Sonntag, 15. Mai 2016

Die Mutter-Kolumne – Ab ins Bett!

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wie so eigentlich?


„Dass du noch lebst!“, staunte ein Nachbar, ob des eigenwilligen Schlafrhythmus meines 8-Monats-Töchterchens – etliche 15-Minuten-Perioden verteilt über 24 Stunden, die mir selbst keine Zeit ließen, ins Bett zu sinken. Dabei vollzog ich mit der Kleinen Schlafrituale und angelesene herzzerreissende Experimente. Nichts half. Sie wurde erst vom Jetlag gebrochen – ein Flug nach Sydney und die Sache war geritzt. Es lief eine Weile gut. 

Doch einige Jahre später schmetterte die inzwischen auf zwei angewachsene Kinderschar: „Wie so ins Bett? Du bist auch noch wach!“
„Keine Widerrede! Ihr braucht euren Schlaf“, verkündete ich und läutete das allabendliche Procedere ein. Es wurde gespeist, gebadet, massiert und eine Geschichte serviert, eine ausgedachte wohl bemerkt. Doch wenn ich mich danach fortschlich, warfen mir die Kleinen böse Blicke nach, während ich mir vor Erschöpfung nur mehr gedanklich die Haare raufen konnte. Das lief alles verkehrt. Dabei hätte ich die Abendstunden dringend gebraucht, um Frau und Mensch zu sein oder wenigstens in Ruhe ins Bad zu gehen. Aber vor allem hätten die Kinder gesund schlafend wachsen sollen – innen und außen.

„Lass sie doch, sie werden schon alleine müde“, sagte eine kinderlose Freundin.
Was wusste sie denn schon! Eine gute Mutter muss für ausreichend Schlaf sorgen.

Einmal saß ich in Malaga auf einem Platz. Meine Kinder verbrachten die Tage bei den Großeltern mit basteln, wandern, gesundem Essen und viel Schlaf. Um mich herum tobte das Leben. Erwachsene tranken Wein, palaverten und lachten. Kinder jeden Alters rannten herum, spielten und kreischten vor Lust. Es war ein Uhr nachts.
„Meinst du, die werden alle groß und stark?“, fragte ich erschüttert meine Reisebegleitung.
Sie sah mich an, als zweifelte sie an meinem Verstand. Nun, vielleicht hatte der wirklich etwas gelitten in den Jahren des Zubettbringkampfes. Aber gab es tatsächlich eine andere Möglichkeit? Konnte es sein, dass Kinder ihren eigenen Rhythmus finden? Was wäre, wenn der gegen den des gesellschaftlichen Lebens, sprich Kindergarten- und Schulbeginn, lief?

Wie so oft kam mir der Zufall zu Hilfe. Ich musste über Nacht fortbleiben und fand keinen Babysitter. Den hätten die 12- und der 9-Jährige zwar nicht mehr gebraucht, aber ich. Alle Telefone waren auf Notruf programmiert, Großeltern und Nachbarn wussten bescheid, die Kinder hatten genaue Instruktionen.
„Pünktlich um halb acht geht ihr ins Bett“, sagte ich bestimmt das zehnte Mal.
„Mama! Das hast du hundert Mal gesagt. Wir sind doch keine Babies mehr!“, sprach der Sohn genervt.
Mit klopfenden Herzen schloss ich anderntags die Wohnungstür auf. Fröhlich begrüßten mich die Kleinen.
„Hat alles gut geklappt?“, fragte ich und sah mich unauffällig nach Spuren der Verwüstung um.
„Klar“, sagte meine Tochter. „Wir waren um sieben im Bett.“
„Warum denn so früh?“, rief ich überrascht.
„Wir waren müde“, sagte das Söhnchen. „Wenn man müde ist, geht man zu Bett.“

Ich glaube, ich begann zu weinen. Ob vor Erleichterung oder Enttäuschung kann ich heute nicht mehr sagen.

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