Samstag, 9. September 2017

Die Mutter-Kolumne – Nimm dich nicht so wichtig! Wie falsch dieser Satz wirklich ist.

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas versuche ich auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen oder sagen das, aber wieso eigentlich?


„Nimm dich nicht so wichtig!“
Der Satz war mir herausgerutscht. In einem schwierigen Moment, der mehr Synapsen erfordert hatte, als gerade frei waren. Müde war ich auch und darum war mir ein Bedürfnis meiner Tochter wie Quengelei erschienen. Kurzschluss. Übersprungshandlung. Nur Sekundenbruchteile danach das Bedauern darüber, was ich soeben gesagt hatte.
Das Töchterchen starrte mich mit großen Augen an. „Ich dachte, wir sind das Wichtigste, das du hast“, sagte sie.
„Natürlich seid ihr das, meine Süße.“ 
Ich riss sie in meine Arme. 
„Ich habe es nicht so gemeint.“
„Also, stimmt es nicht?“, fragte die Kleine. „Ich darf mich wichtig nehmen?“
„Natürlich, mein Schatz.“
„Weil ich wichtig bin?“
„Ganz genau so ist es. Du bist wichtig, und du sollst dich wichtig nehmen.“
Sie nickte. 
„Das ist sehr gut, Mama“, sagte sie mit Nachdruck. „Dann hast du nämlich auch etwas großes Wichtiges im Leben. Weil du ja keine Zeit hast, für dich selber wichtig zu sein.“

Fassungslos schaute ich ihr nach, wie sie mit flatternden Zöpfchen davonhüpfte.
Hatte sie meinen herausgerutschten Satz etwa nur darauf bezogen, dass mein Wichtigstes ziemlich klein wäre, wenn sie sich selbst nicht wichtig nehmen würde? Ging es ihr um mich und mein Wohlergehen? Machten ihr meine Worte persönlich gar nichts aus? Stand sie darüber, weil sie vielleicht fühlte und so auch wusste, dass sie wichtig ist?
Und dann war da noch dieser andere Satz. Was lebte ich meinen Kindern eigentlich vor, wenn ich mir niemals Zeit für mich nahm, meine Bedürfnisse immer hintenanstellte und mich mit schiefem Lächeln quasi aufopferte?
Um Himmels willen, war meine Tochter etwa eine große Philosophin mit einem sehr tiefen Verständnis für die Dinge des Lebens?
Darüber musste ich erst einmal nachdenken.

Ich ließ die Wäsche vor der Maschine liegen, schob den Staubsauger aus dem Weg und schnippte gegen den Stapel gräulicher Briefumschläge mit unserer Adresse darauf, so dass er hinter die Kommode rutschte. In der Küche schloss ich am Spülbecken kurz die Augen, schaltete den Herd mit dem kochenden Nudelwasser aus und mixte mir eine Bananenmilch. Auf dem Weg zum Balkon ließ ich das Telefon klingeln, die Türglocke schellen und fuhr den Rechner mit der offenen Word-Datei herunter.
Ich machte es mir im Liegestuhl gemütlich. Schön war es auf dem Balkon. Obwohl ich dringend– psst! Schön war es hier. Obwohl ich gar nicht dazu gekommen war– psst! Schön war es.
Späte Hummeln summten um die letzten Sommerblüten, irgendwo jubilierte ein engagiertes Amselmännchen, Lachen drang aus dem Kinderzimmer, ein lauer Wind streichelte mein Gesicht, und am blauen Himmel gaben sich weiße Wattewolken Mühe, irgend etwas anderes zu sein.
Ich ließ meine Beine und die Seele baumeln.

„Mama!“, krähte das Söhnchen.
„Psst!“, machte meine Tochter. „Mama sitzt mit Bananenmilch auf dem Balkon.“
„Ich will auch Bananenmilch!“, forderte der kleine Bruder.
„Das geht jetzt nicht“, erklärte mein Töchterchen. „Mama nimmt sich gerade wichtig.“
Beseelt schloss ich die Augen.
Später würde ich der großen Kleinen mal zeigen, wie man mit dem Mixer umgeht.

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