Mittwoch, 30. September 2015

Die Zeichnungen von Kindern

Kinder hinterlassen an Orten Spuren ihres Aufenthalts, oft sind es Zeichnungen. Auch wenn uns das leider im Alter abhanden kommt, Kinder greifen in ruhigen Minuten gern zum Buntstift und illustrieren ihre Welt, ihre Gedanken, Träume und Sorgen. Solche ruhigen Momente sind oft Wartezeiten. Beim Arzt, im Restaurant, auf langen Autofahrten – oder in momentanen Zeiten in Flüchtlingsheimen. In den letzten Tagen gingen viele Kinderzeichnungen durch die Medien, die Kinder dort zurückgelassen haben, und viele von uns haben sich von diesen Zeichnungen berühren lassen und darüber nachgedacht. Ich auch.


Mein Sohn behauptete immer, er würde nicht gerne zeichnen. Doch einst musste ich mich (mal wieder) auf einem winzig kleinen Stuhl zum Elterngespräch einfinden. Wortlos aber vor Empörung beinahe vibrierend legte mir die Lehrerin ein Heft vor die Nase.
"Was ist das?", fragte ich und blätterte. "Oh, ein Heft meines Sohnes", erkannte ich dann freudig. "Mit so vielen Zeichnungen. Wie toll!"
"Toll! Frau Herden? Toll!", krächzte die Lehrerin entsetzt. "Das ist das Religionsheft! Was ist denn nur mit ihrem Kind los! Da stimmt doch was nicht!"
Ich betrachtete die detailverliebten Strichzeichnungen etwas genauer. Nun gut, es sah ein wenig so aus, als hätte Martin seinen halben Mantel nicht ganz freiwillig hergegeben, anders konnte ich mir das Schwert in seinem Rücken nicht erklären. An Wikinger, die von unendlich vielen Steinkugeln getroffen, zwar noch immer standen, aber kein Lächeln, sondern einen zittrigen Strich als Mund trugen, konnte ich mich religionsgeschichtlich nicht wirklich erinnern. Auch das gezeichnete Gebet zeigte nicht nur einen glücklich lächelnden Jungen (meinen Sohn?) im Vordergrund, sondern dahinter eine brennende Schule und … ähm … irgendjemanden an einen Marterpfahl gefesselten … Um nur einiges zu nennen.
"Er hat sehr viel Phantasie", musste ich zugeben, mühsam ein Grinsen verkneifend.
"Phantasie! Das nennen Sie Phantasie?", ereiferte sich die Lehrerin.
"Ja, Jungsphantasie", sagte ich.

Dieses Heft haben wir noch immer, und noch immer ist es ein großer Spaß für uns, es Seite für Seite zu betrachten. Denn mein Sohn hatte eine schöne Kindheit.

Statt eines Lachens stiegen mir beim Betrachten der Kinderbilder, die Flüchtlingskinder in den Unterkünften zurücklassen, Tränen in die Augen. Wie hoffentlich jedem Menschen, der sie sah. Und hoffentlich weiß auch jeder, dass Tränen nichts nutzen. Genauso wenig wie Klatschen.

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