Mittwoch, 29. Oktober 2014

On Air – Frau Herden und ihre Stimme



Als ich das erste Mal meine eigene Stimme hörte, ging für mich die Sonne unter. Ich wusste längst, dass ich sehr laut sprach. Immer wieder war ich darüber ermahnt worden. Besonders von meinen Eltern. Am peinlichtsen war es jedoch, als ich einmal mit meiner Lieblingslehrerin in der dritten Klasse nach Hause lief, sie hatte einen ähnlichen Weg, und ich ihr ganz beseelt irgendetwas sehr Intimes erzählte. 
„Antje, ich laufe doch direkt neben dir. Die Leute in der Kaufhalle (ca 2 km weiter vor uns) wollen deine Geschichte sicher nicht hören.“ 
Einige Sekunden lang dachte ich, vor Scham für immer verstummen zu müssen.
Damals fand ich dann aber Trost darin, dass ich meine Stimme gar nicht misstönend sondern als ganz angenehm empfand. Doch dann hörte ich sie das erste Mal. Im Radio. Ich war zehn Jahre alt und wollte tatsächlich nie wieder sprechen.

Dabei hatte sich alles sehr aufregend angelassen. Das Radio wollte kommen und die Kinder der Verkehrs-AG der Nikolai Ostrowski Schule in Magdeburg interviewen. Wie ich eigentlich in die Verkehrs-AG gerutscht war, weiß ich nicht mehr. Obwohl, das stimmt nicht. Es war nämlich wie immer. Man musste sich irgendeine AG auswählen. Ich schwankte unentschlossen zwischen Irgendwas mit Malen oder Schulgarten hin und her, als ich zufällig erfuhr, dass der heimlich Angebetete zur Verkehrs-AG strebte. Ich war schon immer dieselbe und darum ratzfatz auch dabei.

Drei Kinder wurden ausgewählt fürs Radio sprechen zu dürfen. Darunter ich. Stolz wie Bolle kam ich an diesem Tag in die Schule, zappelte die Unterrichtsstunden weg und richtete immer wieder mein Pionierhütchen, das ich extra aufgestzt hatte. Es war immerhin ein denkwürdiger Tag im Sinne unseres Vaterlandes. So etwas beging man im weißen Hemd, blauem Rock, Halstuch und eben dem Hütchen. (Ganz ehrlich weiß ich gar nicht mehr, woher dieses Bild in mir aufsteigt, denn eigentlich besaß ich weder den blauen Rock noch das Hütchen. Egal. Es passt.)

Am Nachmittag scharrten wir uns dann im Schulhof um das puschlige Mikro und jeder von uns drein durfte sein Sprüchlein aufsagen. Ich erzählte etwas von der enorem Wichtigkeit der Verkehrs-AG, um kleinen Kindern und auch verdattelten alten Leuten im gefährlichen Straßenverkehr helfen zu können. Wie es meine Art ist, schummelte ich noch zwei drei Sätze mehr als abgemacht hinzu und schrie sie vor lauter Begeisterung den Radiomenschen um die Ohren. 
(In Erinnerung meiner selbst als Kind (unendlich lang, unendlich dünn, unendlich laut, ständig von allem begeistert und aufgeregt, aber unendlich schüchtern und unsagbar unsicher) möchte ich mich in einem fort selbst in den Arm nehmen und trösten.)

Einige Tage später umringten wir gemeinsam ein Radio und lauschten dem Beitrag. Ich wurde immer enttäuschter, mein Herz zog sich schließlich vor Traurigkeit zusammen. Die ganze Zeit redete da eine mit sehr lauter und irgendwie besserwisserischer Stimme und ließ den anderen gar keine Zeit, auch mal etwas zu sagen.
„Die haben meine Sätze rausgeschnitten“, flüsterte ich, den Tränen nahe. „Die fanden wohl nicht gut, was ich gesagt habe.“
„Spinnst du!“, riefen die anderen. „Du redest doch die ganze Zeit.“

Warum ich ausgerechnet heute über das Radio schreibe, hat eine Bewandnis: Nachher, um 12.05 Uhr gibt es auf hr2 Kultur die Sendung Doppelkopf. „Interessante Zeitgenossen - Menschen, die etwas zu sagen haben, unterhalten sich 50 Minuten lang mit einem Gastgeber über ihre Arbeit und ihr Leben”, heißt es da. Der interssante Zeitgenosse bin heute ich.

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