Dienstag, 13. September 2016

Die Mutter-Kolumne – Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Echt?

Kennt Ihr den Papalagi? Das bist Du, das seid Ihr und wir und ich betrachtet durch die erstaunten Augen eines fiktiven Südseehäuptlings. Alltäglichkeiten, die schon immer so waren, die man einfach so macht, die doch richtig sind, erscheinen in dessen Worten plötzlich gar nicht mehr so normal und logisch, allenfalls witzig oder absurd manchmal sogar falsch. So etwas mache ich jetzt auch. Jeden Monat in der eltern.family nehme ich mir eine Selbstverständlichkeit aus dem Leben mit Kindern vor und frage mich: Klar, alle machen das so, aber wieso eigentlich.



„Zuerst räumst du dein Zimmer auf, dann lese ich vor“, sagte ich. 
Das Söhnchen murrte. „Warum kannst du nicht erst was vorlesen und dann räume ich das blöde Zimmer auf?“
„Weil man erst arbeitet und sich dann dafür belohnt“, erklärte ich.
Stöhnend warf das Kind Legosteine in eine Kiste. Manche flogen vorbei. Ich tat so, als sähe ich das nicht.

Am nächsten Tag befanden wir uns in einer ganz ähnlichen Situation.
„Erst die Hausaufgaben, dann kannst du raus zum Spielen“, hörte ich mich sagen.
Der Sohn murrte.
„Das ist wie mit dem Nachtisch“, erklärte das Töchterchen mit wichtiger Stimme, „erst muss man die doofen Erbsen essen und dann gibt es zur Belohnung ein Eis.“
„Bäh, Erbsen“, stöhnte das Söhnchen und starrte wütend auf die Schulbücher.

In dem Moment begriff ich etwas. Himmel, wie konnte ich nur so dumm sein? Wie konnte ich meinen Kindern einreden, Hausaufgaben seien genauso doof wie die ungeliebten Erbsen und Zimmer aufräumen eine schreckliche Arbeit? Niemals würden sie gerne und mit Neugierde lernen, niemals Freude daran finden, etwas zu erledigen, was einfach erledigt werden musste. Mir musste ganz schnell etwas einfallen, um das wieder gerade zu biegen.

Ich holte einige Gummibärchen und legte sie neben die Schulbücher. „Die sollen dir die Arbeit versüßen“, sagte ich.
Skeptisch blickte das Söhnchen auf die Bären, steckte einen in den Mund und kaute ärgerlich darauf herum. „Die Hausaufgaben machen immer noch keinen Spaß“, knurrte er.
„Vielleicht wenn du drei Gummibärchen auf einmal ißt?“, schlug ich vor.
„Quatsch“, murrte mein Kind.
„Sei nicht so gemein“, sagte das Töchterchen zum kleinen Bruder. „Mama versucht nur, dass du die Arbeit nicht so schlimm findest.“
„Das hat Tom Sayer aber viel besser hingekriegt“, erklärte mein sechsjähriger Sproß.
„Ey, Moment mal“, mischte ich mich ein. 
Doch meine kleine Schar brach schon in Lachen aus. Immerhin.

„Wenn man immer erst die schönen Sachen macht, dann hat man keine Zeit mehr und noch weniger Lust auf die nicht so schönen“, erklärte ich nach dem Lachen. 
„Wie beim Pudding“, sagte das Töchterchen. „Wenn ich eine große Portion davon gegessen habe, ist für Gemüse kein Platz mehr in meinem Bauch.“
„Stimmt, und das ist sehr gefährlich, weil der Körper dann keine wichtigen Nährstoffe bekommt“, fügte ich hinzu.
„Aber manchmal kann man doch erst den Nachtisch essen, oder?“, fragte das Söhnchen.
„Manchmal geht das. Manchmal kann man auch erst ins Schwimmbad gehen und dann Hausaufgaben machen.“
„Super!“, freute er sich und rutschte vom Stuhl. 
„Schwimmbadtasche ist schon gepackt!“, rief das Töchterchen aus dem Flur.
Ich gab mich geschlagen. „Aber wenn wir nach Hause kommen, dann -“
„Klar, Mama, dann machen wir Hausis und räumen auf!“, riefen meine beiden von halber Treppe.


„Du erlaubst, dass die Kinder den Nachtisch vor dem Mittagessen essen?“, fragte am darauffolgenden Sonntag meine Mutter mit gerunzelter Stirn.
„Wir leben manchmal wild und gefährlich, stimmt´s Mama?“, krähte das Söhnchen.
Ich nickte.
„Und manchmal essen wir die Erbsen dann gar nicht mehr“, verriet das Töchterchen.

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