als ich heute Morgen direkt aus einem Albraum ins Wohnzimmer getorkelt kam, rannte mein Sohn wie ein gehetzter Hahn darin herum und warf mit Schulbüchern um sich.
„Was ist denn los?“, fragte ich leichtsinnigerweise.
„Guck doch mal auf die Uhr!“, fuhr er mich an.
In dem Moment läutete die Kirchenglocke dreimal.
„Na, super!“, stöhnte er und warf mir einen vernichtenden Blick zu. „JETZT müsste ich in der Schule sein.“
Dann knallte die Tür.
„Ich wünsche dir einen schönen Tag und ich hab´ dich lieb“, sprach ich leise dagegen.
Ich musste mich zusammenreißen, weil ich mich beinahe schuldig fühlen wollte. Dabei hatte ich gar keine Schuld. Meine Kinder stehen des Morgens alleine auf und machen sich auch alleine fertig. Das erwarte ich. Immerhin darf meine Tochter schon Bier trinken und mein Sohn blickt mich mitleidig an, wenn ich abends an eine meines Erachtens gesunde Zubettgehzeit gemahne.
Schuld war die Zeit.

Über die hatte ich gerade, so ganz kurz vor dem Aufwachen, nachgedacht. Gestern waren wir nämlich in den Pilzen. Das letzte Mal ist auch noch nicht so lange her. Da liegen nur Weihnachten, Ostern und der Sommerurlaub dazwischen. Diese Erkenntnis jagte mir einen Angstschauer über den bettwarmen Rücken.
Man wird ja sein ganzes Leben ungefragt mit Sätzen über die Zeit bombardiert. Vor allem wie schnell sie vergehen würde. Je älter man werde, desto schneller rase die Zeit dahin, heißt es. Früher drehte ich ob solcher Weisheiten des Öfteren heimlich genervt die Augen nach oben. Heute würde ich das nicht mehr tun können. Denn: Sie hatten recht! Himmel und ich wollte doch noch so viel machen! Skateboardfahren lernen zum Beispiel, zehn Kilogramm überflüssiges Körpergewicht loswerden, noch einmal mit dem VW-Bus von Biarritz bis Lissabon fahren und jede Welle surfen, meine Haare tomatenrot färben und die tolle Torte auf dem letzten „Sweet Paul“-Magazin nachbacken. Wann sollte das denn noch alles passieren, bei den wenigen Momenten, die mir noch blieben? Selbst das damals sechsjährige Söhnchen hatte einst traurig festgestellt: „Seitdem ich die Uhr lesen kann, vergeht die Zeit viel schneller.“

Als endlich die Wand, in der sich unsere Wohnungstür befindet, aufhörte zu vibrieren, lief ich mit hängenden Schultern in die Küche und kochte mir einen löslichen Kaffee. Das ging schneller. Damit setzte ich mich dann auf die Couch. Eigentlich hatte ich eine Menge zu tun und wollte auch gleich loslegen, aber das hier war jetzt wichtiger. Ich schnappte mir die Kiste mit den Fotografien meines Lebens: die alten Aufnahmen aus der ehemaligen DDR, die Sommerabenteuer mit den Faltbooten durch den wilden Osten, die Jahre und Reisen als Fotomodell, die Monate in Kapstadt, Barcelona, Miami und Sydney, die Studienjahre, die drei S in Kalifornien (Surfen, Segeln, Sex), die eine Hochzeit in Vegas, die andere im Frosch- und Lurchverein, die Zeit, als die Kinder noch klein waren, die vielen Wochen unterwegs und on the road, die vielen wunderbaren Menschen, die ich bisher kennengelernt habe ... Ich hatte mich noch gar nicht so weit durch den Fotostapel gearbeitet und war noch lange nicht beim Heute angekommen, da hatte ich schon wieder gute Laune und fühlte mich entpannt: Das war ja Material aus drei Leben, mindestens.
Trotzdem werde ich mir die Tage ein Paar halbhohe Turnschuhe kaufen und mir mal heimlich das Longboard meiner Tochter schnappen.

Mittwoch, 10. September 2014

Mit Gleichaltrigen unterwegs – Frau Herdens Familien-Surf-Campingurlaub am Atlantik kann nicht mithalten



„Ferienlaaager, Ferienlaaager – wie wunderbaaaaaar ...“, sangen meine Schwester und ich lautstark und mit Inbrunst. Weil wir uns darauf freuten. Denn das DDR-typische Ferienlager war klasse. Wir fuhren jedes Jahr für 17 einmalige Tage der langen Ost-Sommerferien nach Westerhausen in den Harz. Lagen diese 17 Tage am Anfang des Sommers, war auch gegen unseren sehnsüchtig-fröhlichen Gesang nichts einzuwenden. Lagen sie jedoch am Ende der Ferien, bedeutete das, mein Schwesterherz und ich ließen unsere Hymne vom Rücksitz des Trabis erschallen, der uns durch das bulgarische Rila-Gebirge oder die hohe Tatra kutschierte, aus unserem kleinen roten Zelt, das in einer einsamen polnischen Flussaue stand, oder aus den Paddelbooten, die uns die Moldau hinuntertrugen – in einer Zeit also, die meine Eltern ihren Sommerurlaub nannten und den sie lange und liebevoll für die Familie geplant hatten. Aua!

Daran dachte ich, als ich irgendwann in den letzten Wochen eine Tasche für meinen Sohn packte, der in ein Jugendzeltlager an die Ostsee fahren wollte. Ich dachte auch daran, was für ein Vergnügen es für mich gewesen war, meinen Koffer für das Ferienlager selbst zu packen. Oh, welch köstliche Vorfreude! Meine liebe Frau Mama hatte eine Packliste in den Kofferdeckel geklebt, der ich Punkt für Punkt folgte. Der Koffer selbst war aus Echt Vulkanfieber. Das stand auf einem kleinen Schild. Ich wusste nicht, was Vulkanfieber ist, stellte mir aber etwas Unglaubliches vor, das unter größter Gefahr und in mörderischer Hitze auf einer einsamen Ozeaninsel ans Tageslicht gebracht wurde.


Die praktische Reisetasche meines Sohnes packte ich, weil er selbst einfach zuviel Programm hatte. Nach dem Verwandtenbesuch in Dänemark war er sogleich am nächsten Morgen nach Köln zum Videoday, der überraschenderweise zwei Tage und eine halbe Nacht dauerte, aufgebrochen. Davon zurückgekommen bliebe keine Zeit zum Sachenpacken, denn schon am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe ging es an die Ostsee.

Vielleicht waren das fehlende Taschepacken, die fehlende Muße zur Vorfreude oder auch die Übermüdung daran Schuld, dass mich am ersten Abend des Camps dann verzweifelte Einsatz-Hilferufe per SMS erreichten. Insgesamt waren es zehn. Einer davon lautete: Ich will nach Hause! Ein anderer: Mama????? Mein liebendes Mutterherz machte einen nervösen Satz, Unruhe erfasste mich, die sich in der folgenden Nacht ins Unermessliche steigerte. Himmel, das Kind litt in der kalten Fremde! Am nächsten Tag setzte ich eine mittelgroße Maschinerie in Gang, die viele Leute involviert und sehr viel gekostet haben würde, um meinen Sohn zu retten. Nur seinen abendlichen Telefonanruf wollte ich noch abwarten. Als der nicht kam, rief ich ihn an.
„Wie geht es dir, mein Schatz?“, schrie ich panisch ins Telefon.
„Gut“, antwortete der Sproß knapp. „Aber du kannst mich hier nicht anrufen. Wir haben Nachtruhe.“ Klick.

Ich hörte dann erst wieder etwas von ihm, als er sechs Tage später mit dem Zug aus Hamburg auf dem Heimweg war. Es ging darum, wer ihn vom Bahnhof abholen könnte. Und schließlich – erst tröpfelnd, dann immer ausführlicher –erzählte er vom Jugendlager im nachfolgenden atlantischen Familien-Surf-Campingurlaub. Irgendwann fragte ich mich sogar etwas ärgerlich, wie all diese ultracoolen und superlustigen Erlebnisse in sieben Tage gepasst haben sollen. Dann musste ich grinsen. Ferienlager, eben.

Mittwoch, 20. August 2014

Sommerpäuschen

Vor drei Jahren waren wir das letzte Mal an der französischen Atlantikküste. Zeit zu erkunden, ob noch alles da ist. Ich wünsche Euch einen schönen Spätsommer!

Freitag, 15. August 2014

Smucke Steed – die wunderbare Pension in Glücksburg

Urlaub sollte ja schon am ersten Tag beginnen. Das ist manchmal gar nicht so einfach, zum Beispiel wenn man zwei Tage hinfahren muss in diesen Urlaub im allernördlichsten Zipfel Dänemarks. 






Als mir meine liebe Kollegin Alice Panthermüller, die ja bekanntlich aus Flensburg kommt, die nigelnagelneue Pension "Smucke Steed" in Glücksburg (also auf 2/3. Weg) empfahl, freute ich mich sehr. Ich reservierte flott ein Freundschaftszimmer mit Zustellbett für die Kids und mich.




Ein wenig über Straßenniveau in einem Park liegt die feine alte Villa. Beigefarbene Hortensien weisen den Weg zum Eingang oder direkt auf die romantische Terrasse hinterm Haus. Ein wahrhaft "schöner Ort". Auf einer Wiese unter Bäumen stehen gemütliche Liegen, auf die ich mich sofort niederlassen und schmökern wollte.










Die hohe Eingangshalle begrüsst mit freundlichem, naturnahem, skandinavischem Design: Leinenlampen, Birkenäste, Kissen, Kerzenleuchter, Körbe, Betonschreibtisch passend dazu die Farbkompositionen von Johanna Putensen.
Hinterm Schreibtisch sitzt Sönke Roß ganz leger in Jeans und Shirt und begrüßt uns mit einem verschmitzten Grinsen. Wir fühlen uns sofort sehr wohl.






Unser Zimmer ist genauso schön wie die Halle: großzügig, mit liebevollen Details versehen und mit zwei herrlichen Betten bestückt. Und einem, zwar bequemen, aber eben doch nur Zustellbett. Das gibt einen kurzen Disput, bis uns einfällt, dass wir ja auch auf der Rücktour wieder hier pausieren werden und dann eben das andere Kind im "Königsbett" schlafen darf. Die Königin darf natürlich beide Male.








Die Tochter duscht noch schnell im modernen Bad und ich freue mich über die Seife, auf der genau das steht, was ich jeden Morgen predige.
"Haste gesehen?", frage ich.
Sie grinst nur.




Als es sich die Kids später (nach einem langen abendlichen Spaziergang am direkt um die Ecke liegenden Strand) auf dem Sofa vor dem Fernseher mit Hollunder- und Rhabarber-Limonade gemütlich gemacht haben, sitze ich noch ein Weilchen auf der Terrasse in einem der schönen Bambussessel, schaue über die wilde Wiese unterhalb des Hauses zur Bucht hinüber, sehe den letzten orangefarbenen Strahlen der Sonne zu und trinke ein Glas Rotwein, das ich mir ebenso wie die Biolimo aus dem Kühlschrank neben der Küche genommen habe.






Am nächsten Morgen erwartet uns nicht nur die hübsche charmante Frau Roß, sondern auch ein richtig tolles Frühstück. So eines, das man seinen Freunden servieren würde. Typisch nordisch gibt es vielerlei Arten von Räucherfisch mit Sahnemerettich und Currysoßen, eine wunderbare Käse- und Wurstauswahl, zur Freude der Tochter einen richtig leckeren Avocado-Dipp, Marmeladen, Müsli, Obstsalat aus frischen Früchten, Quark, Brot und Brötchen und natürlich auch Schokoladencreme. Auch Eier aller Arten können wir bei Sönke Roß bestellen, dazu Cappuccino, heiße Schokolade und Milchkaffee.




Wem der Stil des Hauses gefällt, der findet überall im Haus ausgelegte Design- und Architekturbücher und schöne Sitzgelegenheiten, um darinnen zu schmökern.






Ich selbst habe auch mal unter die Zahnputzbecher nach dem Namen geschaut.




Alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Vielleicht sollte ich schon mal das Zimmer für den nächsten Sommer buchen. Nicht, dass es sich noch rumspricht, wie wunderbar diese kleine feine Pension ist. Danke, liebe Familie Roß!