Mittwoch, 15. Oktober 2014

Heul doch! – Frau Herden lebt nahe der Wasserkante

Man Ray Larmes Tears

Gestern auf der Autofahrt zu einer Lesung in Bad Wimpfen schob ich eine CD in den Player, skipte auf den zweiten Track, lauschte den ersten Tönen und begann wie ein Schloßhund loszuheulen. 

Wer mich kennt, der weiß, das ist so besonders nicht. Frau Herden ist nahe am Wasser gebaut, sie heult oft und, so könnte man meinen, gern. Stimmt aber gar nicht. Also, das ich das gerne machen würde. Es ist erschöpfend und nicht selten peinlich, wenn es nämlich im öffentlichen Bereich passiert, wie die Architektin in mir sagen würde. Richtig ist jedoch, dass ich sehr, sehr oft weinen muss. 

Das ist genetisch, keine Frage. Als wäre es gestern gewesen, höre ich die belegte Stimme meines lieben Vaters, der uns Kindern Pippi Langstrumpf vorliest. Als die rot bezopfte Superheldin kurzentschlossen ihren Geldkoffer über Bord wirft und hinterherspringt, um doch nicht mit ihrem Papa in die Südsee zu tuckern, sondern um bei ihren Freunden zu bleiben, da kippte meines Vaters Stimme gar noch einige Grade mehr. 
„Papi, weinst du etwa?“, fragte meine Schwester in der ihr eigenen Art. 
„Quatsch, ich habe etwas im Hals und im Auge.“ 
Das hatte er dann auch bei den Toden von Sigismund Rüstig und Nscho-tschi. (Ab dann las ich die Bücher alleine. Aber nicht wegen der Tränen meines Vaters, sonders weil das schneller ging, da ich nicht auf den Abend warten musste.) 

Ich erinnere mich auch an einen sehr berührenden tränenreichen gemeinschaftlichen Moment von Vater und Tochter. Herbst ´89. Wir beide saßen vor dem Fernseher, beobachteten das Fallen der Mauer und ließen unseren Tränen freien Lauf. Sagen konnten wir nichts. 

Es ist also ganz sicher, dieses ständige Gerührtsein, dieses Keine-Luft-mehr-kriegen, diese Klöße im Hals und die nicht aufzuhaltenden Tränen, das wurde mir alles mit in die Wiege gelegt. Doch mit Hilfe von ein wenig Achtsamkeit und strategischem Überlegen komme ich trotzdem ganz gut durchs Leben. Einige Dinge gilt es eben zu meiden – bemützte und eingemumelte Krippekindergruppen auf Winterausflug zum Beispiel, Weltfussballendspiele, Schultheateraufführungen, Menschenketten oder friedliche Demonstrationen – im Prinzip alles, wo sich Menschen in einem gemeinsamen (schönen) Gedanken versammeln oder auch alles, was irgendwie mit Kindern zu tun hat, zumal mit meinen. 

Die CD, die ich mir auf der Autofahrt gestern anhörte, hatte im Postkasten gelegen.


(Vor vielen, vielen Jahren gelang es mir tatsächlich einmal, meine liebe Frau Mama davon zu überzeugen, mir eine BRAVO zu kaufen. Darin las ich einen kleinen Text über ein Mädchen, dass seinem Lieblingspopstar ein selbstgeschriebenes Gedicht verfasst hatte, das dieser dann mit Musik versah und auf einem seiner Konzerte zum Besten gab. Wie wunderbar musste sich das für das Mädchen angefühlt haben? Ich war sehr gerührt und musste mir ein paar Tränchen wegdrücken.
Als junges Mädchen hatte ich selbst eigentlich keine Idole. Weder war ich in einen Sänger noch in einen Schauspieler verliebt. So einen Unsinn machte ich dann erst viel, viel später. Doch als Kinderbuchautorin habe ich einige Helden, die ich für ihre Arbeit und ihre Art sehr bewundere. Andreas Steinhöfel zum Beispiel, Roald Dahl oder Philip Ardagh. Dieser kleine Einschub war jetzt noch wichtig, um das folgende zu verstehen.)

Ich drückte also auf Play.

„Geschichten über die Nacht.
Das Gespenst.
Von Antje Herden.
Gelesen von Andreas Steinhöfel.“ 

(Diese CD mit den vier Siegertexten des SOS Kinderdorf Literaturwettbewerbs eingelesen von Andreas Steinhöfel und für Kinder ab sechs Jahren, findet Ihr am Dezemberheft der ELTERN FOR FAMILY)

Sonntag, 12. Oktober 2014

fbm#14 – mein ganz persönlicher Rückblick auf die Buchmesse

Dass ich mit etwas gemischten Gefühlen nach Frankfurt zur Buchmesse gefahren war, schrieb ich ja schon.
Vor vier Jahren war das anders. Ich hatte von nichts eine Ahnung, freute mich über mein erstes verlegtes Kinderbuch und trank ganz ungeniert am Oetinger Stand Sekt. War ja damals mein Verlag, die mich umgebenden Leute also meine Kollegen. Fröhlich prostete ich in die Runde. Dass niemand zurückprostete, merkte ich nicht einmal. Dann lief das Buch nicht und im Jahr darauf schlich ich unerkannt mit meiner selbst bezahlten Eintrittskarte am Stand vorbei. Einen Sekt traute ich mich nicht zu nehmen. Dabei hätte ich den viel nötiger gebraucht. Ich trank dann später im Zug nach Hause eine kleine Flasche Rotwein, die ich mir am Bahnhofskiosk gekauft hatte, und fühlte mich genauso, wie ich vermeintlich aussah. Erstaunlicherweise war das dann viel besser, als gedacht. Es ging mir nämlich wirklich schlecht. Ich wollte mit diesem ganzen Affentheater nichts mehr zu tun haben.

Nun, drei Jahre später, bin ich eine "renomierte Kinderbuchautorin". Ich hatte auf der Messe verschiedene Termine unter anderem ein Interview und eine Lesung. Das Ticket musste ich dieses Mal nicht selbst bezahlen. Zeit, mit meinen Freundinnen herumzustromern blieb trotzdem.
Viele Menschen sprachen mich an, in den Hallen, zwischen den Gängen, in der U-Bahn. Sie hatten mich erkannt und waren nett, sprachen meiner Mittwochskolumne, meinen Texten im facebook, meinen Büchern Komplimente aus. Das war sehr spannend. Es ehrte mich. Es überforderte mich schließlich etwas, ich plaudere ja nicht gerne. Trotzdem. Danke, danke dafür.
Ich traf einige Kollegen auf ein Wörtchen, manche nur auf ein Winken oder einen Drücker. Wichtig war alles. Einfach um glauben zu können, dass diese Leute echt und nicht nur vom facebook ausgedacht sind.
Ich trug sogar ein Kleid. Das funktionierte ganz gut. Ich glaube, manche Herren lächelten auch, obwohl sie nicht wussten, wer ich bin. Aber das schmeiße ich jetzt einfach mal vermutend in die Runde.

Trotz allem, das Schönste aber waren die beiden Abende. Der erste brachte Punsch bei Beltz (auweia) und am zweiten formierten wir die Aperitif-Gruppe, als alles und ich komplett erledigt war. Zusammen mit meiner Agentin Christiane Düring und Petra Hermanns von scripts for sale und den Autorinnen Antje Babendererde und Irmgard Kramer machten wir genau das, was unser Gruppenname versprach: Wir nahmen zum Abschied einige Aperitifs. Und wir lachten. Wie verrückt. Mädels, das machen wir im nächsten Jahr wieder.

Und hier noch einige Schnipsel:

Auf dem Hinweg gehört und quasi sofort visuell bestätigt bekommen: "Natürlich gibt es auch diese mittelalterlichen Buchhändlerinnen mit Brille, so wie wir. Aber es liegt doch auch eine wahrhaft intellektuelle Atmosphäre in der Luft."


Halle 4.1, Stand E79 / Das Magazin. (Als Ossikind ist mir Das Magazin Lebensbegleiter, es lag immer in unserer Bude herum, später wurde ich selbst Abonnentin, noch später machte ich meine Freundin Meike zu einer solchen.)
"Ach, guck mal, das Magazin", sagte ich und wir blieben stehen.
Der große, gut aussehende Herr, der uns ansprach, ist einer der Verlagsleiter und heißt Till Kaposty-Bliss. Das wusste ich aus dem Heft. Auch dass er der Größte im Verlag ist. Er bot uns eines der Magazine zum Kennenlernen.
"Herzlichen Dank, das brauchen wir nicht. Wir sind begeisterte Abonnentinnen."
"Abonnentinnen? Hier im tiefen Westen? Kommse rein! Kommse rein!"
Dann wurden wir mit Gebäck, Getränken und Geschenken verwöhnt. Nicht nur darum: Das Magazin, wirklich eine Freude, wenn es im Postkasten liegt.


Kruso gewann den Buchpreis, da blieben wir natürlich stehen, als wir den Autoren von einem FAZ Mitarbeiter interviewt sahen. Ich vermute, es war der Sohn einer Redakteurin oder ein Praktikant. Und ich bin leider jemand, der sich sehr fremdschämt. Meine Freundin Meike auch. Wir mussten schnell weitergehen. Schade. Herr Seiler sagte nämlich schöne Dinge, wie zum Beispiel auf die Frage nach der Authentizität der Romanfiguren: "Beim Schreiben braucht man die authentischen Details, um sich seines Materials sicher zu sein." Siehste, sage ich auch immer, nur etwas anders: "Wer schreiben will muss erst mal was erleben."


Bei den Finnen waren wir auch. Ich glaube, es ist schön, ein finnisches Kind zu sein. Trotz der winterlichen Dunkelheit.




Ich habe mich über alle gefreut, die zu meiner Lesung ins Spiegelzeit auf der Agora kamen. 
Hinterher wollten mich zwei Herren mit sehr großen Objektiven unbedingt fotografieren. Sie suchten sich dazu sehr vorteilhafte Details: der eine benutzte ein Fischauge, das er sich am Sigma Stand geliehen hatte, der andere stellte mich vor den roten Sonnenuntergang einer Teewerbung, die außen am Lesezelt klebte. Beide behaupteten, sie wüssten, wer ich sei. Falls jemand mal diese seltsamen Fotos irgendwo entdecken sollte, sagt mir bitte bescheid. (Was wollen die damit nur?) 



Nun ja, der Punsch des ersten Abends, den ich zusammen mit meiner Freundin, der Kinderbuchautorin Manuela Olten, und mit Sophie Härtling, der Programmchefin der Kinderbücher bei Rowohlt, trank. Beide sind dafür verantwortlich, dass ich heute diese "renomierte Kinderbuchautorin" bin, weil sie mich gemeinsam durch die richtige Tür schoben. Dafür bin ich ihnen sehr, sehr dankbar. Mädels, hoch die Tassen, aber das Obst lieber nicht mitessen!


Dienstag, 7. Oktober 2014

Gesellschaftliche Events – Frau Herden scheitert kläglich (nicht nur am Smalltalk)



Normalerweise sitze ich zu Hause am Rechner und schreibe. Oder ich lese irgendwo in der Republik vielen Kindern vor. Dorthin fahre ich mit dem Zug und gucke mir dabei die vorbeiziehende Landschaft an. Manchmal liege ich gemütlich und lese Bücher von anderen. Meistens jedoch bin ich in Gedanken, eigenen Geschichten und inneren Dialogen verstrickt.
So ist mein Leben und so geht mein Beruf. Ich muss mir dafür keine elegante oder sonstwie aussagekräftige Kleidung kaufen, ich habe weder wichtige Geschäftsessen zu bestreiten noch zelebriere ich Weihnachtsfeiern mit Kollegen und meine Büro-Teeküche heißt Facebook (Kenner wissen, das habe ich bei Herrn Bertram geklaut). Nicht nur das Geschichten Ausdenken und mit 100 Kids Krawall Machen liegt mir also im Blut, sondern auch dieses Zurückgezogene, diese kleine Freiheit, nicht an gesellschaftlichen Konventionen teilnehmen zu müssen. Ich kann das auch gar nicht. Im Speziellen meine ich hier: Ich weiß nicht wie man smalltalkt.

Himmel, welch furchtbare Vorstellung: mit Menschen zusammenzustehen und über Stunden in vielen freundlichen, nicht länger als 120 Sekunden andauernden Beiträgen über Nichtigkeiten zu plaudern, die niemanden intellektuell überfordern können (so will es der Smalltalkknigge). Das ist meine Sache nicht, obwohl ich das Wort plaudern ganz bezaubernd finde.
Ich möchte soagar behaupten, nicht einmal die etwas weiterentwickelte Form, das Reden mit Bekannten über die Kinder, das Büro, den letzten Urlaub und die ersten Zipperlein will mir so recht gelingen.
Ich mag es indess, mir eine Flasche Wein zu schnappen und mich mit einem oder auch zwei oder drei Gesprächspartnern, gerne mir völlig Fremde, in eine Ecke zu verkrümeln, die wir dann stundenlang nicht verlassen, höchstens um eine nächste Flasche Wein zu holen.
Aber dieses etwas haltlose Herumstreunen auf gemeinschaftlichen Treffen wie Geburtstagen, Hochzeiten und anderen Festen, lässt mich zumeist hilflos lächelnd zurück. Darum übernehme ich dann gerne den Küchendienst.

Und nun ist sie also wieder da: die Frankfurter Buchmesse. DAS soziale Event aller Buchschaffenden, auf das sich alle, nach Facebookaussagen, so sehr freuen und vor dem mir doch etwas graust.
Ich stöbere gern durch die Hallen 3 und 4, blättere durch neue Kunst- und Illustrationsbände, schmökere in Kochbücher hinein oder nehme mal ein schönes Kinderbuch in die Hand. Das tue ich am liebsten gemeinsam mit meinen Freundinnen Meike und Manu.
Dazwischen habe ich einige Termine (zwei Interviews, drei Gespräche, eine Lesung im Lesezelt auf der Agora und einen Absacker mit meiner Agentin) auf die ich mich tatsächlich sehr freue. Meine Lieblingskollegen sind leider beschäftigt und haben keine Zeit auf einen Kaffee oder ein Schnittchen, das habe ich schon geklärt. Es könnte also alles gut sein.

Ist es aber nicht. Das geht schon mit der Kleiderfrage los. Denn es wird ein langer ungemütlicher Tag, den ich eigentlich am liebsten in einer bequemen zweiten Haut bestehend aus Jogginhose, Kapuzenjacke und Sneakers verbringe würde. Auf einem Jahrmarkt der Eitelkeiten geht das aber nicht. Nicht weil ich mithalten wollen würde, sondern weil ich peinlicherweise furchtbar auffallen würde. Ein bisschen Anpassung muss sein und damit grummelt der erste Streßfaktor in meinem Bauch herum.

Der nächste Punkt ist die Deutsche Bahn und das in doppelter Hinsicht. Da die Lokführer nichts mehr von der Lokomotivführerehre halten, wie sie Jim Knopf noch erklärt bekommen hat, wollen sie streiken. Soll ich also doch lieber mit dem Auto fahren? Sind dann eventuell die Parkhäuser völlig dicht?
Außerdem: Auweia, das ist doch dann bestimmt DAS Smalltalkthema auf der Messe! Aber darüber möchte ich eigentlich gar nicht reden. Auch nicht über das Wetter oder über „Kruso“ (Deutscher Buchpreis), denn das habe ich nicht gelesen.

Überhaupt bin ich ganz schlecht mit Namen oder Gesichtern. Weder kenne noch erkenne ich die wichtigen Drahtzieher der Branche, die Autoren, die man gelesen haben muss, oder meine Facebookfreunde. Das ist im günstigsten Falle einfach peinlich. Im ungünstigsten hinterlässt es einen extrem arroganten Eindruck. Ich könnte mir da unbemerkterweise richtig etwas kaputtmachen.

Vielleicht könnte ich dem mit der richtigen Kleiderwahl oder doch einem gut ausgewählten Smalltalkthema entgegenwirken. Dazu könnte ich mir kleine Karteikarten mit 120 Sekündern anlegen. Vielleicht tatsächlich über die Deutsche Bahn oder den bösen Amazon. Allerdings müsste ich dann die Lesehilfe aufsetzen, so ein Lupengestell in Brillenform von Rossmann, hinter dem mir aber furchtbar schlecht wird, wenn ich den Blick zu heben versuche.

Die Panik vor dem gesellschaftlichen Event ist stampfend und grölend im Anmarsch.
Falls Ihr mich also am Donnerstag oder Freitag durch die Hallen schleichen sehen solltet, sprecht mich ruhig an. Mein verwirrter Gesichtsausdruck ist gar nicht so gemeint. Ich bin eigentlich sehr nett. Wir könnten gemeinsam an irgendeinem Stand ein Gläschen Sekt mopsen oder kurz über das Leben philosofieren. Gerne in 120 Sekündern.

Freitag, 3. Oktober 2014

Ohne Freiheit verkümmert die Seele – Zum Tag der Deutschen Einheit


Am 17. Dezember 1983 durfte meine Familie das ehemalige Gebiet der DDR Richtung Westen verlassen. Ich war 12 Jahre alt und wusste nicht so genau, ob ich große Angst vor den Drogendealern haben oder mich darauf freuen sollte, endlich einmal einen Marsriegel kosten zu dürfen.

Wenige Wochen zuvor hatten meine Mutter und ich verzweifelt nach Winterschuhen für mich gesucht und keine gefunden. Darüber waren wir beide sehr traurig. „Die alten gehen noch, wenn ich die Zehen etwas einziehe“, versuchte ich uns zu trösten. Da sagte meine Mutter: „Du wirst in diesem Jahr neue Winterschuhe bekommen, das verspreche ich dir.“ Ich blickte über das traurige Angebot und wunderte mich über dieses Versprechen, in dem ein nahezu drängender Unterton geschwungen hatte.

Die nächsten Wochen machte ich mich nach der Schule dann schon mal auf die Suche nach Weihnachtsschokolade für die Familie. Meine Hausarbeit waren die kleineren täglichen Lebensmitteleinkäufe und im Jahr zuvor war ich an der Weihnachtsschokolade gescheitert: Es hatte zum Entsetzen von uns Kindern schlicht keine gegeben.

Dann war mein Vater mit uns wandern gegangen. Keine große Strecke, nur am alten Kanalbecken entlang hinterm Dorf, in dem meine Großeltern lebten.
„Wir werden bald umziehen“, sagte er.
Ich war gerade sehr unglücklich in Löschi verliebt, der aber mit der schönen Michaela zusammen war, und darum wog ich ab, ob das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht war.
„Mami und ich haben einen Ausreiseantrag gestellt, der ist jetzt bewilligt worden. Wir ziehen in den Westen.“
Es war eine schier unfassbare Nachricht.
Dann erzählte mein Vater von den letzten zwei Jahren, wie er sie erlebt hatte, in denen wir nicht mehr reisen durften, er seine Arbeit als Laborleiter der Medizinischen Akademie verloren hatte, in denen wir beobachtet wurden und der Antrag willkürlich zwei oder drei Mal abgelehnt worden war. Ohne Freiheit verkümmert die Seele, sie ist das wichtigste Gut des Menschen und dafür muss man kämpfen, lehrte mich mein Vater. Und niemals, niemals habe ich das vergessen.

Im Gegensatz zu vielen anderen, die eines völlig unabsehbaren Abends erst nach der Arbeit erfuhren, dass sie bis 24 Uhr das Gebiet der DDR zu verlassen hatten, die darum jahrelang aus Koffern in einem Zustand des verzweifelten Wartens und zum Teil unter schlimmer Schikane verbrachten, bekamen wir sechs Wochen Zeit, unser altes Leben zusammen zu packen. Es waren verrückte Tage. Nun durfte ich ja alles allen erzählen und meine Schulfreunde wollten noch mehr hören. Das Ganze war einfach nicht zu fassen. Wir saßen in meinem Zimmer und träumten von Freiheit und Milkaschokolade, ich hoffnungsfroh, die anderen wehmütig. „Du musst uns schreiben, wie diese komischen Brötchen mit Bullette in dem etwas anderen Restaurant schmecken“, sagten sie. Wenn sie nach Hause gingen durften sie jedesmal etwas aus meinem Zimmer mitnehmen. Denn ich durfte das ja nicht. Ein Koffer, hieß es. Dass ich den heimlich noch einmal öffnete, um einen dicken Pulli rauszunehmen und mein geliebtes Knuddelkissen hineinzuschmuggeln, schenkte mir den Trost, den ich später doch hin und wieder brauchte.

Unser Zug verließ den Magdeburger Bahnhof kurz vor Mitternacht und ich wusste, ich würde die Menschen, die mich bis dahin begleitet hatten, meine Schule, die Straße in der ich wohnte, meine Heimatstadt, den Dom, in dessen Chor ich sang, das Schwimmbad, in dem ich beinahe jeden Tag trainierte, den Garten und das Häuschen meiner Großeltern niemals wieder sehen. In Helmstedt stiegen wir um. So weit mich meine Erinnerung nicht trügt, mussten wir dort sehr lange warten, denn viel später, draußen war bereits heller Tag, stieg kurz vor Giessen (dort befand sich das Aufnahmelager, in dem wir die erste Woche im Westen verbrachten) eine Mutter mit ihrem Kind zu uns ins Abteil. Der kleine Junge lutschte genüsslich ein Capri Eis, wie ich heute weiß. Damals starrte ich darauf, bewunderte die seltsam zähe Konzistenz und fragte mich, was das wohl sei.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Die Mode – Frau Herden schert sich nicht darum

Zu Beginn dieser Kolumne, muss ich ein Geständnis machen: Mir ist Mode völlig wurscht und ich besitze auch nur acht Paar Schuhe, manche davon seit zehn Jahren.


In blutjungen Zeiten wollte ich zwar einmal Modedesignerin werden, doch dieser Traum starb kläglich im Kampf mit der Nähmaschine. Mir gelang es leider, ihr eine Hose für meinen ersten Freund abzuringen, und verliebt trug der sie trotzdem einmal. Doch dafür möchte ich mich eigentlich heute noch entschuldigen.

Später arbeitete ich lange als Fotomodell. Mode, Frisur und Make-up das bedeutete Arbeit, falsches Lächeln und Posen einnehmen. Jogginghose und atmende Poren das war Freiheit, ähm, Freizeit. Und draußen fand gerade der Grunge statt. Das passte wunderbar, war unheimlich bequem und hatte sogar einen eigenen Soundtrack.

Irgendwie bin ich da wohl hängen geblieben. Klar, so als Kinderbuchautorin, die den ganzen Tag im Bett rumlümmelt, ist das ja auch möglich. Zumindest scheinen das meine Kinder zu denken, die mich zwar nicht im Bett liegend vorfinden, weil das eben ein Mythos ist, die aber nach der Schule nach Hause kommend kopfschüttelnd sagen: „Na, haste immer noch deinen Schlafanzug an?“
Auch das stimmt nicht, aber solche Feinheiten sind eben nicht für jedermann erkennbar.

Genausowenig, wie es mir möglich ist, mein eigenes Empfinden der Mode unterzuordnen. Vor einiger Zeit hatte meine Tochter plötzlich eine Tasche, für die ich mich sogar vor meiner seeligen Oma geschähmt hätte, so klischeebeladen omahaft sah die aus.
„Die ist total modern“, erklärte meine Tochter.
Nun ja.

Ich kaufte also stets, was mir gefiel und vor allem, was mir passte ohne Baucheinziehzwang oder irgendwelche Schubbelstellen. Neue Kleidungsstücke fügten sich nahtlos und unauffindbar in meinen Kleiderschrank ein. Als ich dem so richtig gewahr wurde, hörte ich auf, Klamotten für mich zu kaufen. Mannchmal, ganz manchmal, schien Not und ich plante eine Stiländerung durch völlig überraschende Kleiderkäufe. Manchmal ging ich dann auch los Richtung Stadt. Doch viel weiter reifte das Vorgehen nicht. Entweder hatte ich sowieso kein Geld übrig oder TK Maxx nichts in meiner Größe. Jedes Mal erkannte ich dann im Nachhinein, die Not war gar nicht aus meinem Kleiderschrank gekommen.

Doch letztens hatte ich einen wichtigen Termin, einen mit Erwachsenen. Ich machte mir tatsächlich Gedanken und hatte auch das Bügeleisen über lange nicht getragenen Stoff geschwungen.
Während des Ganzen hatte ich mich insgesamt etwas unwohl gefühlt, aber zum Glück hatte es nicht lange gedauert. Ob überhaupt bemerkt worden war, was ich am Leibe trug, wage ich zu bezweifeln. Es hatte sich nämlich um ein langes und intensives Gespräch im Sitzen gehandelt. Ich erinnere zumindest nicht im geringsten, was mein Gegenüber dabei an hatte.
Später, nachdem ich meinen lieben Eltern von diesem Termin erzählt hatte, fragte meine Frau Mama entsetzt: „Du wirst doch nicht eine dieser Kapuzenjacken angehabt haben?“
„Nein! Was denkt ihr denn von mir?“, konnte ich entrüstet antworten. (Ich hatte den Hoodie zwar in der Tasche dabei gehabt, aber es war so warm gewesen, dass ich ihn nicht auspacken musste.)

Und dann passierte die Sache mit der Hose. Letzte Woche begleitete ich meinen mich besuchenden Herrn Papa wieder hinunter.
"Willst du dir nicht eine andere Hose anziehen? Du gehst doch nicht zum Sport", brummte er.
"Ach, Papi."
Im Briefkasten lag die Tageszeitung aus Fulda mit einem Artikel zu meinen Lesungen. Stolz (es hört nie, nie auf) las ich vor. Sachen wie "ungemein sympathische Literatin", "renommierte Kinderbuchautorin" und “Die Autorin schreibt gut, liest gut und toppt alles mit ihrer unverkrampften, fantasievollen Art.”
"Über wen schreibt dieser Mann da eigentlich?", sagte mein Vater und grinste mich frech an.
Ich ließ mich jedoch nicht weiter herausfordern.
Dann tippte er auf das Bild. "Sag mal, du hast doch da nicht etwa auch diese Hose an?", fragte er kopfschüttelnd. Doch, hatte ich.
Auch meine Tochter schimpfte des abends mit Blick auf das Zeitungsfoto mit mir: “Mensch, Mami, ich hab doch gesagt, zieh´ die Hose nicht an.”

Also ging ich geschlagen in die Stadt. Doch triumphierend kam ich nur wenig später wieder nach Hause. Nicht weil ich eine schicke neue Hose erstanden hatte, sondern eine Erkenntnis.
“Mein Schatz”, sagte ich wie nebenbei zum Töchterchen, “du hast es vielleicht noch gar nicht mitbekommen, aber Jogginghosen sind in diesem Herbst der allerneueste Schrei.”
Bei manchen Dingen muss man eben einfach nur konsequent dabei bleiben.

Und wegen der eleganten Jacke, die ich zu kaufen meinen Eltern versprach, nun: Vielleicht finde ich ja eine mit Kapuze.

Mittwoch, 24. September 2014

Die Zeit – Frau Herden gerät in Not



Als ich heute Morgen direkt aus einem Albraum ins Wohnzimmer getorkelt kam, rannte mein Sohn wie ein gehetzter Hahn darin herum und warf mit Schulbüchern um sich.
„Was ist denn los?“, fragte ich leichtsinnigerweise.
„Guck doch mal auf die Uhr!“, fuhr er mich an.
In dem Moment läutete die Kirchenglocke dreimal.
„Na, super!“, stöhnte er und warf mir einen vernichtenden Blick zu. „JETZT müsste ich in der Schule sein.“
Dann knallte die Tür.
„Ich wünsche dir einen schönen Tag und ich hab´ dich lieb“, sprach ich leise dagegen.
Ich musste mich zusammenreißen, weil ich mich beinahe schuldig fühlen wollte. Dabei hatte ich gar keine Schuld. Meine Kinder stehen des Morgens alleine auf und machen sich auch alleine fertig. Das erwarte ich. Immerhin darf meine Tochter schon Bier trinken und mein Sohn blickt mich mitleidig an, wenn ich abends an eine meines Erachtens gesunde Zubettgehzeit gemahne.
Schuld war die Zeit.

Über die hatte ich gerade, so ganz kurz vor dem Aufwachen, nachgedacht. Gestern waren wir nämlich in den Pilzen. Das letzte Mal ist auch noch nicht so lange her. Da liegen nur Weihnachten, Ostern und der Sommerurlaub dazwischen. Diese Erkenntnis jagte mir einen Angstschauer über den bettwarmen Rücken.
Man wird ja sein ganzes Leben ungefragt mit Sätzen über die Zeit bombardiert. Vor allem wie schnell sie vergehen würde. Je älter man werde, desto schneller rase die Zeit dahin, heißt es. Früher drehte ich ob solcher Weisheiten des Öfteren heimlich genervt die Augen nach oben. Heute würde ich das nicht mehr tun können. Denn: Sie hatten recht! Himmel und ich wollte doch noch so viel machen! Skateboardfahren lernen zum Beispiel, zehn Kilogramm überflüssiges Körpergewicht loswerden, noch einmal mit dem VW-Bus von Biarritz bis Lissabon fahren und jede Welle surfen, meine Haare tomatenrot färben und die tolle Torte auf dem letzten „Sweet Paul“-Magazin nachbacken. Wann sollte das denn noch alles passieren, bei den wenigen Momenten, die mir noch blieben? Selbst das damals sechsjährige Söhnchen hatte einst traurig festgestellt: „Seitdem ich die Uhr lesen kann, vergeht die Zeit viel schneller.“

Als endlich die Wand, in der sich unsere Wohnungstür befindet, aufhörte zu vibrieren, lief ich mit hängenden Schultern in die Küche und kochte mir einen löslichen Kaffee. Das ging schneller. Damit setzte ich mich dann auf die Couch. Eigentlich hatte ich eine Menge zu tun und wollte auch gleich loslegen, aber das hier war jetzt wichtiger. Ich schnappte mir die Kiste mit den Fotografien meines Lebens: die alten Aufnahmen aus der ehemaligen DDR, die Sommerabenteuer mit den Faltbooten durch den wilden Osten, die Jahre und Reisen als Fotomodell, die Monate in Kapstadt, Barcelona, Miami und Sydney, die Studienjahre, die drei S in Kalifornien (Surfen, Segeln, Sex), die eine Hochzeit in Vegas, die andere im Frosch- und Lurchverein, die Zeit, als die Kinder noch klein waren, die vielen Wochen unterwegs und on the road, die vielen wunderbaren Menschen, die ich bisher kennengelernt habe ... Ich hatte mich noch gar nicht so weit durch den Fotostapel gearbeitet und war noch lange nicht beim Heute angekommen, da hatte ich schon wieder gute Laune und fühlte mich entpannt: Das war ja Material aus drei Leben, mindestens.
Trotzdem werde ich mir die Tage ein Paar halbhohe Turnschuhe kaufen und mir mal heimlich das Longboard meiner Tochter schnappen.

Mittwoch, 10. September 2014

Mit Gleichaltrigen unterwegs – Frau Herdens Familien-Surf-Campingurlaub am Atlantik kann nicht mithalten



„Ferienlaaager, Ferienlaaager – wie wunderbaaaaaar ...“, sangen meine Schwester und ich lautstark und mit Inbrunst. Weil wir uns darauf freuten. Denn das DDR-typische Ferienlager war klasse. Wir fuhren jedes Jahr für 17 einmalige Tage der langen Ost-Sommerferien nach Westerhausen in den Harz. Lagen diese 17 Tage am Anfang des Sommers, war auch gegen unseren sehnsüchtig-fröhlichen Gesang nichts einzuwenden. Lagen sie jedoch am Ende der Ferien, bedeutete das, mein Schwesterherz und ich ließen unsere Hymne vom Rücksitz des Trabis erschallen, der uns durch das bulgarische Rila-Gebirge oder die hohe Tatra kutschierte, aus unserem kleinen roten Zelt, das in einer einsamen polnischen Flussaue stand, oder aus den Paddelbooten, die uns die Moldau hinuntertrugen – in einer Zeit also, die meine Eltern ihren Sommerurlaub nannten und den sie lange und liebevoll für die Familie geplant hatten. Aua!

Daran dachte ich, als ich irgendwann in den letzten Wochen eine Tasche für meinen Sohn packte, der in ein Jugendzeltlager an die Ostsee fahren wollte. Ich dachte auch daran, was für ein Vergnügen es für mich gewesen war, meinen Koffer für das Ferienlager selbst zu packen. Oh, welch köstliche Vorfreude! Meine liebe Frau Mama hatte eine Packliste in den Kofferdeckel geklebt, der ich Punkt für Punkt folgte. Der Koffer selbst war aus Echt Vulkanfieber. Das stand auf einem kleinen Schild. Ich wusste nicht, was Vulkanfieber ist, stellte mir aber etwas Unglaubliches vor, das unter größter Gefahr und in mörderischer Hitze auf einer einsamen Ozeaninsel ans Tageslicht gebracht wurde.


Die praktische Reisetasche meines Sohnes packte ich, weil er selbst einfach zuviel Programm hatte. Nach dem Verwandtenbesuch in Dänemark war er sogleich am nächsten Morgen nach Köln zum Videoday, der überraschenderweise zwei Tage und eine halbe Nacht dauerte, aufgebrochen. Davon zurückgekommen bliebe keine Zeit zum Sachenpacken, denn schon am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe ging es an die Ostsee.

Vielleicht waren das fehlende Taschepacken, die fehlende Muße zur Vorfreude oder auch die Übermüdung daran Schuld, dass mich am ersten Abend des Camps dann verzweifelte Einsatz-Hilferufe per SMS erreichten. Insgesamt waren es zehn. Einer davon lautete: Ich will nach Hause! Ein anderer: Mama????? Mein liebendes Mutterherz machte einen nervösen Satz, Unruhe erfasste mich, die sich in der folgenden Nacht ins Unermessliche steigerte. Himmel, das Kind litt in der kalten Fremde! Am nächsten Tag setzte ich eine mittelgroße Maschinerie in Gang, die viele Leute involviert und sehr viel gekostet haben würde, um meinen Sohn zu retten. Nur seinen abendlichen Telefonanruf wollte ich noch abwarten. Als der nicht kam, rief ich ihn an.
„Wie geht es dir, mein Schatz?“, schrie ich panisch ins Telefon.
„Gut“, antwortete der Sproß knapp. „Aber du kannst mich hier nicht anrufen. Wir haben Nachtruhe.“ Klick.

Ich hörte dann erst wieder etwas von ihm, als er sechs Tage später mit dem Zug aus Hamburg auf dem Heimweg war. Es ging darum, wer ihn vom Bahnhof abholen könnte. Und schließlich – erst tröpfelnd, dann immer ausführlicher –erzählte er vom Jugendlager im nachfolgenden atlantischen Familien-Surf-Campingurlaub. Irgendwann fragte ich mich sogar etwas ärgerlich, wie all diese ultracoolen und superlustigen Erlebnisse in sieben Tage gepasst haben sollen. Dann musste ich grinsen. Ferienlager, eben.

Mittwoch, 20. August 2014

Sommerpäuschen

Vor drei Jahren waren wir das letzte Mal an der französischen Atlantikküste. Zeit zu erkunden, ob noch alles da ist. Ich wünsche Euch einen schönen Spätsommer!

Freitag, 15. August 2014

Smucke Steed – die wunderbare Pension in Glücksburg

Urlaub sollte ja schon am ersten Tag beginnen. Das ist manchmal gar nicht so einfach, zum Beispiel wenn man zwei Tage hinfahren muss in diesen Urlaub im allernördlichsten Zipfel Dänemarks. 






Als mir meine liebe Kollegin Alice Panthermüller, die ja bekanntlich aus Flensburg kommt, die nigelnagelneue Pension "Smucke Steed" in Glücksburg (also auf 2/3. Weg) empfahl, freute ich mich sehr. Ich reservierte flott ein Freundschaftszimmer mit Zustellbett für die Kids und mich.




Ein wenig über Straßenniveau in einem Park liegt die feine alte Villa. Beigefarbene Hortensien weisen den Weg zum Eingang oder direkt auf die romantische Terrasse hinterm Haus. Ein wahrhaft "schöner Ort". Auf einer Wiese unter Bäumen stehen gemütliche Liegen, auf die ich mich sofort niederlassen und schmökern wollte.










Die hohe Eingangshalle begrüsst mit freundlichem, naturnahem, skandinavischem Design: Leinenlampen, Birkenäste, Kissen, Kerzenleuchter, Körbe, Betonschreibtisch passend dazu die Farbkompositionen von Johanna Putensen.
Hinterm Schreibtisch sitzt Sönke Roß ganz leger in Jeans und Shirt und begrüßt uns mit einem verschmitzten Grinsen. Wir fühlen uns sofort sehr wohl.






Unser Zimmer ist genauso schön wie die Halle: großzügig, mit liebevollen Details versehen und mit zwei herrlichen Betten bestückt. Und einem, zwar bequemen, aber eben doch nur Zustellbett. Das gibt einen kurzen Disput, bis uns einfällt, dass wir ja auch auf der Rücktour wieder hier pausieren werden und dann eben das andere Kind im "Königsbett" schlafen darf. Die Königin darf natürlich beide Male.








Die Tochter duscht noch schnell im modernen Bad und ich freue mich über die Seife, auf der genau das steht, was ich jeden Morgen predige.
"Haste gesehen?", frage ich.
Sie grinst nur.




Als es sich die Kids später (nach einem langen abendlichen Spaziergang am direkt um die Ecke liegenden Strand) auf dem Sofa vor dem Fernseher mit Hollunder- und Rhabarber-Limonade gemütlich gemacht haben, sitze ich noch ein Weilchen auf der Terrasse in einem der schönen Bambussessel, schaue über die wilde Wiese unterhalb des Hauses zur Bucht hinüber, sehe den letzten orangefarbenen Strahlen der Sonne zu und trinke ein Glas Rotwein, das ich mir ebenso wie die Biolimo aus dem Kühlschrank neben der Küche genommen habe.






Am nächsten Morgen erwartet uns nicht nur die hübsche charmante Frau Roß, sondern auch ein richtig tolles Frühstück. So eines, das man seinen Freunden servieren würde. Typisch nordisch gibt es vielerlei Arten von Räucherfisch mit Sahnemerettich und Currysoßen, eine wunderbare Käse- und Wurstauswahl, zur Freude der Tochter einen richtig leckeren Avocado-Dipp, Marmeladen, Müsli, Obstsalat aus frischen Früchten, Quark, Brot und Brötchen und natürlich auch Schokoladencreme. Auch Eier aller Arten können wir bei Sönke Roß bestellen, dazu Cappuccino, heiße Schokolade und Milchkaffee.




Wem der Stil des Hauses gefällt, der findet überall im Haus ausgelegte Design- und Architekturbücher und schöne Sitzgelegenheiten, um darinnen zu schmökern.






Ich selbst habe auch mal unter die Zahnputzbecher nach dem Namen geschaut.




Alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Vielleicht sollte ich schon mal das Zimmer für den nächsten Sommer buchen. Nicht, dass es sich noch rumspricht, wie wunderbar diese kleine feine Pension ist. Danke, liebe Familie Roß!

Mittwoch, 13. August 2014

Stöcke, Äste, Bäume – Frau Herden schleppt den Kids das Lieblingsspielzeug nach Hause


Gestern haben wir Stockbrot über dem Feuer geröstet. Ich mag Stockbrot eigentlich nicht so gerne. Dreizehn Jahre lang musste ich das für meine Kids quasi ständig über der Glut drehen, darauf achten, dass das Äußere nicht verbrannte und das Innere nicht roh und zäh verblieb. Auch die Varianten mit eingewickelten Marshmallows und Schokostückchen oder die mit dem äußeren Bacon waren nie wirklich so toll, wie ich es erhofft hatte. Oder eben die Kinderschnute. Hier soll es auch gar nicht um Stockbrot gehen, sondern um Stöcke an sich. Ahhh! Ein Thema, das Eltern über viele Jahre begleitet.


Stöcke sind großartig. Sie sind Pistole, Laserschwert, Speer, Zauberstab, Feenwesen, Wegweiser, stummer Kumpel, geheimer Gesell, Rösthilfe – während teure Legosets und Anziehpuppen in den Kinderzimmerecken verstauben, sind Stöcke einfach elementarer Teil der ersten 9 Lebensjahre. Und: Stock ist nicht gleich Stock. Ein jeder sieht ganz anders aus als der andere. Darum muss man sie ALLE aufheben. Und mit nach Hause nehmen. Weil Kinderhände nicht all das fassen können, was Kinderaugen begehren, tragen die Eltern. In unserem Fall trug ich. Manchmal versuchte ich eine Auswahl zu erzwingen, die Notwendigkeit jeden Exemplars zu diskutieren. Ein völlig sinnloses Unterfangen. Letztendlich schleppte ich sie tatsächlich alle in die Bude.
Als meine, dem Stockalter inzwischen entwachsenen, Kids gestern stockbeladen mit der klitzekleinen dänischen Verwandtschaft aus dem Wald traten, obwohl wir nur noch einen gebraucht hatten, musste ich vor mich hingrinsen und ich erinnerte mich eines sonnigen Samstagnachmittags:

Eigentlich wollte ich nur schnell in die Stadt, um einige überlebenswichtige Dinge zu kaufen. Mehr war sowieso nie drin.
Das damals fünfjährige Töchterchen erklärte sich ausgehfertig. „Wir können losgehen“, rief es. „Ich habe mein Lieblingskleid angezogen. Das mit den kleinen Blümchen.“
Ich kleidete gerade das noch hilflose Brüderchen an und wunderte mich über die kleinen Blümchen. So etwas hatte ich nie erstanden. Das Ganze klärte sich jedoch schnell auf.
„Aber Schatz, das ist doch dein Nachthemd.“
„Na, und? Es ist mein schönstes Kleid. Es hat kleine Blümchen, sonst kaufst du mir nichts mit kleinen Blümchen“, sagte das Töchterchen und schaute frech zwischen seinen Zöpfen hervor. Der eine davon war sehr kurz. Aus irgendeinem mir nicht verständlichen Grunde, hatte die Süße den linken über dem Ohr abgeschnitten. Der andere baumelte wie sonst beinahe bis zum Bauchnabel. Nun gut.
„Und die neuen Schuhe“, erklärte das Kind gerade. Die neuen Schuhe waren Gummistiefel. Warum nicht.
Wir liefen los. Auf dem Weg in die Innenstadt mussten wir einen Park passieren. In der Nacht hatte ein Sturm gewütet. Alles war schon wieder aufgeräumt. Nur einen abgekrachten unglaublich großen belaubten Ast hatten die Menschen von der Stadtreinigung wohl für einen kleinen Baum gehalten und übersehen. Nicht jedoch das Töchterchen.
„Den brauche ich“, erklärte es kurzerhand und schleppte das große Baumteil mit sich.
Ich wusste, Widerstand war zwecklos. Ich hoffte auf erlahmende töchterliche Armmuskeln. Heute weiß ich, dass das schon damals eine völlig sinnlose Hoffnung war.
Das Brüderchen im Sportwagen krähte los. So einen Stock, so einen Ast, ja so einen Baum, wollte es auch haben. Und während das Töchterchen mit kurzem und langem Zopf in Nachthemd und Gummistiefeln einen ausgewachsenen Minibaum mit sich herumschleppte, geriet ich langsam in Panik.
Ich erklärte quasi alles, was ich hatte einkaufen wollen zur Unwichtigkeit. Bis auf die Windeln. Ich wollte nur ganz schnell in die Drogerie und dann nichts wie nach Hause.
Doch dann sah das Söhnchen den ausgegrabenen Bambus.
„Da! Da! Tock! Tock!“, rief es.
Ich beschleunigte, doch das nutzte nichts. Es wurde so lange lauthals protestiert, bis ich zurücklief und den Herrn vom Gartenamt bat, mir das etwa drei Meter hohe Bambusgewächs zu überlassen.
In die Drogerie wollte man uns nicht einlassen.
„Nicht mit dem Ast und dem Riesenbusch“, erklärte die Kassiererin. Ich konnte sie sehr gut verstehen.
„Darf ich dann wenigstens meine Tochter und die Gewächse kurz hier in der Ecke abstellen und nur schnell Windeln kaufen?“, fragte ich.
Zögernd gab die Frau im Kittel nach. Ich fetzte durch die Gänge, griff die Windeln und sehr spontan noch eine Flasche Ökowein für später. 
Dann schleppten wir uns nach Hause. Schließlich erlahmten die Arme der Süßen dennoch. Doch inzwischen war mir alles egal. Ich hängte die Windelpakete links und rechts an den riesigen belaubten Ast, schulterte ihn wie Herkules irgendetwas sehr Schweres, klemmte mir das Bambusgewächs unter den Arm und stupste das Söhnchen im Sportwagen mit der Hüfte voran.
Das Töchterchen bahnte uns den Weg durch die samstäglich gefüllten Straßen. Strahlend und stolz rief es so laut es konnte: „Achtung, Platz machen! Hier kommt meine Mama. Die stärkste Mama der Welt.“
Und ich grinste etwas dümmlich unter meiner Last. Aber ich war sehr glücklich. Denn plötzlich wusste ich wieder, warum ich mir all das antat.

Mittwoch, 6. August 2014

Was sollen die Lügen? – Frau Herden wird alt und mag das nicht


Ich bin ein Sommerkind. Allerdings bin ich kein Kind mehr sondern eine Frau. Eine Frau in mittleren Jahren. Mit anderen Worten: Ich werde alt.
Dass ich den Sommer liebe, kann man sehr gut an meiner Haut ablesen. Auch dass sich in den 70er und 80er Jahren niemand für Sonnencreme interessierte und dass ich die 90er auf meinem Surfbrett liegend im Ozean verbracht habe. Letztens sagte meine Freundin, die Hautärztin ist: „Antje, für diese Sonnenschäden bist du eigentlich zu jung. Die können wir weglasern.“


Ich finde ja, ich bin nicht nur für diese Sonnenschäden zu jung. Ich scheine sowieso viel zu jung für diesen Körper und dieses Gesicht zu sein. Darum erschrecke ich auch immer, wenn ich mich mal zufällig in einer Schaufensterscheibe gespiegelt sehe. Aber das kann ich ja nicht alles weglasern lassen. Und dann verstehe ich die irritierten Blicke der Menschen auf der Straße ob meines Auftretens. Das entspricht nämlich in seiner Art und Weise eher meinem innerlich gefühlten Alter, sagen wir mal: 27. Allerhöchstens.
Im Gegensatz dazu stehen meine Falten, die drei grauen Haare, die ich letztens ausriß, und auch diese relativ ausladende Figur, die ich niemals haben wollte. Weiblich, nennt das ein lieber Freund. Weiblich kannte ich früher nicht. Nicht bei meinen mageren Armen oder den herausstehenden Hüftknochen und auch in den Doppel A-Körbchen war die nicht zu entdecken gewesen. Nun ist sie da und lässt sich herumschleppen. Das geht auf die Gelenke. Die schmerzen, als bekämen sie dafür einen Orden. „Genetisch bedingte Arthrose. Frau Herden, es tut mir leid“, sagte der Arzt vor etwa sieben Jahren zu mir. Ich weiß schon, warum ich dort sonst nicht hingehe. Allerdings konnte er ja gar nichts dafür. Genauso wenig wie meine liebe Frau Mama, die sich wegen der ungünstigen Gen-Weitergabe bei mir entschuldigte. Also echt.

Ich sage mal: Ich mag das Altern nicht! Das lasse ich mir auch nicht schön reden. Von niemandem. Weder von klugen Menschen noch von Frauenmagazinen, die die Jugend hofieren und dann schreiben, das Alter sei das eigentlich Feine. Ha! Alles Lüge. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe jahrelang für die als Model gearbeitet.
Ich fühle mich weder irgendwie entspannter als früher noch weiser werdend. Im Gegenteil. Ich mache noch immer dieselben blöden Fehler, nur dass es jetzt viel mehr Vorbereitung bedarf, bis mir die Möglichkeiten dafür begegnen. Und ich traue mich nicht mehr so viel. Aber nicht, weil ich heute klüger bin, sondern weil ich Schiss habe. Heilt ja nicht mehr so gut, so ein Oberschenkelhalsbruch. 
Altern tut weh und sieht doof aus (zumindest bei mir). Klar, erzählen Falten Geschichten. Und ich mag Geschichten. Aber auch ich fasse lieber glatte Haut und straffe Muskeln an und will mich dafür nicht entschuldigen müssen. Morgens würde ich lieber aus dem Bett in den Tag hinaushüpfen, statt erst mal meine steifen Glieder zu mobilisieren, um dann auf allen Vieren ins Bad zu kriechen. Und nachts möchte ich tanzen! Tanzen, trinken und die Sonne aufgehen sehen. Oh ja! Manchmal mache ich das tatsächlich. Aber nur, wenn ich weiß, dass ich die darauf folgende Woche weder irgendetwas zu tun habe, noch überhaupt mein Bett verlassen muss.
Ich bin so gierig nach dem Leben und muss so oft durch eine Schutzscheibe zuschauen, eine Schutzscheibe, die mir das Alter aufzwingt. Dabei weiß ich, dass es noch schlimmer werden wird. Eine 92jährige Frau sagte einmal über das Alter, sie säße in ihrem Sessel und könne sich kaum mehr bewegen. Aber in ihrem Kopf, da sei sie noch immer das 23jährige Mädchen, da höre sie die Musik und möchte dazu tanzen, tanzen, tanzen. Na, bitte! Ich musste heulen.

Ich weiß, dass es ein Tabu ist, sich so äußern. Ich weiß, dass sich nun viele aufregen und über mich schimpfen werden. Nun, vielleicht kriegen die das irgendwie besser hin? Vielleicht hatten sie bereits genug vom Leben oder sind bescheidener als ich? Vielleicht können sie sich auch einfach nur leichter selbst belügen? Ich bewundere das ja und wünsche ihnen, dass es bis zum Ende funktionieren möge. Für mich kann ich sagen: Es tut verdammt gut, da einfach auch mal ehrlich zu sein und nicht immer so tun zu müssen, als wäre es anders.

Aber, hey: Draußen ist Sommer. Die Sonne scheint und der Gesang der Vögel hat mich aus dem Schlaf geholt. Ich schlüpfe in ein Kleid und schwinge mich auf mein Rad. Wegen des holprigen Pflasters in unserer Straße fahre ich verbotenerweise auf dem Bürgersteig. Als der ältere Herr hinterm Hibiskusbusch mir vors Rad springt, bin ich mir sicher, dass er mich zuvor aus seinem Fenster gesehen, schnell Hut und Stock gegriffen hatte, die Treppe hinuntergestürmt war und im Vorgarten hinterm Busch hockend den richtigen Moment abgepasst hatte. Elegant weiche ich aus. Nun gut, vielleicht nicht wirklich elegant. Ich fahre ein schweres Herrenrad mit einem Korb hinten und einem dieser holländischen eisernen Gestelle mit Kiste vorne. Aber ich habe ihn definitiv nicht berührt.
Trotzdem brüllt er mir nach: "Das ist ein Fussweg! DUMME GÖRE!"
Und ich?
Hätte ich mich getraut, ich hätte jubelnd die Arme hochgerissen. So aber rufe ich nur: "Ihnen auch einen schönen Tag! Und vielen, vielen Dank! You made my day!"

Montag, 4. August 2014

Searching For Sugar Man

"Wer ist das?", fragte ich meine Freundin im letzten Herbst.
Sie war für einige Zeit zu Besuch, lebt ansonsten in Sydney. Aus den Lautsprechern im Haus ihrer Eltern kam Musik, die ich nicht kannte, die mich aber sofort ganz tief berührte.
"Rodriguez", antwortete meine Freundin.
Von dem hatte ich noch nie gehört.
"Da bist du nicht die einzige. Niemand in Europa oder Amerika kennt ihn, aber bei uns und in Südafrika ist er ein Superstar."
Als wir zu Weihnachten nach Sydney kamen, hatte sie die CD für mich gekauft. Ich freute mich sehr. Seitdem begleitet uns die Stimme und die Worte Rodriguez´ durch die Tage und selbst das 16jährige Töchterchen singt begeistert mit.


Sixto Rodriguez ist Amerikaner. Mit seiner Gitarre zog er durch die eher abgehalfterten Viertel Detroits und trat in schmierigen Clubs auf. Dort sang er mit dem Rücken zum Publikum. Anfang der 70er brachte er zwei wunderbare Alben heraus: poetisch, ehrlich, verblüffend und sehr sehr klug. Aber niemand wollte die hören. Also arbeitete er weiter auf dem Bau.
Hinter den Mauern, die die Apartheit um Südafrika aufgebaut hatte, wurde er währenddessen unbemerkt zum Superstar. Eine eingeschmuggelte Kassette brachte die Texte in das gebeutelte Land. I Wonder wurde zur Hymne, das Album Cold Fact vielleicht millionenfach verkauft. Doch bis auf das Bild auf dem Cover, gab es keine weiteren Lebenszeichen des Sängers. Irgendwann kursierten die Gerüchte, Rodriguez sei lange tot, hätte sich während seines letzten Konzerts auf der Bühne erschossen oder wahlweise auch angezündet. Was Legenden eben so machen.


Dieser Legende auf die Spur kommen, wollte der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul Ende der 90er Jahre. Also schickte er die südafrikanischen Musiker und Journalisten, Stephen "Sugar" Segermann und Craig Bartholomew Strydom, auf die Suche. Anhaltspunkte gab es eigentlich keine. Nur einen Satz im Song Inner City Blues ließ sie stutzen: "Met a girl from Dearborn, early six o'clock this morn. A cold fact." Dearborn ist eine Stadt in unmittelbarer Nähe von Detroit, der Stadt des Motown-Labels. Detroit, wo Rodriguez unendlich bescheiden lebte und noch immer auf dem Bau arbeitete. Sie holten ihn "nach Hause" auf die Bühne, wo er vor komplett ausverkauften Hallen seine Musik einem frenetischem Publikum schenkte. "Danke, dass ihr mich am Leben gehalten habt", sagte er zum Schluss, während alle, alle weinten. Das Geld seiner Auftritte schenkte er seinen Töchtern und wohltätigen Einrichtungen.
Mit Searching for Sugar Man entstand ein absolut berührender Film, der die unfassbare Geschichte Rodriguez´ erzählt. Dafür bekam Malik Bendjelloul im letzten Jahr einen Oscar. Gestern hatte ich das große Glück diesen Film schauen zu dürfen. Er hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich heute darüber schreiben muss. Wie ein leises wehes Glück zieht dieser Eindruck durch meinen Bauch und ich hoffe, er bleibt noch etwas. Denn diese Geschichte ist etwas, das meiner Meinung nach das Leben ausmacht. Dazu gehört aber auch, dass sich der Regisseur, der uns dieses berührende Märchen, diese fantastische Geschichte schenkte, vor gut 2 Monaten mit 36 Jahren das Leben nahm. R.I.P.

If there was a word
But magic's absurd
I'd make one dream come true

It didn't work out 
But don't ever doubt
How I felt about you

But thanks for your time
Then you can thank me for mine 
And after that's said
Forget it

Sonntag, 3. August 2014

Zucchinis in rauen Mengen – ein feines Zucchini-Relish


Erzählte mir jemand, dass eines Tages die Zucchinis die Weltherrschaft übernähmen, ich würde es glauben. Himmel, wie ist das möglich, dass innerhalb weniger Tage aus den zauberhaften Blütenfeen solche Baseballkeulen werden?


Das einzig Problematische am Acker ist der Überreichtum einer einzigen Sorte Gemüse, wenn sie denn reif ist. Jeden Tag Zucchini möchte man ja auch nicht speisen. Nachdem ich gestern schon etliche Kilo mit Ölivenöl, Salz und einer Menge Knoblauch grillte und einlegte, kochte ich heute einige Gläser Relish (etwa 2,5 Liter).
Aus verschiedensten Rezepten und Vorgehensweisen erstellte ich meine eigene. Lecker, muss ich sagen. Wer´s auch probieren möchte, bitte schön.


Man braucht (ich gebe die Mengenverhältnisse mit an, weil Ihr vielleicht sehr viel mehr oder auch weniger Zucchinis habt. Ist ein bisschen Mathe, aber geht schon):

* grüne oder gelbe Zucchini und Zwiebeln im etwaigen Mengenvehältnis 2:1. Also, eine Tasse Zwiebeln auf zwei Tassen Zucchini. Ich nahm etwa 10 Tassen Zucchinis und 5 Tassen Zwiebeln.

* braunen Zucker und Weißweinessig im Verhältnis 2:1 und zu den Zucchinis 1:2, also bei meinen 10 Tassen Zucchinis sind das 5 Tassen Zucker und 2,5 Tassen Essig

* 1 grüne Chilischote / 3 Knoblauchzehen

* 5 EL Salz / 1 TL Muskat / 1/2 TL gemahlenen Koriander / 1 EL scharfer Senf

So geht´s:

Einige Rezepte empfehlen das Kleinschneiden von Zucchini und Zwiebeln, salzen und über Nacht abtropfen lassen. Ich fand eine schnellere Lösung: Die Zucchini und die Zwiebeln habe ich in der Moulinette kleingehäckselt, in ein Haarsieb gegeben und abtropfen lassen. In die letzte Runde gab ich die Chilischote, den Knoblauch und noch etwas Essig, damit das Ganze schön fein wird.
In einem großen Topf mischte ich das Gemüse den Essig und den Zucker. Dann gab ich die Gewürze hinzu und mischte alles noch einmal gut durch. 15 Minuten wurde das Ganze dann gekocht, heiß in Schraubgläser gefüllt, kurz auf den Kopf gestellt und fertig. Nun muss das Relish noch einige Zeit (etwa 6 Wochen) am besten im Kühlschrank durchziehen, bis es perfekt schmeckt.
Es ist ganz wunderbar auf Sandwiches, zu gegrilltem Fleisch, Fisch oder auch Käse.

Mittwoch, 30. Juli 2014

Pferdefuss und Küsse – Frau Herden machte mal Reiterhofferien

Letztens radelten wir an einem Reiterhof vorbei.
„Als junges Mädchen bin ich ja auch mal geritten“, erzählte ich meinem Sohn.
„Echt? Du?“, fragte der.
Etwas irritierte mich an der Betonung des Dus, aber das ignorierte ich.
„Na, klar. Ich wollte ja auch mal Indianer werden“, sagte ich.
„Du und Indianer“, lachte der Sohn.
„Lach nicht, sondern sei froh. Sonst hätte ich mir nicht so viel Mühe mit deinem Indianergeburtstag vor sechs Jahren gegeben.“ Das stimmte. Denn eigentlich – und mal ganz ehrlich – lebte ich da wohl auch etwas aus.


Ja, dachte ich, Indianer. Mit Pfeil und Bogen, Federn im langen schwarzen Haar, Lederhemd mit Perlen und Bändern und einem warmen Pferderücken unterm Hintern, der mich über die goldenen Weiten der Prärie getragen hätte.
Leise und inbrünstig hatte ich meine Kindheit hindurch das DDR-Kinderlied Der Indianerjunge vor mich hingesungen. Natürlich etwas modifiziert. „Als ich ein kleines Mädchen war / spielt´ ich oft in der Prärie / hörte Indianergeschichten so gern / diese Zeit vergess´ ich nie / Ich schoss mit Pfeil und Bogen wie sie / trug Mokassins am Bein / und abends schlief ich dann ganz allein / am Lagerfeuer ein.” Das singe ich übrigens heute noch ganz gerne leise vor mich hin.
Mein lieber Herr Papa unterstützte das Ganze in so fern, als dass er von mir und meiner Schwester im Falle von Unwohlsein, Krankheit oder einer Verletzung verlangte, die Indianermethode anzuwenden: Hand drauf und gut. Dass Indianer sehr wohl auch Schmerzen empfinden, wusste ich damals noch nicht.
Irgendjemand sagte mir dann, dass ich kein Indianer werden könne, weil das gar kein Beruf wäre. Schade, dachte ich und legte traurig meinen selbstgebastelten Federschmuck in die unterste Schublade.
Viel später auf einem Rave in einem Reservat in Arizona hätte ich dann doch einer werden können. Zumindest Indianerin. Aber ich hatte traurig das verschwitzte Shirt mit den schreiend bunten Pilzen darauf, das verstrubbelte Haar und die um einen Fixpunkt ringenden braunen Augen meines Gegenübers betrachtet und beschlossen, noch etwas zu tanzen, irgendwie den Rausch zu überstehen und dann wieder nach Hause zu fahren.

Trotzdem hatte ich mich viele Jahre zuvor sehr gefreut, als mir meine Eltern Reitstunden anboten. Sogar eine Woche Reiterferien fanden in den Monaten meines dreizehnjährigen Lebens statt, die ich nach Pferd und Stall roch. Genau diese Reiterferien waren dann auch das schmerzhafte Ende dieser Zeit. Das Pferd, das ich reiten durfte und als Ausgleich zu pflegen hatte, quetschte mich in seiner Box ein und zertrat mir auf sehr unangenehme Weise den Fuß.
Dennoch erinnere ich diese Reiterferien mit einem Lächeln. In der Pension wohnte nämlich ein Junge im Nachbarzimmer. Der lud mich eines Abends zum Knutschen ein. Ich fand das nett, obwohl mich etwas verwunderte, dass ein 14Jähriger Reiterferien machte. Der Einladung am zweiten Abend folgte ich dann auch nicht mehr. Er hatte etwas sehr Blödes gesagt: “Du bist wirklich aus der DDR (die gab es damals noch)? Ich dachte immer, dort gäbe es nur hässliche Dinge.” Nun ja, …
Erst später kam mir der Gedanke, dass es eigentlich eine unglaublich clevere Idee war, als 14jähriger Junge Reiterferien zu machen. Wo sonst fand man eine derartige Dichte romantischer und kusswilliger 13jähriger Mädchen vor?

Mein Sohn warf noch einen scheelen Blick auf den Reiterhof. “Für mich wäre das ja nix”, sagte er und stieg wieder auf sein Rad.
“Na, wenn du nicht willst”, sagte ich, trat in die Pedale und sang fröhlich ein Liedchen vor mich hin.

Montag, 28. Juli 2014

Ich weine – Politik, Krieg und Kinder

Ich habe folgenden Text schon vor zwei Tagen im Facebook veröffentlicht. Möchte das aber auch noch einmal hier gerne tun. Denn ich finde ihn wichtig. Er soll und darf nicht einfach so auf einer Pinwand nach unten rutschen.


„Willst du dich nicht auch mal zur politischen Situation äußern? Bist du denn gar nicht politisch?“, fragte man mich.
Natürlich bin ich das. Jeder Mensch, der in einer Gesellschaft, einer Stadt (polis), lebt, agiert und denkt letztendlich politsch. Bin ich als Kinderbuchautorin verpflichtet, mich öffentlich zu äußern? Vielleicht.
Ich weine. Und das kann jeder ganz wörtlich nehmen. Umtobt von Kriegen weine ich nur noch. Hilflos starre ich auf die Bilder und verstehe sie nicht.
Jemand, der mich kennt, könnte nun rufen: „Aber Frau Herden, du weinst doch immer!“ Nun ja, das stimmt. Und genau das ist das Problem. Jemand, der sich dermaßen berühren und erschüttern lässt, muss sehr genau überlegen, wie er sich engagieren kann. Hass und Mitleid helfen nicht, sondern Verstand und Mitgefühl. Doch ich leide. Wer Bomben schmeißt, ist ein Mörder. Egal, ob er angefangen hat oder nicht. Und dann beginne ich zu hassen.
Ich rette mich in eine fatalistische Misanthropie. Sage mir: Ich bin von Idioten umgeben. Idioten, die sich gegenseitig umbringen, und wenn sie damit fertig sind, zerstören sie den Rest des Planeten, ihre eigene Heimat. Mir fällt dazu nichts weiter ein. Einziger Trost ist: Die Menschen werden nicht gewinnen! Egal welche Spur der Verwüstung sie anrichten, irgendwann sind sie weg und die Natur, die Erde, wird sich wieder aufrichten, bedauernd ihr mächtiges Haupt schütteln und auf der To Do-Liste hinter den Stichpunkt Menschen BLÖDER FEHLER schreiben.
Und ich? Ich habe die Kinder gewählt. Denn sie, allein sie, vermitteln mir Hoffnung. Eine Hoffnung, die die Misanthropin nicht braucht, aber die die Frau und Mutter in mir erfleht. Darum schreibe ich. Darum lese ich. Für Kinder.
Dass die Großen sich über sie hinwegsetzen, ihnen Regeln aufdrängen, angeblich diplomatische Regeln, die letztendlich zu Kriegen führen können, lässt mich manchmal wütend in mein Kissen beißen. Dazu hier einmal ein Beispiel:
Es ist an der Schule meines Sohnes verboten, sich zu prügeln, sich zu schlagen, sich zu stoßen, sich anzuschreien, jemandem die Mütze vom Kopf zu ziehen, eine Kastanie oder einen Schneeball nach jemandem zu werfen. Stattdessen soll man denjenigen, über den man sich geärgert hat, sofort an die Direktion VERPETZEN. Auch jeden anderen, den man nur beobachtet hat, bei etwas, das eventuell verboten ist.
Ich finde das ganz ganz schlimm. Ich möchte die Menschen nicht kennenlernen, die daraus entstehen.
Letztens gab es in der Klasse meines Sohnes einen Disput zwischen zwei Jungen, der einfach nicht geklärt werden konnte. Gemeinsam wurde beschlossen, diesen nach der Schule in einem Kämpfchen auszutragen. Also lief die halbe Klasse nach dem Unterricht zu einer versteckten Unterführung. Es wurden genaue Regeln für das Kämpfchen beschlossen. Dann traten sich die beiden gegenüber und versuchten sich eins auf die Nase zu geben. Als beide erschöpft waren und jeder einen ordentlichen Schwinger abbekommen hatte, wurde der Disput für beendet erklärt. Die Jungs gaben sich die Hand und teilten sich eine Flasche Limo. Gemeinsam liefen alle nach Hause und besprachen noch etwas den Kampf. Alles war gut.
Leider erzählte eines der Mädchen zuhause davon. Empört riefen deren Eltern in der Schule an. Es gab einen Rieseneklat, der leztendlich die Klasse spaltete in Verräter, Feige, Mitläufer, Neutrale, Gleichgültige, Freidenker und Schläger.
Und ich? Am liebsten hätte ich den verantwortlichen Erwachsenen alle Bände des Kleinen Nicks um die Ohren gehauen.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Scheisse sagt man nicht – Frau Herden sucht die korrekten Bezeichnungen für den Intimbereich


Als Kind eines Mediziners machte ich nie Pipi oder Kaka. Ich urinierte und defäzierte. Von Anbeginn. Hinterfragt habe ich das lange nicht.
Übrigens auch das zweimalige tägliche Duschen nicht – morgens und abends erst warm, dann kalt. Letzteres habe ich höchstens heimlich vermieden. Gesundheit und Hygiene wurden bei uns sehr groß geschrieben. Selbst wenn wir unterwegs waren und wir uns durch unwirtliches Gebiet, menschenleere Einöden oder anderes gefährliches Gelände schlugen. (Unser Leben der arbeitsfreien Tage meiner Eltern glich tatsächlich dem eines fahrenden Volkes und ich weiß, woher mein unruhiges Blut und mein permanentes Fernweh stammen.) Mit dem Heulen der Wölfe erscholl auch allabendlich der Ruf meines lieben Herrn Papa: „Kinder! Hände, Po und Vulva waschen.“ Dann suchten meine Schwester und ich unsere kleinen Waschbeutel und ein lehmiges Wasserloch in der Dunkelheit, um eben jenes zu tun. Punkt.


Jahre später sprach mich die Kindergärtnerin meiner Tochter an. Ich solle mein Kind doch etwas altersgerechter erziehen. Bass erstaunt fragte ich, was denn los sei. Nun, die Kleine hätte sich an der Schaukel gestoßen und über Schmerzen an der Vulva geklagt. Meine von Unverständnis aufgerissenen Augen ließen sie dann etwas herumdrucksen. Doch schließlich erfuhr ich, dass niemand im Kindergarten gewusst hatte, um welches Körperteil es sich da gehandelt hätte, so dass man genötigt war, den Kinderarzt anzurufen. 
Ich kann nicht sagen, ob es mir tatsächlich gelang, mein Grinsen überzeugend zu verkneifen.

Doch nicht nur Tadel, sondern auch Lob brachte das Verwenden solcher fachlich sachlichen Bezeichnungen. Und so erinnere ich mit Freuden folgende Episode:
ACDC waren noch gar nicht tot, sondern gaben ein Konzert in der Frankfurter Festhalle. Eine wunderbare Gelegenheit für eine ausschweifende Herren-Tour. Damals waren wir mal kurzzeitig zu viert und das Söhnchen noch nigelnagelneu. Der Mann hatte extra einen VW Bus gemietet und so langsam versammelten sich etwa zehn unserer männlichen Freunde in der Küche. Sie freuten sich so und das freute mich. Ganz gerührt betrachtete ich die einstigen Jungs mit den beginnenden Geheimratsecken und den T-Shirts längst vergangener Konzerte durchkreuzt von ausgeblichenen Legekanten.
Da stapfte das knapp dreijährige Töchterchen hinzu, sah sich aufmerksam um und suchte dann ein wenig Sicherheit an meinem Bein. Als plötzlich aus einem seltsamen Zufall heraus das tiefe Gemurmel und Gelache für einen Augenblick zur Gänze verstummte, sprach es in die Stille hinein: „Mama, das sind alles Männer und die haben alle einen Penis.“