Mittwoch, 17. Dezember 2014

Eine Adventskalendergeschichte



Wir saßen in der teuren Villa der Fotografin beim siebten, achten oder zwanzigsten Kaffee.

„Kommt Ihr Lieben, ein oder zwei Ideen werden wir doch wohl noch finden“, ermunterte sie uns. Wir Lieben waren die Assistentin der Fotografin, der Stylist, dessen Assistent, die Visagistin, die Hairstylistin nebst Assistentin, die Beautyredakteurin eines Frauenmagazins, die Assistentin der Beautyredakteurin eines Frauenmagazins und ein weibliches Fotomodell mit braunem Haar und werbewirksamen hellen Augen. Ich.

Seit zwei Tagen produzierten wir eine Fotostrecke mit dem Titel: 24 Tipps für ein entspanntes Weihnachtsfest. Zweiundzwanzig dieser Tipps hatten wir im Kasten. Keiner davon hatte uns irgendwie entspannt. Die restlichen zwei sperrten sich gänzlich. Es wollte niemandem auch nur noch eine Winzigkeit einfallen, wie man ein entspanntes Weihnachtsfest angehen könnte, wir wussten seit Stunden nicht einmal mehr, was ein entspanntes Weihnachtsfest überhaupt ist. Das war doch nur eine Legende! Eine Legende allerdings, die überdauern würde, da wir seit zwei Tagen alles für deren Überlieferung taten.

Wir hatten sämtliche Hausfrauenkniffe und Milchmädchenweisheiten ausgeschlachtet, wir hatten alle Religionen abgeklopft, der Stylist hatte seine Oma und die ihre Nachbarin angerufen und die Visagistin durfte mit ihrem rudimentären, homöopathischen Wissen auftrumpfen, das sie sich einst in einem vorzeitig abgebrochenen Wochenendseminar zugelegt hatte.

„Müssen es denn unbedingt 24 sein?“ Das war der Assistent des Stylisten, der da leise fragte.

Wir anderen blickten hoffnungsfroh auf die Beautyredakteurin. Ja, warum eigentlich vierundzwanzig?

„Na, diese Zahl liegt ja wohl nahe“, sagte diese jedoch.

Das lag sie wohl, mussten wir enttäuscht zugeben. Denn die Idee war ein dem Dezemberheft beigelegter Adventskalender. Hinter jedem Türchen sollte sich ein entspannender Tipp verstecken.

„Wir könnten hinter die 24 einfach Wir wünschen ein entspanntes und inspirierendes Fest! schreiben“, schlug die Assistentin der Beautyredakteurin vor.

„Genau. Und am Nikolaustag wünschen wir einen prall gefüllten Schuh. Dann hätten wir sie alle“, sagte die Assistentin der Fotografin.

Ich musste kichern. Die Beautyredakteurin blitzte einmal in die Runde. Wir verstanden, unterdrückten ein Stöhnen und taten weiterhin so, als dächten wir nach.

„Wie wäre es denn mit dem guten, alten OHM?“, rief die Fotografin und wir zuckten zusammen, weil sie so rüde die eingekehrte Stille zerbrochen hatte.

„Wir haben schon zwei Yoga- und zwei Atemübungen. Wird ein bisschen viel, oder?“

„Unsinn, das ist doch etwas völlig anderes. Komm Antje! Wir probieren das aus.“ Die Fotografin gab sich große Mühe ihre lahme Idee mit Verve zu unterlegen, sprang wie aufgezogen herum und versuchte jeden, aus der ihn umklammernden Erschöpfung zu reißen.

Ich setzte mich auf eine vom Stylisten schnell ausgebreitete indische Decke ins Fadenkreuz der Scheinwerfer. In den Schneidersitz, den ich irgendwie für passend hielt. Meinen Kopf ließ ich in den Nacken sinken. OHM.

„Wie sieht das denn aus, wenn einer so ein entspannendes OHM von sich gibt? So doch sicher nicht“, zweifelte die Beautyredakteurin.

Alle beäugten mich kritisch.

„Ich könnte meine Handgelenke auf die Knie legen, die Hände nach oben abwinkeln und die Fingerspitzen zusammenführen,“ schlug ich vor.

„Ja, mach das doch mal.“

Acht Augenpaare lagen hoffnungsvoll auf mir.

„Also, ich weiß nicht“, murmelte die Fotografin.

„Vielleicht wenn sie die Augen schließen würde?“ Zustimmende Mhms wurden laut. „Und mach doch mal einen runden Mund, als würdest du gerade das O ertönen lassen.“

„Nicht schlecht, oder?“, sagte jemand, den ich nicht sehen konnte.

Jeder wollte das, was er sah, entspannend finden. Jeder wollte endlich nach Hause gehen. Doch die Wahrheit ist manchmal augenscheinlich, besonders wenn man sie zu beugen versucht.

„Und wie wäre es mit dem MH?“, kam ein leiser Vorschlag. Ich glaube von der Visagistin.

„Also, wenn ihr mich fragt, das sieht total bescheuert aus.“

Das hätte ich ihnen schon vorher sagen können. Über das zustimmende Gemurmel ärgerte ich mich dennoch. Die anderen sich aber auch.

„Auf der anderen Seite ist das Bild nachher drei auf drei Zentimeter groß, man könnte es also gar nicht so genau erkennen“, erinnerte die Fotografin.

„Na, dann machen wir das jetzt so“, bestimmte die Beautyredakteurin.

Unverhohlenes Jubeln erfasste alle. Die Fotografin griff nach der Kamera und drückte ein paar Mal auf den Auslöser. Mit gespitztem Mund ließ ich das Mh ertönen. Einmal zwischendrin entspannte ich mich  ganz kurz. Nur aus Versehen.

„So, das hätten wir. Und nun?“

„Singen! Wie wäre es denn mit Singen?“, fragte der Visagist.

„Ja, Singen finde ich gut. So etwas macht man in der Vorweihnachtszeit“, ging die Beautyredakteurin auf den hoffentlich letzten Vorschlag ein.

Also schmiss ich mich in eine Pose, die meiner Meinung nach ein von Herzen kommendes Singen darstellte.

„Versuch es noch mal anders“, sagte jedoch die Fotografin.

Ich versuchte es anders.

„Nein, das ist nicht überzeugend. Sing mal laut.“

„Laut? Also so, dass ihr es hören könnt?“, fragte ich erschrocken.

Ich wollte niemanden enttäuschen. In Gedanken stellte ich mich alleine unter die Dusche und intonierte mit kläglicher Stimme einen aktuellen Popsong, von dem ich die erste Zeile kannte. Ganz deutlich konnte ich ein Kichern vernehmen.

„Vielleicht eher etwas Weihnachtliches?“, knurrte die Beautyredakteurin.

Auf die Schnelle fiel mir nur Vom Himmel hoch, da komm ich her ein. Ich hasse dieses Lied, weil ich schon in der Vorschule des Magdeburger Domchors damit scheiterte. Trotzdem krähte ich die ersten drei Zeilen im vollen Bewusstsein, dass mein Kopf vor lauter Anstrengung die gnadenlosen Höhen zu erklimmen, rot wenn nicht gar lila anlief während sich blaue Adern aus meinen Schläfen drückten. Ansehnlich, gar entspannungsmotivierend, sah das ganz sicher nicht aus.

Alle starrten der Fotografin über die Schulter auf das kleine Display der Kamera.

„Sieht nicht gut aus,“ unterbrach der Assistent des Stylisten die angespannte Stille.

„Wie wäre es denn damit?“, erklang die vorsichtig fragende Stimme der Assistentin der Beautyredakteurin.

Noch bevor ihr zagendes Stimmchen ganz verhaucht war, gab es ein ohrenbetäubendes Scheppern.

„Oh, nein, meine Tuba!“, schrie die Fotografin entsetzt und beruhigte sich erst, als sie ganz sicher war, dass ihr riesiges Instrument keine Delle davongetragen hatte.

„Super. Machen sie doch mit ihrer lieben Familie mal wieder Hausmusik. Und die Mutter bläst die Tuba“, sagte der Assistent des Stylisten und feixte mich erwartungsvoll an.

„Das ist nicht euer Ernst,“ protestierte ich. Ich behauptete zwar immer, mir für nichts zu schade zu sein, aber hier tat sich eine Grenze auf. Mit diesem Ungetüm wollte ich mir nicht die drei auf drei Zentimeter hinter der Nummer 24 eines Adventskalenders teilen.

Aus schierer Verzweiflung und in Ermangelung einer besseren Idee, begann ich aus vollem Halse Oh, du Fröhliche zu krakeelen, wobei ich meinen Körper in etwas verrenkte, was ich so ähnlich mal bei einer Yoga turnenden Freundin sah.

„Vielleicht ist die Idee mit dem Wunsch für ein entspanntes Weihnachtsfest hinter der 24 doch nicht so schlecht.“ Mit diesen Worten und einem höchst irritierten Blick auf mich unterbrach die Beautyredakteurin meine lautstarke, gymnastische Übung und erlöste uns endlich.

Später fuhr sie mich ins Hotel. Während ich aus dem Seitenfenster in den lauen Sommerabend starrte, stellte ich mir unzählige Frauen vor, die erwartungsfroh die Türchen ihres Adventskalenders öffneten und die von einem modernen Frauenmagazin abgesegneten Entspannungstipps befolgten. Wie viele würden am 23. Dezember in verkrampfter Haltung am Boden kauern, vielleicht mit einer indischen Decke unter dem Hintern und ein OHM in den Raum stöhnen?

„Sag mal, hast du gar kein schlechtes Gewissen?“ fragte ich die Beautyredakteurin.

„Warum?“

„Na, wegen des Quatsches, den wir uns da ausgedacht haben. Stell dir vor, die Leserinnen machen das wirklich nach.“

„Es zwingt sie doch niemand dazu.“

„Na, aber viele glauben doch, was in der Zeitung steht.“

„Wir machen die Zeitschrift, um zu unterhalten, nicht mehr und nicht weniger.“

„Trotzdem hast du doch eine gewisse Verantwortung“, ließ ich nicht locker.

„Aber du hast doch auch mitgemacht“, sagte sie leise.

„Wenn ich es nicht gemacht hätte, dann hättet ihr einfach ein anderes Model gebucht. Und ich brauchte das Geld.“

Sie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen von der Seite an. Den Rest des Weges schwiegen wir.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Oh, du Fröhliche! – Geschenke suchen und finden in der Adventszeit



Als ich ein kleines Mädchen war, stöberten meine Schwester und ich in der Adventszeit durch die 60 Quadratmeter unserer sozialistischen Wohnung, spähten hinter alle Schranktüren und durchkramten – vorsichtig, ganz vorsichtig – die Kästen unterm Sofa und die Schubladen im Schlafzimmer meiner Eltern. Wir waren schnüffelnde Spurensucher auf der Jagd nach den versteckten Weihnachtsgeschenken.
Nachdem wir nämlich herausgefunden hatten, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt, erklärten wir das Geschenkeaufspüren in der Adventszeit zu unserer Passion. Sehr zum Ärger meiner lieben Frau Mama, die in jedem Jahr erneut ein Versteck in der viel zu kleinen Wohnung suchen musste, das doch immer wieder von uns gefunden wurde, wie ihr verräterische Schokoladenfingerabdrücke oder sehr ungeschickt zurückgelegte Kleiderstapel erzählten.
Ich mag mir ihre Enttäuschung gar nicht vorstellen, wenn sie freudig etwas Schönes für ihre Mädchen gefunden hatte, das aus irgendeinem Grunde aus dem öden Plansollwarenangebot der ehemaligen DDR, die sich ja auch nicht entblödete Weihnachtsengel geflügelte Jahresendzeitfiguren zu nennen, herausstach, und dieses Besondere dann bis zur Bescherung verwahren wollte, um es uns auswickeln zu sehen während sich unsere kleinen Münder zu einem freudigen Oh formen und unsere Augen Sternen gleich strahlen würden.
Das mussten wir dann am heiligen Abend spielen. Unter den Argusaugen unserer Mama, die uns nicht verraten hatte, dass sie wusste, dass wir wussten, sondern uns die freudige Überraschung aufführen ließ. Wir befürchteten erst, dann ahnten und schließlich erkannten wir siedend heiß, dass sie unser Spiel durchschaute. Oh, wie bitter brannte die gerechte Scham in unseren Herzen unterm geschmückten Tannenbaum.
Warum taten wir es dann aber im nächsten Jahr wieder?
Ich weiß es nicht. Es war vielleicht dieser Kribbel aus Jagdfieber und erwartungsvoller Vorweihnachtszeit. Dieses „Ob es schon Zeit ist?“ oder das „Hast du gesehen, sie trug heute einen großen Beutel nach Hause und ist gleich im Schlafzimmer verschwunden?“ Nach den versteckten Geschenken zu suchen, gehörte einfach dazu.
Und wie groß war die Freude, wenn wir doch nicht alles entdeckt hatten, wenn es doch noch eine echte Überraschung gab, etwas, das wie vom Weihnachtsmann gekommen war, das wir nicht gefunden hatten, weil wir es vielleicht nicht einmal zu wünschen gewagt hatten.

Wie sehr unser Verhalten meine Mutter ärgerte, enttäuschte, vielleicht sogar verletzte, kann ich nur ahnen. Ich weiß aber, wann es aufhörte. Das war 1982. Aus irgendeinem Grunde hatte die Regierung beschlossen, das jährliche Plansoll an Schokoladenwaren wäre bereits im Sommer erfüllt gewesen. Es gab keine Weihnachtsschokolade. Ich war damals für die kleinen täglichen Einkäufe zuständig. Als ich vom Schokoladenmangel hörte, machte ich das zu meiner Mission: Ich würde dafür sorgen, dass meine Familie am heiligen Abend ein Stück Schokolade essen konnte.
Wann immer sich über den Herbst irgendwo lange Schlangen bildeten, ich stellte mich hinten an. Es konnte sich am anderen Ende nur um den Verkauf von Weihnachtsschokolade, Orangen oder Mohrenköpfen handeln. (Mohrenköpfe kaufte ich übrigens nie, ich war mir unsicher, was das eigentlich sein sollte.) In wie weit meine Familie überhaupt mitbekam, in welcher selbst erklärten Lage ich mich befand, weiß ich nicht. Aber als ich mir zu überlegen begann, wo ich die eventuell aufgespürte Schokolade bis zum Fest verstecken könnte, war der Zauber plötzlich gebrochen. Das war irgendwie schlimmer, als die Wahrheit über den Weihnachtsmann.

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Ich habe die Socken schon an – Es ist kalt, doch das Kind trägt Sommer


Heute haben wir den 3. Dezember. Seit einigen Tagen ist es nun kalt geworden. Doch noch, muss man sagen, in diesem wärmsten aller Jahre seit Anbeginn der Wetteraufzeichnungen. Ich gebe zu, das ist verwirrend. Trotzdem. Es gibt da ein Phänomen, welches ich schon so lange beobachte, da ich Kinder habe, und das ich bis heute noch nicht verstanden habe: Kinder, Jungs, zumindest mein Sohn zieht sich nicht gerne warm an.

Vorgestern brachte ich das Altpapier runter. Die Tonne war gerade geleert worden und stand darum auf der Straße. An der deshalb leeren Stelle in der Hofeinfahrt lag eine schwarze Jacke. Die Jacke, die mein Sohn angeblich seit Tagen draußen trug. Erschüttert blieb ich davor stehen. Wie lange lag sie da schon? Die Tonne wird alle 2 Wochen geleert. Etwa solange bestand ich auf die warme Jacke, wenn mein Kind das Haus verließ. Die ersten 3 Tage gab es deswegen lautstarke Diskussionen. Danach nicht mehr. Danach hatte er sie hinter der Altpapiertonne versteckt.
„Zieh bitte die warme Jacke an.“
„Hab ich.“
Tür zu.
Ich stehe nicht neben unserer Wohnungstür und überprüfe, ob mein Sohn eine Jacke trägt beim Gehen und Kommen. Wer friert denn schon gerne freiwillig? Und vor allem: Warum?

Ich nahm das klamme, feuchte, schwarze Ding mit hoch in die warme Wohnung.
„Brauchst du eine neue Winterjacke?“, fragte ich den Heimkehrenden und beobachtete heimlich, wie er versuchte, beim Antworten nicht mit den Zähnen zu klappern.
„Nö, wie so? Ich hab´ doch die schwarze.“

Vielleicht sind Jacken per se uncool, dachte ich. Aber eine schnelle Überprüfung (in unserer Straße liegen 2 Gymnasien) brachte keinerlei Beweis für diese These.
Was war es also dann?

Ich erinnerte, dass das schon immer Thema war. In jedem zur Neige gehenden Herbst musste ich schließlich die Bermudashorts verstecken, damit mein Kind gezwungenermaßen in der morgendlichen Eile zu den langen Hosen greifen musste. Der Abschied von den Sommerklamotten ist jedes Jahr ein schmerzhafter und langwierig bis zum ersten Schnee.
Vielleicht weil dünne Shirts und kurze Hosen einfach leichter sind, weder auftragen noch kratzen, Bewegungsfreiheit gewährleisten und von besseren Zeiten erzählen? Oder ist das Anziehen selbst eigentlich etwas ganz und gar Unnatürliches und daher Unangenehmes? Das ließ mich mein Kind zumindest von Anfang an glauben. Ganz besonders Jacken und – nicht zu vergessen – Socken scheinen Höllenqualen zu bedeuten.


Ich habe ein Foto meines noch kleinen Sohnes. Sauer und aufmüpfig schaut er in die Kamera. Die dahinterstehende Mutter musste sich das Lachen verkneifen. Denn gerade hatte er ihr folgende Worte um die Ohren gefeuert: „Ich habe meine Socken schon an!“ Einen grandiosen Witz hatte er jedenfalls  immer.

Heute liegt draußen sogar Schnee. Das ist sichtbare Kälte. Vielleicht ist das eventuell Jackenwetter?

Samstag, 22. November 2014

Leseförderung und die Wahrheit: Zum Lesen zwingen, kann man niemand, aber ...



Ich könnte immer wieder vor mich hinlachen, wenn ich an die Episode einer Lesenacht denke, die mir mein Sohn einst erzählte.
Alle Kinder der damals Vierten hatten es sich in ihren Schlafsäcken auf dem Boden des Klassenzimmers gemütlich gemacht. Wir Eltern hatten für ein leckeres Büffet gesorgt und jedes Kind sollte sein Lieblingsbuch vorstellen. Schließlich war ein pfiffiges Kerlchen an der Reihe, das gemeinhin nur tolle Noten schrieb. Der Kleine las allerdings nicht so gerne. Trotzdem hatte er ein buntes Buch dabei und die Kinder erwarteten gespannt seine Lesung.
„Zack! Bum! Bäm! Wusch! Zaperlap! Zaperlip!“ Dazwischen etwas Dialog.
Die Zuhörer konnten es sich nicht verkneifen, in Gelächter auszubrechen, obwohl das streng verboten war. Schließlich warf der kleine Vorleser das LTB Taschenbuch wütend in die Ecke.
Dabei finde ich die Lustigen Taschenbücher wunderbar. Sie haben zwar wenig Worte dafür jedoch eine gehobene Ausdrucksweise. Mein Sohn verschlang sie, sobald er lesen konnte. Darum aß er auch nicht, sondern speiste, und er erfragte immer wieder geschichtliche Details unserer Wirklichkeit, die er in ähnlicher Form schon durch die Vorfahren Entenhausens erfahren hatte. Allerdings kann man LTBs tatsächlich nicht vorlesen. Andere Bücher hatte der Junge aber nicht. Er laß eben einfach nicht gerne.

Nach hunderten Lesungen, die ich Kindern gab, kann ich sagen, er ist damit nicht alleine. Irgendwo hörte ich einmal, etwa 10 % der 10jährigen Jungs würden lesen. (Im Gegenzug zu 90% lesender Mädchen.) Ob diese Zahlen stimmen, weiß ich nicht, aber meine Erfahrung zeigt ganz deutlich: Spätestens bei Lesungen ab der 5. Klasse trennen sich die Geister. Man spürt, dass das Buch längst durch Handys, Playstations und Computer ersetzt wurde. Die Fähigkeit bei einer Lesung stille zu sitzen oder gar aufmerksam zuzuhören, nimmt rapide ab. Versuchen sich die Kinder der Gymnasien noch vorbildlich und wohlerzogen zu benehmen, pfeffern einem die Hauptschüler ehrlich ihre Meinung um die Ohren.

Ich finde das nicht schlimm. Viele Kinder lesen nicht gerne und finden es langweilig, vorgelesen zu bekommen. Punkt. Da ändert auch die sogenannte Leseförderung nicht zwangsläufig etwas dran.
Ich versuche darum, die Kids mit wilden Grimassen, extra lustigen (nicht zu langen) Stellen, mit verstellter Stimme, mit einem anschließenden Quiz mit kleinen Preisen und lautem Jubeln aus der Reserve zu locken. Das klappt zu 99% auch supergut. Dafür knallt das eine Prozent dann extra hart rein. Denn obwohl ich es toll finde, wenn die Kids ehrlich sind, obwohl ich es akzeptiere, wenn Bücher für manche überhaupt keine Rolle spielen, bedauere ich es doch sehr, wenn man sie schon mit 10 Jahren für das Buch verloren hat oder gar niemals hatte. Lesungen vor solchen Kindern strengen mich psychisch und stimmlich sehr an. Denn ich versuche es natürlich trotzdem. Gerade dort.

Ich kann mir jedoch noch so viel Mühe geben und einem Derwisch gleich tanzend und jubelnd das Leseerlebnis feiern, Kinder, denen nie gesagt wurde, wie wunderbar Bücher sind und dass es lohnt, sich durch die schwiergen Anfänge des Lesens (ja, manchmal auch) zu quälen, werden mich immer nur mit offenem Munde anstarren, mich für bekloppt halten und sich dann wieder ihrem Nachbarn oder irgendeiner Sache in ihrer Tasche oder vor dem Fenster zuwenden.

Das Wort bildungsfern klingt ganz, ganz schlimm, aber es bezeichnet vielleicht am diplomatischsten eine Tatsache. Kindern aus solchen Familien wird weniger vorgelesen und es werden ihnen auch viel seltener Bücher gekauft. Dass sie eine Liebe dazu entwicklen sollen, scheint ohne etwas Aktion und Jubel beinahe unmöglich.
Und dann sind da eben noch jene, die einfach nicht gerne lesen und vom Buch per se nichts halten. Die vermag sicher auch ich nur zu einem Bruchteil vom Gegenteil zu überzeugen. Aber ich bin zumindest ein Versuch. Ein Versuch der unter die Rubrik Leseförderung fällt und zumeist von Sponsorengeldern bezahlt wird.
Doch die können völlig verschwendet sein, und das vielleicht an Orten, wo sie gerade hätten nutzen können, wenn man einer völlig unvorbereiteten Klasse einfach einen Autoren vor die Nase setzt. Der ist dann schlicht und nix anderes als die Freistunde.
In leseunwilligen und buchfernen Klassen würden nur die Kids, die sowieso schon lesen, sich nach einer Autorenlesung ein weiteres Buch aus der Bibliothek holen. Vielleicht noch zwei drei mehr, wenn ich total heiser, völlig erschöpft und am Ende meiner Kräfte nach Erzählen, schauspielerischer Darstellung der spannensten Buchpassage, Quiz und ausführlicher Fragerunde voll sprühenden Witzes aus dem Klassenzimmer wanke.

Nein, so geht es nicht! Gewisse Dinge benötigen der Vorbereitung. Zum Beispiel durch einen selbst begeisterten Lehrer. Wenn ich vor oder zwischen den Lesungen unbemerkt im Lehrerzimmer sitze und Zeuge von ärgerlichen Ausrufen werde wie „Jetzt haben wir heute auch noch die blöde Autorenlesung! Wie sollen wir denn da den Lernstoff schaffen! Nächste Woche schreiben wir die Arbeit!“, dann möchte ich am liebsten schreien und weinen zugleich. Himmel, die haben unsere Kinder unter ihren Fittichen!
Wie sollen sich Kinder denn über etwas freuen, von dem sie gar nicht wissen, dass es erstens passieren wird und zweitens, dass es schön sein kann?


Dabei wäre eine Vorbereitung so einfach:
Man könnte sich zusammen auf die Lesung als etwas Schönes und Besonderes freuen.
Der Autor könnte im Unterricht zuvor vorgestellt werden. Die Kinder könnten vielleicht kleine Steckbriefe anlegen und gemeinsam spannende Fragen vorbereiten.
Das Buch könnte vorgestellt werden, vielleicht sogar schon etwas angelesen werden. Auf alle Fälle muss es (zumindest nach der Lesung) in der Klassen- oder Schulbücherei zur Verfügung stehen.

Sonderpunkte (die mir jedes Mal die Tränen in die Augen treiben) sind:
Alle Kinder würden gemeinsam den Leseplatz mit Stuhl und Tisch, Wasser, vielleicht einigen Blumen oder Keksen vorbereiten.
Die Kinder könnten zum Dank ihr Klassenlied singen oder selbst ein kleines Gedicht vortragen oder auch ein kleines gemaltes Bild schenken.

Ich bin der festen Überzeugung (und ich habe es unzählige wunderbare Male erlebt), wenn Kinder in die Vorbereitung integriert werden (überhaupt, wenn die Lesungen vorbereitet werden) und wenn Vorfreude vermittelt wird, dann wird eine Lesung immer ein Erfolg. Ganz bestimmt die meinen (das kann ich ohne eingebildet zu sein sagen), denn ich gebe mir (so wie die meisten meiner Kollegen) sehr viel Mühe und habe einen guten Draht zu den Kids. Sicher werden danach nicht alle freudig zum Buch greifen. Manche Kinder lesen eben einfach nicht gerne. Punkt. Aber sie werden sich an ein schönes Erlebnis erinnern.


Mittwoch, 12. November 2014

In der Liebe soll alles erlaubt sein – oder: Ist Frau Herden ein Freak?



Letztens erzählte mir ein Exfreund, ein anderer meiner Exfreunde hätte ihm mal eine ziemlich verrückte Geschichte über mich erzählt. Demnach hätte ich mir an einem denkwürdigen Abend die Haare abgeschnitten, sie in eine Schale gelegt und quasi zeremoniell verbrannt, während er versuchte, seine Geburtstagsparty zu schmeißen. Alle Gäste seien jedoch geflohen.
Im ersten Moment musste ich ob der Absurdität lachen. So etwas esoterisch Angehauchtes würde ich niemals tun. Haare in einer Schale verbrennen, also echt! Außerdem weiß man doch, dass so ein Geruch tagelang in der Bude hängen bleibt und ich hasse es ja schon, wenn man am nächsten Morgen noch das gebratene Steak des vorangegangenen Abends riechen kann.

Doch dann begann ich zu grübeln. Nicht darüber, warum sich zwei meiner Exfreunde Geschichten über mich erzählen, obwohl es das sicher auch wert gewesen wäre, sondern ob es nicht sein könnte, dass diese Sache tatsächlich passiert war. Ehrlich gesagt, ich wurde immer unsicherer.

Ich neige zur Hysterie, das gebe ich unumwunden zu. Alles andere wäre ja auch albern, immerhin gibt es Zeugen. Ich erinnere einige sehr, nun ja, kindische Handlungen meinerseits im Namen der Liebe.
Die allererste davon war, als ich mit schwarzer Farbe und einem sehr breiten Malerpinsel „Ich hasse Fußball!!!“ über die gesamte weiße Wand im Zimmer meiner ersten großen Liebe schrieb, weil die nicht nur selbst spielte sondern auch noch Fremdspiele anschaute und die Kinder des Vereins trainierte. Damals war ich fünfzehn und hatte verdammt viel Zeit, das muss man verzeihen, finde ich. Außerdem war es sehr lehrreich, als der riesige Schriftzug auch nach dem fünften Mal Überstreichen wieder durchkam.

Einmal erzählte ich selbst solcherlei Erlebnisse einem späteren Freund. Daraufhin begann er zu hoffen, eines Tages vielleicht auch Ziel solcher emotionalen Ausbrüche zu sein, denn dann würde ich ihn ja so sehr lieben, wie ich nur konnte und wie die anderen vor ihm. Als es dann endlich so weit war, weinte er. Vor Freude, wie ich hoffte. Obwohl er dazu eigentlich keinen Grund hatte. Er hatte im Vorfeld dermaßen mit meinen Gefühlen gespielt, dass die sich volle Lotte Bahn brachen, als er das Skiurlaubszimmer im einsamen Bergdorf endlich Richtung Kneipe verlassen hatte. Ich wusste um seine Schwächen: Er hasste es, sich nicht rasieren zu können oder trockene Haut zu haben und liebte seine Schuhe. Also leerte ich den Rasierschaum im Waschbecken aus, zerbrach alle Rasierklingen und schmiss sie hinterher, dann drückte ich den kompletten Inhalt seiner Bodylotion in die teuren Lederschuhe. (Wozu er die überhaupt mit hatte, hatte ich sowieso nicht verstanden.) Irgendetwas schrieb ich auch noch an den Spiegel, das ist mir aber entfallen.
Nur eine Minute später tat mir sehr leid, was ich getan hatte. Eine liebe Freundin half mir, das Ganze wenigstens ein bisschen wieder in Ordnung zu bringen. Er nahm es im Großen und Ganzen mit Humor und schenkte mir drei Wochen später eine „Ärgerbox“ zu Weihnachten: ein Schuhkarton gefüllt mit Rasierschaum, Bodylotion und Rasierklingen. Ich fand das unheimlich süß. Damals war ich siebzehn.

Es gab andere dumme Sachen, die ich aus lauter Liebe tat, und die mit den Jahren immer ausgefeilter und zum Teil auch spektakulär waren. Die möchte ich hier jedoch nicht weiter erörtern. Aber das Abbrennen meiner abgeschnittenen Haare in einer Schale?

Eines Nachts schnitt ich mir tatsächlich mal ganz spontan die Haare ab. Ich war verzweifelt, es hatte einen schlimmen Streit oder eine andere Verletzung und etwas zu viel Wein gegeben, und ich weinte vor mich hin. Dennoch musste ich mal zur Toilette. Als ich vor dem Spiegel stand und mein verheultes Gesicht anstarrte, wurde ich sehr wütend über diese Frau da drin. Wie die überhaupt aussah! Ich griff zur Schere. Danach war die Frau im Spiegel noch immer verheult, hatte aber zusätzlich eine sehr hässliche Frisur.
Doch die Haare dann abbrennen? In einer Schale? Womöglich eine für den Salat oder aus Edelstahl? Plastik wäre ja ziemlich dumm und mit überbordender Emotionalität nicht mehr zu entschuldigen gewesen. Außerdem weiß ich ganz genau, dass ich niemals einen Geburstag mit diesem Exfreund feierte. Wir zelebrierten nämlich eine Sommerliebe und er wurde dareinst im Winter geboren.

Trotzdem. Es ist irgendwie gruselig, dass man mir Geschichten einreden könnte, die ich angeblich erlebt habe, weil ich mich nicht mehr an alles und jedes ganz genau erinnern kann.
Ich sollte dringend mit meinen Memoiren beginnen.

Sonntag, 9. November 2014

Crunch aus Nüssen, Haferflocken und Honig

In der Nähe des Hauses meiner Eltern steht ein großer Nussbaum. Darum haben wir jeden Herbst einen großen Sack Walnüsse. Heute fand ich den vom letzten Jahr unterm Küchenschrank wieder. Ich knackte eine und stellte beglückt fest, die Nüsse sind noch astrein und köstlich. Also machte ich ein schnelles Crunch daraus.


Dafür braucht man:

Nüsse, etwas zerkleinert / kernige Haferflocken (so viele man mag) / Honig (entsprechend der Nuss- und Flockenmenge / Kardamom, gemahlen / Zimt, gemahlen

So geht´s:

In einer Pfanne bei mittlerer bis hoher Temperatur die Nüsse rösten. Unbedingt dabei bleiben und rühren, sonst brennen sie ratzfatz schwarz. Temperatur etwas zurückstellen auf mittlere Hitze. Die Pfanne vom Herd nehmen und die gelösten Nusshäutchen wegpusten. Pfanne auf den Herd zurück stellen. Haferflocken dazugeben. Kardamom und Zimt unterrühren. So viel Honig darüber gießen, dass die Mischung im Honig schmurgelt, aber nicht darinnen ertrinkt. Nach ca. 2 bis 3 Minuten Schmurgeln die Masse auf Alufolie gießen. Auskühlen lassen und in Stücke brechen. Diese kann man nun gleich aufessen oder in einem verschließbarem Glas aufheben.


Man könnte auch ein nettes Dessert mit zaubern. Dazu griechischen Joghurt mit Vanillepaste und braunem Zucker verrühren. In eine Schale geben. Papayastücke darauf verteilen und mit Crunch bestreuen. Köstlich!

Mittwoch, 29. Oktober 2014

On Air – Frau Herden und ihre Stimme



Als ich das erste Mal meine eigene Stimme hörte, ging für mich die Sonne unter. Ich wusste längst, dass ich sehr laut sprach. Immer wieder war ich darüber ermahnt worden. Besonders von meinen Eltern. Am peinlichtsen war es jedoch, als ich einmal mit meiner Lieblingslehrerin in der dritten Klasse nach Hause lief, sie hatte einen ähnlichen Weg, und ich ihr ganz beseelt irgendetwas sehr Intimes erzählte. 
„Antje, ich laufe doch direkt neben dir. Die Leute in der Kaufhalle (ca 2 km weiter vor uns) wollen deine Geschichte sicher nicht hören.“ 
Einige Sekunden lang dachte ich, vor Scham für immer verstummen zu müssen.
Damals fand ich dann aber Trost darin, dass ich meine Stimme gar nicht misstönend sondern als ganz angenehm empfand. Doch dann hörte ich sie das erste Mal. Im Radio. Ich war zehn Jahre alt und wollte tatsächlich nie wieder sprechen.

Dabei hatte sich alles sehr aufregend angelassen. Das Radio wollte kommen und die Kinder der Verkehrs-AG der Nikolai Ostrowski Schule in Magdeburg interviewen. Wie ich eigentlich in die Verkehrs-AG gerutscht war, weiß ich nicht mehr. Obwohl, das stimmt nicht. Es war nämlich wie immer. Man musste sich irgendeine AG auswählen. Ich schwankte unentschlossen zwischen Irgendwas mit Malen oder Schulgarten hin und her, als ich zufällig erfuhr, dass der heimlich Angebetete zur Verkehrs-AG strebte. Ich war schon immer dieselbe und darum ratzfatz auch dabei.

Drei Kinder wurden ausgewählt fürs Radio sprechen zu dürfen. Darunter ich. Stolz wie Bolle kam ich an diesem Tag in die Schule, zappelte die Unterrichtsstunden weg und richtete immer wieder mein Pionierhütchen, das ich extra aufgestzt hatte. Es war immerhin ein denkwürdiger Tag im Sinne unseres Vaterlandes. So etwas beging man im weißen Hemd, blauem Rock, Halstuch und eben dem Hütchen. (Ganz ehrlich weiß ich gar nicht mehr, woher dieses Bild in mir aufsteigt, denn eigentlich besaß ich weder den blauen Rock noch das Hütchen. Egal. Es passt.)

Am Nachmittag scharrten wir uns dann im Schulhof um das puschlige Mikro und jeder von uns drein durfte sein Sprüchlein aufsagen. Ich erzählte etwas von der enorem Wichtigkeit der Verkehrs-AG, um kleinen Kindern und auch verdattelten alten Leuten im gefährlichen Straßenverkehr helfen zu können. Wie es meine Art ist, schummelte ich noch zwei drei Sätze mehr als abgemacht hinzu und schrie sie vor lauter Begeisterung den Radiomenschen um die Ohren. 
(In Erinnerung meiner selbst als Kind (unendlich lang, unendlich dünn, unendlich laut, ständig von allem begeistert und aufgeregt, aber unendlich schüchtern und unsagbar unsicher) möchte ich mich in einem fort selbst in den Arm nehmen und trösten.)

Einige Tage später umringten wir gemeinsam ein Radio und lauschten dem Beitrag. Ich wurde immer enttäuschter, mein Herz zog sich schließlich vor Traurigkeit zusammen. Die ganze Zeit redete da eine mit sehr lauter und irgendwie besserwisserischer Stimme und ließ den anderen gar keine Zeit, auch mal etwas zu sagen.
„Die haben meine Sätze rausgeschnitten“, flüsterte ich, den Tränen nahe. „Die fanden wohl nicht gut, was ich gesagt habe.“
„Spinnst du!“, riefen die anderen. „Du redest doch die ganze Zeit.“

Warum ich ausgerechnet heute über das Radio schreibe, hat eine Bewandnis: Nachher, um 12.05 Uhr gibt es auf hr2 Kultur die Sendung Doppelkopf. „Interessante Zeitgenossen - Menschen, die etwas zu sagen haben, unterhalten sich 50 Minuten lang mit einem Gastgeber über ihre Arbeit und ihr Leben”, heißt es da. Der interssante Zeitgenosse bin heute ich.

Dienstag, 28. Oktober 2014

Unterwegs – Frau Herden auf dem LirumLarumLesefest in Freiburg



Um es mal gleich vorweg zu nehmen: Ich bin ziemlich enttäuscht von den Kulturdamen Freiburgs. Die haben sich nämlich in die hübschen Köpfe gesetzt, niemals denselben Autoren ein zweites Mal zum LirumLarumLesefest einzuladen. Na, toll! Ich war schon da und das solls jetzt gewesen sein?
Es war nämlich schlicht und einfach richtig, richtig schön. Ein Lesefest, das nicht nur die Kinder, denen wir vorlasen, genießen konnten, sondern auch wir Autoren.


Das ging schon mit der perfekten Hotelwahl los. Ich hatte den Eindruck, dass die Stadt Freiburg all die Autoren, die je vorbeikamen, in das charmante Park Hotel Post unterbrachte. Die Zimmer tragen die Namen großer Schriftsteller, das Haus quillt über vor Büchern. Und es gibt dicke Gästebücher, in die man sich trotz liebevoller Aufforderung beinahe nicht getraut, hineinzuschreiben, weil dort schon so viele Menschen des Wortes etwas hinterlassen haben. Zum Teil lustige zum Teil aber auch sehr kluge Dinge. Dass ich auch noch eines meiner Bücher signieren sollte, das nun einen Platz im Buchregal der signierten Bücher der illustren Hotelgäste fand, Himmel, das war mir angesichts der Bücher von Daniel Kehlmann, Marcel Reich Ranicki, Uwe Timm, Paul Maar oder Cornelia Funke beinahe peinlich. Darüber tröstete allerdings der Begrüßungssekt und die stetig gefüllten Schalen mit Schokolade und Obst.



Wie geschrieben, ich bin traurig, dass ich dort wohl nicht so schnell wieder hinkommen werde. Und ich habe noch gar nicht den (freien!) Mittagstisch erwähnt, den wir gemeinsam mit den Kulturdamen und den anwesenden Autoren im Theatercafé einnahmen. Sicher nicht die schlechteste Küche der Stadt, außerdem eine wunderbare Gelegenheit zum gemeinsamen Klönen und Quatschen.


Die fünf Lesungen, die ich in den Tagen gab, haben (wie immer) Spaß gemacht. Vor allem wohl mir. Ich bekam sogar ein schönes Kompliment, ganz unabhängig von meinem Tun.
Denn nach einer der Lesungen und dem anschließenden Quiz mit zwei dritten Klassen ergab sich folgendes Gespräch:
Autorin: "Und hat jemand eine Frage an mich?"
Junge 1: "Ja. Wie ist deine Telefonnummer?"
Autorin: "Öhm..."
Junge 2: "Wie alt bist du?"
Autorin "43."
Klasse: "So alt!"
Junge 3: "Hast du sonst noch irgendwie Familie oder bist du noch alleine?"
Junge 2: "Du siehst aber noch süß aus."







Auch die Stadt Freiburg konnte ich beschauen. Sie gefällt mir. 







Gefallen hat mir auch, dass ich in mehreren Buchhandlungen Displays zum Lesefest entdeckte. So zum Beispiel in der Kinder- und Jugendbuchhandlung Fundevogel in der Marienstraße, dem charmantesten Buchladen Freiburgs übrigens, und in der Buchhandlung Rombach in der Bertholdstraße. Für alle, die das nicht wissen: Das ist nicht immer so. 


Trotz allem Schönen: Einen Wehrmutstropfen gibt es immer auf Lesereisen. Und das ist die große Einsamkeit, die einen nach vollbrachtem Tagewerk, nach lustiger Mittagsgesellschaft und nach einem beschaulichen Spaziergang durch die hübsche Stadt erwartet. Zwei Stunden konnte ich jeweils noch mit Schreiben füllen, bis das Hirn nicht mehr mitdenken wollte. Und dann?
Ich bin niemand, der alleine und im Dunkeln in eine fremde Stadt eintaucht. Weder steht mir der Sinn nach einem Einzeltisch im Restaurant noch nach einem Glas Wein an der Bar irgendeines Clubs. Was also tun? Es bleibt das Hotelzimmerbett und die flimmernde Glotze davor. Das dann gerne auch bis zwei Uhr morgens, weil sich Schlaf in der Fremde so schwer einstellt. Manchmal möchte ich dann ein bisschen in mein Kissen heulen, das ich mir immer von zuhause mitnehme. Aber es hilft ja nichts. Im Gegenteil. Ich bin sogar dankbar, dass ich am nächsten Morgen wieder mit vielen Kindern herumalbern und lachen, dass ich ihnen aus meinem Buch vorlesen und so den Lebensunterhalt für mich und meine Kinder verdienen kann. Und das letztendlich mit meinem Traumberuf. Danke dafür!

Montag, 27. Oktober 2014

Meine große Liebe – New York Style Cheese Cake


Die New Yorker sagen, Cheese Cake war niemals richtiger Cheese Cake, bevor er nicht New Yorker Cheese Cake wurde. Meine Tochter sagte: "Mama, back doch mal wieder den echten New York Cheese Cake."Das tat ich mit Lust.
Unser "echter" ist der von LINDY´S. Er ist unendlich cremig und reich, aber trotzdem etwas "fluffig", also nicht so fest und schwer und dessertähnlich wie beispielsweise der bei Starbucks oder Häagen Dasz verkaufte oder wie die typische "Philadelphia Torte", die manche irrtümlich für amerikanischen Käsekuchen halten.
Das LINDY´S war übrigens DAS Restaurant im Theater District der 1940er Jahre. Hier verspeisten die Schauspieler spät in der Nacht nach ihren Aufführungen süße Desserts. Meistens Cheese Cake. Der wurde sogar im Musical Guys and Dolls besungen. Noch heute gilt LINDY`S als der Ort N.Y.s mit dem besten Käsekuchen.
Ich entdeckte das Rezept einst im New York Cook Book von Molly O´Neill und verliebte mich.
Der Kuchen ist wunderbar. Allerdings hat er zwei Nachteile. Erstens: Man sollte ihn über Nacht im Kühlschrank stehen lassen, bevor man ihn anschneidet (Hilfe! Folter!). Zweitens: Man sollte dringend Gäste haben, um ihn zu teilen. Denn gestern Abend sagte mein Sohn: "Diesen Kuchen darfst du nie wieder backen. Der ist einfach zu köstlich. Man muss so lange davon essen, bis er weg ist."
Also, um es ganz klar zu sagen, Kalorienzähler brauchen hier gar nicht erst weiterzulesen. :-)


Man braucht:
130 g + 3 EL Mehl / 480 g Zucker / die abgeriebene Schale von 2 Limonen / die abgeriebene Schale einer Orange / Vanillepaste (oder das Mark einer Schote) / 5 Eier + 3 Eigelb / 110 g Butter / 4 Familienpackungen Frischkäse a 265 g  (also etwa 1,1 Kg) / 60 ml Creme Fraîche

So geht´s:
1. In einer Schüssel werden 130g Mehl, 60g Zucker, die Schale einer Limone und etwas Vanillepaste zusammengemischt. Dann kommen ein Eigelb und die Butter dazu. Mit dem Mixer daraus einen Mürbeteig herstellen. Den zu einem Ball formen und für eine Stunde in den Kühlschrank legen.

2. Eine Springform buttern oder mit Backpapier auskleiden. Den Ofen auf 200 Grad Celsius vorheizen.

3. Etwas mehr als ein Drittel des Teigs auf den Boden der Form auslegen. Das klappt am besten, wenn man kleine Stücke abreißt, diese mit den Fingern knetet und platt auf den Formboden presst. Beim Ausrollen reißt der Teig gerne und man ärgert sich. Den Boden ca. 12 bis 15 Minuten backen. Herausnehmen und abkühlen lassen.

4. In einer großen Schüssel den Frischkäse, den restlichen Zucker, 3 EL Mehl, Vanillepaste, die Schale der zweiten Limone und die Schale der Orange gut zusammen mixen. Dann die 5 Eier, die 2 verbliebenden Eigelbe und die Creme Fraîche dazugeben und sehr gut mixen. Das Ganze muss eine homogene Masse ergeben und darf keine Frischkäseklümpchen mehr enthalten.

5. Den Ofen auf 270 Grad Celsius hochstellen.

6. Den restlichen Teig wieder mit den Fingern an den Rand der Springform und gegen den schon gebackenen Boden drücken. Dabei darauf achten, dass es keine Löcher gibt.
Nun die Frischkäsemasse einfüllen.

7. Den Kuchen 12 Minuten backen. Dann die Temperatur auf 95 Grad herunterdrehen. Nach einer Stunde den Ofen ausstellen, die Tür etwas öffnen und den Kuchen noch 30 Minuten im Ofen lassen.

8. (Achtung: total gemein!!!) Den Kuchen mehrere Stunden, am besten über Nacht kaltstellen.

9. Gäste einladen und genießen.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Heul doch! – Frau Herden lebt nahe der Wasserkante

Man Ray Larmes Tears

Gestern auf der Autofahrt zu einer Lesung in Bad Wimpfen schob ich eine CD in den Player, skipte auf den zweiten Track, lauschte den ersten Tönen und begann wie ein Schloßhund loszuheulen. 

Wer mich kennt, der weiß, das ist so besonders nicht. Frau Herden ist nahe am Wasser gebaut, sie heult oft und, so könnte man meinen, gern. Stimmt aber gar nicht. Also, das ich das gerne machen würde. Es ist erschöpfend und nicht selten peinlich, wenn es nämlich im öffentlichen Bereich passiert, wie die Architektin in mir sagen würde. Richtig ist jedoch, dass ich sehr, sehr oft weinen muss. 

Das ist genetisch, keine Frage. Als wäre es gestern gewesen, höre ich die belegte Stimme meines lieben Vaters, der uns Kindern Pippi Langstrumpf vorliest. Als die rot bezopfte Superheldin kurzentschlossen ihren Geldkoffer über Bord wirft und hinterherspringt, um doch nicht mit ihrem Papa in die Südsee zu tuckern, sondern um bei ihren Freunden zu bleiben, da kippte meines Vaters Stimme gar noch einige Grade mehr. 
„Papi, weinst du etwa?“, fragte meine Schwester in der ihr eigenen Art. 
„Quatsch, ich habe etwas im Hals und im Auge.“ 
Das hatte er dann auch bei den Toden von Sigismund Rüstig und Nscho-tschi. (Ab dann las ich die Bücher alleine. Aber nicht wegen der Tränen meines Vaters, sonders weil das schneller ging, da ich nicht auf den Abend warten musste.) 

Ich erinnere mich auch an einen sehr berührenden tränenreichen gemeinschaftlichen Moment von Vater und Tochter. Herbst ´89. Wir beide saßen vor dem Fernseher, beobachteten das Fallen der Mauer und ließen unseren Tränen freien Lauf. Sagen konnten wir nichts. 

Es ist also ganz sicher, dieses ständige Gerührtsein, dieses Keine-Luft-mehr-kriegen, diese Klöße im Hals und die nicht aufzuhaltenden Tränen, das wurde mir alles mit in die Wiege gelegt. Doch mit Hilfe von ein wenig Achtsamkeit und strategischem Überlegen komme ich trotzdem ganz gut durchs Leben. Einige Dinge gilt es eben zu meiden – bemützte und eingemumelte Krippekindergruppen auf Winterausflug zum Beispiel, Weltfussballendspiele, Schultheateraufführungen, Menschenketten oder friedliche Demonstrationen – im Prinzip alles, wo sich Menschen in einem gemeinsamen (schönen) Gedanken versammeln oder auch alles, was irgendwie mit Kindern zu tun hat, zumal mit meinen. 

Die CD, die ich mir auf der Autofahrt gestern anhörte, hatte im Postkasten gelegen.


(Vor vielen, vielen Jahren gelang es mir tatsächlich einmal, meine liebe Frau Mama davon zu überzeugen, mir eine BRAVO zu kaufen. Darin las ich einen kleinen Text über ein Mädchen, dass seinem Lieblingspopstar ein selbstgeschriebenes Gedicht verfasst hatte, das dieser dann mit Musik versah und auf einem seiner Konzerte zum Besten gab. Wie wunderbar musste sich das für das Mädchen angefühlt haben? Ich war sehr gerührt und musste mir ein paar Tränchen wegdrücken.
Als junges Mädchen hatte ich selbst eigentlich keine Idole. Weder war ich in einen Sänger noch in einen Schauspieler verliebt. So einen Unsinn machte ich dann erst viel, viel später. Doch als Kinderbuchautorin habe ich einige Helden, die ich für ihre Arbeit und ihre Art sehr bewundere. Andreas Steinhöfel zum Beispiel, Roald Dahl oder Philip Ardagh. Dieser kleine Einschub war jetzt noch wichtig, um das folgende zu verstehen.)

Ich drückte also auf Play.

„Geschichten über die Nacht.
Das Gespenst.
Von Antje Herden.
Gelesen von Andreas Steinhöfel.“ 

(Diese CD mit den vier Siegertexten des SOS Kinderdorf Literaturwettbewerbs eingelesen von Andreas Steinhöfel und für Kinder ab sechs Jahren, findet Ihr am Dezemberheft der ELTERN FOR FAMILY)

Sonntag, 12. Oktober 2014

fbm#14 – mein ganz persönlicher Rückblick auf die Buchmesse

Dass ich mit etwas gemischten Gefühlen nach Frankfurt zur Buchmesse gefahren war, schrieb ich ja schon.
Vor vier Jahren war das anders. Ich hatte von nichts eine Ahnung, freute mich über mein erstes verlegtes Kinderbuch und trank ganz ungeniert am Oetinger Stand Sekt. War ja damals mein Verlag, die mich umgebenden Leute also meine Kollegen. Fröhlich prostete ich in die Runde. Dass niemand zurückprostete, merkte ich nicht einmal. Dann lief das Buch nicht und im Jahr darauf schlich ich unerkannt mit meiner selbst bezahlten Eintrittskarte am Stand vorbei. Einen Sekt traute ich mich nicht zu nehmen. Dabei hätte ich den viel nötiger gebraucht. Ich trank dann später im Zug nach Hause eine kleine Flasche Rotwein, die ich mir am Bahnhofskiosk gekauft hatte, und fühlte mich genauso, wie ich vermeintlich aussah. Erstaunlicherweise war das dann viel besser, als gedacht. Es ging mir nämlich wirklich schlecht. Ich wollte mit diesem ganzen Affentheater nichts mehr zu tun haben.

Nun, drei Jahre später, bin ich eine "renomierte Kinderbuchautorin". Ich hatte auf der Messe verschiedene Termine unter anderem ein Interview und eine Lesung. Das Ticket musste ich dieses Mal nicht selbst bezahlen. Zeit, mit meinen Freundinnen herumzustromern blieb trotzdem.
Viele Menschen sprachen mich an, in den Hallen, zwischen den Gängen, in der U-Bahn. Sie hatten mich erkannt und waren nett, sprachen meiner Mittwochskolumne, meinen Texten im facebook, meinen Büchern Komplimente aus. Das war sehr spannend. Es ehrte mich. Es überforderte mich schließlich etwas, ich plaudere ja nicht gerne. Trotzdem. Danke, danke dafür.
Ich traf einige Kollegen auf ein Wörtchen, manche nur auf ein Winken oder einen Drücker. Wichtig war alles. Einfach um glauben zu können, dass diese Leute echt und nicht nur vom facebook ausgedacht sind.
Ich trug sogar ein Kleid. Das funktionierte ganz gut. Ich glaube, manche Herren lächelten auch, obwohl sie nicht wussten, wer ich bin. Aber das schmeiße ich jetzt einfach mal vermutend in die Runde.

Trotz allem, das Schönste aber waren die beiden Abende. Der erste brachte Punsch bei Beltz (auweia) und am zweiten formierten wir die Aperitif-Gruppe, als alles und ich komplett erledigt war. Zusammen mit meiner Agentin Christiane Düring und Petra Hermanns von scripts for sale und den Autorinnen Antje Babendererde und Irmgard Kramer machten wir genau das, was unser Gruppenname versprach: Wir nahmen zum Abschied einige Aperitifs. Und wir lachten. Wie verrückt. Mädels, das machen wir im nächsten Jahr wieder.

Und hier noch einige Schnipsel:

Auf dem Hinweg gehört und quasi sofort visuell bestätigt bekommen: "Natürlich gibt es auch diese mittelalterlichen Buchhändlerinnen mit Brille, so wie wir. Aber es liegt doch auch eine wahrhaft intellektuelle Atmosphäre in der Luft."


Halle 4.1, Stand E79 / Das Magazin. (Als Ossikind ist mir Das Magazin Lebensbegleiter, es lag immer in unserer Bude herum, später wurde ich selbst Abonnentin, noch später machte ich meine Freundin Meike zu einer solchen.)
"Ach, guck mal, das Magazin", sagte ich und wir blieben stehen.
Der große, gut aussehende Herr, der uns ansprach, ist einer der Verlagsleiter und heißt Till Kaposty-Bliss. Das wusste ich aus dem Heft. Auch dass er der Größte im Verlag ist. Er bot uns eines der Magazine zum Kennenlernen.
"Herzlichen Dank, das brauchen wir nicht. Wir sind begeisterte Abonnentinnen."
"Abonnentinnen? Hier im tiefen Westen? Kommse rein! Kommse rein!"
Dann wurden wir mit Gebäck, Getränken und Geschenken verwöhnt. Nicht nur darum: Das Magazin, wirklich eine Freude, wenn es im Postkasten liegt.


Kruso gewann den Buchpreis, da blieben wir natürlich stehen, als wir den Autoren von einem FAZ Mitarbeiter interviewt sahen. Ich vermute, es war der Sohn einer Redakteurin oder ein Praktikant. Und ich bin leider jemand, der sich sehr fremdschämt. Meine Freundin Meike auch. Wir mussten schnell weitergehen. Schade. Herr Seiler sagte nämlich schöne Dinge, wie zum Beispiel auf die Frage nach der Authentizität der Romanfiguren: "Beim Schreiben braucht man die authentischen Details, um sich seines Materials sicher zu sein." Siehste, sage ich auch immer, nur etwas anders: "Wer schreiben will muss erst mal was erleben."


Bei den Finnen waren wir auch. Ich glaube, es ist schön, ein finnisches Kind zu sein. Trotz der winterlichen Dunkelheit.




Ich habe mich über alle gefreut, die zu meiner Lesung ins Spiegelzeit auf der Agora kamen. 
Hinterher wollten mich zwei Herren mit sehr großen Objektiven unbedingt fotografieren. Sie suchten sich dazu sehr vorteilhafte Details: der eine benutzte ein Fischauge, das er sich am Sigma Stand geliehen hatte, der andere stellte mich vor den roten Sonnenuntergang einer Teewerbung, die außen am Lesezelt klebte. Beide behaupteten, sie wüssten, wer ich sei. Falls jemand mal diese seltsamen Fotos irgendwo entdecken sollte, sagt mir bitte bescheid. (Was wollen die damit nur?) 



Nun ja, der Punsch des ersten Abends, den ich zusammen mit meiner Freundin, der Kinderbuchautorin Manuela Olten, und mit Sophie Härtling, der Programmchefin der Kinderbücher bei Rowohlt, trank. Beide sind dafür verantwortlich, dass ich heute diese "renomierte Kinderbuchautorin" bin, weil sie mich gemeinsam durch die richtige Tür schoben. Dafür bin ich ihnen sehr, sehr dankbar. Mädels, hoch die Tassen, aber das Obst lieber nicht mitessen!


Dienstag, 7. Oktober 2014

Gesellschaftliche Events – Frau Herden scheitert kläglich (nicht nur am Smalltalk)



Normalerweise sitze ich zu Hause am Rechner und schreibe. Oder ich lese irgendwo in der Republik vielen Kindern vor. Dorthin fahre ich mit dem Zug und gucke mir dabei die vorbeiziehende Landschaft an. Manchmal liege ich gemütlich und lese Bücher von anderen. Meistens jedoch bin ich in Gedanken, eigenen Geschichten und inneren Dialogen verstrickt.
So ist mein Leben und so geht mein Beruf. Ich muss mir dafür keine elegante oder sonstwie aussagekräftige Kleidung kaufen, ich habe weder wichtige Geschäftsessen zu bestreiten noch zelebriere ich Weihnachtsfeiern mit Kollegen und meine Büro-Teeküche heißt Facebook (Kenner wissen, das habe ich bei Herrn Bertram geklaut). Nicht nur das Geschichten Ausdenken und mit 100 Kids Krawall Machen liegt mir also im Blut, sondern auch dieses Zurückgezogene, diese kleine Freiheit, nicht an gesellschaftlichen Konventionen teilnehmen zu müssen. Ich kann das auch gar nicht. Im Speziellen meine ich hier: Ich weiß nicht wie man smalltalkt.

Himmel, welch furchtbare Vorstellung: mit Menschen zusammenzustehen und über Stunden in vielen freundlichen, nicht länger als 120 Sekunden andauernden Beiträgen über Nichtigkeiten zu plaudern, die niemanden intellektuell überfordern können (so will es der Smalltalkknigge). Das ist meine Sache nicht, obwohl ich das Wort plaudern ganz bezaubernd finde.
Ich möchte soagar behaupten, nicht einmal die etwas weiterentwickelte Form, das Reden mit Bekannten über die Kinder, das Büro, den letzten Urlaub und die ersten Zipperlein will mir so recht gelingen.
Ich mag es indess, mir eine Flasche Wein zu schnappen und mich mit einem oder auch zwei oder drei Gesprächspartnern, gerne mir völlig Fremde, in eine Ecke zu verkrümeln, die wir dann stundenlang nicht verlassen, höchstens um eine nächste Flasche Wein zu holen.
Aber dieses etwas haltlose Herumstreunen auf gemeinschaftlichen Treffen wie Geburtstagen, Hochzeiten und anderen Festen, lässt mich zumeist hilflos lächelnd zurück. Darum übernehme ich dann gerne den Küchendienst.

Und nun ist sie also wieder da: die Frankfurter Buchmesse. DAS soziale Event aller Buchschaffenden, auf das sich alle, nach Facebookaussagen, so sehr freuen und vor dem mir doch etwas graust.
Ich stöbere gern durch die Hallen 3 und 4, blättere durch neue Kunst- und Illustrationsbände, schmökere in Kochbücher hinein oder nehme mal ein schönes Kinderbuch in die Hand. Das tue ich am liebsten gemeinsam mit meinen Freundinnen Meike und Manu.
Dazwischen habe ich einige Termine (zwei Interviews, drei Gespräche, eine Lesung im Lesezelt auf der Agora und einen Absacker mit meiner Agentin) auf die ich mich tatsächlich sehr freue. Meine Lieblingskollegen sind leider beschäftigt und haben keine Zeit auf einen Kaffee oder ein Schnittchen, das habe ich schon geklärt. Es könnte also alles gut sein.

Ist es aber nicht. Das geht schon mit der Kleiderfrage los. Denn es wird ein langer ungemütlicher Tag, den ich eigentlich am liebsten in einer bequemen zweiten Haut bestehend aus Jogginhose, Kapuzenjacke und Sneakers verbringe würde. Auf einem Jahrmarkt der Eitelkeiten geht das aber nicht. Nicht weil ich mithalten wollen würde, sondern weil ich peinlicherweise furchtbar auffallen würde. Ein bisschen Anpassung muss sein und damit grummelt der erste Streßfaktor in meinem Bauch herum.

Der nächste Punkt ist die Deutsche Bahn und das in doppelter Hinsicht. Da die Lokführer nichts mehr von der Lokomotivführerehre halten, wie sie Jim Knopf noch erklärt bekommen hat, wollen sie streiken. Soll ich also doch lieber mit dem Auto fahren? Sind dann eventuell die Parkhäuser völlig dicht?
Außerdem: Auweia, das ist doch dann bestimmt DAS Smalltalkthema auf der Messe! Aber darüber möchte ich eigentlich gar nicht reden. Auch nicht über das Wetter oder über „Kruso“ (Deutscher Buchpreis), denn das habe ich nicht gelesen.

Überhaupt bin ich ganz schlecht mit Namen oder Gesichtern. Weder kenne noch erkenne ich die wichtigen Drahtzieher der Branche, die Autoren, die man gelesen haben muss, oder meine Facebookfreunde. Das ist im günstigsten Falle einfach peinlich. Im ungünstigsten hinterlässt es einen extrem arroganten Eindruck. Ich könnte mir da unbemerkterweise richtig etwas kaputtmachen.

Vielleicht könnte ich dem mit der richtigen Kleiderwahl oder doch einem gut ausgewählten Smalltalkthema entgegenwirken. Dazu könnte ich mir kleine Karteikarten mit 120 Sekündern anlegen. Vielleicht tatsächlich über die Deutsche Bahn oder den bösen Amazon. Allerdings müsste ich dann die Lesehilfe aufsetzen, so ein Lupengestell in Brillenform von Rossmann, hinter dem mir aber furchtbar schlecht wird, wenn ich den Blick zu heben versuche.

Die Panik vor dem gesellschaftlichen Event ist stampfend und grölend im Anmarsch.
Falls Ihr mich also am Donnerstag oder Freitag durch die Hallen schleichen sehen solltet, sprecht mich ruhig an. Mein verwirrter Gesichtsausdruck ist gar nicht so gemeint. Ich bin eigentlich sehr nett. Wir könnten gemeinsam an irgendeinem Stand ein Gläschen Sekt mopsen oder kurz über das Leben philosofieren. Gerne in 120 Sekündern.

Freitag, 3. Oktober 2014

Ohne Freiheit verkümmert die Seele – Zum Tag der Deutschen Einheit


Am 17. Dezember 1983 durfte meine Familie das ehemalige Gebiet der DDR Richtung Westen verlassen. Ich war 12 Jahre alt und wusste nicht so genau, ob ich große Angst vor den Drogendealern haben oder mich darauf freuen sollte, endlich einmal einen Marsriegel kosten zu dürfen.

Wenige Wochen zuvor hatten meine Mutter und ich verzweifelt nach Winterschuhen für mich gesucht und keine gefunden. Darüber waren wir beide sehr traurig. „Die alten gehen noch, wenn ich die Zehen etwas einziehe“, versuchte ich uns zu trösten. Da sagte meine Mutter: „Du wirst in diesem Jahr neue Winterschuhe bekommen, das verspreche ich dir.“ Ich blickte über das traurige Angebot und wunderte mich über dieses Versprechen, in dem ein nahezu drängender Unterton geschwungen hatte.

Die nächsten Wochen machte ich mich nach der Schule dann schon mal auf die Suche nach Weihnachtsschokolade für die Familie. Meine Hausarbeit waren die kleineren täglichen Lebensmitteleinkäufe und im Jahr zuvor war ich an der Weihnachtsschokolade gescheitert: Es hatte zum Entsetzen von uns Kindern schlicht keine gegeben.

Dann war mein Vater mit uns wandern gegangen. Keine große Strecke, nur am alten Kanalbecken entlang hinterm Dorf, in dem meine Großeltern lebten.
„Wir werden bald umziehen“, sagte er.
Ich war gerade sehr unglücklich in Löschi verliebt, der aber mit der schönen Michaela zusammen war, und darum wog ich ab, ob das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht war.
„Mami und ich haben einen Ausreiseantrag gestellt, der ist jetzt bewilligt worden. Wir ziehen in den Westen.“
Es war eine schier unfassbare Nachricht.
Dann erzählte mein Vater von den letzten zwei Jahren, wie er sie erlebt hatte, in denen wir nicht mehr reisen durften, er seine Arbeit als Laborleiter der Medizinischen Akademie verloren hatte, in denen wir beobachtet wurden und der Antrag willkürlich zwei oder drei Mal abgelehnt worden war. Ohne Freiheit verkümmert die Seele, sie ist das wichtigste Gut des Menschen und dafür muss man kämpfen, lehrte mich mein Vater. Und niemals, niemals habe ich das vergessen.

Im Gegensatz zu vielen anderen, die eines völlig unabsehbaren Abends erst nach der Arbeit erfuhren, dass sie bis 24 Uhr das Gebiet der DDR zu verlassen hatten, die darum jahrelang aus Koffern in einem Zustand des verzweifelten Wartens und zum Teil unter schlimmer Schikane verbrachten, bekamen wir sechs Wochen Zeit, unser altes Leben zusammen zu packen. Es waren verrückte Tage. Nun durfte ich ja alles allen erzählen und meine Schulfreunde wollten noch mehr hören. Das Ganze war einfach nicht zu fassen. Wir saßen in meinem Zimmer und träumten von Freiheit und Milkaschokolade, ich hoffnungsfroh, die anderen wehmütig. „Du musst uns schreiben, wie diese komischen Brötchen mit Bullette in dem etwas anderen Restaurant schmecken“, sagten sie. Wenn sie nach Hause gingen durften sie jedesmal etwas aus meinem Zimmer mitnehmen. Denn ich durfte das ja nicht. Ein Koffer, hieß es. Dass ich den heimlich noch einmal öffnete, um einen dicken Pulli rauszunehmen und mein geliebtes Knuddelkissen hineinzuschmuggeln, schenkte mir den Trost, den ich später doch hin und wieder brauchte.

Unser Zug verließ den Magdeburger Bahnhof kurz vor Mitternacht und ich wusste, ich würde die Menschen, die mich bis dahin begleitet hatten, meine Schule, die Straße in der ich wohnte, meine Heimatstadt, den Dom, in dessen Chor ich sang, das Schwimmbad, in dem ich beinahe jeden Tag trainierte, den Garten und das Häuschen meiner Großeltern niemals wieder sehen. In Helmstedt stiegen wir um. So weit mich meine Erinnerung nicht trügt, mussten wir dort sehr lange warten, denn viel später, draußen war bereits heller Tag, stieg kurz vor Giessen (dort befand sich das Aufnahmelager, in dem wir die erste Woche im Westen verbrachten) eine Mutter mit ihrem Kind zu uns ins Abteil. Der kleine Junge lutschte genüsslich ein Capri Eis, wie ich heute weiß. Damals starrte ich darauf, bewunderte die seltsam zähe Konzistenz und fragte mich, was das wohl sei.