Mittwoch, 18. Juni 2014

Mama, du bist peinlich! – Frau Herdens Mutterherz bricht im Tanze



So langsam beginnt die Zeit, da ich des Abends im Heimatstädtchen nicht einfach mehr ganz unbedacht ausgehen kann. Meine Tochter geht inzwischen nämlich auch hin und wieder aus. Früher dachte ich noch, dass es ganz nett wäre, wenn wir irgendwann zusammen tanzengehen würden. Aber damals glaubte ich ja auch, dass der Musikgeschmack meiner Kinder etwas damit zu tun haben könnte, was ich ihnen während der vielen Jahre unseres engen Zusammenlebens vorgespielt hatte. Seit vier Jahren kenne ich jedoch die Wahrheit.

Damals fand hier das erste Kinderliteraturfest statt. Das 12-jährige Töchterchen war begeistert. Was wiederum mich sehr freute. Das Kind ließ sich von Literatur in den Bann ziehen! Wie im Glückstaumel stürzte ich mich in die das Lesefestival abschließende Disko. Ein stadtbekanntes DJ-Duo legte für die Kids an einem Ort Platten
auf, der eigentlich in mein Leben gehörte, zumindest in meine übliche Abendgestaltung. Das fand ich irgendwie süß. Da wollte ich dabei sein. Glücklich und gerührt schwenkte ich die Arme und schleuderte die Beine zwischen den kleinen Freunden meines Kindes herum. Das zog jedoch einen Flunsch, der immer wütender wurde.
„Engelchen, was ist denn los? Gefällt dir deine erste richtige Disko nicht?“, fragte ich.
„Rede nicht mit mir! Geh weg! Du bist peinlich!“, zischte die Süße mich an.
Aua! Ich versuchte mich an einem Lachen, entschuldigte die Beleidigung vor mir selbst als schlechten Scherz und tanzte weiter.
Doch das Töchterchen hatte es durchaus ernst gemeint.
„Du sollst weggehen!“, schrie sie gegen die treibenden Beats an und mein Mutterherz brach. Ich ließ meine plötzlich zentnerschweren Arme sinken und eine Träne rollte meine Wangen hinunter.
„Ey, lass sie doch hier mit tanzen. Sie ist echt cool“, beschwichtigte eine der kleinen Freundinnen meine Tochter. Sie nahm sogar meine Hände und versuchte mich in einen flotten Reigen zu ziehen.
„Cool? Die ist doch nicht cool!“, schrie mein Kind. „Das ist meine MUTTER!“
Mit hängenden Schultern befreite ich mich, schlich von der Tanzfläche und lief hinter die Bar, die wie ein großer Raumteiler den kleineren Teil der Lokalität abschirmte. Dort tanzte ganz alleine eine Bekannte. Durch einen schmalen Spalt beobachtete sie ihren Sohn auf der anderen Seite.
„Sind sie nicht süß?“, fragte sie und drehte sich im Takt.
„Na ja“, machte ich bedrückt.
„Wir können ja hier tanzen“, sagte sie.
Lustlos begann ich ein bisschen hin und her zu wippen und wackelte auch etwas mit den Armen. Aber so hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt.

In diesem Sommer passiert es nun zum ersten Mal, dass in der Nähe ein Musikfestival stattfindet und wir nicht im Urlaub sein werden. Schon immer wollte ich dort gerne hingehen. Doch das Schicksal hat mir wieder einmal einen Strich durch meine Pläne gezogen. Das Töchterchen hat sich nämlich längst eine Karte gekauft.

Als ich mal am Marterpfahl stand, kann man hier nachlesen.

Kommentare:

  1. *haha* Warte noch ein paar Jahre, dann tanzt sie mit Dir zusammen ;) Schönen Tag! Und immer die Hüften in Bewegung halten! Ela

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  2. Oh mein Gott wie hart :-(
    Was denkt das Töchterchen, wenn sie dies hier liest?
    Wirds dann noch schlimmer oder könnte es sogar sein, dass sie fürs nächste Mal was gelernt hat?

    Hoffentlich hab ich noch lange (ewig) Zeit bis mir das passiert... mir kullerten schon beim Lesen 1-2 Tränchen die Wange herunter.

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  3. Herrlich auf den Punkt gebracht. Sprachlich und inhaltlich. - Das Mutter-Sein kann schon hart sein, denn da erlebt frau so einiges - und die dauernde Abnabelung geht schon ganz schön aufs Gemüt. Viele Grüße Karin Afshar

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  4. So weh es auch tut, es ist ok und normal. Und es ändert sich wieder. Es muss so sein.
    Viele Grüße!

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