Mittwoch, 14. Januar 2015

Verlieben Sie sich mal wieder!


Letztens lag ein Artikel auf meinem Bildschirm, der mir erzählen wollte, warum ich mich mal wieder verlieben sollte.
Also echt! Wem muss man denn zehn Argumente aufführen, damit er mal wieder Lust darauf bekommt? Mir nicht. Darum las ich diesen Artikel auch nicht.

Ich finde einen hypernervösen Puls, einen zusammengeknoteten Magen und einen permanenten in Wellen an- und absteigenden Schwindel einfach wunderbar. Ich mag es, wenn nichts mehr funktioniert, weil mein Gehirn und die klugen Gedanken darin irgendwo sind nur nicht in meinem Kopf. Nie fühle ich mich lebendiger, nie schöner, nie wunderbarer. Das Leben scheint ein Klax und wild und aufregend. Und die Zukunft, ach, wer braucht denn so was in solchen Zeiten?

Ich wäre bereit, allein es fehlt der andere. Auch wenn ich das eigentlich nicht so richtig verstehe, hat das sicher seine Gründe. Einer könnte sein, dass ich nicht so gerne unter Leute gehe. Zumindest ergibt sich da nicht so oft die Gelegenheit. Manchmal bin ich müde, manchmal ist gar nichts los im Heimatstädtchen, manchmal regnet es, manchmal kommt ein netter Film im Fernsehen. Gehe ich doch einmal hinaus, dann meistens in Begleitung meines besten Freundes. Wäre dieser schwul, würden wir vielleicht gemeinsam nach Männern Ausschau halten. Da er das nicht ist, unterhalten wir uns und lachen zusammen. Wahrscheinlich wissen die meisten gar nicht, dass wir beste Freunde sind.

Der Alltag selbst bietet mir nicht ganz so viele Gelegenheiten eines fremden Mannes auch nur einmal ansichtig zu werden. Viele Paare sollen sich ja beruflich gefunden haben. Die Kinderbuchbranche ist allerdings fest in weiblicher Hand. Und hier in der Bude, mein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, hält sich auch niemand auf. Ich habe zur Sicherheit noch mal in alle Ecken geschaut, auch in die eher uneinsichtigen, da war aber keiner, der hier mal verloren ging. Manchmal klingelt der Postbote. Er ist sehr nett, ich möchte aber trotzdem nicht, dass er es zweimal täte. Alle anderen scheinen verheiratet. Ich finde das etwas seltsam, weil die Statistiken ja eigentlich anderes aussagen.

Irgendwo las ich dann doch einmal, dass die besten Orte des Kennenlernens das Fitnessstudio und der Supermarkt samstags gegen 16 Uhr seien. In einem Fitnessstudio halte ich mich eigentlich nie auf. (Der Satz stimmt auch ohne das eigentlich.) Einmal war ich zufällig samstags gegen 16 Uhr im Supermarkt. Nein, nein, nein, der Autor des Ratschlags kann nicht diesen gemeint haben. Außerdem gehe ich auch nicht gerne Einkaufen. Das Überangebot und das fahle Neonlicht verursachen mir Seh- und Balanceprobleme. Menschen, die mich im Supermarkt antreffen, vermittle ich wahrscheinlich das Gefühl schwer krank, psychisch labil oder doch wenigstens irgendwie wunderlich zu sein. Ich glaube nicht, dass ich mich in jemanden verlieben könnte, der so etwas attraktiv fände.
Manchmal versuche ich mich in einen Schauspieler zu verlieben, quasi um nicht aus der Übung zu kommen und ein bisschen aus Verzweiflung. Momentan habe ich ein Techtelmechtel mit Matthew Mcconaughey. Nun ja.

Ein anderer Artikel wollte mir gleich im Anschluss zehn Gründe nennen, warum es mit dem Verlieben gar nicht klappen kann. Nicht dass jemand bei der Lektüre des ersten Textes etwas übermütig geworden wäre. Beinahe hätte ich den gelesen. Dabei wäre das reine Zeitverschwendung gewesen.

Meinen Grund nannte ich bereits, und die anderen, die mir da eingeredet werden sollen, ahne ich. An vorderster Stelle: Sie sind zu anspruchsvoll! Ha! Ich frage mich ja schon hin und wieder, wer solche Artikel verfasst. Mir fallen da nur zwei Typen ein: entweder ein Mann mit schütterem Haar und gedrungener Statur oder eine vom Leben und der Liebe enttäuschte Frau, die sich nicht traut, daran etwas zu ändern, aber nicht müde wird, darüber zu meckern und hin und wieder resigniert zu seufzen.
Denn was hier als zu hoher Anspruch bezeichnet wird, nenne ich: Ich weiß jetzt endlich, was ich will! Und das möchte ich mir auch nicht nehmen lassen. Immerhin dauerte es verdammt lange, bis ich es wusste. Und diese Zeit des Lernens war nicht nur lange, sondern auch sehr schmerzvoll. Denn ich habe mir dieses Wissen nicht durch Beobachten und Nachdenken erarbeitet, sondern empirisch, mit Leib und Seele im Leben und Lieben, mit allem, was dazu gehört. Allerdings ohne Beobachten, Nachdenken oder vorherigem Prüfen. Es ist also ein mit Schmerzen geborenes Wissen, dem ich auf keinen Fall den Namen Hoher Anspruch geben werde. Schon gar nicht mit einem Zu davor.

Ich weiß, dass in solchen Artikeln auch dazu geraten wird, sich einmal selbst zu betrachten. Alles klar, das mache ich gerne. Ich mag eigentlich, was ich da im Spiegel sehe. Endlich, möchte ich sagen. Die Jahre des Zweifelns – erstaunlicherwiese waren das ja exakt die, in denen es überhaupt gar nichts zu Zweifeln gegeben hätte, wie ich heute auf Fotos erkennen muss – sind beinahe vorbei. Klar sehe ich, dass mein inneres Alter (25) und mein äußeres Erscheinungsbild (43) nicht mehr so richtig deckungsgleich sind. Das gefällt mir auch nicht. Aber ich erkenne noch ganz deutlich das Potential. Darum habe ich wieder mit dem Joggen angefangen, quäle mich tagsüber durch zwei Wasserflaschen hindurch, lege mich manchmal vor zehn zum Schlafe nieder – davon möchte ich aber vehement abraten, jeder weiß, dass so etwas völlig kontraproduktiv ist und allzu oft in mitternächtlichem Wehklagen und einer Flasche Verzweiflungswein in den frühen Morgenstunden endet – und denke an ganz viele positive Sachen. Matthew Mcconaughey zum Beispiel.

Nein, nein, nein – ich brauche keine Argumente für das Verlieben noch Fremdgründe, warum es nicht klappt. Aber vielleicht einen Fremden.

Keine Kommentare:

Kommentar posten