Freitag, 6. Januar 2017

Die Mutter-Kolumne – Du schaffst alles, wenn du nur willst. Wirklich?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



„Ich kann das nicht!“, stöhnte der neunjährige Sproß und blickte wütend auf die losen Schnürsenkelenden. Die wollten einfach nicht in einer Schleife verbleiben. Nicht in einer, die er ungeschickt gebunden hatte.
„Probiere es doch noch einmal“, versuchte ich ihn mit samtweicher Stimme herauszufordern.
Doch das Kerlchen warf dem Bilderbuch Ich binde meine Schuhe allein einen verächtlichen Blick zu. „Ich habe es schon tausendmal probiert“, knurrte es.
Das stimmte nicht ganz. Aber drei ernsthafte Versuche werden es wohl gewesen sein.
„Wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch“, wollte ich ihm dennoch Mut machen.
So hatte man es mir auch immer gesagt. Nicht nur in meinem Elternhaus, sondern auch im Kindergarten, in der Schule, im Studium, im Beruf. Überall. Selbst auf den Werbeplakaten, die die Straßen säumten, war es wieder und wieder zu lesen. Man musste es nur wollen. So könnte man alles Erdenkliche erreichen.
„Was schaffe ich dann?“, fragte der Kleine mit gerunzelter Stirn.
„Was du willst“, sagte ich.
„Wirklich alles?“
Ich nickte.
Er klemmte seine Zunge zwischen die Zähne und zog an den Schnürsenkelenden. Es machte plopp! und er hielt eines davon in der Hand.
„Du hast gesagt, ich muss es einfach nur WOLLEN“, schluchzte mein Sohn. Vorwurfsvoll hielt er den abgerissenen Senkel in meine Richtung. Tränen der Enttäuschung rannen über seine Wangen.
„Zum wirklichen Wollen gehört auch das sich Bemühen“, präzisierte ich etwas zu spät. „Vieles muss man erst einmal lernen. So wie Schnürsenkelbinden, Skateboardfahren oder Klavierspielen. Für andere Erfolge muss man sich körperlich sehr anstrengen, schuften und schwitzen.“
Der Steppke zog sein Näschen hoch. „So wie Omi und Opi. Als sie ihr Haus ganz allein gebaut haben.“
„Genau“, rief ich freudig. Mein wunderbares Kind schien etwas Wichtiges begriffen zu haben.
„Aber dann ist es niemals nur WOLLEN. Sondern immer auch lernen oder arbeiten. Oder sogar beides“, sagte das Söhnchen. Es warf mir einen ärgerlichen Blick und das Senkelende zu. „Du hast nicht die Wahrheit gesagt, Mama.“
Irritiert hielt ich inne. Hatte er recht und ich es mir ein wenig zu einfach gemacht? Was bedeutete zum Beispiel der Umkehrschluss? Hatte man demzufolge etwas nur nicht genug gewollt, wenn es einem misslang? War man also am Ende immer selbst schuld?
„Leon wollte ganz unbedingt eine Drei. Er hat wie verrückt gelernt. Ist aber doch eine Fünf geworden“, sagte da mein Kleiner, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Und was ist mit den armen Leuten? Haben die nur nicht genug KEINEN Hunger gewollt? Und die Traurigen? Wollen die bloß nicht wirklich fröhlich sein?“
Erschrocken schüttelte ich den Kopf. „Das ist Unsinn, mein Schatz.“
„Genau!“ Er nickte mit dem Kopf und schleuderte die Schuhe von den Füßen. „Das habe ich mir schon gedacht.“
Dann huschte ein zufriedenes Grinsen über sein Gesicht. „Ich brauche solche Schuhe auch gar nicht, weißt du. Ich habe doch die mit dem Klettverschluss.“

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