Montag, 27. April 2015

Ich bin nicht das kleinere Übel für Scheißphysik – Qualen einer Autorin


„Antje, du bist jemand, der schreiben muss. Da bin ich mir sicher“, sagte letztens meine Agentin.
Sie hat recht. Aber nicht nur das. Während sich die Geschichten in mir herumdrängeln, wer zuerst raus darf, während die ersten Versionen schnell in die Tasten und auf das virtuelle Papier fliegen, beginnt die eigentliche Arbeit erst danach. Ich suche Verknüpfungen und logische Momente, ich recherchiere und analysiere, ich formuliere, stelle um, hobele und feile, lese das Ganze mit dem Kopf, dann viermal mit dem Herzen und schreibe es in schön.
Und dann noch einmal alles von vorn und noch einmal und vielleicht noch einmal. Ich brauche für ein Buch ein halbes Jahr. Ich gebe es erst dann raus, wenn ich es für etwas Fertiges, etwas Wunderbares und Wertvolles halte.
Ich bin Kinderbuchautorin mit der Seele und dem Procedere eines Künstlers.
Leider auch mit der Verletzbarkeit und der Empfindsamkeit.
(So etwas weiß natürlich ein Lehrer nicht, wenn er überlegt, ob die Klasse lieber Mathe oder Physik für die von der Bibliothek gratis angebotende Autorenlesung ausfallen lassen soll.)

Ich lese gerne vor und zum Glück kann ich das richtig gut. Es macht mir Spaß und ich bin begeistert, von dem, was ich tue. Und: Ich kann diese Begeisterung an die Kids vermitteln. Etwas, das mich richtig glücklich macht und beseelt an meinen Schreibtisch zurück eilen lässt.
Nach mehreren hundert erfolgreichen Lesungen, war ich mir sicher, dass mich diesbezüglich nichts mehr aus der Bahn zu werfen vermag.

Doch in der letzten Woche fand ich mich das erste Mal in einem Fiasko wieder. Das Erlebte erschütterte mich dermaßen, dass ich mir gar überlegte, in einen Elfenbeinturm zu ziehen und nicht mal mehr von oben zu winken. Natürlich ist das übertrieben, doch, mein lieber Leser, der Grund dafür liegt in den ersten Sätzen dieses Posts.

Aber was war eigentlich passiert?


Nachdem etwa 60 Fünfklässler einer Oberschule Platz genommen hatten, begann ich wie sonst auch meine Lesung. Die Kinder saßen still vor mir. Erst dachte ich noch: „Na, die sind aber gut erzogen.“ Doch dann bekam ich ein unruhiges Gefühl. Niemand rüherte sich, niemand lachte, nicht einer verzog wenigstens den Mundwinkel. So etwas hatte ich noch nie erlebt.
Als plötzlich doch einmal jemand giggelte, hätte ich mich am liebsten auf ihn gestürzt, ihn geknuddelt und gerufen: „Na, nun erzähle doch mal den anderen, was daran lustig ist.“
Das machte ich natürlich nicht. Stattdessen erhöhte ich den Ausdruck meiner Lesung, wackelte mit den Augenbrauen, was ich sehr gut kann, verzog das Gesicht zu unbändigen Fratzen, was ich noch besser kann beziehungsweise niemals vermeiden kann. Es funktionierte nicht. Stumm betrachtete mich die Schar wie eine gelangweilte wissenschaftliche Deligation einen Anwärter für den letzten Platz im Raumschiff, das gleich die verwesende Erde verlassen würde.

Schon bei derem Eintreten hatte ich gespürt, dass es nicht ganz einfach werden würde, die Kinder zu packen. Sie sahen älter (einer war sogar schon 15), gelangweilter, abgeklärter und unkindlichher aus als meine eigentliche Zielgruppe. Ich hatte also sehr flott und vermeindlich cool begonnen, versuchte sie, die wahrscheinlich schon zu viel oder viel zu wenig gesehen hatten, abzuholen, fragte, wer in der Nacht das League of Legends Finale im Stream gesehen hätte, aber auch, wer Bücher lesen würde. Bei der ersten Frage meldeten sich mehr als bei der zweiten. Dort meldeten sich etwa sieben Kinder. Zwei davon nahmen ihre Hand allerdings schnell wieder runter. Es war wohl einfach zu peinlich.
Doch Sorgen machte ich mir noch nicht.

Ich erzählte etwas mehr als sonst, las etwas kürzer, stellte einbeziehende Fragen. Ich veränderte meine eigenen Positionen, stellte mich schließlich hin und ertrug stoisch das Gekicher und die Lästereien über mein Kleid.
Ich begann zu schwitzen, obwohl ich weder in den Wechseljahren bin noch die Bibliothek irgendwie zu warm war. Ich spürte, dass sich mein Haarknoten auflöste, ich musste auf die Toilette und hätte so gerne etwas getrunken. Ein wenig übel wurde mir auch, trotzdem kam mir immer wieder das Eierbrötchen mit dem Roqufort-Käse in den Sinn, das ich zum Frühstück gegessen hatte.
Doch ich machte weiter, während das Gekicher über mein Kleid wieder verebbte und der grusligen Stille von zuvor Platz machte.

Schließlich kündigte ich das letzte Kapitel an. Normalerweise rufen die Kinder dann: „Oh, nein!“ und meinen damit „Oh, schade! Lies doch noch etwas weiter.“ Darum passierte es mir, dass ich den von einer Handvoll Kinder gestöhnten Ausruf „Boah, nee!!!!“ beinahe falsch interpretiert hätte.

Doch dann verstand ich und in mir krampfte sich alles noch einmal fester zusammen. Trotzdem fragte ich nach.
„Mann, Alter, das ist voll langweilig!“
„Ist das wahr?“, fragte ich Masochistin noch einmal.
„Total!“, riefen einige Mädchen, bliesen ihre Ponnys aus den Stirnen und tasteten in den Taschen nach ihren vibrierenden Handys.

Ich schlug mein Buch zu. Vielleicht war das dumm und kindisch, auf alle Fälle unreif. Aber ich verweise noch einmal auf die einleitenden Sätze.
„Gut, dann höre ich jetzt auf“, presste ich an dem Tränenknoten in meinem Hals vorbei.
„Oh, Mann, Scheiße seid ihr bescheuert!“, schrie da ein Mädchen. „Das ist doch immer noch besser als Scheißphysik!“

Inzwischen hatten sich die Lehrerinnen von ihrem Schock und ihrem peinlich Berührtsein erholt.
„Das wäre aber sehr ungerecht denen gegenüber, die zuhören wollen“, sagte eine.
Sie wollte mit denen, die keine Lust mehr hatten, hinaus in den Park gehen. Etwa 20 Kinder griffen hurtig nach ihren Jacken.
„Auf keinen Fall!“, rief die andere Lehrerin. „Diejenigen gehen mit mir in die Schule. Wir machen Physik.“
Natürlich blieben alle sitzen. Bis auf die zwei, die einfach am lautesten zuviel verkündet hatten.
´Auf keinen Fall!`, wollte ich nun rufen. Ich wollte niemandem vorlesen, der lieber in Kauf nahm, hier vor mir zu sitzen, als Scheißphysik zu machen. Und ich wusste genau, wer das war. Aber ich bin kein Denunziant und scheinbar nicht nur in der Liebe leidensfähiger als gedacht. Ich las das letzte Kapitel ohne dass sich die Tränen Bahn brachen, die mich innerlich ertränkten, während ein Drittel der Kinder die Zeit nutzte, geräuschvoll auf die Toilette zu gehen.

Stell dich nicht so an, versuche ich mir seitdem immer wieder zu sagen und ziehe mir die Erinnerungen der anderen Lesungen der letzten Woche vor das innere Auge: fröhliche, lachende Kinder, die mich anstrahlen und mit mir gemeinsam eine lustige und schöne Stunde erleben. Ein Schulleiter, der mir sagt, dass meine tolle fröhliche Art, die Kinder geradzu in ihren Bann ziehen würde. Die geflüsterten Worte eines kleinen Mädchens in einem altmodische Kleid: „Ich möchte auch eine tolle Schriftstellerin werden. So wie du.“

Trotzdem. Ich muss erkennen: Ich schreibe für lesende Kinder und solche, die sich gerne Geschichten erzählen lassen. Ich kann zwar Computerspiele, Smartphone Apps und das Fernsehen nicht ausstechen, aber ich bin auch nicht das kleinere Übel für Scheißphysik. 

Montag, 13. April 2015

Glyzinien, Shades of Grey und der ästhetische Blick – Was ist eigentlich gute Literatur?


Der Mensch ist doch immer wieder unerwartet ambivalent. Also ich bin das. In Bezug auf die Literatur zum Beispiel. Das durfte ich heute morgen entdecken, als ich noch einige Augenblicke in einen neuen hochgelobten Roman hinein las und – ihn einfach nicht mochte. Obwohl ich die Autorin sehr schätze und große Erwartungen hegte.

Im ersten Moment war ich überrascht, dann ein wenig peinlich berührt. Nicht von diesem Buch, das mir nicht gefallen wollte, sondern von mir selbst. Wie konnte ich ein, von denen, die es wissen müssen, zur Literatur verklär ... ähm, erklärtes Buch nicht mögen? Und das nicht geschmäcklerisch oder auf den Inhalt bezogen, sondern tatsächlich von meinem Verständnis und Gefühl ausgehend, dass darinnen nicht das stattfand, was ich als eine gute Geschichte in einer schönen, berührenden Sprache wahrnehme. Wie anmaßend, oder? Immerhin bin ich nur Kinderbuchautorin und habe nie die deutsche Sprache an einer Universität studiert.

Stattdessen studierte ich die Architektur. Und siehe: Nach nur wenigen Semestern konnte ich über diese und ihre jeweiligen Eingangssituationen schwadronieren und belächelte Häuslebauer. Obwohl denen doch ganz eindeutig das Häuschen mit Walmdach und zwei Säulen davor ausnehmend gut gefiel.
Wahrscheinlich war denen auch völlig egal, was ich als angehende Architektin von ihrem gebauten Lebenstraum hielt. Das war ihnen wahrscheinlich sogar scheißegal.

Auch in Bezug auf die Literatur stimmte ich gedanklich des öfteren in den Kanon des „das ist kein gutes Buch, es ist es nicht wert gelesen zu werden, denn es ist weder Literatur noch hat es Relevanz“ mit ein. Zwei, drei Mal tat ich das sogar laut, also so, dass andere es hören konnten. Zum Beispiel meine Tochter, als ich ihr leidenschaftlich zu erklären suchte, was für eine dumme Idee es gewesen war, das Taschengeld für ein ganz schlimmes Buch ausgegeben zu haben. Obwohl ich dieses nie gelesen hatte. Natürlich nicht, es war ja schlimm. Dafür hatten das aber Millionen andere getan, die es schlicht mochten und Freude daran hatten.

Wer hatte denn nun recht? Und warum? Und wessen Meinung war die, die zählte? Und warum?

Heute morgen das Ganze also anders herum. Ich hatte gehört und gelesen, der schmale Band sei ein richtig gutes Buch quasi Teil eines Werkes. Allein ich empfand das nicht so. Und bevor es mir richtig klar wurde, hatte ich schon auf die arroganten wer auch immer geschimpft, die sich anmaßten, mir sagen zu wollen, was gut oder schlecht ist. Vor allem: Mit welchem Recht taten die das? Sie sprachen ja nicht von eigenen Empfindungen sondern von unumstößlichen Wahrheiten. Wer bestimmte die Parameter für solche Wahrheiten denn? Und für wen?

Idioten, dachte ich abschließend. Wir alle. 
Es fiel mir etwas schwer, doch ich überwand mich, und schlug das Buch zu. Ich werde es auch nicht wieder öffnen. Habe es aber trotzdem ins Regal gestellt. Das Maß der Revolte war erst einmal voll. So etwas will ja auch gelernt sein. Vielleicht lasse ich es in ein zwei Jahren heimlich in die Altpapiertonne fallen. Kleine Schritte.

Dann fiel mir die Architektur und ich mir selbst als angehende Architektin und vor allem gnadenlose Kritikerin mit ästhetischem Blick wieder ein.
Plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge die unsäglichen Eingangssäulen von duftenden Glyzinien und wildem Wein, in dem die Amseln nisten, umrangt. Riesige Hortensienbälle im Vorgarten, die die falschen Butzenscheiben der Küchenfenster verdeckten. Vielleicht eine Bank mit weichen Sitzkissen, daneben zwei leere Weingläser. Unter dem Walmdach ein inzwischen vergessenes Piratenversteck. Ein Lachen, dass durch die Sonne im Wohnzimmer schwebte. Ein Zuhause.

Was soll also das Hochtrabende? Warum die Frage nach der Kunst, der Literatur, der Architektur?

Ein Buch ist erst einmal Buch, ein Haus ein Haus. Beides erschaffen von einem, der sich Mühe gab, im besten Falle einem inneren Drang folgte oder sich einen Traum erfüllte. Jeder einzelne Mensch, der sich nun davon in irgendeiner Form berühren lässt, macht es zu einem Kunstwerk, zu etwas Wertvollem. Mehr geht nicht. Alles andere ist Theorie.

Dienstag, 31. März 2015

Bulgursalat mit Datteln, frischem und gebratenem Gemüse und orientalischem Touch

Manchmal liegen einige Zutaten in der Küche herum und plötzlich vermeine ich ihren vereinten Geschmack auf der Zunge zu spüren. Manchmal bereite ich sie dann zu. Und manchmal ist das dann so lecker, dass ich es gerne teilen möchte. Wenigstens virtuell. Bitte schön.


Dieser köstliche Salat mit einem orientalischen Touch kann als Beilage, Vorspeise oder als Hauptmahlzeit gereicht werden. Er wird aus 3 verschiedenen Einheiten zusammengemischt.

Man braucht (für 6 kleine, 4 mittlere oder 2 große Portionen):
(Wie immer sind meine Mengenangaben ohne Gewähr. Ich finde ja, man muss sich an die jeweiligen Mengen herankochen, also wie schmeckt mir das Ganze am besten.)

Einheit 1(Bulgur):
150g feinen Bulgur / 1/2 TL Brühepulver / 3 EL Olivenöl / 1/2 Limette

Einheit 2 (gebratenes Gemüse):
eine Fenchelknolle / eine rote Paprika / 10 getrocknete Datteln / eine Handvoll Sonnenblumenkerne / etwas Olivenöl zum Braten / 4 EL Honig / eine gute Prise Zimt und einen Hauch Cumin (Kreuzkümmelpulver) / Salz / Pfeffer / Chiliflocken

Einheit 3 (Frisches):
einen kleinen Apfel / eine Tomate / ein Stück Gurke

Salz / Pfeffer / ev. noch etwas Olivenöl


So geht es:

1. Bulgur in eine mittelgroße Schüssel geben. Das Ölivenöl und die Brühe untermischen. Mit kochendem Wasser gerade abdecken. Ziehen lassen, bis die Körnchen weich sind (etwa 10 Minuten). Den Saft der halben Limette unterrühren.

2. Fenchel, Paprika und Datteln klein würfeln. In einer Pfanne das Öl erhitzen (hoch). Gemüse und Datteln dazugeben. Sonnenblumenkerne unterrühren. Den Honig darübergeben. Herd herunterdrehen (mittel) und das Ganze schmurgeln lassen (6 bis 8 Minuten). Mit Zimt, Cumin, Salz, Pfeffer und einigen Chiliflocken würzen. Etwas abkühlen lassen.

3. Apfel, Tomate und Gurke fein würfeln.

4. Alles miteinander vermischen. Eventuell mit Salz und Pfeffer und etwas Olivenöl abschmecken.

Freitag, 20. März 2015

Solar eclipse of my heart



Wisst Ihr noch, wie es vor 16 Jahren war?
Wir sind extra ins Elsaß gefahren, denn dort hatte man den besten Blick, hieß es. Wir, das waren vier vollgestopfte Autos. Das nigelnagelneue Töchterchen und ich saßen mit zwei anderen auf dem Rücksatz. Ausgestattet waren wir mit Folienbrillen, warmen Jacken, Decken und Picknickkörben. Ich war eigentlich nur mitgefahren, weil alle fuhren. Zwei Stunden Autofahrt hin und zwei zurück, dachte ich, das ist doch etwas übertrieben. Es wurden dann sogar insgesamt sieben Stunden, weil wir natürlich nicht die einzigen gewesen waren, die diese Idee gehabt hatten.

Total Eclips of the heart, sangen wir mit Bonnie Tylor.
Es war nahezu unmöglich noch ein schönes Plätzchen zu finden. Vielleicht wenigstens eines zum Stehen, hoffte ich und ließ meinen Blick traurig zwischen unseren Picknickdecken  im Kofferraum und den mit tausenden Campingstühlen gesäumten Straßen hin und her wandern. Einen Truck müsste man haben, dann hätten wir es uns auf der Ladefläche bequem machen können, dachte ich.

Endlich, endlich fanden wir einen Parkplatz, wenigstens das. Irgendwo in zehnter Reihe auf einem Feld. Wir packten unseren Bims und Babel und zogen Vertriebenen gleich los, verfolgt von den mitleidigen Blicken derer, die schon am Abend zuvor ein Plätzchen okkupiert hatten. Das Töchterchen zappelte unruhig im Tragetuch herum und krähte laut seinen Unmut heraus. Es hätte seit Stunden eine neue Windel gebraucht.
Doch dann, oh Wunder, fanden wir hinter einem Wäldchen einen grünen Weidenrand mit Kühen und freien Blick in den Himmel Richtung Sonne! Dort lagerten wir und alles wurde gut, ja geradezu magisch.

Wir bauten im lautstarken Jubilieren der Vögel, die die Dämmerung begrüssten, unser Picknick auf, wir zogen unsere Jacken über, als sich die Kühe zur Ruhe legten, wir aßen und schauten dabei durch die Brillen in den Himmel und als der kalte Wind aufkam, der die Dunkelheit vor sich herscheuchte wie einen schwarzen Mantel, der sich über alles legte, fasste etwas nach meinem Herzen und ich begann haltlos zu weinen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und wenn ich sage, das Tremdeum hatte mich erfasst, dann ist das die Wahrheit.

Heute habe ich keine Brille. Sie waren ausverkauft, weil das Schulamt unvorsichtigerweise dermaßen vor den Netzhautschäden warnte, dass daraufhin die Schulen in Panik gerieten. Manche sagten sogar den heutigen Unterricht ab. Meine Kinder hoffen, dass die dritte und vierte Stunde ausfällt oder sie wenigstens mal kurz in den Pausenhof dürfen, um die Sonnensichel mit dem Handy zu filmen. Ich werde in den Park gehen und den Vögeln zuhören und wünsche uns allen einen magischen Moment.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Whoopies – Wer braucht da noch Macarones?

Endlich mal wieder gebacken. Und wie! Whoopie yooppie heya!
Meinen Selbstbackversuch von Macarones hatte ich vor längerer Zeit hier beschrieben. Die wertvolle Erkenntnis war: Macarones kaufe ich lieber und das auch nur in Biarritz und in der Bäckerei am Kreisel von Moliet an der Atlantikküste. Schade war es trotzdem irgendwie, denn ganz so oft sind wir da nicht. Nun habe ich einen wunderbaren Ersatz, ach was schreibe ich, Ausgleich gefunden. Quasi die Macarones für Kinder und solche, die nicht nur gerne an einem edlen Küchelchen naschen, sondern leckere Kuchen in vollen Zügen genießen wollen: Whoopie Pies.


Man braucht
für den Teig:
150 g Butter (weich) / 130 g Zucker / 4 kleine bis mittlere Eier / 175 g Mehl / 1 TL Backpulver / 1 Prise Salz / 2 Päckchen Rote-Grütze-Pulver / pinkfarbene Lebensmittelfarbe

für die Füllung:
250 g Mascarpone / 100 g Crème Fraîche / 75 g gesiebten Puderzucker / ein bis zwei Esslöffel Rote Früchte Marmelade / Vanille


So geht´s:
Die weiche Butter mit dem Zucker richtig schaumig aufschlagen. Das dauert bestimmt 5 bis 7 Minuten. Dann nach und nach die Eier unterrühren. Noch einmal aufschlagen bis eine fluffige Masse entstanden ist. Mehl, Backpulver, Rote-Grütze-Pulver und Salz mischen und darüber sieben, die Lebensmittelfarbe dazugeben und das Ganze so kurz wie nötig aber so gut wie möglich vermischen.

Ofen auf 175 Grad vorheizen. Backpapier auf das Backblech legen (man hat etwa drei bis 4 Lagen zu backen, entweder hat man entsprechend viele Bleche oder man bereitet alles auf den einzelnen Backpapierblättern zu und schiebt die dann nacheinander auf das Blech.)
Teig in einen Spritzbeutel mit großer Tülle oder in eine Tüte mit abgeschnittener Ecke geben. Kleine Häufchen von etwa 3 cm Durchmesser und 2 cm Höhe auf das Backpapier geben. Wer das mit einem Löffel hinkriegt, kann das natürlich auch damit machen. Um jedes Häufchen genug Platz lassen, dass sich die Whoopiehälften etwa 2,5 Mal ausdehnen können. Zirka zwölf Minuten backen. Etwas auskühlen lassen, vom Papier nehmen und ganz auskühlen lassen.

Für die Füllung alle Zutaten kräftig im Mixer aufschlagen. Dann die eine Hälfte dick damit bestreichen und die andere vorsichtig darauflegen. Whoopie, köstlich!

Das Praktische an den Whoopies ist, das man sie gut vorbereiten und dann ganz frisch fertigstellen kann. Dazu lagert man die Hälften in einer Keksdose und die Füllung in einem Glas im Kühlschrank. Kurz vor dem Verzehr bestreicht man einfach die Küchleinhälften. Aber bitte sehr dick.


Weitere Kuchen und von mir Gebackenes findet Ihr hier.

Sonntag, 1. Februar 2015

Sport frei! – Frau Herden lässt sich von Jillian Michaels shredden

Ich bin mit Sport aufgewachsen. Als DDR-Kind schwamm ich jahrelang täglich im Schwimm-Kader und bereitete mich auf Olympia vor. Unser Familiensport war das Kanu- und Wildwasserfahren. Anfang zwanzig entdeckte ich das Wellenreiten und den Triathlon. Das schreibe ich nur, um zu erklären, dass ich wohl eine gewisse Grundfitness und eine momentan zwar verdeckte, aber doch vorhandene Basismuskulatur besitze, mit der man arbeiten kann.
Ich lasse mich nämlich gerade shredden. So zumindest verspricht es Jillian Micheals in ihren in Mädels-Kreisen umjubelten you-tube Videos: 30 day shred. Das soll heißen: Ich turne 30 Tage lang je 20 Minuten mit Frau Micheals und ihren best girls (ich im besonderen mit Anita, das ist die im grünen Büstier, die die Übungen für die Anfänger vormacht (Originaltext: "If you thing you gonna die follow Anita."), und kann mir dann quasi eine komplett neue Garderobe zulegen oder eben die ganz alte von unten aus dem Schrank vorkramen.


Als mir eine Freundin den Link schickte und schwärmte wie genial das Ganze sei, war ich ziemlich skeptisch. Ich meine 30 Tage 20 Minuten und bäm!? Diese Skepsis war wohl auch daran schuld, dass ich dem Link zwei Jahre nicht folgte. Doch irgendetwas packte mich. Mich und meine liebe Freundin in Köln. Wir beschlossen: "So geht das nicht weiter, wir lassen uns shredden." Gemeinsam. Sie dort, ich hier. Das Ganze begleiten wir mit gegenseitigen Anrufen.

Zehn Tage lang folgt man Level 1, zehn Tage Level 2 und natürlich zehn Tage Level 3. Heute beendete ich Level 1. Zeit zu resümieren.

1. Es macht großen Spaß und ...
2. ... es dauert nur 20 Minuten. Die lassen sich jederzeit schnell dazwischen schieben. Allerdings muss man noch Duschzeit einkalkulieren, denn ...
3. ... man schwitzt. Das Ganze ist anstrengend. In Minutentakten wird zwischen Cardio, Gewichten und Bauchübungen gewechselt. Beim ersten Mal dachte ich noch: "Oops, das schaffe ich nicht." Nach dem dritten Mal überlegte ich mir, ob ich Level 1 zweimal hintereinander turnen oder vielleicht schon zu Level 2 wechseln könnte. Doch dann ...
4. ... verletzte ich mir beim Hampelmann das linke Sprunggelenk. Darum hampele ich nicht mehr, sonder stampfe stattdessen. Wahrscheinlich sind die Menschen unter uns sehr irritiert. Doch darauf kann ich nicht auch noch Rücksicht nehmen. Blöd ist nur, dass ich jetzt nicht so richtig weiß, ob ich im Fluss bin, da ich nicht einschätzen kann, ob Hampelmann durch schweres Stampfen mit Hampelarm äquivalent ersetzt wird. Dennoch ...
5. ... Frau Michaelis erklärt sehr gut. Die Übungen sind einfach und sehr basic, also kein seltsam getanzter Firlefanz. Dabei wird die ganze Zeit auf die Knie, Atmung und Nacken geachtet. Wer zuhört und entsprechend handelt ist sehr gut betreut. Und so ...
6. ... ist das erste Glas Wasser nach dem Turnen schieres Glück. Allerdings ...
7. ... habe ich bisher ein gutes Kilo ZUGENOMMEN. Nun sagt man ja, Muskelmasse ist schwerer als Fett, so dass dem eine gewisse Logik zugrunde liegt. Trotzdem war das nicht das Versprechen. Denn ich wollte ja zwei Kleidergrößen runter gehen und nicht hinauf. Scheinbar baut sich aber nun unter meiner äußeren, okay, Fettschicht eine wunderbare Muskelschicht weiter auf. Die Frage ist nur, wie kriege ich die an die Oberfläche? Wahrscheinlich muss ich trotzdem noch hin und wieder laufen gehen. Oder auf den abendlichen Wein verzichten. Denn ...
8. ... ich kann auch noch keinen Unterschied sehen, wenn ich nackt vor dem Spiegel stehe. Allerdings ...
9. ... fühle ich mich besser, wacher, vitaler. Auch ...
10. ... andere Personen bescheinigten mir eine bessere Haltung und einen aufrechteren Gang.

In zehn Tagen gibt es das nächste Update.

Ihr wollt auch mit turnen? Hier.

Samstag, 24. Januar 2015

Das neue ELTERN Magazin – mein ganz persönlicher Eindruck


Im Frühsommer wurde ich zu einem Kreativworkshop nach Hamburg eingeladen. Die Zeitschrift ELTERN wollte sich in eine ganz neue Richtung entwickeln und war interessiert, wie einige kreative Ladies mit dem neuen Konzept umgehen würden.

Ich muss gestehen, ich hatte die Zeitschrift zuvor noch nie durchgeblättert, nicht einmal im Wartezimmer des Kinderarztes, als ich dort noch Zeiten verbringen musste. Sie hatte mich schlicht nicht interessiert und das lag nicht daran, dass das Magazin ELTERN heißt und ich eine alleinerziehende Mutter bin.

Mama mit jeder Faser meines Herzens bin ich seit der ersten Sekunde, da ich wusste, dass ich ein Kind bekommen würde. Das wird auch nie wieder aufhören.
Ich finde meine Kinder großartig und muss aufpassen, dass ich sie nicht ständig umjubele. Ich mache mir große Sorgen um sie und habe Angst, dass ihnen etwas Schlimmes zustößt. Ich will alles richtig machen und ihnen alles Gute tun und geben, das mir zu tun und zu geben möglich ist.

Doch Mama bin ich nicht ausschließlich. Ich fühle mich wild und lebendig, ich bin neugierig auf die Welt und was das Leben bringt. Am liebsten lache ich und mache großen Blödsinn. Aber ich bin auch jemand, der weint, der sehr sauer werden kann und manchmal verzweifelt ist.
Zu Beginn des Mutterseins studierte ich Architektur, heute schreibe ich Kinderbücher. Ich bin kreativ, interessierte mich für Kunst, Kultur und Naturwissenschaften. Ich liebe das Kochen und das Reisen. Darum sind wir viel unterwegs. Allein in ihrem ersten Lebensjahr war meine Tochter 3 Monate in Sydney, 2 Monate in Kalifornien, viele Wochen in Dänemark und noch viele mehr in Lugano, wo ihre dänische Verwandtschaft lebte.
Ich bin eine Frau, die schon und noch immer die große Liebe sucht, die manchmal neidisch auf die anderen schaute, wenn die sich „schön machten“ und abends zum Tanzen gingen, während ich auf meine Babies aufpasssen musste.
Heute sind meine Kinder Teenager, wir durchkreuzen die aufgewühlten Gewässer der Pubertät. Auch ich bin älter, was mein Spiegel nicht müßig wird, mir jeden Morgen ungefragt ins zerknautschte Gesicht zu schleudern. Ich bin erfahrener und vielleicht auch ein wenig weiser. Aber in mir drinnen, bin ich irgendwie doch noch dieselbe wie vor 17 Jahren.

Die ELTERN hatte nicht in mein Leben gepasst. Das Magazin wollte mir erzählen, wie das alles geht mit dem Elternsein, wie ich zu erziehen hätte, was richtig und was falsch ist und das, wie mir schien, ein wenig von oben herab. Das ließen mich die vorsichtigen Blicke hinein empfinden. Meine Art zu leben, meine Art Mama zu sein, schien in den Augen der gestrengen Eltern-Wächterin allenfalls mangelhaft zu sein. Darum interessierte mich dann auch der Rest des Magazins nicht. Ob ich etwas verpasste, weiß ich nicht, ich vermisste nichts.

Und nun war ich also zu diesem Workshop ins Verlagsgebäude von Grunar+Jahr geladen worden, ich die noch nie ein ganzes ELTERN-Heft durchgeblättert hatte und eigentlich nichts Positives darüber zu sagen wusste. Nicht einmal das Layout oder die allzu sauberen Babyfotos auf dem Cover hatten mir je gefallen.

Der Workshop machte mir sehr großen Spaß. Viele Stunden zerfledderten wir alte Ausgaben und diskutierten darüber, was dieses Heft anders machen sollte und konnte.
Zuerst einmal musste es von seinem belehrenden Podest herunterkommen, sich neben einen aufs Sofa setzen, abends zum Beispiel, wenn man manchmal heulen könnte vor Erschöpfung oder weil alles schief gelaufen war, wie eine Freundin, die einem die Hand hält, tröstet, von irgendwoher eine Schachtel Pralinen zaubert und sagt: „Hey, bei mir war das auch so. Aber ich habe da mal gehört, dass man es vielleicht auch einmal anders probieren könnte. Wollen wir das mal machen?“ Eine Freundin, die selbst Geschichten erzählt, auch die von Unsicherheiten und vom Scheitern. Eine, die mich inspiriert und zum Lächeln bringt, die mit mir das Gefühl teilt, dass die Elternzeit eine großartige, ganz und gar einzigartige Zeit ist. „Genieße diese Zeit“, würde so eine Freundin sagen, „und wenn du dabei mal heulen musst, dann wäre hier ein Taschentuch, sorry, dass das nicht mehr so ganz sauber ist.“


Nun liegt sie also am Kiosk, die ganz neue ELTERN. Ich habe sie mir heute angeschaut. 
Ja, dachte ich, ja. Das Magazin ist auf dem richtigen Weg, auf einem mutigen, authentischen und lebendigen Weg, der mir sehr gut gefällt. 
Na, klar, sie ist nicht allein für eine Frau Herden gemacht. Auch vielen anderen soll sie gefallen. Und das nicht nur den Müttern, sondern auch den Vätern.

Ich bin mir sicher, wenn ich die folgenden Ausgaben zukünftig bei jemandem auf dem Sofa liegen sehe, dann werde ich mich dazu setzen, vielleicht mit einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein, und ich werde mehr als nur einen Blick hineinwerfen. Auch wenn ich nun der Zielgruppe quasi entwachsen bin, denke ich doch unheimlich gern an die Zeit mit meinen kleinen Kindern zurück. Die neue ELTERN hätte mich dabei vielleicht begleiten können.


Im Workshop war es eine Aufgabe, in zwei Minuten etwas zu zeichnen, das ein feines Magazin darstellt. Während die anderen Mädels Symbole wie Herzen, Wirbel und Bängs zeichneten, hatte ich vielleicht etwas falsch verstanden und skizzierte mit fliegendem Stift eine Mama im Kleid, mit zerzausten Haaren und mit Gummistiefeln angetan, knöcheltief im stinkenden Sumpf, aber von Ballons gehalten und mit einem breiten Lächeln. Denn so ist das Leben, immer ambivalent. Das macht es ja so wunderbar und aufregend. Scheinbar gefiel meine Skizze nicht nur mir, denn ich entdeckte sie auf der ersten Seite.


Das Inhaltsverzeichnis wirkt etwas verspielt, ist aber klar und macht es leicht, schnell die unterschiedlichen Aspekte des Magazins zu erfassen und zu finden.


Interessante Artikel mit kreativen Illustrationen. Hier das Titelthema "Stress lass nach!" (Auch im Heft: Reportagen, Interviews und Kolumne.)


Optisch und haptisch ein ganz eigener Part ist die Spielwiese mit kreativen Spiel-, Ausflugs-, Bastelideen, Wort- und Handspielereien und Lesetipps.



Ein ähnlich aufbereiteter klar erkennbarer und in sich geschlossener Teil ist "Wissen Sie was?", alles was man schon immer mal wissen wollte und auch einiges, das nicht, das aber trotzdem interessant ist ...



... und tatsächlich auch etwas, das man nicht zu fragen gewagt hatte.


Die Väter kommen zu Wort und werden sich hier finden können. Immerhin gibt es immer mehr, die stattdessen zu Hause bleiben.


Eine sehr feine Idee: Gerichte für groß, klein und mini aus denselben Zutaten.


Unterwegs mit Kindern. Reisen muss sein, damit das Herz groß und die Seele weit wird (und bleibt).


Mittwoch, 14. Januar 2015

Verlieben Sie sich mal wieder!


Letztens lag ein Artikel auf meinem Bildschirm, der mir erzählen wollte, warum ich mich mal wieder verlieben sollte.
Also echt! Wem muss man denn zehn Argumente aufführen, damit er mal wieder Lust darauf bekommt? Mir nicht. Darum las ich diesen Artikel auch nicht.

Ich finde einen hypernervösen Puls, einen zusammengeknoteten Magen und einen permanenten in Wellen an- und absteigenden Schwindel einfach wunderbar. Ich mag es, wenn nichts mehr funktioniert, weil mein Gehirn und die klugen Gedanken darin irgendwo sind nur nicht in meinem Kopf. Nie fühle ich mich lebendiger, nie schöner, nie wunderbarer. Das Leben scheint ein Klax und wild und aufregend. Und die Zukunft, ach, wer braucht denn so was in solchen Zeiten?

Ich wäre bereit, allein es fehlt der andere. Auch wenn ich das eigentlich nicht so richtig verstehe, hat das sicher seine Gründe. Einer könnte sein, dass ich nicht so gerne unter Leute gehe. Zumindest ergibt sich da nicht so oft die Gelegenheit. Manchmal bin ich müde, manchmal ist gar nichts los im Heimatstädtchen, manchmal regnet es, manchmal kommt ein netter Film im Fernsehen. Gehe ich doch einmal hinaus, dann meistens in Begleitung meines besten Freundes. Wäre dieser schwul, würden wir vielleicht gemeinsam nach Männern Ausschau halten. Da er das nicht ist, unterhalten wir uns und lachen zusammen. Wahrscheinlich wissen die meisten gar nicht, dass wir beste Freunde sind.

Der Alltag selbst bietet mir nicht ganz so viele Gelegenheiten eines fremden Mannes auch nur einmal ansichtig zu werden. Viele Paare sollen sich ja beruflich gefunden haben. Die Kinderbuchbranche ist allerdings fest in weiblicher Hand. Und hier in der Bude, mein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, hält sich auch niemand auf. Ich habe zur Sicherheit noch mal in alle Ecken geschaut, auch in die eher uneinsichtigen, da war aber keiner, der hier mal verloren ging. Manchmal klingelt der Postbote. Er ist sehr nett, ich möchte aber trotzdem nicht, dass er es zweimal täte. Alle anderen scheinen verheiratet. Ich finde das etwas seltsam, weil die Statistiken ja eigentlich anderes aussagen.

Irgendwo las ich dann doch einmal, dass die besten Orte des Kennenlernens das Fitnessstudio und der Supermarkt samstags gegen 16 Uhr seien. In einem Fitnessstudio halte ich mich eigentlich nie auf. (Der Satz stimmt auch ohne das eigentlich.) Einmal war ich zufällig samstags gegen 16 Uhr im Supermarkt. Nein, nein, nein, der Autor des Ratschlags kann nicht diesen gemeint haben. Außerdem gehe ich auch nicht gerne Einkaufen. Das Überangebot und das fahle Neonlicht verursachen mir Seh- und Balanceprobleme. Menschen, die mich im Supermarkt antreffen, vermittle ich wahrscheinlich das Gefühl schwer krank, psychisch labil oder doch wenigstens irgendwie wunderlich zu sein. Ich glaube nicht, dass ich mich in jemanden verlieben könnte, der so etwas attraktiv fände.
Manchmal versuche ich mich in einen Schauspieler zu verlieben, quasi um nicht aus der Übung zu kommen und ein bisschen aus Verzweiflung. Momentan habe ich ein Techtelmechtel mit Matthew Mcconaughey. Nun ja.

Ein anderer Artikel wollte mir gleich im Anschluss zehn Gründe nennen, warum es mit dem Verlieben gar nicht klappen kann. Nicht dass jemand bei der Lektüre des ersten Textes etwas übermütig geworden wäre. Beinahe hätte ich den gelesen. Dabei wäre das reine Zeitverschwendung gewesen.

Meinen Grund nannte ich bereits, und die anderen, die mir da eingeredet werden sollen, ahne ich. An vorderster Stelle: Sie sind zu anspruchsvoll! Ha! Ich frage mich ja schon hin und wieder, wer solche Artikel verfasst. Mir fallen da nur zwei Typen ein: entweder ein Mann mit schütterem Haar und gedrungener Statur oder eine vom Leben und der Liebe enttäuschte Frau, die sich nicht traut, daran etwas zu ändern, aber nicht müde wird, darüber zu meckern und hin und wieder resigniert zu seufzen.
Denn was hier als zu hoher Anspruch bezeichnet wird, nenne ich: Ich weiß jetzt endlich, was ich will! Und das möchte ich mir auch nicht nehmen lassen. Immerhin dauerte es verdammt lange, bis ich es wusste. Und diese Zeit des Lernens war nicht nur lange, sondern auch sehr schmerzvoll. Denn ich habe mir dieses Wissen nicht durch Beobachten und Nachdenken erarbeitet, sondern empirisch, mit Leib und Seele im Leben und Lieben, mit allem, was dazu gehört. Allerdings ohne Beobachten, Nachdenken oder vorherigem Prüfen. Es ist also ein mit Schmerzen geborenes Wissen, dem ich auf keinen Fall den Namen Hoher Anspruch geben werde. Schon gar nicht mit einem Zu davor.

Ich weiß, dass in solchen Artikeln auch dazu geraten wird, sich einmal selbst zu betrachten. Alles klar, das mache ich gerne. Ich mag eigentlich, was ich da im Spiegel sehe. Endlich, möchte ich sagen. Die Jahre des Zweifelns – erstaunlicherwiese waren das ja exakt die, in denen es überhaupt gar nichts zu Zweifeln gegeben hätte, wie ich heute auf Fotos erkennen muss – sind beinahe vorbei. Klar sehe ich, dass mein inneres Alter (25) und mein äußeres Erscheinungsbild (43) nicht mehr so richtig deckungsgleich sind. Das gefällt mir auch nicht. Aber ich erkenne noch ganz deutlich das Potential. Darum habe ich wieder mit dem Joggen angefangen, quäle mich tagsüber durch zwei Wasserflaschen hindurch, lege mich manchmal vor zehn zum Schlafe nieder – davon möchte ich aber vehement abraten, jeder weiß, dass so etwas völlig kontraproduktiv ist und allzu oft in mitternächtlichem Wehklagen und einer Flasche Verzweiflungswein in den frühen Morgenstunden endet – und denke an ganz viele positive Sachen. Matthew Mcconaughey zum Beispiel.

Nein, nein, nein – ich brauche keine Argumente für das Verlieben noch Fremdgründe, warum es nicht klappt. Aber vielleicht einen Fremden.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Mehr Glamour – der alljährlich scheiternde Versuch


Vorgestern schrieb ich im Facebook über meinen ersten 2015er Jogginganlauf. Darin erwähnte ich auch meine schlabbrige Jogginghose, die ich dabei trug. Die hatte ich bewusst gewählt. Zum Ersten hält die ein wenig warm und war auch gerade sauber, außerdem besitze ich keine Lauffunktionskleidung. Ich laufe nämlich weder besonders oft noch sehr weit. Selbst als wir uns vor ettlichen Jahren kilometer- und stundenlang durch die heimischen Wälder quälten, trug ich eine Jogginghose dieser Art. (Vielleicht gab es damals aber auch noch keine Lauffunktionskleidung für Jedermann, das weiß ich nicht mehr.)
Jedenfalls kommentierte ein lieber Kollege, dass ich im beschriebenen Outfit auch zu einer Lesung hätte unterwegs gewesen sein können. Beweise der Richtigkeit dieses Kommentars sind die unzähligen Lesebilder, die ich im letzten Jahr veröffentlichte. Eigentlich um das Vorlesen populär zu machen und dem Ganzen mehr Glamour zu verleihen.
In der Jogginghose?, mag der eine oder die andere zu recht fragen.

Darum also der große Plan: Mehr Glamour! Mae West sagte einmal: „Wie Nächstenliebe sollte auch Glamour in den eigenen vier Wänden beginnen." Also räumte ich zuallererst unsere Bude auf.
“Und? Was sagt ihr?”, fragte ich den gemütlich flegelnden Nachwuchs erwartungsvoll erregt.
“Wozu?”, kam die gleichgültige Antwort.
“Na, zu der supertoll aufgeräumten Wohnung, in die der Glamour nun einziehen wird!”
“Ach, du hast aufgeräumt?” Und nach einem lässigen Blick durchs Ambiente: “Toll.”
Als die beiden etwas später irgendwoanders hingegangen waren, hatten sie auch das glamourbereite Aufgeräumte mitgenommen und etwas dagelassen, das mir ein leicht verzweifeltes Stöhnen entlockte. Ich zog die Jogginghose an und räumte es wieder weg.

Für den Glamour am Leibe hatte ich mir drei Kleider gekauft. Zumindest schon einmal das. Die lagen allerdings noch unanprobiert etwas traurig herum, während ich die Jogginghose nicht nur zum Laufen und Aufräumen trug. Dabei hatte ich unter dem Kommentar des lieben Kollegen mit diesen neuen Kleidern sogar schon angegeben.
Nach dem Aufräumen schlüpfte ich also probeweise hinein. Doch dann legte ich sie schnell in die Einkaufstasche zurück. Eines war kein bisschen glamourös, eines hatte ein sehr auftragendes Muster und eines sah an den Schultern irgendwie komisch aus. Das musste ich mir trotz hoffnungsvollem Gezupfes schließlich eingestehen.

Außerdem drang ganz deutlich ein Lachen vom Sofa. Da saß doch noch jemand, hatte sich ungesehen in die Kissenlandschaft gemorpht und zockte irgendwas auf dem Smartphone. Das Lachen tat mir weh. Denn der, der dort saß, war eigentlich jemand grundsätzlich Wohlwollendes, zumindest von mir und meiner guten Laune Abhängiges, wollte von mir versorgt und gepflegt werden und war mein eigen Fleisch und Blut.
„Hast du etwa gerade gelacht? Über mich?“
„Nein, warum sollte ich?“
„Vielleicht wegen der Kleider.“
„Quatsch. Aber vielleicht sind die ein bisschen eng.“
„Eng?“ Also, das war mir gar nicht aufgefallen. „Hey, ich habe sieben Kilo abgenommen!“
„Echt? Das sieht man gar nicht.“
„Vielleicht weil der Zeitraum von fünf Monaten etwas lang war und du mich jeden Tag siehst“, fauchte ich.
„Mama, beruhig dich mal. Ich fand dich vorher doch auch nicht zu dick.“ Dann stand er auf und kam auf mich zu. „Ich glaube, du brauchst jetzt mal eine Umarmung.“ Nicht mehr lange und er wird größer sein als ich. Seltsam. “Mama, ehrlich, du siehst toll aus. Egal was du anhast.“
Glamour funktioniert irgendwie anders, aber die Nächstenliebe ist hier in der Bude ganz groß.

Sonntag, 4. Januar 2015

Lebensweisheiten über der Modale – Frau Herden und Khalil Gibran


Wer bekommt ihn nicht, diesen Drang zum neuen Jahr die Bude zu lüften und ein wenig aufzuräumen? Mir fiel dabei dieses Bild in die Hände. Das hatte ich einst über die Wickelkommode gehängt.
Die stand erst in einer Sousterrain-Wohnung von 33 qm, die ich mir mit dem nigelnagelneuen Töchterchen teilte, später in einem kleinen Häuschen am Rande und dann in einer Altbauwohnung inmitten der Stadt wo sie nun dem Ablegen des Söhnchens beim Säubern diente.
Inzwischen sind wir vier (Töchterchen, Söhnchen, die Kommode und ich) noch zweimal umgezogen.

Mir gefiel die kleine (ja, was ist es eigentlich? Ein Rat? Ein Gedicht?) Lebensweisheit des libanesischen Philosophen Khalil Gibran sehr, darum hatte ich sie aufgeschrieben und gerahmt. Damals wusste ich noch nicht, dass es manchmal sehr schwer sein würde, sich als Mama daran zu halten.

Als die Wickelkommode wieder nur noch Kommode war (Weichholz, Ende 19. Jahrhundert, von mir damals 16-Jährigen gekauft und in stundenlanger Arbeit nach der Schule von drei Farbschichten befreit, geschliffen und gewachst), war das kleine Bild untergetaucht oder verschollen, irgendwo im herumgeschleppten Hab und Gut.

Als ich es gestern wieder in Händen hielt, musste ich lächeln. Heute sind die Kinder beinahe groß und ich bin Kinderbuchautorin geworden, damals vor 17 Jahren nicht einmal ein Traum von mir.
Als Mutter sollte ich dem Gedicht nach meinen Kindern Liebe geben, aber nicht meine Gedanken. Das wollte mir nicht immer gut gelingen und ich haderte mit Herrn Gibran.
Auch heute, als Kinderbuchautorin, erzähle ich nicht nur Geschichten, sondern vermittle und präsentiere in diesen Geschichten auch meine Gedanken, und das dort, im Haus von Morgen, und nicht nur in meinen Träumen.
Darüber muss ich noch ein wenig nachdenken.

Die alte Kommode haben wir übrigens immer noch. Sie steht im Flur und birgt Beutel, Taschen, Mützen und noch nie getragene Schals und Handschuhe.

Vor langer Zeit, der Sohn war noch ein Söhnchen und wir waren einmal weniger umgezogen, lag etwas darauf, von dem das Kind wollte, dass ich es holen würde.
"Wo ist es denn?", fragte ich.
"Auf der Modale."
"Ähm, wo bitte?"
"Na, auf der Modale!"
Ich bekam einen sehr ärgerlichen Blick zugeworfen, der sagte: Was soll deine unsinnige Fragerei?! Doch ich hatte nicht die geringste Ahnung, wovon mein Söhnchen sprach.
"Schatz, ich hole es dir gerne, aber bitte, wo ist es?"
"AUF DER MODALE!", schrie der kleine Schatz.
"Was ist eine Modale?", fragte ich leise.
"NA, DIE MODALE! IM FLUR! DIE MODAA... NEE, DIE AMODEL! MAMA! DU WEISST DOCH, WAS ICH MEINE!"
Nein, das tat ich nicht, aber ich beobachtete fasziniert mein Kind, dass so wütend wurde, weil ich nicht kapierte, was es meinte.
"DIE AMODEL! MAMA! DIE ... DIE ... DIE WICKELAMODEL!!!"
Da fiel bei mir endlich der Groschen.

Meine Freundin Manuela Olten hat übrigens genau über diese Wut, wenn die Eltern ihr Kind nicht sofort verstehen, ein wunderbares Bilderbuch gemacht. Mama?

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Das große Glück – Frau Herden tagträumt


Der letzte Tag des Jahres ist eine feine Gelegenheit, über Glück zu sinnieren. Eigentlich mache ich das ja täglich, sozusagen am Alltag und an den Sorgen vorbei. Ich sinniere allerdings nicht nur darüber, sondern visualisiere mein zukünftiges, mögliches, potentielles Glück sogar und das äußerst intensiv. Am allermeisten male ich mir jedoch das unmögliche Glück in schillernden Farben aus. Meistens, eigentlich immer, geht es um die Liebe, den Ozean mit einem perfekten Break und Schokoladentörtchen mit cremiger Karamellsoße. Nun ja.

Irgendwo und vor vielen Jahren las ich mal, wenn man die Dinge nur recht visualisiere, dann würden sie auch geschehen. Vielleicht stand da auch, dass Dinge und Situationen, die man nicht fest im Visier hätte, nicht eintreten würden, da sie zu beiläufig gewünscht und erstrebt wären. Der Umkehrschluss hat mir aber schon immer besser gefallen. Darum verbringe ich täglich und besonders nächtlich einige Stunden mit intensivem Tagträumen.

Himmel, wie phanastisch könnte mein Leben sein! Es liegt alles da und klar vor mir und es ist äußerst erstaunlich, dass diese Dinge nicht tatsächlich geschehen. Ich gebe mir nämlich verdammt viel Mühe mit diesen Tagträumen: spreche englisch, wenn es notwendig ist, berechne genau, wann ich mit welchem Sport und welcher Ernährung die angebrachte und kraftvolle Figur haben werde, überlege, welche Frisur möglich wäre und wie die im Sommerwind aussehen würde, was ich trüge und schließlich wieviel Geld ich verdient haben müsste, um an den Orten zu sein, an denen meine Tagträume so stattfinden oder wie ich sonst da hinkäme und ob es den Kids dort auch gefiele.

Weil ich das Tagträumen also nahezu perfektionistisch betreibe, – ich vermute mal, es handelt sich dabei um ein besonderes, genetisch bedingtes Talent, vielleicht jenes, das mich auch beruflich zur Geschichtenerzählerin hat werden lassen – tauche ich aus diesen Wachträumen mit erregt klopfendem Herzen und voller Vorfreude auf, stelle mich vor den Spiegel und lächele mein zerknautschtes Gegenüber an: Ich schreibe uns hier raus, Baby!

Manchmal dauert es Stunden, bis ich in der Realität wieder angekommen bin. Zumindest in Zeiten, die ich viel alleine verbringe, was ich sehr gerne tue und berufsbedingt auch tun muss. (Die Schriftstellerei ist ein einsames Geschäft, wer Alleinsein nicht mag, der muss etwas anderes machen.)
Einmal hatte ich sogar Angst, dass ich gar nicht wieder aufwachen wollte. 

Zum Glück bekam ich dann aber Lust auf ein Pflaumenmusbrötchen und einen Kaffee und es war keine Milch im Haus und irgendjemand musste mit einem buttrigen Messer ins Pflaumenmus gestochen sein, denn es schimmelte leise vor sich hin.
Also schlüpfte ich in meine Lieblingsjogginghose und putzte mir die Zähne, mit der Bürste im Mund bestückte ich schnell noch eine Waschmaschine, dann musste ich die 88 Stufen von unserer Wohnung hinunter zum Bäcker um die Ecke hüpfen, den Müll und das Altglas nahm ich auch gleich mit, so etwas bedenkt man, wenn man 88 Stufen über der Stadt wohnt, im Briefkasten waren nur eine Rechnung, die ich nicht zuordnen konnte, und ein Elternbrief (oh Mann, das bedeutete erzieherische Maßnahmen, die ich selbst nicht mochte), und als ich dann endlich mit dem Kaffee und einem Laugencroissant (der Bäcker hatte kein Pflaumenmus im Angebot) am Tisch saß, war ich dermaßen im Alltag angekommen, dass ich auch gleich am aktuellen Manuskript weiterschreiben konnte. Es gelang mir eine ganz passable Passage, an der ich noch ein wenig feilte, bis sie mir richtig gut gefiel, die Kids kamen von der Schule und wir aßen, redeten und alberten etwas herum.

So ist das mit dem großen Glück. California waiting, oder so.

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Eine Adventskalendergeschichte



Wir saßen in der teuren Villa der Fotografin beim siebten, achten oder zwanzigsten Kaffee.

„Kommt Ihr Lieben, ein oder zwei Ideen werden wir doch wohl noch finden“, ermunterte sie uns. Wir Lieben waren die Assistentin der Fotografin, der Stylist, dessen Assistent, die Visagistin, die Hairstylistin nebst Assistentin, die Beautyredakteurin eines Frauenmagazins, die Assistentin der Beautyredakteurin eines Frauenmagazins und ein weibliches Fotomodell mit braunem Haar und werbewirksamen hellen Augen. Ich.

Seit zwei Tagen produzierten wir eine Fotostrecke mit dem Titel: 24 Tipps für ein entspanntes Weihnachtsfest. Zweiundzwanzig dieser Tipps hatten wir im Kasten. Keiner davon hatte uns irgendwie entspannt. Die restlichen zwei sperrten sich gänzlich. Es wollte niemandem auch nur noch eine Winzigkeit einfallen, wie man ein entspanntes Weihnachtsfest angehen könnte, wir wussten seit Stunden nicht einmal mehr, was ein entspanntes Weihnachtsfest überhaupt ist. Das war doch nur eine Legende! Eine Legende allerdings, die überdauern würde, da wir seit zwei Tagen alles für deren Überlieferung taten.

Wir hatten sämtliche Hausfrauenkniffe und Milchmädchenweisheiten ausgeschlachtet, wir hatten alle Religionen abgeklopft, der Stylist hatte seine Oma und die ihre Nachbarin angerufen und die Visagistin durfte mit ihrem rudimentären, homöopathischen Wissen auftrumpfen, das sie sich einst in einem vorzeitig abgebrochenen Wochenendseminar zugelegt hatte.

„Müssen es denn unbedingt 24 sein?“ Das war der Assistent des Stylisten, der da leise fragte.

Wir anderen blickten hoffnungsfroh auf die Beautyredakteurin. Ja, warum eigentlich vierundzwanzig?

„Na, diese Zahl liegt ja wohl nahe“, sagte diese jedoch.

Das lag sie wohl, mussten wir enttäuscht zugeben. Denn die Idee war ein dem Dezemberheft beigelegter Adventskalender. Hinter jedem Türchen sollte sich ein entspannender Tipp verstecken.

„Wir könnten hinter die 24 einfach Wir wünschen ein entspanntes und inspirierendes Fest! schreiben“, schlug die Assistentin der Beautyredakteurin vor.

„Genau. Und am Nikolaustag wünschen wir einen prall gefüllten Schuh. Dann hätten wir sie alle“, sagte die Assistentin der Fotografin.

Ich musste kichern. Die Beautyredakteurin blitzte einmal in die Runde. Wir verstanden, unterdrückten ein Stöhnen und taten weiterhin so, als dächten wir nach.

„Wie wäre es denn mit dem guten, alten OHM?“, rief die Fotografin und wir zuckten zusammen, weil sie so rüde die eingekehrte Stille zerbrochen hatte.

„Wir haben schon zwei Yoga- und zwei Atemübungen. Wird ein bisschen viel, oder?“

„Unsinn, das ist doch etwas völlig anderes. Komm Antje! Wir probieren das aus.“ Die Fotografin gab sich große Mühe ihre lahme Idee mit Verve zu unterlegen, sprang wie aufgezogen herum und versuchte jeden, aus der ihn umklammernden Erschöpfung zu reißen.

Ich setzte mich auf eine vom Stylisten schnell ausgebreitete indische Decke ins Fadenkreuz der Scheinwerfer. In den Schneidersitz, den ich irgendwie für passend hielt. Meinen Kopf ließ ich in den Nacken sinken. OHM.

„Wie sieht das denn aus, wenn einer so ein entspannendes OHM von sich gibt? So doch sicher nicht“, zweifelte die Beautyredakteurin.

Alle beäugten mich kritisch.

„Ich könnte meine Handgelenke auf die Knie legen, die Hände nach oben abwinkeln und die Fingerspitzen zusammenführen,“ schlug ich vor.

„Ja, mach das doch mal.“

Acht Augenpaare lagen hoffnungsvoll auf mir.

„Also, ich weiß nicht“, murmelte die Fotografin.

„Vielleicht wenn sie die Augen schließen würde?“ Zustimmende Mhms wurden laut. „Und mach doch mal einen runden Mund, als würdest du gerade das O ertönen lassen.“

„Nicht schlecht, oder?“, sagte jemand, den ich nicht sehen konnte.

Jeder wollte das, was er sah, entspannend finden. Jeder wollte endlich nach Hause gehen. Doch die Wahrheit ist manchmal augenscheinlich, besonders wenn man sie zu beugen versucht.

„Und wie wäre es mit dem MH?“, kam ein leiser Vorschlag. Ich glaube von der Visagistin.

„Also, wenn ihr mich fragt, das sieht total bescheuert aus.“

Das hätte ich ihnen schon vorher sagen können. Über das zustimmende Gemurmel ärgerte ich mich dennoch. Die anderen sich aber auch.

„Auf der anderen Seite ist das Bild nachher drei auf drei Zentimeter groß, man könnte es also gar nicht so genau erkennen“, erinnerte die Fotografin.

„Na, dann machen wir das jetzt so“, bestimmte die Beautyredakteurin.

Unverhohlenes Jubeln erfasste alle. Die Fotografin griff nach der Kamera und drückte ein paar Mal auf den Auslöser. Mit gespitztem Mund ließ ich das Mh ertönen. Einmal zwischendrin entspannte ich mich  ganz kurz. Nur aus Versehen.

„So, das hätten wir. Und nun?“

„Singen! Wie wäre es denn mit Singen?“, fragte der Visagist.

„Ja, Singen finde ich gut. So etwas macht man in der Vorweihnachtszeit“, ging die Beautyredakteurin auf den hoffentlich letzten Vorschlag ein.

Also schmiss ich mich in eine Pose, die meiner Meinung nach ein von Herzen kommendes Singen darstellte.

„Versuch es noch mal anders“, sagte jedoch die Fotografin.

Ich versuchte es anders.

„Nein, das ist nicht überzeugend. Sing mal laut.“

„Laut? Also so, dass ihr es hören könnt?“, fragte ich erschrocken.

Ich wollte niemanden enttäuschen. In Gedanken stellte ich mich alleine unter die Dusche und intonierte mit kläglicher Stimme einen aktuellen Popsong, von dem ich die erste Zeile kannte. Ganz deutlich konnte ich ein Kichern vernehmen.

„Vielleicht eher etwas Weihnachtliches?“, knurrte die Beautyredakteurin.

Auf die Schnelle fiel mir nur Vom Himmel hoch, da komm ich her ein. Ich hasse dieses Lied, weil ich schon in der Vorschule des Magdeburger Domchors damit scheiterte. Trotzdem krähte ich die ersten drei Zeilen im vollen Bewusstsein, dass mein Kopf vor lauter Anstrengung die gnadenlosen Höhen zu erklimmen, rot wenn nicht gar lila anlief während sich blaue Adern aus meinen Schläfen drückten. Ansehnlich, gar entspannungsmotivierend, sah das ganz sicher nicht aus.

Alle starrten der Fotografin über die Schulter auf das kleine Display der Kamera.

„Sieht nicht gut aus,“ unterbrach der Assistent des Stylisten die angespannte Stille.

„Wie wäre es denn damit?“, erklang die vorsichtig fragende Stimme der Assistentin der Beautyredakteurin.

Noch bevor ihr zagendes Stimmchen ganz verhaucht war, gab es ein ohrenbetäubendes Scheppern.

„Oh, nein, meine Tuba!“, schrie die Fotografin entsetzt und beruhigte sich erst, als sie ganz sicher war, dass ihr riesiges Instrument keine Delle davongetragen hatte.

„Super. Machen sie doch mit ihrer lieben Familie mal wieder Hausmusik. Und die Mutter bläst die Tuba“, sagte der Assistent des Stylisten und feixte mich erwartungsvoll an.

„Das ist nicht euer Ernst,“ protestierte ich. Ich behauptete zwar immer, mir für nichts zu schade zu sein, aber hier tat sich eine Grenze auf. Mit diesem Ungetüm wollte ich mir nicht die drei auf drei Zentimeter hinter der Nummer 24 eines Adventskalenders teilen.

Aus schierer Verzweiflung und in Ermangelung einer besseren Idee, begann ich aus vollem Halse Oh, du Fröhliche zu krakeelen, wobei ich meinen Körper in etwas verrenkte, was ich so ähnlich mal bei einer Yoga turnenden Freundin sah.

„Vielleicht ist die Idee mit dem Wunsch für ein entspanntes Weihnachtsfest hinter der 24 doch nicht so schlecht.“ Mit diesen Worten und einem höchst irritierten Blick auf mich unterbrach die Beautyredakteurin meine lautstarke, gymnastische Übung und erlöste uns endlich.

Später fuhr sie mich ins Hotel. Während ich aus dem Seitenfenster in den lauen Sommerabend starrte, stellte ich mir unzählige Frauen vor, die erwartungsfroh die Türchen ihres Adventskalenders öffneten und die von einem modernen Frauenmagazin abgesegneten Entspannungstipps befolgten. Wie viele würden am 23. Dezember in verkrampfter Haltung am Boden kauern, vielleicht mit einer indischen Decke unter dem Hintern und ein OHM in den Raum stöhnen?

„Sag mal, hast du gar kein schlechtes Gewissen?“ fragte ich die Beautyredakteurin.

„Warum?“

„Na, wegen des Quatsches, den wir uns da ausgedacht haben. Stell dir vor, die Leserinnen machen das wirklich nach.“

„Es zwingt sie doch niemand dazu.“

„Na, aber viele glauben doch, was in der Zeitung steht.“

„Wir machen die Zeitschrift, um zu unterhalten, nicht mehr und nicht weniger.“

„Trotzdem hast du doch eine gewisse Verantwortung“, ließ ich nicht locker.

„Aber du hast doch auch mitgemacht“, sagte sie leise.

„Wenn ich es nicht gemacht hätte, dann hättet ihr einfach ein anderes Model gebucht. Und ich brauchte das Geld.“

Sie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen von der Seite an. Den Rest des Weges schwiegen wir.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Oh, du Fröhliche! – Geschenke suchen und finden in der Adventszeit



Als ich ein kleines Mädchen war, stöberten meine Schwester und ich in der Adventszeit durch die 60 Quadratmeter unserer sozialistischen Wohnung, spähten hinter alle Schranktüren und durchkramten – vorsichtig, ganz vorsichtig – die Kästen unterm Sofa und die Schubladen im Schlafzimmer meiner Eltern. Wir waren schnüffelnde Spurensucher auf der Jagd nach den versteckten Weihnachtsgeschenken.
Nachdem wir nämlich herausgefunden hatten, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt, erklärten wir das Geschenkeaufspüren in der Adventszeit zu unserer Passion. Sehr zum Ärger meiner lieben Frau Mama, die in jedem Jahr erneut ein Versteck in der viel zu kleinen Wohnung suchen musste, das doch immer wieder von uns gefunden wurde, wie ihr verräterische Schokoladenfingerabdrücke oder sehr ungeschickt zurückgelegte Kleiderstapel erzählten.
Ich mag mir ihre Enttäuschung gar nicht vorstellen, wenn sie freudig etwas Schönes für ihre Mädchen gefunden hatte, das aus irgendeinem Grunde aus dem öden Plansollwarenangebot der ehemaligen DDR, die sich ja auch nicht entblödete Weihnachtsengel geflügelte Jahresendzeitfiguren zu nennen, herausstach, und dieses Besondere dann bis zur Bescherung verwahren wollte, um es uns auswickeln zu sehen während sich unsere kleinen Münder zu einem freudigen Oh formen und unsere Augen Sternen gleich strahlen würden.
Das mussten wir dann am heiligen Abend spielen. Unter den Argusaugen unserer Mama, die uns nicht verraten hatte, dass sie wusste, dass wir wussten, sondern uns die freudige Überraschung aufführen ließ. Wir befürchteten erst, dann ahnten und schließlich erkannten wir siedend heiß, dass sie unser Spiel durchschaute. Oh, wie bitter brannte die gerechte Scham in unseren Herzen unterm geschmückten Tannenbaum.
Warum taten wir es dann aber im nächsten Jahr wieder?
Ich weiß es nicht. Es war vielleicht dieser Kribbel aus Jagdfieber und erwartungsvoller Vorweihnachtszeit. Dieses „Ob es schon Zeit ist?“ oder das „Hast du gesehen, sie trug heute einen großen Beutel nach Hause und ist gleich im Schlafzimmer verschwunden?“ Nach den versteckten Geschenken zu suchen, gehörte einfach dazu.
Und wie groß war die Freude, wenn wir doch nicht alles entdeckt hatten, wenn es doch noch eine echte Überraschung gab, etwas, das wie vom Weihnachtsmann gekommen war, das wir nicht gefunden hatten, weil wir es vielleicht nicht einmal zu wünschen gewagt hatten.

Wie sehr unser Verhalten meine Mutter ärgerte, enttäuschte, vielleicht sogar verletzte, kann ich nur ahnen. Ich weiß aber, wann es aufhörte. Das war 1982. Aus irgendeinem Grunde hatte die Regierung beschlossen, das jährliche Plansoll an Schokoladenwaren wäre bereits im Sommer erfüllt gewesen. Es gab keine Weihnachtsschokolade. Ich war damals für die kleinen täglichen Einkäufe zuständig. Als ich vom Schokoladenmangel hörte, machte ich das zu meiner Mission: Ich würde dafür sorgen, dass meine Familie am heiligen Abend ein Stück Schokolade essen konnte.
Wann immer sich über den Herbst irgendwo lange Schlangen bildeten, ich stellte mich hinten an. Es konnte sich am anderen Ende nur um den Verkauf von Weihnachtsschokolade, Orangen oder Mohrenköpfen handeln. (Mohrenköpfe kaufte ich übrigens nie, ich war mir unsicher, was das eigentlich sein sollte.) In wie weit meine Familie überhaupt mitbekam, in welcher selbst erklärten Lage ich mich befand, weiß ich nicht. Aber als ich mir zu überlegen begann, wo ich die eventuell aufgespürte Schokolade bis zum Fest verstecken könnte, war der Zauber plötzlich gebrochen. Das war irgendwie schlimmer, als die Wahrheit über den Weihnachtsmann.

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Ich habe die Socken schon an – Es ist kalt, doch das Kind trägt Sommer


Heute haben wir den 3. Dezember. Seit einigen Tagen ist es nun kalt geworden. Doch noch, muss man sagen, in diesem wärmsten aller Jahre seit Anbeginn der Wetteraufzeichnungen. Ich gebe zu, das ist verwirrend. Trotzdem. Es gibt da ein Phänomen, welches ich schon so lange beobachte, da ich Kinder habe, und das ich bis heute noch nicht verstanden habe: Kinder, Jungs, zumindest mein Sohn zieht sich nicht gerne warm an.

Vorgestern brachte ich das Altpapier runter. Die Tonne war gerade geleert worden und stand darum auf der Straße. An der deshalb leeren Stelle in der Hofeinfahrt lag eine schwarze Jacke. Die Jacke, die mein Sohn angeblich seit Tagen draußen trug. Erschüttert blieb ich davor stehen. Wie lange lag sie da schon? Die Tonne wird alle 2 Wochen geleert. Etwa solange bestand ich auf die warme Jacke, wenn mein Kind das Haus verließ. Die ersten 3 Tage gab es deswegen lautstarke Diskussionen. Danach nicht mehr. Danach hatte er sie hinter der Altpapiertonne versteckt.
„Zieh bitte die warme Jacke an.“
„Hab ich.“
Tür zu.
Ich stehe nicht neben unserer Wohnungstür und überprüfe, ob mein Sohn eine Jacke trägt beim Gehen und Kommen. Wer friert denn schon gerne freiwillig? Und vor allem: Warum?

Ich nahm das klamme, feuchte, schwarze Ding mit hoch in die warme Wohnung.
„Brauchst du eine neue Winterjacke?“, fragte ich den Heimkehrenden und beobachtete heimlich, wie er versuchte, beim Antworten nicht mit den Zähnen zu klappern.
„Nö, wie so? Ich hab´ doch die schwarze.“

Vielleicht sind Jacken per se uncool, dachte ich. Aber eine schnelle Überprüfung (in unserer Straße liegen 2 Gymnasien) brachte keinerlei Beweis für diese These.
Was war es also dann?

Ich erinnerte, dass das schon immer Thema war. In jedem zur Neige gehenden Herbst musste ich schließlich die Bermudashorts verstecken, damit mein Kind gezwungenermaßen in der morgendlichen Eile zu den langen Hosen greifen musste. Der Abschied von den Sommerklamotten ist jedes Jahr ein schmerzhafter und langwierig bis zum ersten Schnee.
Vielleicht weil dünne Shirts und kurze Hosen einfach leichter sind, weder auftragen noch kratzen, Bewegungsfreiheit gewährleisten und von besseren Zeiten erzählen? Oder ist das Anziehen selbst eigentlich etwas ganz und gar Unnatürliches und daher Unangenehmes? Das ließ mich mein Kind zumindest von Anfang an glauben. Ganz besonders Jacken und – nicht zu vergessen – Socken scheinen Höllenqualen zu bedeuten.


Ich habe ein Foto meines noch kleinen Sohnes. Sauer und aufmüpfig schaut er in die Kamera. Die dahinterstehende Mutter musste sich das Lachen verkneifen. Denn gerade hatte er ihr folgende Worte um die Ohren gefeuert: „Ich habe meine Socken schon an!“ Einen grandiosen Witz hatte er jedenfalls  immer.

Heute liegt draußen sogar Schnee. Das ist sichtbare Kälte. Vielleicht ist das eventuell Jackenwetter?

Samstag, 22. November 2014

Leseförderung und die Wahrheit: Zum Lesen zwingen, kann man niemand, aber ...



Ich könnte immer wieder vor mich hinlachen, wenn ich an die Episode einer Lesenacht denke, die mir mein Sohn einst erzählte.
Alle Kinder der damals Vierten hatten es sich in ihren Schlafsäcken auf dem Boden des Klassenzimmers gemütlich gemacht. Wir Eltern hatten für ein leckeres Büffet gesorgt und jedes Kind sollte sein Lieblingsbuch vorstellen. Schließlich war ein pfiffiges Kerlchen an der Reihe, das gemeinhin nur tolle Noten schrieb. Der Kleine las allerdings nicht so gerne. Trotzdem hatte er ein buntes Buch dabei und die Kinder erwarteten gespannt seine Lesung.
„Zack! Bum! Bäm! Wusch! Zaperlap! Zaperlip!“ Dazwischen etwas Dialog.
Die Zuhörer konnten es sich nicht verkneifen, in Gelächter auszubrechen, obwohl das streng verboten war. Schließlich warf der kleine Vorleser das LTB Taschenbuch wütend in die Ecke.
Dabei finde ich die Lustigen Taschenbücher wunderbar. Sie haben zwar wenig Worte dafür jedoch eine gehobene Ausdrucksweise. Mein Sohn verschlang sie, sobald er lesen konnte. Darum aß er auch nicht, sondern speiste, und er erfragte immer wieder geschichtliche Details unserer Wirklichkeit, die er in ähnlicher Form schon durch die Vorfahren Entenhausens erfahren hatte. Allerdings kann man LTBs tatsächlich nicht vorlesen. Andere Bücher hatte der Junge aber nicht. Er laß eben einfach nicht gerne.

Nach hunderten Lesungen, die ich Kindern gab, kann ich sagen, er ist damit nicht alleine. Irgendwo hörte ich einmal, etwa 10 % der 10jährigen Jungs würden lesen. (Im Gegenzug zu 90% lesender Mädchen.) Ob diese Zahlen stimmen, weiß ich nicht, aber meine Erfahrung zeigt ganz deutlich: Spätestens bei Lesungen ab der 5. Klasse trennen sich die Geister. Man spürt, dass das Buch längst durch Handys, Playstations und Computer ersetzt wurde. Die Fähigkeit bei einer Lesung stille zu sitzen oder gar aufmerksam zuzuhören, nimmt rapide ab. Versuchen sich die Kinder der Gymnasien noch vorbildlich und wohlerzogen zu benehmen, pfeffern einem die Hauptschüler ehrlich ihre Meinung um die Ohren.

Ich finde das nicht schlimm. Viele Kinder lesen nicht gerne und finden es langweilig, vorgelesen zu bekommen. Punkt. Da ändert auch die sogenannte Leseförderung nicht zwangsläufig etwas dran.
Ich versuche darum, die Kids mit wilden Grimassen, extra lustigen (nicht zu langen) Stellen, mit verstellter Stimme, mit einem anschließenden Quiz mit kleinen Preisen und lautem Jubeln aus der Reserve zu locken. Das klappt zu 99% auch supergut. Dafür knallt das eine Prozent dann extra hart rein. Denn obwohl ich es toll finde, wenn die Kids ehrlich sind, obwohl ich es akzeptiere, wenn Bücher für manche überhaupt keine Rolle spielen, bedauere ich es doch sehr, wenn man sie schon mit 10 Jahren für das Buch verloren hat oder gar niemals hatte. Lesungen vor solchen Kindern strengen mich psychisch und stimmlich sehr an. Denn ich versuche es natürlich trotzdem. Gerade dort.

Ich kann mir jedoch noch so viel Mühe geben und einem Derwisch gleich tanzend und jubelnd das Leseerlebnis feiern, Kinder, denen nie gesagt wurde, wie wunderbar Bücher sind und dass es lohnt, sich durch die schwiergen Anfänge des Lesens (ja, manchmal auch) zu quälen, werden mich immer nur mit offenem Munde anstarren, mich für bekloppt halten und sich dann wieder ihrem Nachbarn oder irgendeiner Sache in ihrer Tasche oder vor dem Fenster zuwenden.

Das Wort bildungsfern klingt ganz, ganz schlimm, aber es bezeichnet vielleicht am diplomatischsten eine Tatsache. Kindern aus solchen Familien wird weniger vorgelesen und es werden ihnen auch viel seltener Bücher gekauft. Dass sie eine Liebe dazu entwicklen sollen, scheint ohne etwas Aktion und Jubel beinahe unmöglich.
Und dann sind da eben noch jene, die einfach nicht gerne lesen und vom Buch per se nichts halten. Die vermag sicher auch ich nur zu einem Bruchteil vom Gegenteil zu überzeugen. Aber ich bin zumindest ein Versuch. Ein Versuch der unter die Rubrik Leseförderung fällt und zumeist von Sponsorengeldern bezahlt wird.
Doch die können völlig verschwendet sein, und das vielleicht an Orten, wo sie gerade hätten nutzen können, wenn man einer völlig unvorbereiteten Klasse einfach einen Autoren vor die Nase setzt. Der ist dann schlicht und nix anderes als die Freistunde.
In leseunwilligen und buchfernen Klassen würden nur die Kids, die sowieso schon lesen, sich nach einer Autorenlesung ein weiteres Buch aus der Bibliothek holen. Vielleicht noch zwei drei mehr, wenn ich total heiser, völlig erschöpft und am Ende meiner Kräfte nach Erzählen, schauspielerischer Darstellung der spannensten Buchpassage, Quiz und ausführlicher Fragerunde voll sprühenden Witzes aus dem Klassenzimmer wanke.

Nein, so geht es nicht! Gewisse Dinge benötigen der Vorbereitung. Zum Beispiel durch einen selbst begeisterten Lehrer. Wenn ich vor oder zwischen den Lesungen unbemerkt im Lehrerzimmer sitze und Zeuge von ärgerlichen Ausrufen werde wie „Jetzt haben wir heute auch noch die blöde Autorenlesung! Wie sollen wir denn da den Lernstoff schaffen! Nächste Woche schreiben wir die Arbeit!“, dann möchte ich am liebsten schreien und weinen zugleich. Himmel, die haben unsere Kinder unter ihren Fittichen!
Wie sollen sich Kinder denn über etwas freuen, von dem sie gar nicht wissen, dass es erstens passieren wird und zweitens, dass es schön sein kann?


Dabei wäre eine Vorbereitung so einfach:
Man könnte sich zusammen auf die Lesung als etwas Schönes und Besonderes freuen.
Der Autor könnte im Unterricht zuvor vorgestellt werden. Die Kinder könnten vielleicht kleine Steckbriefe anlegen und gemeinsam spannende Fragen vorbereiten.
Das Buch könnte vorgestellt werden, vielleicht sogar schon etwas angelesen werden. Auf alle Fälle muss es (zumindest nach der Lesung) in der Klassen- oder Schulbücherei zur Verfügung stehen.

Sonderpunkte (die mir jedes Mal die Tränen in die Augen treiben) sind:
Alle Kinder würden gemeinsam den Leseplatz mit Stuhl und Tisch, Wasser, vielleicht einigen Blumen oder Keksen vorbereiten.
Die Kinder könnten zum Dank ihr Klassenlied singen oder selbst ein kleines Gedicht vortragen oder auch ein kleines gemaltes Bild schenken.

Ich bin der festen Überzeugung (und ich habe es unzählige wunderbare Male erlebt), wenn Kinder in die Vorbereitung integriert werden (überhaupt, wenn die Lesungen vorbereitet werden) und wenn Vorfreude vermittelt wird, dann wird eine Lesung immer ein Erfolg. Ganz bestimmt die meinen (das kann ich ohne eingebildet zu sein sagen), denn ich gebe mir (so wie die meisten meiner Kollegen) sehr viel Mühe und habe einen guten Draht zu den Kids. Sicher werden danach nicht alle freudig zum Buch greifen. Manche Kinder lesen eben einfach nicht gerne. Punkt. Aber sie werden sich an ein schönes Erlebnis erinnern.