Mittwoch, 11. Dezember 2013

Eine Weihnachtsgeschichte von mir für Euch – Die Wunschzettel

Nun ist es Abend, Zeit zum Vorlesen. Heute am 11. Dezember ist meine Geschichte "Die Wunschzettel" die Geschichte des Tages im literarischen Adventskalender "Weihnachten so wunderschön" aus dem Ueberreuter Verlag – ein fein illustriertes Buch, in dem 26 Autoren für jeden Tag des Dezembers bis zum 2. Weihnachtsfeiertag eine Geschichte erzählen. Mit Erlaubnis des Verlags möchte ich die meine hier veröffentlichen. Gemütliches Vorlesen!


Die Wunschzettel


Tom ist sechs Jahre alt. Seit dem Herbst geht er in die erste Klasse. Doch der Herbst ist lange vorbei. Weihnachten steht vor der Tür. Tom ist aufgeregt. Im letzten Jahr hatte der Weihnachtsmann ihm nämlich nur das fast richtige Geschenk gebracht. Die Murmelbahn ist nur so ähnlich wie die von Leon. Sie ist aber nicht genau so toll. Vielleicht hatte der Weihnachtsmann den Wunschzettel nicht richtig verstanden? Tom hatte sich viel Mühe damit gegeben. Er hatte jeden Holzbaustein auf seinem Bild bunt ausgemalt. Dabei malt er gar nicht gern.
Zum Glück geht Tom nun in die Schule. Die anderen in der Klasse kennen schon sechs Buchstaben. Tom kennt fast das ganze ABC. Seine Lehrerin ist sehr erstaunt darüber. Aber Tom will ganz sicher sein, dass in diesem Jahr nichts schief geht. Darum hat er wie verrückt die Buchstaben gelernt. Nun kann er seinen Wunschzettel an den Weihnachtsmann richtig schreiben. Er hat schon ein paar Mal geübt. Er weiß, das wird super gut klappen. Kein Problem.
Aber dann sagt Lea vier Wochen vor Heiligabend etwas zu Tom. Lea ist gar nicht seine Freundin. Eigentlich reden sie überhaupt nicht miteinander.
„Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“, fragt Lea.
Tom möchte das Geheimnis von Lea nicht so gern kennen. Geheimnisse sind was für Freunde.
„Wenn du willst“, antwortet er trotzdem.
„Es gibt gar keinen Weihnachtsmann“, flüstert Lea in sein Ohr.
„Spinnst du!“ Tom ist furchtbar erschrocken.
Bestimmt ist Lea verrückt geworden. Natürlich gibt es den Weihnachtsmann! Über diesen Quatsch braucht er eigentlich gar nicht weiter nachzudenken. Aber vielleicht hatte er ja deswegen die falsche Murmelbahn bekommen? Der echte Weihnachtsmann hätte sein Bild bestimmt richtig verstanden. Vielleicht hatte jemand anderes den Wunschzettel vom Fensterbrett geholt?
„Hast du dafür Beweise?“, fragt er Lea. Nur zur Sicherheit.
„Ich hatte mir im letzten Jahr die Glitzerpuppe mit rosa Haaren gewünscht. Ich habe aber eine langweilige Stoffpuppe bekommen, die Mama ganz toll fand. Dabei hatte ich einen super perfekten Wunschzettel gemalt“, erzählt Lea.
Sie guckt Tom mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Na ja“, überlegt Tom. „Vielleicht haben wir nur fast bekommen, was wir wollten, weil wir nur fast artige Kinder waren? Vielleicht müssen wir uns mehr anstrengen und gute Taten vollbringen.“
Leas Augenbrauen rutschen wieder an die richtigen Stellen. Dann kneift sie ein bisschen die Augen zusammen.
„Das könnte sein“, gibt sie zu.
Tom und Lea gucken sich an.
„Lass uns noch etwas richtig Gutes machen“, sagt Tom. „Bevor es zu spät ist.“
„Das ist eine super Idee“, sagt Lea.
Am Wochenende versuchen Tom und Lea etwas richtig Gutes zu machen. Das ist aber gar nicht so einfach. Tom will für Mama einkaufen gehen. Aber Mama lacht nur und streicht ihm über den Kopf. Tom fragt Papa, ob er ihm am Kiosk eine Zeitung holen soll. Aber Papa sagt, dass er Zeitungen nur noch online liest. Seiner großen Schwester Nelly will Tom keinen Gefallen tun. Sie ist immer nur genervt und kneift Tom in die Wangen. Das muss der Weihnachtsmann verstehen. Darum fängt Tom an, den Zaun vor dem Haus zu streichen. 


Das hatten seine Eltern eigentlich schon im Sommer tun wollen. Deshalb stand auch die Farbe im Keller. Als er den Viertelzaun gestrichen hat, hat Tom eigentlich keine Lust mehr. Er streicht trotzdem weiter. Da kommt Mama vom Einkaufen nach Hause. Warum sie so einen schlimmen Schreikrampf bekommt, versteht Tom nicht. Erstens mag er die neue Winterjacke sowieso nicht leiden. Zweitens geht die rosa Farbe in seinem Gesicht auch irgendwann von alleine wieder ab. Tom findet auch, dass der Zaun gar nicht so schlimm aussieht, wie Papa später tut. Auch wenn die rosa Farbe gar nicht für den Zaun gedacht war.
Nach dem schlimmen Wochenende stehen Lea und Tom zusammen im Schulhof. Der Himmel über ihnen sieht aus, als würde es bald schneien.
„Gute Taten sind ganz schön schwer“, sagt Tom.
Lea nickt und guckt unglücklich. Bei ihr hat auch nichts so richtig geklappt. Sie trägt unter ihrer Jacke einen sehr seltsamen Pullover. Der ist drei Nummern zu klein und sieht aus wie ein kratziges Stück Filz. Tom wundert sich, warum Lea so etwas anzieht.
Plötzlich leuchten Leas Augen auf.
„Wir können die Hunde von alten Damen ausführen! Denen ist es bestimmt viel zu kalt zum draußen Rumlaufen“, ruft sie.
Tom fällt sofort Frau Krause mit ihrem Bello ein. Bello ist ziemlich klein. Das ist kein Problem. Als Tom am Nachmittag bei Frau Krause klingelt, guckt sie erst einmal komisch. Aber dann darf er mit Bello in den Park. Dort trifft er Lea. Sie hat auch einen Hund dabei. Der heißt Pimpf und ist ein bisschen größer als Bello. Sie laufen mit Bello und Pimpf um die Wette. Tom ist der Schnellste. Pimpf ist wirklich ganz schön groß. Dann spielen sie Verstecken. Bello versteckt sich am allerbesten. Sie brauchen zwei Stunden bis sie ihn endlich finden. Er hat sich aber auch nicht im Park versteckt, sondern in einem ganz anderen Stadtviertel. Dorthin darf Tom eigentlich gar nicht. Als er Bello zurückbringt ist Frau Krause sehr aufgeregt.
„Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Da bist du ja wieder, mein Schatz!“, ruft sie.
Sie meint aber nicht Tom. Den guckt sie nur böse an.


Am nächsten Tag stehen Lea und Tom wieder zusammen im Schulhof. Auf Leas Nase landet eine Schneeflocke. Die ist aber nur ganz klein.
„Meinst du, das war gestern eine gute Tat?“, fragt Tom.
„Frau Schuster hat mit mir geschimpft, weil Pimpf und ich erst so spät wieder kamen“, erzählt Lea.
Tom nickt.
„Außerdem hat es im Park großen Spaß gemacht. Ich weiß nicht, ob gute Taten zählen, wenn sie großen Spaß machen“, befürchtet Lea.
„Wir müssen etwas tun, was uns keinen Spaß macht“, sagt Tom.
Obwohl er findet, dass es gestern im Park nicht die ganze Zeit Spaß gemacht hat.
„Ich kenne viele Sachen, die keinen Spaß machen“, sagt Lea.
Sie grinst Tom schief an. Das Ganze würde wahrscheinlich schrecklich ungemütlich werden. Tom grinst schief zurück.
„Ich auch“, sagt er.
Dann wird es schrecklich ungemütlich. Tom räumt drei Tage lang sein Zimmer auf. Damit es nicht wieder unordentlich werden kann, fasst er darinnen nichts mehr an. Außerdem läuft er nur noch auf Zehenspitzen. Sicher ist sicher. Zweimal am Tag putzt er sich die Zähne. Manchmal morgens und abends. Manchmal aber auch mittags oder mitten in der Nacht. Wenn er es nämlich morgens oder abends vergessen hat. Am Mittwoch duscht er und am Samstag gleich noch einmal. Sogar mit Seife. Obwohl er das Gefühl hat, dass seine Haut schon etwas dünner geworden ist. Zu Mittag isst er seinen Teller leer. Auch das grüne Gemüse. Tom wird selbst ganz grün davon. Aber er hält durch. Darum geht er auch am Sonntag mit Mama und Papa spazieren. Ganz lange und fast ohne Meckern.
Am Montag sagt Lea, dass sie genug Sachen getan hat, die keinen Spaß machen.
„Stimmt, ich auch“, sagt Tom. „Meine Mutter guckt mich schon ganz besorgt an. Manchmal fühlt sie mir auch die Stirn.“
„Meinst du, der Weihnachtsmann hat gesehen, wie wenig Spaß wir hatten?“, fragt Lea.
„Ich hoffe es“, sagt Tom.
Am nächsten Nachmittag besucht Lea Tom zuhause. Nach dem Mittagessen klettern sie auf den Dachboden. Aus seiner Geheimkiste holt Tom zwei Bögen allerfeinstes Papier.
„Siehst du, mit Goldrand. Es ist wirklich kostbar“, sagt er.
Oma hat ihm dieses Papier geschenkt, damit er ihr schöne Briefe schreiben kann. Eigentlich findet er es nicht so toll. Es hat blöde Hubbeln an denen der Stift hängen bleibt und doofe Kringel macht. Aber es ist wirklich kostbar. Oma hat vergessen, das Preisschild abzufummeln.
„Das wird den Weihnachtsmann bestimmt beeindrucken“, sagt Lea.
„Ganz bestimmt“, meint Tom.


, schreibt Tom. Sein Stift bleibt an den Hubbeln hängen und macht doofe Kringel. Es sieht trotzdem gut aus, findet er. Besonders der Goldrand. Dann hilft er Lea, weil sie erst acht Buchstaben kennt.
Da erscheint Mamas Kopf in der Luke zum Dachboden.
„Na, ihr zwei. Braucht ihr Hilfe?“
„Nö“, sagt Tom. „Alles paletti.“
Auf keinen Fall will er Mama die Wunschzettel zeigen. Er hat den Verdacht, dass Mama im letzten Jahr noch andere Geschenke auf sein Bild mit der Murmelbahn geschrieben hatte. Unter dem Baum hatten nämlich auch kratzige Pullover und langweilige Bastelbücher gelegen. Vielleicht hatte er darum die nicht so tolle Murmelbahn bekommen. Außerdem würde Mama bestimmt irgendwelche Rechtschreibfehler entdecken.


, schreibt er für Lea.
Sie legen die Zettel auf das Fensterbrett und öffnen das Fenster einen Spalt breit. Tom will wieder nach unten klettern.
„Und wenn der Wind die Wunschzettel wegpustet?“, fragt Lea.
„Dann trägt er sie zum Weihnachtsmann“, sagt Tom.
„Nein! Das machen doch die Wichtel“, erklärt Lea.
„Dann sollten wir lieber hier oben bleiben und die Zettel bewachen bis die Wichtel kommen“, sagt Tom.
Sie machen es sich in Toms Kuschelecke auf dem Dachboden gemütlich. Von hier können sie die Wunschzettel gut sehen. Tom holt eine Flasche Limo und eine angeknabberte Tafel Schokolade aus seinem Geheimversteck. Dann legt er ein Hörspiel in seinen kleinen CD-Spieler. Lea seufzt wohlig und lutscht ein Stückchen Schokolade. Zu zweit ist es hier viel schöner, denkt Tom.


Auf einmal ist das Hörspiel zu Ende und die Wunschzettel sind weg. Vielleicht war er eingeschlafen. Tom kann sich nicht erinnern. Lea schlägt die Augen auf.
„Die Wunschzettel sind weg! Hast du gesehen, wie die Wichtel sie geholt haben?“, fragt sie besorgt.
„Klar“, sagt Tom. „Es ist alles nach Plan verlaufen.“
Lea klatscht in die Hände.
„Dann kann ja nichts mehr schief gehen“, freut sie sich.
An Heiligabend ist Tom furchtbar aufgeregt. Nach dem Krippenspiel in der Kirche rennt er schnell nach Hause. Unter dem Weihnachtsbaum liegen viele Geschenke. Er hat den Weihnachtsmann doch wieder verpasst. Genau so, wie im letzten Jahr. Schade. Ob die schwarze Ritterburg dabei ist? Dann denkt Tom an Lea. Hat sie schon ihre Geschenke ausgepackt?
Endlich ist es soweit. Mama verteilt die Päckchen. Tom öffnet das Papier ganz langsam. Sein Herz klopft. Dann hält er den Karton mit der schwarzen Ritterburg zum Selbstbauen in den Händen. Schnell holt er das Telefon. Lea ist sofort am anderen Ende.
„Es hat geklappt!“, ruft sie.
„Ja, wir haben alles richtig gemacht“, freut sich Tom.
„Was meinst du, was es war? Die guten Taten oder das Artigsein ohne Spaß oder der Wunschzettel mit richtigen Buchstaben auf dem kostbaren Papier oder dass wir zusammen auf die Wichtel gewartet haben?“, fragt Lea.
„Ich weiß es nicht“, sagt Tom. „Aber eigentlich ist das ja auch egal.“
„Danke schön“, sagt Lea leise.
Tom weiß nicht, warum sich Lea bei ihm bedankt.
„Das musst du doch dem Weihnachtsmann sagen“, meint er.
„Wir könnten ihm schreiben. Auf dem kostbaren Papier mit dem Goldrand“, schlägt Lea vor.
Tom findet, das ist eine tolle Idee.
„Wollen wir morgen zusammen rodeln gehen“, fragt Lea.
„Super gern“, sagt Tom.
Vielleicht darf er ja mal auf Leas neuem super Rennschlitten fahren. Auch wenn der lila ist.
„Okay, Tschüß. Und schöne Weihnachten noch“, wünscht Lea.
„Dir auch“, sagt Tom.
Dann geht er zurück zu den anderen. Alle haben strahlende Gesichter und leuchtende Augen. Im Zimmer brennen viele Kerzen. Es duftet lecker aus der Küche. Aus den Lautsprechern klingen Weihnachtsleider. Tom summt leise mit. Er ist glücklich. Draußen vor dem Fenster fallen dicke Schneeflocken.


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