Samstag, 17. Juni 2017

Die Mutter-Kolumne – Verwöhnen tut nicht gut! Wer sagt das denn?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



Wir hatten nie viel Geld. Aber es gab ja Kinderflohmärkte. Von denen schleppte ich Beutel voller Bücher, CDs, Comics, kleine Spielwelten, Püppchen, Plastikroboter, Legofiguren und Ähnliches ins Zuhause. Erstens bin ich eine Schatzsucherin und zweitens, und noch viel wichtiger, gab es nichts Schöneres, als meinen Kindern eine Freude zu machen.

„Omi sagt, du verwöhnst uns“, meinte das Töchterchen eines Tages.
„Und Opo sagt das auch“, krähte das Söhnchen hinterdrein.
„Wenn Kinder zu sehr verwöhnt werden, dann können sie keine guten Menschen sein. Sie wissen nichts von wertvollen Dingen und verschwenden alles“, ergänzte das niedlich bezopfte Wesen der Kinderschar.
Mein Sohn nickte gewichtig dazu.
Himmel, wenn einem schon die eigenen Kinder sagen, dass man sie zu sehr verwöhnt, dann muss da viel Wahres dran sein. Ich selbst war auch schon etwas unsicher geworden.
Gedankenverloren stieg ich mehrfach über die Schlange aus Playmobilszenerien, Cowboy-Forts, Polly Pocket Häuschen und Legoaufbauten, die sich meterlang durch unsere Wohnung wand. Die Kinder hatten sie tagelang in versunkener Lust aneinandergereiht, glücklich über jede Station und jedes einzelne Figürchen, das sie hinzufügen konnten. Seitdem bespielten sie sie, sobald sie nach Hause kamen. Nun schien diese Spielzeugschlange der anklagende Beweis für mein pädagogisches Fehlverhalten zu sein.

Seufzend strich ich die nächsten Flohmarkttermine aus meinem Kalender. Dann leerte ich die Belohnungskiste. Dabei hatte ich die als eine ganz besonders clevere Möglichkeit des Schenkens eingeführt. Meine Lieben durften sich nämlich jedes Mal etwas herausnehmen, wenn sie etwas gut gemacht hatten. Okay, manchmal auch, wenn sie einfach etwas gemacht hatten. Ihr Zimmer aufgeräumt, zum Beispiel, oder wenigstens die dreckigen Socken neben die Waschmaschine gelegt hatten. Also gut, einen Socken.
Eigentlich wusste ich ziemlich genau, was meine Eltern meinten.

Meine Kinder allerdings nicht. Nur wenige Tage später erlauschte ich zufällig das Gespräch im gemeinsamen Bade.
„Die Belohnungskiste ist ganz leer“, raunte das Söhnchen.
„Ja, das habe ich gesehen“, meinte das Töchterchen.
„Jetzt müssen wir nicht mehr Zimmer aufräumen, wenn wir ein kleines Geschenk wollen“, hoffte mein Sohn.
„Nee. Das kann nicht sein. Ich glaube, wir kriegen keine kleinen Geschenke mehr“, vermutete meine Tochter. „Wir hätten Mama nicht das mit dem Verwöhnen sagen dürfen.“
„So was Doofes“, schimpfte das Söhnchen.
„Wir hätten lieber das andere erzählen sollen, was Omi auch gesagt hat“, überlegte das Töchterchen.
„Du meinst das mit dem Kea... Kreta... Du weißt schon, was ich meine“, fauchte das Söhnchen, wütend über den doppelten Unbill, erst sich die Geschenke vermasselt zu haben und dann das rettende Wort nicht aussprechen zu können.
„Mhm“, machte das Töchterchen. „Dass wir beide so dolle kreativ sind und immer so schön miteinander spielen.“

Mehr musste ich nicht hören. Voller Glück und Liebe hüpfte ich über die Windungen der Spielzeugschlange ins Wohnzimmer und füllte die Belohnungskiste bis zum Rand.

Sonntag, 28. Mai 2017

Alltagsgeschichten #1 – Im Waldsee darf man nicht wellenreiten

„Surfen ist hier nicht erlaubt“, erklärt mir der Junge in der orangenen DLRG-Uniform.
Warum das unfassbar absurd ist, bedarf einer genaueren Ortsanalyse.
Da der Sommerurlaub näher rückt, wollten wir die dafür benötigten Muskelpartien trainieren, und hatten unsere Surfbretter an den Waldsee gekarrt. Die Idee war, mehrmals quer über den See zu paddeln. Zweimal war mir das gelungen. Nun steht also dieser Junge mit seiner zitternden Unterlippe und den unsteten Augen vor mir. Ich beschließe, ihn trotzdem zu siezen.
„Surfen?“, frage ich verblüfft.
Er deutet auf mein Wellenreit-Brett.
„Ach, Sie meinen meine Schwimmhilfe?“, frage ich leider nicht, weil mir so etwas immer erst hinterher einfällt.
„Das da geht nicht“, sagt er.
„Sie haben aber schon gesehen, dass es hier im Waldsee keine Welle gibt, die man surfen kann, und dass das da ...“, ich deute ebenfalls auf mein Board, „... kein Windsurfbrett ist, denn die haben ja Segel und sind auch viel größer.“
„Es steht auf dem Schild. Das darf man nicht“, wiederholt er.
Ich mag diesen See eigentlich nicht. Er ist belagert von grölenden Jugendlichen und anderen Menschen, die gerne laut sind und dabei auch nicht gut aussehen. Jeder mit eigener plärrender Musik, überall rauchende Grills und kleine Feuerchen. Auf dem Weg ins Wasser muss man achtgeben, nicht in zerbrochene Bierflaschen oder Kronkorken zu treten. Über das Wasser jagen sie sich mit riesigen Lufttieren und Matratzen. Schräg gegenüber sitzen die Angler. Als ich ankam hatten sie gerade wieder einmal den großen, uralten Karpfen an der vernarbten Unterlippe an Land gezerrt. Für das hundertste Karpfen-Selfie. Armer Kerl. Doch was soll er tun? Er ist eben ein Fisch und lernt nichts aus seinen Erfahrungen.
„Warum nicht?“, frage ich.
„Es steht auf dem Schild“, zittert der Junge heraus.
Ich schaue ihn nur an. Er guckt beinahe panisch überallhin, nur nicht zu mir.
„Vielleicht weil es gefährlich ist?“, fragt er mich dann.
Wir blicken über den See. Am schmutzigen Badestrand brüllen und tunken sie sich bis kurz vor knapp. Auf unserer Paddelstrecke ganz am Rand ist keine Menschenseele. Allerdings schaukelt dort eine einsame Ente.
„Mhm“, mache ich. „Für die Ente?“, sage ich allerdings wieder nicht.
Irgendwie tut er mir leid. Noch kann ich nicht glauben, dass das hier ernst sein soll. Schon immer sind wir hier gepaddelt. Da war das Kerlchen noch nicht mal geboren.
„Ist das nicht ein öffentliches Gewässer?“, frage ich. „Vielleicht gilt das nur für den Badebereich?“ Das wäre kein Problem. Von dem sind wir sehr weit entfernt.
„Es steht auf dem Schild.“
Ich habe Sorge, dass er gleich zu weinen beginnt.
„Kann ich dieses Schild mal sehen?“
Wir laufen durch herumliegende Flaschen, Dosen, Tüten , Feuerstelln und Lumpen zur Regeltafel. Dort steht etwas von Freizeitgelände, Selbstverantwortlichkeit und zeitweiliger Betreuung durch den DLRG.
„Da steht es“, sagt er und deutet auf einen der Sätze.
„Feuermachen verboten“, lese ich laut.
„Dann da“, flüstert er und zeigt auf einen anderen Satz.
„Müll ist zu vermeiden“, lese ich wieder laut. „Aber vielleicht meinen Sie diesen Satz hier“, helfe ich ihm, „motorbetriebene Boote, Segeln und Surfen sind nicht erlaubt.“
„Ja, genau“, atmet er erleichtert auf.
„Sie wissen aber schon, dass die Windsurfen meinen?“, frage ich ihn.
„Jedes Surfen“, beharrt er.
Inzwischen bin ich doch etwas fassungslos, erkläre es ihm aber trotzdem. „Man könnte hier nur Windsurfen. Zum Wellenreiten braucht man Wellen. Das hier ist ein Waldsee.“
„Es steht auf dem Schild.“
Der Chef des Dreimann-DLRG-Teams beobachtet uns grimmig. Er ist beinahe zahnlos, voller schlechter Tätowierungen, Bierwampe. Ich bin mir etwas unsicher, ob in Seenot geratene Nichtschwimmer hier tatsächlich gerettet werden würden. Leider bin ich mir aber sehr sicher, dass er, hier quasi auf letzter Station mit Macht in seinem Leben, auf keinen Fall vernünftigen Argumenten lauschen würde. Vielleicht hat er auch selbst längst begriffen, dass auf dem Schild nichts davon steht, dass wir uns irgendwie verboten verhalten hatten. Aber das würde er niemals zugeben. Er musste sein orangefarbenes Shirt, seine Ehre und Männlichkeit verteidigen. Vielleicht auch ein bisschen den IQ seiner Truppe. Obwohl ich bezweifle, dass er so weit dachte.
Ich wende mich trotzdem an den ihn, trage vor, was Sache ist.
„Ist verboten“, knurrt er.
„Woher weiß man das?“, frage ich.
„Es steht nicht auf dem Schild.“
Er starrt einem Mädchen im Bikini nach. Leckt sich über die Lippen. Mir wird ein bisschen schlecht.
„Feststoff“, kräht hinter mir der dritte und wippt mit stolzgeschwellter Brust auf und ab. „Alles aus Holz ist verboten.“
„Holz?“, entschlüpft es mir.
Ich hätte sehr gerne ein echtes, altes Board aus hawaiianischen Holz, besitze aber eines aus Resin mit Schaumstoffkern. Meine Tochter paddelte auf ihrer modernen Epoxi-Planke. Beide Bretter hatte ich zuvor einen Kilometer durch den Wald getragen. Eins rechts unterm Arm, eins links. Nur mal so, wegen der Feststoffe.
Ich weiß längst, dass hier nichts mehr hilft. Keine Nachhilfe in Lesen und in das Gelesene Verstehen. Da stehen drei Männer, die stolz ihren Dienst tun. Fertig.
Ich drehe um. Schlängele mich zurück, durch die Massen, die alle Regeln brechen, aber das auf eine sehr verständliche Art und Weise. Ein Surfboard ist wohl einfach zu obskur.
Hilfe, in was für einer Welt leben wir eigentlich, denke ich und hüpfe auf einem Bein weiter, weil ich in eine noch brennende Zigarette getreten war. Na, zum Glück ist die nun aus. Waldbrandgefahr und so. Aber egal.


Freitag, 19. Mai 2017

Die Mutter-Kolumne – Versprechen muss man halten. Ach, ja?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


„Das könnten wir doch vielleicht irgendwann mal machen, oder?“, hatte ich gesagt und auf die schönste Seite des Abenteuer-Kochbuchs gedeutet, das wir gerade gemeinsam anschauten. Camping an einem Flüsschen, Angeln, Wiesenkräuter sammeln, Feuerstelle und köstliche, auf einem Stock gegrillte Fische. Ein richtiger Abenteuertraum.
„Au ja!“, hatten die Kinder gerufen. Beide. Obwohl mein Sohn gar keinen Fisch mag.

Dann passierte das Leben. Es spülte uns leider den ganzen Sommer lang an kein Flüsschen. Eine Angel entdeckte ich auch nirgendwo. Und das Buch fiel mir nicht wieder in die Hände.

Im Herbst saß die Kinderschar, derer zwei plus einiger sie begleitende Kuscheltiere, vor mir auf dem Sofa und schaute mich mit vorwurfsvoll aufgerissenen Augen an. Alle, auch die Kuscheltiere. Auf dem Teppich daneben, halb unter das Sofa gerutscht, lag das Abenteuerkochbuch. Es wirkte wie ein Verräter.
„Du hast uns das da versprochen“, sprach das Töchterchen und tippte mit der Fußspitze dagegen.
„Was man verspricht, muss man auch halten“, krähte das Söhnchen.
Die anderen nickten. Alle.
„Aber ich hatte doch vielleicht gesagt, es war kein richtiges Versprechen“, verteidigte ich mich.
Das ließ die Schar nicht gelten. „Versprochen ist versprochen“, hieß es. Das hatte ich ihnen genauso beigebracht.

Daraus lernte ich. Nie wieder wollte ich etwas versprechen, das ich nicht halten konnte. Nicht einmal Möglichkeiten andeuten, die man als Versprechen missdeuten konnte. Ich begann, grundsätzlich Konditionalsätze zu vermeiden. Sicher war sicher.

Im Gegensatz dazu mehrten sich mit den Jahren die Versprechen der Kinder. Zu Beginn merkte ich es noch gar nicht. Vor allem nicht, dass diese Versprechen gar nicht erfüllt wurden. Ich glaubte ihnen, wenn sie sagten: „Das Zimmer räume ich später auf. Versprochen.“ Oder: „Ich komme gleich.“
Erst nach und nach begriff ich die Bedeutungen von gleich, später und sofort. Die waren: vielleicht, irgendwann oder auch niemals.
Waren das dieselben beiden Personen, die einst so darauf bestanden hatten, dass man ein Versprechen, auch wenn man es nur sehr wage formuliert hatte, einhalten musste? Die mich mit vorwurfsvollen Augen bestraft und ihre Kuscheltiere auf mich gehetzt hatten?
„Was ist denn nun mit versprochen ist versprochen?“, fragte ich.
„Ach, Mamilein, nimm doch nicht immer alles so ernst“, sagte mein Sohn.
Mamilein war ich immer dann, wenn sich auf liebevolle Art und Weise aus der Kinderriege ein wenig über mich lustig gemacht wurde. Hinzu kam noch ein beinahe joviales Schulterklopfen.
„Ja, und was ist jetzt damit?“, fragte ich und deutete mal ganz unbestimmt auf das uns umgebende Chaos im Kinderzimmer.
„Das räume ich später auf“, sagte mein Kind und schlüpfte in seine Jacke. „Jetzt muss ich erst mal ganz dringend weg.“
„Aber –“, begann ich.
„Versprochen, Mamilein“, sagte der Sohn, gab mir noch einen Kuss und war verschwunden.

Dienstag, 9. Mai 2017

Die Mutter-Kolumne – Die schicke, blöde Hose

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


Ganz hinten im Schrank meines Sohnes hingen zwei Bügel. Auf dem einen ein Hemd mit Kragen, auf dem anderen eine helle Hose ohne Löcher. Die gute Hose. Ein Outfit für einen besonderen Tag. 
Ich gebe es zu, die Sachen hatte ich ungefragt gekauft. Sie sahen im Katalog so niedlich aus. Außerdem: Jedes Kind braucht doch zwei, drei ordentliche Kleidungsstücke, oder? Es gibt im Leben Momente, da geziemt sich eine nett anzuschauende Optik.

„Die Sachen sehen doof aus“, knurrte jedoch mein Söhnchen, wenn ich darauf zeigte. Zum Beispiel vorm Familienosterbrunch oder an Heiligabend. „Ich denke, wir sollen uns schön machen. Dann kann ich doch nicht so was Doofes anziehen.“
Er hatte eben ein ganz eigenes Bild von schön machen. Die abgewetzte Cordhose zum Beispiel, die war schön. Denn sie war super bequem und wunderbar weich. Oder der Pulli mit dem Hai. Der war zwar schon ein bisschen sehr kurz an den Ärmeln und sein Bäuchlein blitzte darunter hervor. Trotzdem. Der Haipulli war schön. Darum trug mein Kind ihn auch jeden Tag. Sollte ich zusehen, wie ich mit dem Waschen hinterher kam. Seinetwegen musste der auch gar nicht so oft gewaschen werden.

„Omi fände es schön, wenn du zu ihrem Geburtstag deine gute Hose und den Pullunder tragen würdest“, sagte ich einmal.
Er schaute mich skeptisch an.
„Ganz genau“, krähte das Töchterchen. „Sie freut sich bestimmt auch, dass ich mich so schön gemacht habe.“
Ich betrachtete etwas beklommen die Frosch-Gummistiefel an ihren Füßen, das türkisfarbene Satinnachthemd darüber, das sie mich gezwungen hatte, auf einem Flohmarkt einer alten Dame abzukaufen. Hochgeschürzt von einem ollen Ledergürtel aus der Verkleidungskiste. Darüber ein strahlendes Lächeln.
Ich gab ihr einen Kuss. „Bestimmt wird sich Omi sehr darüber freuen.“
„Ich bin ja auch keine Prinzessin“, knurrte das Söhnchen.
Dabei warf er einen neidvollen Blick auf den glänzenden Fetzen am Leib seiner Schwester.

„Einmal ziehst du die guten Sachen für mich an, ja?“, fragte ich ein anderes Mal.
Das Söhnchen schlüpfte mit angewiderter Mine und großem Geziere vor einem Theaterbesuch in eben jene Sachen. Ich machte schnell ein Foto. Dann lief ich schon mal vor. Jacke und Schuhe anzuziehen ging bei meinen beiden schneller, wenn ich nicht in der Nähe war.
In der Theatergarderobe musste ich dann herzhaft lachen, als unter der Jacke der Haipulli auftauchte.

Die Zeit arbeitete für ihn. Mein Sohn entwuchs dem schicken Outfit, ohne es ein einziges Mal getragen zu haben. Wir hängten es an unseren Stand auf einem Kinderflohmarkt.
Als sich eine Mutter dafür interessierte, begann mein Kind die ungeliebten Kleider anzupreisen. Ich hatte ihm einen Anteil für sein Sparschwein versprochen.
„Das ist eine sehr schicke Hose“, sagte er und nickte gewichtig. „So etwas braucht man.“
Die Mutter lächelte und zückte ihr Portemonnaie.
„Sie hängt sehr gut ganz hinten im Schrank“, fuhr mein Söhnchen fort. „Da sieht man sie nicht so. Und anziehen ...“, er schüttelte vehement seinen Kopf, „... anziehen würde ich so was nie.“

Samstag, 11. Februar 2017

Die Mutter-Kolumne – Ordnung muss sein! Egal wie

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


„Ordnung muss ein“, sagte ich und schaute beunruhigt durch das Zimmer meines Sohnes. Es war in einem Zustand, der für eine geistige Zerrüttung des Bewohners sorgen musste. Doch der saß mittendrin und schaute sich einen Comic an.
„Sehr richtig, liebe Frau Mama“, murmelte er unschuldig. „Ordnung ist eine Tugend.“
Ich schluckte. Das Kerlchen konnte kaum lesen, hatte sich aber binnen kürzester Zeit den salbungsvollen Sprachstil der Lustigen Taschenbücher zu eigen gemacht. Meistens fand ich das niedlich. Aber nicht immer.
„Ich wollte sagen, dass du bitte dein Zimmer aufräumen sollst“, formulierte ich noch einmal um.
„Warum?“, fragte das Kind ohne aufzublicken.
„Hier kannst du doch gar nichts mehr finden“, stellte ich fest. Leider zu unrecht.
„Das entspricht nicht der Wahrheit“, meinte es. „Ich weiß genau, wo alles ist.“
„Dann weil es hier aussieht wie in einem Schweinestall“, presste ich hervor.
„Das ist nicht nett für die Schweine“, antwortete das geliebte Kind.
Ich schluckte erneut. Solche Sätze waren der Grund, warum wir eine besondere Beratung aufgesucht hatten. Schnell kam heraus, ich brauchte Hilfe. Zum Beispiel um mit solchen Sätzen umgehen zu lernen. Außerdem hatte ich mich etwas verheddert und versprochen, dass ich zukünftig und immer seinen Schreibtisch ordentlich halten würde. Weil MIR das wichtig war, wie die Beraterin lächelnd sagte.
Fassungslos betrachte ich den kleinen Kerl, der noch immer seelenruhig in Entenhausen weilte. Kein Wunder. Hier war ja auch kein Platz dafür. Mir fehlten die Worte.
„Räum´ auf. Sofort!“ Dann knallte eine Tür.

„Ich muss ihn doch zur Ordnung erziehen“, sprach ich kurz darauf über das Telefon mit meiner Mutter.
„Das habe ich bei dir auch versucht“, sagte sie. „Es war faszinierend. Du erschufst das größte Chaos um dich herum. Aber wenn es dann mal krachte, hattest du dein Zimmer innerhalb von zehn Minuten aufgeräumt. Aber im Grunde, bin ich wohl gescheitert.“
„Wie meinst du das?“, fragte ich verärgert. „Ich bin ein ordentlicher Mensch. Eine äußere Ordnung ist wichtig, wenn man kreativ und innerlich etwas ungeordnet ist.“
Ich schaute mich um. Na gut. Da gab es einige Kramecken, die waren nicht wirklich ordentlich. Eigentlich hätte es sie gar nicht geben dürfen. Auch vor den Büchern im Regal, auf dem Schreibtisch, hinterm Schrank, unter meinem Bett ...
„Ich weiß genau, wo alles ist“, knurrte ich und legte mit dem Lachen meiner Mutter im Ohr auf.

Eine halbe Stunde später öffnete ich die Tür wieder. Dann schluckte ich ein drittes Mal. Unberührtes Inferno. Mein Söhnchen stand vor seinem überladenden Schreibtisch.
„Schatz, ich hatte doch gesagt ...“
Strahlend drehte er sich zu mir.
„Ich habe aufgeräumt. Guck, Mama.“
Vor ihm, inmitten des Durcheinanders, lagen einige Stiftstummel, Radiergummis, Büroklammern, Zettel, Murmeln, kleine Plastikfiguren und etwas Undefinierbares (Kaugummi? Brotkrumen? Knetenreste?) nach Größe, Farbe und Form sortiert. Gerührt betrachtete ich diesen Flecken Akkuratesse im Chaos. Es würde alles gut werden. Irgendwie.


Freitag, 27. Januar 2017

Das Fernsehen in der Bude

Ich laufe mit konzentriert zusammengekniffenen Augen durch die Bude. 
Morgen kommt das Fernsehen. Sie wollen mich beim Arbeiten filmen. Ich arbeite zuhause. 



Was muss weg? Welche Dinge sind zu persönlich? 
Wer meine Wohnung kennt, bricht jetzt in Gelächter aus. Es gibt keinen einzigen Quadratzentimeter, der nicht zutiefst persönlich ist. Selbst unterm Sofa liegen Zeugen dieses meines Lebens herum. Jeder Winkel, jedes Eckchen, jede Fläche, jedes von irgendwelchen Objekten gebildete Räumchen schreit meine, unsere Geschichte hinaus. 



Sogar die Luft riecht danach. Vorgestern gab es zum Beispiel Ente. Die war mir angebrutzelt. Ich benutze Handcreme mit Rosmarinduft und abends brennt eine Pommegranate-Kerze. 



Hier stehen unzählige Bücher, die mich prägten. Die Wände hängen voller Illustrationen. Überall stehen kleine Dinge, Skurriles und Erinnerungen, die das Leben anspülte. Eichhörnchenschädel, Mangafiguren, Steine, Muscheln, Ozeanplastik, Fotos, Schlangehäute und Haieier, Notizen, Bonbongläser, Kerzenhalter, CDs. Ein riesiges durchgesessenes Sofa mit vielen Kissen ist Arbeitsplatz, genauso wie der Esstisch, ein wuchtiges Stilmöbel mit farbspritzerübersäten Fritz Hansen-Stühlen drumherum. Ebenso angespült, abgestellt und gefunden wie der Rest. 



Keine Chance. Wenn der Kameramann ein gutes Auge hat, dann hat er mit drei, vier kurzen Schwenks über unser Wohnzimmer den Großteil meiner Seele offenbart.


Und dann:

Einst stand ich beinahe täglich vor der Kamera. Das ist aber schon eine ganze Weile her. Ich hatte trotzdem das Gefühl, wir konnten davon noch etwas profitieren. Dennoch, haben wir 11 Stunden gedreht. Für einen 6-minütigen Beitrag. Hauptsache Kultur, Hessischer Rundfunk. 
Großen Dank an die 6. Klassen des LGG und Frau Weiler, an die Buchhandlung am Markt in Darmstadt, die Centralstation Darmstadt und an das lustige Filmteam des HR. 
Ich habe viel gelacht. 
Manchmal auch heimlich.
Hier geht es zum Beitrag.


Warum zerstört ihr meine Welt?, fragt euer Kind

Stellt euch vor: euer Kind säße in seinem Zimmer und spielte vor sich hin. Da öffnete sich die Tür. Eine Horde grölender Erwachsener käme herein. Mit dreckigen Schuhen, tropfenden Fast Food-Behältnissen und brennenden Zigaretten. Sie lagerten in der Kuschelecke und beschmutzten das kleine gemütliche Bettchen. Sie zerknickten Bücher und hinterließen überall Fettflecken. Sie zerträten das Spielzeug. Rissen die aufgehängten Bilder von den Wänden und machten sich über sie lustig. Sie zerbrächen Stifte und zerknäulten das Bastelpapier. Sie köpften die Teddies und Puppen. Zum Schluß pinkelten sie noch in die Ecken, einer kackte gar auf den Teppich mit dem Einhorn. Und ihr wärt mitten unter ihnen.
Das Kind stünde, aus schreckgeweiteten Augen weinend, im Chaos. „Warum?“, fragte es. „Warum zerstört ihr mein Zimmer?“
Dieses Szenario ist nicht zu verstehen, sagt ihr. So etwas würdet ihr doch niemals tun.
Aber verlagern wir den Fokus, erweitern ihn und ändern die Frage: „Warum?“, fragte das Kind dann. „Warum zerstört ihr meine Welt?“
Und schon schlägt das schlechte Gewissen zu. Diese Frage verstehen wir, nicht wahr? Denn während wir im kleinen Maßstab alles für sie tun, zerstören wir gleichzeitig im Großen ihre Zukunft.
Ich weiß, das klingt sehr, sehr pathetisch. Aber wir leben in Zeiten des Pathos´. An dem muss man erst einmal vorbei, bis man zum Verstand vorgedrungen ist.
Pah, was masst die Herden sich da an?, mögt Ihr fragen. Und ich antworte euch: Ich bin ein denkender Mensch, Teil einer Gesellschaft, wohne in einer polis. Als dieser habe ich die Verantwortung, politisch zu handeln und der Gesellschaft zurückzugeben, was ich am besten kann. So wie jeder.
Bei mir ist es das Schreiben. Meistens für Kinder. Immer mit geheimer Mission. Ja, ich glaube tatsächlich, wem meine Bücher zu Herzen gehen, der ist ein guter Mensch.
Heute nun aber auch das. Worte an euch, an uns. Gedankenfetzen, die nicht gesagt zu haben, mich zerreißen würden. Passiert mir ja manchmal.
Wer hätte das vor einem (vor zwei, vor drei – mehr sind es nicht) Jahren gedacht? Diese Frage wird in letzter Zeit bis zum Erbrechen bemüßigt. Wir müssen sofort aufhören, sie zu stellen. Wir müssen akzeptieren, dass Dinge möglich sind, auch wenn wir sie nicht für möglich hielten. Denn niemand von uns ist ein Maß der Dinge. Wir sind alle nur Teil.
Neben uns und denen mit denen wir verkehren, gibt es unzählige andere. Viele von ihnen denken anders als wir. Vor allem fühlen sie anders als wir. Manchmal sind das die meisten.
Jeder empfindet sich selbst als den wichtigsten Menschen der Welt. Möchte gehört und ernst genommen werden. Alle haben eine Stimme. Wer am Rande steht oder in der Ecke, muss lauter sein, damit man ihn hört. Wer die Hand eines vom Rande nimmt, wird von dem geliebt werden. Rechte Parteien in Deutschland und Europa haben das getan, der wichtigste Präsident der westlichen Welt ebenfalls.
Leider sind das lügende Menschen, die widerwärtige, bösartige, an den Wahnsinn grenzende Ideen vertreten. Und inzwischen auch umsetzen können.
Diese Menschen sind nicht dumm, sie sind keine Idioten. Sie sind sehr klug. Sie haben den Dummen, den Ungebildeten, den Schwachen und Ängstlichen, den Rückwärtsgewandten, den Gierigen, den Geizigen, den Neidern, Egomanen und Verantwortungslosen die Hand gereicht.
Nun drückt der grölende Pöbel gegen die Zimmertür unserer Kinder. Es wird nicht genügen, von innen dagegen zu drücken.
Aber das ist nur ein Beispiel.
Verändern wir noch einmal den Fokus. Fliegen wir hoch ins All und schauen zurück. Auf diesen wunderbaren Planeten, den wir unsere Heimat nennen.
Und den wir mit aller Macht zerstören. Jeder von uns, jeden Tag.
Ob wir morgens das Wasser beim Zähneputzen laufen lassen oder länger als 3 Minuten duschen, obwohl wir längst sauber sind, und mit dem Auto fahren, weil´s bequemer ist; ob wir schnell noch einen Kaffee to go holen, etwas Sinnloses ausdrucken, etwas wegwerfen, das man noch hätte benutzen können; ob wir im Laden ein Schweinefilet nehmen, weil´s ein so günstiges Angebot ist, doch die Plastiktüte kaufen, weil man viel zu viel gekauft hat, zum Beispiel den Wein aus Südafrika und diesen Eine-Tasse-Kaffee-Automaten für Kapseln aus dem Angebotsdisplay, und dann später kam man noch an diesem hübschen Kleid vorbei und nein, man bräuchte es eigentlich nicht, aber es ist doch so schön und so preisgünstig.
Unzählige tägliche kleine Verstöße gegen die Welt, die wir uns verzeihen, die in der Hektik des Alltags auch eigentlich kaum auffallen.
Aber verzeiht die Welt sie auch?
Auch das ist nur ein Beispiel.
Es erscheint so unendlich groß, so unfassbar schwer, dieses Weltretten. Dabei stimmt das gar nicht. Da sind so viele kleine tägliche Schritte, die man gehen kann.
Und der erste wäre: nachdenken. Mal wirklich innehalten, einen Tag frei nehmen und ihn einfach mit Denken verplempern.
Was könnte ich tun?
Worauf sollte ich verzichten?
Was kann ich ändern?
Wo muss ich besser zuhören?
Und wann sollte ich den Mund aufmachen?

Sonntag, 22. Januar 2017

Die Mutter-Kolumne – Bescheidenheit ist eine Zier. Wirklich?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.


Das Söhnchen zeichnete nicht gern. Um das allen ganz klar zu machen, fabrizierte es ausschließlich liederlich hingeschmierte Beweise dafür. Eines Tages verlangte jedoch die Lehrerin als Hausaufgabe einen gezeichneten Tiger.
„Das kann ich nicht!“, schimpfte mein Sohn und radierte wütend ein Loch in die Seite. „Guck, Mama! Jetzt ist das Heft kaputt.“ So, als sei ich schuld.
Ich durchschaute das Problem. „Mein Schatz, du kannst zeichnen. Du schaust aber nicht richtig hin.“
Wir sahen gemeinsam auf das Tigerfoto, das als Vorlage diente. Ich zeigte dem zappligen Kerlchen Verhältnisse und Perspektiven. Langsam verflog die Ungeduld, seine Augen öffneten sich und Strich für Strich entstand unter seinen kleinen Händen ein Bleistifttiger im Sachkundeheft.
„Der Tiger ist toll!“, rief ich.
Glücklich nickte der Kleine. „Das ist der tollste Tiger der Welt, stimmt´s Mama?“
„Stimmt.“

Voller Stolz rannte er damit am nächsten Tag in die Schule. Zurück nach Hause kam er am Mittag jedoch in sehr gedrückter Stimmung.
„Die Nachbarin hat gesagt, der Tiger ist gar nicht der tollste der Welt. Weil Bescheidenheit eine Zier ist“, schrie mein Kind. „Auch wenn ich gar nicht weiß, was eine Zier überhaupt ist.“ Die Tränen, die ihm die Wangen hinunterliefen, waren solche der Wut und welche der Verzweiflung.
Ich schickte der Nachbarin einen telepathischen Fluch und versuchte, meinem Kleinen die neuentdeckte Liebe zum Stift und den Stolz auf sein Werk zurückzugeben. Das gelang leider nur kläglich.
„Vielleicht ist die Nachbarin traurig, weil sie nicht so schön zeichnen kann“, murmelte ich schließlich etwas unpädagogisch. „Solche Leute muss man trösten und man muss nett zu ihnen sein.“
„Auch wenn sie gemeine Sachen sagen?“, fragte er.
„Auch dann.“

Bald darauf fand ein Straßenfest statt. Unter anderem gab es ein Buffet voller selbstgebackener Kuchen. Die Nachbarin verkaufte die süßen Teilchen und erwähnte gern, dass der Schokoladenkuchen von ihr stamme.
„Davon möchte ich ein Stück“, raunte mein Kind.
Da trat jemand heran und lobte eben jenen Kuchen als besonders lecker.
Die Nachbarin winkte ab. „Nicht doch“, juchzte sie hoch erfreut. „So gut ist er mir dieses Mal gar nicht gelungen.“
Ich verschluckte einen Kommentar, ob ihrer gespielten Bescheidenheit. Der Tiger kam mir wieder in den Sinn. Ich verschluckte auch die kleine Wut, die er mitbrachte.
Inzwischen hatte mein Kind in sein Kuchenstück gebissen und krähte krümelspuckend: „Du hast recht, Frau Nachbarin. Der Kuchen ist dir nicht gut gelungen, und besonders lecker ist er auch nicht.“
Ich, erschrocken, und die Nachbarin, empört, starrten meinen Sohn an, dem gerade ein Brocken des Kuchenstücks herunterfiel.
„Das ist aber nicht so schlimm“, meinte er tröstend zur Nachbarin. „Darüber musst du nicht traurig sein.“
In dem Moment wuselte ein Hund zwischen unseren Beinen herum, fand das heruntergefallene Kuchenstück und verspeiste es.
„Guck!“, rief das Söhnchen freudestrahlend, „dem Hund schmeckt es.“

Freitag, 6. Januar 2017

Die Mutter-Kolumne – Du schaffst alles, wenn du nur willst. Wirklich?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



„Ich kann das nicht!“, stöhnte der neunjährige Sproß und blickte wütend auf die losen Schnürsenkelenden. Die wollten einfach nicht in einer Schleife verbleiben. Nicht in einer, die er ungeschickt gebunden hatte.
„Probiere es doch noch einmal“, versuchte ich ihn mit samtweicher Stimme herauszufordern.
Doch das Kerlchen warf dem Bilderbuch Ich binde meine Schuhe allein einen verächtlichen Blick zu. „Ich habe es schon tausendmal probiert“, knurrte es.
Das stimmte nicht ganz. Aber drei ernsthafte Versuche werden es wohl gewesen sein.
„Wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch“, wollte ich ihm dennoch Mut machen.
So hatte man es mir auch immer gesagt. Nicht nur in meinem Elternhaus, sondern auch im Kindergarten, in der Schule, im Studium, im Beruf. Überall. Selbst auf den Werbeplakaten, die die Straßen säumten, war es wieder und wieder zu lesen. Man musste es nur wollen. So könnte man alles Erdenkliche erreichen.
„Was schaffe ich dann?“, fragte der Kleine mit gerunzelter Stirn.
„Was du willst“, sagte ich.
„Wirklich alles?“
Ich nickte.
Er klemmte seine Zunge zwischen die Zähne und zog an den Schnürsenkelenden. Es machte plopp! und er hielt eines davon in der Hand.
„Du hast gesagt, ich muss es einfach nur WOLLEN“, schluchzte mein Sohn. Vorwurfsvoll hielt er den abgerissenen Senkel in meine Richtung. Tränen der Enttäuschung rannen über seine Wangen.
„Zum wirklichen Wollen gehört auch das sich Bemühen“, präzisierte ich etwas zu spät. „Vieles muss man erst einmal lernen. So wie Schnürsenkelbinden, Skateboardfahren oder Klavierspielen. Für andere Erfolge muss man sich körperlich sehr anstrengen, schuften und schwitzen.“
Der Steppke zog sein Näschen hoch. „So wie Omi und Opi. Als sie ihr Haus ganz allein gebaut haben.“
„Genau“, rief ich freudig. Mein wunderbares Kind schien etwas Wichtiges begriffen zu haben.
„Aber dann ist es niemals nur WOLLEN. Sondern immer auch lernen oder arbeiten. Oder sogar beides“, sagte das Söhnchen. Es warf mir einen ärgerlichen Blick und das Senkelende zu. „Du hast nicht die Wahrheit gesagt, Mama.“
Irritiert hielt ich inne. Hatte er recht und ich es mir ein wenig zu einfach gemacht? Was bedeutete zum Beispiel der Umkehrschluss? Hatte man demzufolge etwas nur nicht genug gewollt, wenn es einem misslang? War man also am Ende immer selbst schuld?
„Leon wollte ganz unbedingt eine Drei. Er hat wie verrückt gelernt. Ist aber doch eine Fünf geworden“, sagte da mein Kleiner, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Und was ist mit den armen Leuten? Haben die nur nicht genug KEINEN Hunger gewollt? Und die Traurigen? Wollen die bloß nicht wirklich fröhlich sein?“
Erschrocken schüttelte ich den Kopf. „Das ist Unsinn, mein Schatz.“
„Genau!“ Er nickte mit dem Kopf und schleuderte die Schuhe von den Füßen. „Das habe ich mir schon gedacht.“
Dann huschte ein zufriedenes Grinsen über sein Gesicht. „Ich brauche solche Schuhe auch gar nicht, weißt du. Ich habe doch die mit dem Klettverschluss.“