Mittwoch, 21. Oktober 2015

Die Mutter-Kolumne: Das hast du supertoll gemacht! – Eltern als (kritik)unfähige Kuratoren

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wie so eigentlich?

Mir macht diese Kolumne riesigen Spaß und sie fällt mir auch nicht besonders schwer, denn ich kann einfach nur aus meinem Leben mit meinen Kindern erzählen. Irgendwie haben wir nämlich meistens alles etwas anders gemacht, als man es gemeinhin so macht.

Seit der Oktoberausgabe 2015 also in der eltern.family und immer um einen Monat versetzt auch hier. Viel Freude damit!


Das hast du supertoll gemacht –

Jahrelang bastelten und malten meine Kinder im Akkord. Die entstandenen Objekte und Bilder bekam ich geschenkt. Alle. Ich nannte sie Kunstwerke, stellte sie aus oder archivierte sie. Natürlich nicht ohne zuvor Jubelrufe ausstoßend drum herum getanzt zu sein. Wie großartig sie das gemacht hatten! Wie einmalig! Was für ganz und gar unglaubliche Künstler sie waren! Es galt doch, das Selbstbewusstsein der Kleinen zu stärken und sie zum kreativen Weitermachen zu animieren. Eine Erziehungsregel, die mir so selbstverständlich war, dass sie ausgesprochen beinahe zur Plattitüde geriet.
Regelmässig kaufte ich Rahmen und Mappen für die Gemälde und staubte vorsichtig die kleinen Knet- und Pappmachéhaufen ab, die überall im Wohnzimmer herumstanden. Tatsächlich gefielen mir die entstandenen Kunstwerke. Alle. Alle?
Zugegeben, hin und wieder schob ich eines der seltsameren Gebilde aus der vordersten Reihe hinter die Bücher. Das fiel den kleinen Argusaugen jedoch sofort auf. „Wo ist denn mein Nageligel (ersatzweise: mein Salzteighandy, meine Monstermaske)?“ Schuldbewusst murmelte ich etwas von „sauber gemacht“, „fotografiert“ oder „Omi und Opo gezeigt“ und rückte das entsprechende Artefakt an seinen angestammten Platz.
Irgendwann entdeckte ich einige Skizzen meiner Tochter – zusammengeknüllt und wegschmissen. Entsetzt kramte ich die Werke aus dem Mülleimer und glättete sie. Es waren Portraits verschiedener Filmstars. „Die sind doch total schön!“, rief ich.
„Mama, hör auf, im Müll zu wühlen. Ich finde sie nicht gut, okay?“, erwiderte die 12-Jährige.
Erschüttert schlich ich aus ihrem Zimmer. Und erst in dem Moment wurde mir bewusst, dass das breite Kinderstrahlen ob meiner Lobhuddelei irgendwann zu einem Mundwinkelzucken verkommen war.
Das Fass zum Überlaufen brachte ein aus Versehen erlauschter Satz, den mein damals 9-jähriger Sohn seinem Kumpel zuraunte. „Meine Mama hat nicht so einen guten Geschmack. Die findet alles toll, was ich gemacht habe. Sogar das Strumpfhosenwürmchen, das wir im Kindergarten basteln mussten.“ Giggelnd rannten die frechen Kerle davon.
Kurzentschlossen packte ich die von den Händen meiner Kinder produzierten Staubfänger in eine Kiste. Nur einige ganz besondere Stücke ließ ich stehen. Ich sah mich zufrieden um und atmete erleichtert auf.
„Hey, du hast ja mal aufgeräumt“, sagte das vorbeirauschende Töchterchen. „Sieht toll aus.“
Später zeigte sie mir eine nahezu perfekte Bleistiftskizze von Jack Sparrow.
„Super schön“, staunte ich.
„Ach, das sagst du doch immer. Du findest doch alles toll, weil du meine Mutter bist.“
„Nein, nein, wirklich, die ist super schön. Das fände ich auch, wenn wir nicht verwandt wären“, beteuerte ich.
Ihr Zucken im Mundwinkel wurde beinahe ein echtes Lächeln.
Mein Sohn hat außer im Kunstunterricht nie wieder einen Stift in die Hand genommen oder irgendetwas gebastelt. „So was interessiert mich einfach nicht“, erklärte er. „Aber gestern bin ich im Ranking drei Plätze aufgestiegen (Anmerkung: Das hat irgendwas mit Online-Computer-Spielen zu tun.) Doch das interessiert dich ja nicht.“
Darüber muss ich jetzt erst einmal nachdenken.

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