Mittwoch, 9. Juli 2014

Der Keller ist ein kalter Ort – Notunterkünfte für kleine Revoluzzer


Menschen saßen schon immer zusammen, am Feuer zum Beispiel oder beim Quilten. Die Alten erzählten und die Jungen hörten zu. So erfuhren sie die Geschichten und Legenden des Stammes oder der Familien.
Und lernten.


„Mama, erzähle uns von früher, als du klein und noch jung warst!“, wurde ich vom eigenen Offspring aufgefordert. Ich erzähle gerne und so waren wir oft zusammen – im Auto auf großer Fahrt zum Beispiel, beim Durch-die-Landschaft-Laufen oder Vor-dem-Zelt-Sitzen – und ich erzählte. Je älter die Kids wurden, desto älter wurde auch die Protagonistin (ich) meiner Geschichten.

Und so begannen die Fehler. In meinen Erinnerungen schwelgend, erzählte ich nämlich vor lauter Begeisterung hin und wieder zu viel. Und die Kinder lernten. Saßen da mit offenen Ohren, offenen Mündern und ich tauchte mit ihnen in jene verrückte Nacht ein, als ich, 14-jährig, gemeinsam mit einer Freundin heimlich eine wilde Party mit erstem Bier (schmeckte nicht) und richtigem DJ erlebte. Wir hatten Schlafsäcke dabei und die Option bei „dem süßen blonden Typen“ zu übernachten. Leider hatte dessen Mutter etwas dagegen. Darum standen wir plötzlich mutterseelenallein gegen zwei Uhr morgens zehn Kilometer vom Heimathafen entfernt im kalten Novembernieselregen. Wir hängten uns die Schlafsäcke über und liefen durch den finsteren Wald nach Hause. Da sie ja bei mir und ich bei ihr übernachtete, schlichen meine Freundin und ich uns in den Keller ihres Elternhauses. Nach unserem nächtlichen Marsch waren wir sehr sehr hungrig. Das Grillen zweier Wienerwürstchen in Aspik aus der Voratskammer auf einem alten Bügeleisen wollte nicht schmackhaft gelingen. Notgedrungen hebelten wir mit einem Stemmeisen eine Thunfischdose auf, verschlangen den öligen Inhalt und entsorgten die Dose hinter einem Haufen Bretter. Dann versuchten wir eng aneinander gegabelt in den Schlaf zu finden. Vier fischbegeisterte Katzen, die sich von einem meterhohen Bretterhaufen nicht entmutigen lassen wollten, und die deutlichen Minusgrade verhinderten das jedoch. Schließlich gaben wir auf, schlichen ins Bett der Freundin, wo wir nur wenige Stunden später entdeckt und bestraft wurden.

Vor etwa zwei Jahren brach das Töchterchen zu einem Übernachten bei einer Freundin auf. Am nächsten sehr frühen Morgen klingelte das Telefon. Die aufgeregte Mutter einer ganz anderen Freundin meiner Tochter war am anderen Ende.
„Weißt du, wo unsere Mädchen heute nacht geschlafen haben?“, fragte sie.
„Also, meine war bei einer Freundin.“
„Ha! Das stimmt nicht. Die waren bei euch im Keller!“

Der Tag wurde von vielen Tränen, Erklärungen und auch einem Entschuldigungsgang auf das nächste Polizeirevier bestimmt, wo sich die Mädels bei den beiden Beamten meldeten, die die ganze Nacht lang sämtliche Facebookfreunde im Umkreis von 30 Kilometern abgefahren waren. Ich war sehr froh, dass ich diese ganze Nacht seelenruhig geschlafen hatte und von all dem gar nichts wusste.

„Aber, Mama, das hast du doch damals auch gemacht“, raunte mir das Töchterchen zwischendurch zu.
„Na und, das ist kein Argument“, sagte ich und versuchte mich an einer gestrengen Miene.
„Ich kann sehen, dass du lachen musst“, erwiderte das freche Weiblein und grinste mich an.

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